Kunsthandwerk, Grafik & Design

Die international renommierte Keramikerin Sonngard Marcks war zu Gast in der AdK-Galerie „Arts & Crafts Hamburg“.

Wer ihr mit Blumen, Blättern, Früchten, Insekten und Vögeln bemaltes Tafelgeschirr einmal gesehen hat, wird es überall wiedererkennen. Die Keramiken von Sonngard Marcks sind Ausnahmeerscheinungen in der Töpferwelt: Ein Füllhorn an Formen und Farben, ebenso virtuos wie verspielt, mitunter surreal und verrückt anmutend, dann wieder barock in ihrer Überladenheit.

 

Das betrifft jedoch nur die formale Seite der bezaubernden Fayencen. Inhaltlich zeugen die Werke von großer Liebe zur Natur, von ernsthaftem Studium der Botanik und nicht nachlassendem Engagement für Umweltschutz und Nachhaltigkeit: Viele der abgebildeten Pflanzen und Lebewesen sind vom Aussterben bedroht.

 

In Hamburg ist Sonngard Marcks seit Jahrzehnten gern gesehener Gast auf Messen und Ausstellungen. Bei der Jahresmesse im Museum für Kunst und Gewerbe am Steintorplatz stellte sie mehrfach aus, zuletzt war sie mit ihrer großen Solo-Schau „Hortus Pictus. Keramische Bildwelten und Zeichnungen“ in der Hamburger Galerie Hilde Leiss zu sehen. Daraus erwuchs der Wunsch im AdK-Vorstand, die Künstlerin und ihre Arbeitsweise persönlich kennenzulernen – am 3. Juli 2023 war es endlich soweit: Sonngard Marcks kam mit einem Koffer voller Pretiosen, Scherenschnitte voller Falter und zahlreichen Fotografien, um „Über die Dinge und über das Machen“ zu sprechen.

 

Um es gleich vorwegzunehmen: Es war ein rundum gelungener Abend. Die AdK Galerie „Arts & Crafts“ am Gustav-Mahler-Platz 1, (bei den Colonnaden), war rappelvoll, im Publikum naturgemäß viele Keramiker*innen der AdK Hamburg, die gespannt waren, was die Kollegin aus Braunschweig zu sagen hatte. Sie wurden nicht enttäuscht: Mit ihrer überaus liebenswerten, zugewandten Art schuf Sonngard Marcks auf Anhieb eine fast schon familiäre Atmosphäre, so dass das Publikum keine Scheu hatte, zwischendurch Fragen zu stellen und den Vortrag dadurch sehr lebendig zu gestalten.

 

Über sich und ihre Kunst zu sprechen, falle ihr nicht leicht, gestand die sympathische Künstlerin gleich zu Beginn. Deshalb erzählte sie zunächst über ihre Ausbildung in der ehemaligen DDR, die von ebenso hervorragenden wie strengen Lehrer*innen-Persönlichkeiten geprägt war.

 

Geboren in Lutherstadt Eisleben machte Sonngard Marcks nach dem Abitur zunächst eine Töpferlehre an der Hochschulwerkstatt in Bürgel/Thüringen. Das anschließende Studium absolvierte sie ab 1979 an der Burg Giebichenstein in Halle bei Heidi Manthey, Gertraud Möhwald und Lothar Sell. Insbesondere Heidi Manthey, die nach dem Zweiten Weltkrieg die künstlerische Fayencemalerei wiederbelebte und Gefäßformen aus der Renaissance und dem Barock in eine moderne Formensprache übertrug, prägte die Keramikkünstlerin: „Heidi Manthey war eine überaus strenge Lehrerin. Das verschreckte zwar viele Studentinnen, aber wer durchhielt, hat eine Menge gelernt“. Und das sei wichtig gewesen, „denn in der DDR musste man gut sein oder politisch, um etwas zu werden“. Sonngard Marcks war gut. Bester Beweis sind die vielen Auszeichnungen, die sie im Laufe der Jahre erhielt, u.a. den INAX Design Prize for Europeans (Tokio 1998), den Bayerischen Staatspreis (2008) und den Grassipreis der Carl und Anneliese Goerdeler-Stiftung (2017). Aber deswegen fiel ihr noch lange nicht alles in den Schoß. Um die „Tafel für Anna Amalia“ im Schloss Wolfenbüttel 2019 hätte sie regelrecht „gekämpft“. Niemand hatte sie damals eingeladen, sie hätte ihren ganzen Mut zusammengenommen und wäre in das Schlossmuseum spaziert, um ihre Arbeiten und das Konzept der Neuinterpretation vorgestellt. „Wie ich das geschafft habe, weiß ich auch nicht mehr“, sagt die Künstlerin und lacht. Sieht man die Fotos der damaligen Ausstellung, ist das keine Frage. Ihre zarten, verspielten Fayencen gehen einen wunderbaren Dialog mit dem Interieur des Schlossmuseums ein.

