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Meinung

KlassikKompass: Die Welt der Bach-Cantatas – Rogate

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Sonntag, den 25. Mai 2014 um 10:45 Uhr
KlassikKompass: Die Welt der Bach-Cantatas – Rogate 4.5 out of 5 based on 112 votes.
KlassikKompass - Rogate

Es ist so eine Sache mit dem Beten und dem letzten Sonntag vor Christi Himmelfahrt – ,Rogate’.
‚Not lehrt Beten’ sagt das Sprichwort und mancher weiß in letzter Sekunde ‚Da hilft nur noch Beten’. Warum fällt es so schwer, dieses Zwiegespräch mit Gott oder mit Christus? Er will uns beten lehren an der Schwelle seiner Himmelfahrt, daher heißt der Sonntag ‚Rogate’ auch nach der Lateinische Sequenz ‘Vocem jucunditatis annuntiate, et audiatur!’ Das heißt übersetzt etwa: "Verkündet es jauchzend, damit man es hört! Jauchzend beten damit man es hört!"

Das Hören und das Gewähren scheint eingeschlossen, wenn die Bach-Cantata und das Evangelium des Sonntages den Bass die ‚Vox Christi’ sagen lässt:
„Wahrlich, wahrlich ich sage euch BWV 86
So ihr den Vater etwas bitten werdet in meinem Namen,
so wird er's euch geben...“

Aber auch die Aufforderung und die (leise) Kritik:
„Bisher habt ihr nichts gebeten in meinem Namen.
Bittet, so werdet ihr nehmen, daß eure Freude vollkommen sei“.

Warum haben wir alle solche Schwierigkeiten zu Beten. ‚Not lehrt Beten’ – aber ansonsten? Ich denke an eine Cantata die Bach zum Epiphaniasfest, das am 6. Januar Weihnachten folgt, geschrieben hat – zum Fest der ‚Erscheinung Christi’. Sie ist dem Besuch der drei Weisen aus dem Morgenland gewidmet: BWV 65 ‚Sie werden aus Saba alle kommen’.
In dieser Kantate spricht der Tenor in einem Rezitativ und einer folgenden tänzerischen Arie, von skandierenden jubelnden Hörnern und Oboen begleitet, von den Geschenken, die man dem Neugeborenen Christuskind geben sollte.
Rezitativ:
„Verschmähe nicht,
Du, meiner Seele Licht,
Mein Herz, das ich in Demut zu dir bringe;

Es schließt ja solche Dinge
In sich zugleich mit ein,
Die deines Geistes Früchte sein.

Des Glaubens Gold,
Der Weihrauch des Gebets,
Die Myrrhen der Geduld sind meine Gaben,

Die sollst du, Jesu, für und für
Zum Eigentum und zum Geschenke haben.

Gib aber dich auch selber mir,
So machst du mich zum Reichsten auf der Erden

Denn, hab ich dich, so muss
Des größten Reichtums Überfluss
Mir dermal einst im Himmel werden.“

Arie:
„Nimm mich dir zu eigen hin,
Nimm mein Herze zum Geschenke.
Alles, alles, was ich bin,
Was ich rede, tu’ und denke,
Soll, mein Heiland, nur allein
Dir zum Dienst gewidmet sein“.

Vielleicht ist das alles was nötig ist, mit dem ‚Beten’. Vielleicht geht es in diesem Zweigespräch Gott mit Seele gar nicht darum zu ‚bitten’, sondern zu schenken. Sich gegenseitig ein Geschenk des Vertrauens zu machen – ‚des Glaubens Gold, der Weihrauch des Gebets, die Myrrhen der Geduld’ und dann:
„Nimm mich dir zu eigen hin,
Nimm mein Herze zum Geschenk“.

Vielleicht ist dies das ganze Geheimnis des ‚Betens’ – Nimm mich Dir zu eigen hin. Hör mir bitte zu.


Bach Cantata BWV 86 ‚Wahrlich, wahrlich ich sage euch’
Uraufführung 14. Mai 1724 in Leipzig, Text: Unbekannter Dichter
Choral ,Kommt her zu mir spricht Gottes Sohn’ Georg Gruenwald 1530
Evangelisches Gesangbuch Ntr. 363
Choral ,Es ist das Heil uns kommen her’ Paul Speratus 1523
Evangelisches Gesangbuch Nr. 342

Auch die Cantata zum Sonntag Rogate beginnt, wie die zum Sonntag Cantate zuvor, mit einer Bass Arie begleitet von den Streichern und Oboe die Christi Ankündigung zum Inhalt hat – die Gebete werden erhört, wenn man nur bitten lernt:
„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch,
So ihr den Vater etwas bitten werdet
In meinem Namen,
So wird er’s euch geben“.

