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Meinung

Zum Verschwinden von Ai Weiwei

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Freitag, den 15. April 2011 um 15:23 Uhr
Zum Verschwinden von Ai Weiwei 4.8 out of 5 based on 180 votes.
Zum Verschwinden von Ai Weiwei

„Too big to die“ heißt es in Finanzkreisen oft, wenn ein Weltkonzern oder eine Großbank Gefahr laufen, Pleite zu machen und von der Bildfläche zu verschwinden: Zu groß, um zu sterben.
Unwillkürlich kam mir dieser Satz in den Sinn, als Ai Weiwei vor zwei Wochen verschwand. Man hatte vorher ja die leise Hoffnung, dass es bei ihm, dem international geehrten Popstar der Gegenwartskunst und unerschrockenen Regimekritiker tatsächlich so wäre: Dass dieser bedeutende Künstler, der zur documenta 12 eintausend und einen Chinesen nach Kassel holte und dabei nicht Müde wurde, Verstöße gegen Menschenrechte, wirtschaftliche Ausbeutung, Umweltverschmutzung, Behörden-Schlamperei und -Korruption in seiner Heimat zu kritisieren, nicht einfach ausgeschaltet werden kann.

Dass der weltweite Ruhm, seine Genialität, sein Kultstatus im eigenen Land, letztlich doch als eine Art Schutzschild wirkt. Zu groß, um mundtot gemacht zu werden? Pustekuchen! Peking hat demonstriert, wie naiv diese Hoffnung war. Im Land der aufgehenden Sonne gilt das Individuum nichts, das System alles. Wer stört, wird ausgeschaltet. Warnungen hatte Ai Weiwei zuvor ja genug erhalten. In den vergangenen Wochen und Monaten nahmen die Repressalien seitens der Behörden und der Polizei kontinuierlich zu. Vor dem Atelier waren Überwachungskameras postiert, auch Internet-Aktivitäten wurden permanent kontrolliert. Bereits 2009 wurde der Künstler bei einem Polizeieinsatz so heftig zusammengeschlagen, dass er eine Gehirnblutung erlitt, die dann in München operiert werden musste. Ai Weiwei war sich der Gefahr durchaus bewusst, er plante bereits den Umzug nach Berlin, wo er schon ein Studio gekauft hatte. Doch dazu wollte es das Regime nicht kommen lassen. Am 3. April wurde der Künstler auf dem Flughafen Peking festgenommen. Seitdem ist sein Handy abgeschaltet, der Kontakt zur Außenwelt komplett abgebrochen. Wo er ist, wie es ihm geht? Man weiß es nicht. Man weiß nur, dass sein Atelier zertrümmert und weitere acht Mitarbeiter festgenommen wurden. Vier Tage später beschuldigten die Behörden Ai Weiwei wegen angeblicher „Wirtschaftsdelikte“. Was dann folgte, nennt sich nach einer uralten chinesischen Kriegstaktik „Der Weg des Ochsen“: Konsequentes Schweigen, internationale Kritik aussitzen und immer schön lächeln. Auch in Hamburg wird das derzeit erfolgreich praktiziert. Bei der Eröffnung der Ausstellung „Der Lotusweiher“ gerade im Hamburger Kunsthaus fragte ein aufgebrachter Besucher die chinesische Generalkonsulin, „was passiert jetzt in China?“ Ihre Antwort: „ Was passiert? Nichts passiert. Chinesische Künstler genießen die große Freiheit“.