 

Sonngard Marcks Teller1

Sonngard Marcks: Vögel mit Fantasiefrucht

 

Doch wie kam sie zu ihren Naturstücken? Zu Beginn ihrer Laufbahn hatte Sonngard Marcks, wie man anhand der herumgegebenen Kataloge erkennen konnte, eine eher konstruktive Formensprache und bevorzugte geometrische Muster. Ihr Blick auf die Welt und die Kunst hätte sich nach der Wende verändert, erklärte die Künstlerin. Insbesondere nach der Geburt ihres Sohnes Anfang der 1990er Jahre sei die Natur in all ihrem Reichtum in den Fokus gerückt, die kleinen, feinen, fragilen Dinge des Lebens. Bei Spaziergängen entdeckte Sonngard Marcks die faszinierende Artenvielfalt von Insekten und Wildkräutern, von Grillen, Käfern, Schmetterlingen und Bienen – kurz von allem, was so kreucht und fleucht am Wegesrand. Eine Flora und Fauna, die heute durch landwirtschaftliche Monokulturen und den Einsatz von Pestiziden immer stärker bedroht wird.

 

Mit ihren Arbeiten, die Titel tragen wie „Waldboden“ oder „Wiese mit Bläuling“ hat es sich die Künstlerin zur Mission gemacht auf den (noch) vorhandenen Reichtum der Natur und ihre Gefährdung aufmerksam zu machen. Gleichzeitig entwickelte sie einen immer stärkeren Objektcharakter, der einherging mit der Entdeckung des Imperfekten.

 

Sonngard Marcks Teller2

Sonngard Marcks: Wiesenblumen

 

Keramik muss nicht unbedingt makellos sein, findet Sonngard Marcks. Ein im Brand verzogenes Stück oder kleine „Macken“ können dem Werk einen ganz besonderen Charme verleihen, zumal, wenn sie sorgsam und liebevoll bemalt sind. Zum Beleg ihrer Auffassung zeigte Sonngard Marcks Bilder ihres eindrucksvollen Kunstprojekts „Bleibt anders“ zum 275. Jubiläum der Porzellanmanufaktur Fürstenberg 2022. Während eines zweimonatigen Arbeitsaufenthalts im Porzellanmuseum schuf Sonngard Marcks coram publico eine opulente Tafel-Installation, die nicht nur die künstlerische Entwicklung der Tafelkultur vom 18. Jahrhundert bis heute reflektierte, sondern auch mit „kaputten“ Objekten überraschte. „Diese Stücke habe ich im Museums-Depot entdeckt, in dem ich mich nach Herzenslust bedienen konnte“, erzählte sie voller Begeisterung. „Ich habe mich wie in n einer Schatzkiste gefühlt!“ Und die kaputten Teile waren die spannendsten, „denn jedes Teil hat eine Geschichte und ist ein Unikat. In ihnen steckt das Potenzial der künstlerischen Freiheit“.


Art & Crafts Hamburg

Gustav-Mahler-Platz1
20354 Hamburg
Öffnungszeiten: Di.-Sa. 11-18 Uhr. So. + Mo. geschlossen.

Weitere Informationen (Homepage Künstlerin)

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