Ein besonderer erster Höhepunkt dieser Cantata ist die folgende Alt Arie mit einer glissierenden Violine – einer der wohl schwersten Parts für den Soloinstrumentalisten – die Bach einsetzt um ein Dornengestrüpp zu charakterisieren.
Die Seele sucht nach Rosen – ‚Trost und Hilfe’ – in diesen Dornen. Dornen die wirklich musikalisch ‚stechen’ und immer undurchdringlicher scheinen. Auch Erinnerung an die Dornenkrone Christi, die am Ostermorgen blutrot erblühte:
„Ich will doch wohl Rosen brechen,
Wenn mich gleich die Dornen stechen.
Denn ich bin der Zuversicht,
Dass mein Bitten und mein Flehen
Gott gewiss zu Herzen gehen,
Weil es mir sein Wort verspricht.“

Eine Choralbearbeitung des Kirchenliedes ,Kommt her zu mir spricht Gottes Sohn’ von Georg Gruenwald entstanden um 1530 für Sopran und einem dreistimmigen freudigen Instrumentalsatz mit zwei Oben und Basso Continuo schließt sich an – was Gott versprochen hat gilt:
„Und was der ewig gültig Gott
In seinem Wort versprochen hat,
Geschworn bei seinem Namen,
Das hält und gibt er gwiß fürwahr.
Der helf uns zu der Engel Schar
Durch Jesum Christum, Amen.“

Ein kurzes Rezitativ des Tenor vergleicht Gottes Treue ‚Denn was er zusagt, muss geschehen’ mit der Untreue der Welt – ‚Die viel verspricht und wenig hält.’
Dabei wird die Kunst Bachs selbst in dieser einfachen Kurzform des Rezitativs mit Basso Continuo offensichtlich – das Wort ‚wenig’ wird so moduliert das wirklich wenig davon übrig bleibt und schließlich wird die ‚Lust und Freude’ aufgebaut, die zur Arie hinleitet die, meiner Ansicht nach, wiederum zu einer der schönsten Bachs zählt.
Rezitativ:
„Gott macht es nicht gleichwie die Welt,
Die viel verspricht und wenig hält;
Denn was er zusagt, muss geschehen,
Dass man daran kann seine Lust und Freude sehen.“

‚Gott hilft gewiss’ – das ist ein fröhlicher Tanz – die Gebete werden erhört. Auch wenn nicht alles gleich klappt – ‚Gott hilft gewiss’. Ein schöneres Lied des Dankes für die Hoffnung wie dieses, ist wohl selten geschrieben worden – gewiss!
Aria:
„Gott hilft gewiss;
Wird gleich die Hilfe aufgeschoben,
Wird sie doch drum nicht aufgehoben.
Denn Gottes Wort bezeiget dies:
Gott hilft gewiss!“

Der Dank setzt sich fort im folgenden Schluss-Choral der Cantata den Paul Speratus 1523 schrieb ,Es ist das Heil uns kommen her’ – die ‚Hoffnung wart’ zur rechten Zeit’:
„Die Hoffnung wart' der rechten Zeit,
Was Gottes Wort zusaget,
Wenn das geschehen soll zur Freud,
Setzt Gott kein g'wisse Tage.
Er weiß wohl, wenn's am besten ist,
Und braucht an uns kein arge List;
Des soll’n wir ihm vertrauen.“

Ich empfehle hier erneut die Aufnahme von Sigiswald Kuijken, dem es erneut gelingt, mit kleinem Ensemble eine große Wirkung, eine begeisternde Cantata zum Sonntag des Bittens ‚Rogate’ aufzuführen. Die Details der CD findet man oben.

Die 40 Tage seit Ostern sind fast vorüber und Christus kehrt vor dem nächsten Sonntag ‚Exaudi’ zurück zu seinem Vater – die Himmelfahrt ist nahe. Am 29. Mai beschäftigen wir uns mit ihr.

Ihr Herby Neubacher


Abbildungsnachweis:
Header: Orante-Figur aus der frühchristlichen Zeit, Gebetshaltung, Rom
Galerie:
01. Albrecht Dürer: Betende Hände um 1508. Albertina, Wien
02. Heller-Altar (Rekonstruktion) Albrecht Dürer, Matthias Grünewald, Jobst Harrich, 1507–11 (Dürer und Grünewald) Tempera auf Tannenholz (Dürer und Grünewald) / Tempera auf Lindenholz (Harrich), 190x260 cm etwa 1614-17 (Harrich). Historisches Museum Frankfurt, Städel, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

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