In einem hat Chen Hongmei recht: Nichts passiert gegenwärtig. Nichts, mit Ausnahme ein paar hilfloser Protestnoten seitens westlicher Regierungschefs und aufgebrachter Kulturschaffenden. Es wird auch nichts passieren, wenn der Druck auf China nicht massiv zunimmt und wenn es medial so läuft, wie es mit allen Katastrophen, Kriegen und menschlichen Tragödien bisher gelaufen ist: Am Anfang überschlagen sich Fernsehen, Rundfunk und Tageszeitungen noch mit Meldungen. Am zweiten und am dritten Tag wird noch mal nachgelegt. Und dann? Dann kommen neue Nachrichten und die Medien gehen wieder zur Tagesordnung über. Mit dem Literaten und Nobelpreisträger Liu Xiabo (elf Jahre Haft), war das so, mit dem iranischen Regisseur und Menschenrechtler Jafar Panahi (sechs Jahre Haft), mit dem burmesischen Schauspieler und Regimekritiker Zarganar (35 Jahre Haft), ganz zu schweigen von den unzähligen wenig bekannten Dissidenten in aller Welt, die täglich von der Bildfläche verschwinden und den Zeitungen kaum eine Notiz wert sind.
Ai Weiwei hat als einzige Waffe seine enorme Popularität. Wenn die Medien ihn fallen lassen, ist er gestorben. So oder so. Damit das nicht geschieht, dürfen wir Journalisten nicht Müde werden zu berichten. Für Ai Weiwei und all die anderen mutigen Menschenrechtler auf dieser Welt ist es die einzige Chance.

Ihre Isabelle Hofmann


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avatar chris
+4
 
 
liebe Isabelle,
hier ist ein komischer Bezug "Im Land der aufgehenden Sonne" - das ist Japan, Ai Weiwei verschwand in CHINA.
um Ai Weiwei muss man sich ernsthaft Sorgen machen, ich möchte fragen, gibt es kein Lebenszeichen von ihm?
LG
Chris
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avatar Isabelle Hofmann
+5
 
 
Lieber Chris,
Danke, für deinen Hinweis: Das Land der aufgehenden Sonne ist nicht nur Japan, sondern wird in der Literatur auch für China verwendet. Bekannter und eindeutiger wäre sicherlich die Umschreibung "Land der Mitte" gewesen.
In der Tat, man muss sich um Ai Weiwei Sorgen machen. Kein Lebenszeichen bis dato.
Beste Grüße, Isabelle Hofmann
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avatar beowulf
+5
 
 
Land der aufgehenden Sonne ist eindeutig Japan. 日本 (Riben chinesisch) oder Nippon auf japanisch. In der "Literatur" wird bezüglich China und Asien viel Schrott und Blödsinn geschrieben - ein niedriges Niveau und Ignoranz darf bitte keine Rechtfertigung sein.

Zum Artikel - richtig erkannt, Ai WeiWei & Liu Xiaobo sind rein westliche Kunstfigur und leben im westlichen öffentlichen Bewusstsein nur solange, wie sie von den westlichen Medien inszeniert werden. Da die KP die westlichen Medien - und vor allem deren schnell abklingende Sensationslust - kennt, sitzt sie es einfach aus. Mit der internen Entwicklung in China hat das ganze wenig bis gar nichts zu tun, eher mit dem Spannungsgeladenen Verhältnis China und der Westen.
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avatar Renate Huber
+9
 
 
Solange unsere Politiker mehr an wirtschaftlichen Intressen mit China interessiert sind als an den Menschen wird sich leider nichts ändern. Habe heute Morgen in den Nachrichten gehört, dass allein Mercedes 86 %, dass muss man sich mal vor Augen halten, den Umsatz im 1. Quartal in China gesteigert hat. Lieber lassen die die Menschenrechte den Bach runter gehen, als auf ihre dicken Boni bzw. Renditen zu verzichten.
"Eine Kerze für Weiwei" verbunden mit der Hoffnung, dass es ihm einigermaßen gut geht.
Liebe Grüße
Renate Huber
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avatar chris
+5
 
 
liebe Isabelle,
... das ist schlimm, kann man denn gar nichts tun, um zu helfen? (2007 wohnte ich in kassel nur 5 min zu fuß zum template, ich war oft dort.)
LG
Chris
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avatar Tatjana M.
+12
 
