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Meinung

70 Jahre Frankfurter Buchmesse – ein Erlebnisbericht

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Montag, den 22. Oktober 2018 um 07:23 Uhr
70 Jahre Frankfurter Buchmesse – ein Erlebnisbericht 4.4 out of 5 based on 78 votes.
70 Jahre Frankfurter Buchmesse ein Erlebnisbericht

Bücherfreunde „On The Same Page“
In diesem Jahr feiern die Vereinten Nationen den 70. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Die Frankfurter Buchmesse und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, nahmen dies als Anlass, gemeinsam mit ARTE, ZDF und Spiegel die Kampagne „On The Same Page“ 2018 ins Leben zu rufen. Unterstützt wurde diese Aktion von den Vereinten Nationen und Amnesty International wird. Am Buchmessesamstag unterstrichen Großdemonstrationen in Berlin, Frankfurt und anderen Städten diesen wichtigen Ruf in alle Welt. Von Weckruf wage ich nicht zu sprechen, wohl aber davon, dass Leser sich ebenfalls „On The Same Page“ befinden, zumindest in weitläufigem Sinn. Das Gefühl der Gemeinsamkeit begleitete mich während meiner drei Besuchstage auf der Frankfurter Buchmesse. Wenn Sie mögen, folgen Sie mir auf meinem persönlichen Rundgang auf dem Fest der Bücher, Leser und Macher.

Frankfurter Buchmesse – Tag 1
Noch ein paar allgemeine Informationen vorab, bevor wir – Sie und ich – übers Messegelände bummeln, in Büchern blättern und Gesprächen lauschen: Am 17. September 1949 eröffnete die erste Frankfurter Buchmesse in der notdürftig wiederhergestellten Paulskirche ihre Pforten. Damals beteiligten sich 205 deutsche Verlage. Heute sind es insgesamt 7100 Verlage aus hundert Ländern, wobei der internationale Anteil bei 66 Prozent liegt. Sagenhafte 4000 Veranstaltungen vielfältigster Art wurden vom 10. bis 14. Oktober 2018 in den Messehallen, auf dem Messegelände und im Stadtgebiet Frankfurt geboten. Sie sehen: Es ist schier unmöglich, alles wahrzunehmen, was heutzutage auf der Frankfurter Buchmesse geboten wird. Eine persönliche Führung ist daher ein gutes Angebot. Beginnen wir unseren Rundgang in Georgien, dem Gastland 2018.

Seit 2010 hat Georgien, dieses Land am Rande des Kaukasus, auf seinen Auftritt bei der Frankfurter Buchmesse hingearbeitet. Rund 6 Millionen Euro hat Georgien in diese Kulturoffensive investiert. „Georgia – Made by Characters“ nennt sich dieser Gastlandauftritt, eine Anspielung auf die 33 kunstvoll geschwungenen Buchstaben des georgischen Alphabets, das so einzigartig ist, dass es 2016 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde. Fast 150 Übersetzungen ins Deutsche sind rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse erschienen, gefördert von der Republik Georgien.

Der Autorin Nino Haratischwili ist es zu verdanken, dass Georgien schon lange vor Beginn der Messe Thema in Deutschland war. Ihr deutschsprachiger Roman „Das achte Leben – Für Brilka“ ist nicht nur ein großer Bucherfolg, sondern auch als Theaterstück. Das Stück dauert fünf Stunden und langweilt keine Minute. Zu erleben war und ist dies beispielsweise am Thalia Theater in Hamburg. Natürlich war die Autorin auch auf der Frankfurter Buchmesse ein willkommener Gast. Dies, obwohl Literaturkritiker Scheck kaum ein gutes Haar an ihrem neuen Roman „Die Katze und der General“ lässt. Auch auf der Buchmesse ließ Scheck keine Gelegenheit aus, dies zu verkünden. Leser tun sicher gut daran, sich selbst einen Eindruck zu verschaffen.

Das Gastland Georgien also. Betreten wir den Gastland-Pavillon, der als Pavillon nicht zu erkennen ist, sondern eine Halle ist. Das macht aber nichts. Weil hier alles so liebevoll arrangiert, erarbeitet und ausgefeilt wurde. Diese Vorarbeit ist auch für das Publikum spürbar, diese Liebe zum Detail. Im Mittelpunkt der Präsentation stehen die 33 „characters“ des georgischen Alphabets mit den Geschichten, die dahinterstehen. Wir betreten den Raum und was sehen wir: schön geschwungene, sicher in liebevoller Handarbeit erstellte Buchstaben. Wie Wippen, wie Schaukeln, wie ein Labyrinth empfangen uns diese Buchstaben. Man möchte hineinkriechen. Doch das ist leider nicht erlaubt.

Also schlendern wir durch das Buchstabenfeld, durch das Labyrinth und lesen Buchstabengeschichten. Zum Beispiel die vom heiligen Nino. Diese Geschichte soll der eindrucksvollste Fall einer langen Reise in der Geschichte Georgiens sein, wie es in dem von George Bokhua designten und von Nutsa Avaliani illustrierten Heft „Entdecke Georgien durch sein Alphabet“ heißt, das zum Mitnehmen für Jedermann ausliegt und daheim an die gelungene Präsentation dieses Landes erinnert. Die Geschichte geht so: Ein Mädchen wandert im 4. Jahrhundert n. Chr. allein von Kappadokien nach Mzcheta, um die Lehren Christi zu predigen. Sie vollbrachte so viele Wunder, dass die Bevölkerung vom Christentum überzeugt werden kann und konvertiert. „Das war der erste Schritt zum kulturellen Wandel des gesamten Landes“, lesen wir in der Broschüre.