 
Eigentlich sollte man den Mut eines solchen Künstlers zig-fach belohnen und zu ihm stehen, ihn unterstützen. Die meisten gehen doch einfach aus ihrem Land um dann auf die Missstände zu zeigen. Wenn überhaupt Künstler sich noch dazu auserkoren fühlen politische Missstände zu thematisieren. Das braucht Mut und eine Menge Cleverness um nicht zu verkopft und gewollt daherzukommen. Es ist eine Gratwanderung. Ach, wo bleiben seine weltberühmten und einflussREICHEN 'Kollegen' - wenn nicht Künstler Systeme hinterfragen und 'es' anders machen wollen - wer dann? Wenn wir Kunstschaffenden für nichts mehr relevantes einstehen wenn sie doch mal ne wirkliche Herausforderung bietet - 'unser' grosser, Kämpfer, unser Mutiger wurde gerade desswegen weil er Mut und Grösse hat hinzusehen und nicht wegzusehen, abzuhauen - bestraft. Zigfach und ist jetzt in GEfahr.
Mir steht die Sinnfrage der Kunst auf dem Spiel, zusätzlich, zu diesem politisch ernstzunehmendem Problem das WIR haben. Mit Mubarak haben wir auch zu lang Eierkuchen, selbst mit Saddam ne Zeit lang ... der chinesischen STaatsführung wird nicht aus blauem Himmel eine Einsicht erwachsen zur Weiterentwicklung. Wir wissen wie es geht - beharrlichst dranbleiben. So öffnet man anderen die Augen... die keine Veränderung wollen.
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avatar mika koenig
+9
 
 
Es sollte gelingen , eine wirklich große bewegung auf einer facebook plattform zustande zu bringen .
jemand müßte das initiieren. das sollte bald passieren , das interesse der meisten menschen ist ein schmetterling.
die gefahr ist sehr groß, daß alle die vielen proteste, wenn sie sich nicht bündeln , im sand verlaufen.
Ai We Wei ist nur einer von vielen , aber er hätte die poularität und das charisma , zu einer Ikone der dissidenten zu werden . das muß man nutzen , auch weil es endlich eine chance ist, auf die realität hinter der glitzernden wirtschaftlichen erfolgsstory chinas hinzuweisen und , obwohl ich nur sehr wenig hoffnung habe , aber vielleicht geling ja das unmögliche : das system zu einer kurskorrektur zu zwingen .
wir sind viele !
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avatar tatjana Marusic
+9
 
 
toll, mika könig, solche gedanken treiben mich seit tagen schon herum und es brennt unter den fingernägeln wie eigentlich selten vorher, da ich keine distanzen überbrücken muss um der sache 'nah' zu sein. weiwei ist in unsere schule zum master-talk eingeladen, vor kurzem gabs ne öffentl. besprechung mit unserem direktor kunstmuseum luzern, unserer direktorin, dem leiter kunst&design, dem galeristen urs meile welcher seit ewig mit sigg künstler aus china vertritt/verdealt. aber auch ohne diese direkte aueianndersetzung - ich möcht was tun und weiss nicht wo ansetzen, wie an die leute, andere künstler und kulturschaffende aber auch vor allem weitere drankommen. wie ne prlattform schaffen? tummle mich zu wenig auf fb als dass ich dieses instrument beherrsch. aber ich schicke leuten links dazu, die petition hab ich einige mal von beginn an veröffentlicht, weitergeschickt. was tun? dein beitrag macht mut. wohin damit?
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avatar David
+8
 
 
Und weil man ja bekanntlich in China einfallsreich ist, hat man nun auch noch eine zweite Anklage gegen Ai Weiwei hinterhergeschoben: Bigamie...
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avatar Anton
+1
 
 
Ai Weiwei aus Haft entlassen! Spiegel Online meldet - das er ein Geständnis abgelegt haben soll und gegen Kaution frei ist!
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