Lust auf Georgien machen auch die vielen Bücher, die wir entweder im Original oder/und in deutscher Übersetzung in der Ausstellung „Books on Georgia“ bewundern konnten. Oder der „Hub of Reflections“, der auf kunstvolle Art und Weise im Stil eines alten georgischen Veranstaltungssaals gestaltet wurde. Wir sehen hier Fotos der georgischen Hauptstadt Tiflis aus 70 Jahren, aufgenommen von verschiedenen Fotografen. Im „Hub of Symbols“ können wir Besucher uns Postkarten mit georgischen Buchstaben drucken lassen. Und im „Hub of Emotions“ lauschen wir der georgischen Sprache als atmosphärische Melodie und in Videoinstallationen entdecken wir, wie sich Menschen fühlen.

„A Book Is A Film Is A Game“: Am frühen Abend geht es zur Verleihung der „Frankfurter Buchmesse Film Awards“. Diesen Filmpreis gibt es seit 2004. Zum ersten Mal wird er heute direkt auf dem Messegelände vergeben. Ein wenig wuselig geht es hier noch zu. Frühes Kommen sichert hier nicht die besten Plätze, sondern leichtes Chaos. Absperrungsbänder sperren zunächst auch jene aus, die eigentlich innerhalb der Absperrung Platz nehmen sollen. Journalisten müssen sowieso außerhalb bleiben. Ein Aufpasser passt zwar auf. Aber wirklich kontrolliert wird das alles nicht. Denn nicht jeder, der kommt, ist derart bekannt, dass man ihm Knall auf Fall ansieht, wer er ist. Allmählich lichtet sich das Chaos. Der eigentliche Akt der Preisverleihung kann beginnen. Die nominierten Filme werden in Auszügen auf einer mittelgroßen Leinwand präsentiert. Viel sehen können wir Journalisten außerhalb der Absperrung leider nicht. Zumal ein sehr gut ausgestatteter Fotograf – offensichtlich ein Profi - mit allem blitzt, was er bei sich hat. Und wenn das für kurze Zeit nicht der Fall ist, schwenkt er seine Ausrüstungsgegenstände so durch die Gegend, dass wir anderen, die sich außerhalb der Absperrung befinden, achtgeben müssen, nicht verletzt zu werden.

Nun aber: der feierliche Akt der Preisverleihung. „Ein Film hat eine Geschichte, erzählt eine Geschichte. Deshalb gehört diese Preisverleihung auf die Messe“, sagt Jürgen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse. Zur besten internationalen literarischen filmischen Adaption kürte die Jury den Film „Intrigo – Death of an Author“ nach den Romanen von Håkan Nesser (Regie: Daniel Alfredson). Den Preis für die beste internationale literarische Adaption für Kinder und Jugendliche gewann der niederländische Film „Romy’s Salon“ (Regie: Mischa Kamp). Und als bestes illustriertes Buch, das filmisch umgesetzt wurde, ernannte die Jury „Cinemaps: An Atlas of 35 Great Movies“ (Quirk Books). in dieser Kategorie gab es zwei Zweitplatzierte: „Marilyn Monroe 50 sessions“ (Knesebeck Verlag) und „Frankenstein – The First Two Hundred Years“ (Reel Art Press). Die gerade erst auf Netfilx angelaufene Zeichentrick-Serie „Hilda“ erhielt eine "Besondere Erwähnung". Alle Preisträger wurden mit viel Applaus bedacht. Für das anwesende Publikum und alle Ehrengäste, unter ihnen Autor Håkan Nesser und Benno Fürmann, gab es abschließend Schnittchen, Sekt und Wein.

Frankfurter Buchmesse – Tag 2
Wer sitzt denn da? Das ist doch… Ja, genau der: Jonas Jonasson, dieser vor gar nicht allzu langer Zeit noch unbekannte Schwede, der zu raschem Ruhm gelangte, als 2011 im neugegründeten Verlag carl`s book sein Roman „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ erschien. Niemand ahnte damals, was für ein Riesenerfolg dieses Buch weltweit werden würde. 48 Wochen stand der Roman auf Platz 1 der Spiegel-Bestenliste. 4,4 Millionenmal wurde er allein im deutschsprachigen Raum verkauft. Eigentlich hat der Autor keine Fortsetzung geplant. Sein nächstes Buch sollte zwar die Geschichte der letzten hundert Jahre erzählen – aber ohne den Hundertjährigen. Jonas Jonasson hat es wirklich versucht, hat einen neuen Helden erfunden, Martin hieß er. Aber Martin habe ihn überhaupt nicht inspiriert, erfahren wir vom Autor im Gespräch mit Dennis Scheck auf der ARD Bühne.

Martin hat Jonas selbst dann nicht inspiriert, wenn sich seinen Lieblingspier auf Gotland in aller Einsamkeit aufsuchte. Eines stillen Tages schlich sich Allan Karlsson an Jonas Jonasson heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Sofort eilte Jonas nach Hause, schrieb all das auf, was Allan ihm erzählt hatte – und der Hundertjährige war wieder da. Er kehrte zurück, um die Welt zu retten. Kaum zurück, gerät der rüstige Alte in „Der Hundertjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten“ in eine heikle politische Mission, die ihn von Nordkorea über New York bis in den Kongo führt. Er trifft auf unsere Kanzlerin, auf den US-Präsidenten. Wie die Geschichte weitergeht und wie sie endet, darauf dürfen wir gespannt sein und uns freuen.

Und noch ein berühmter Autor wird im Vorübergehen gesichtet. Und weil wir ihn gesichtet haben, nehmen wir Platz am Stand der Süddeutschen Zeitung. Hier sitzt Paul Maar, der Erfinder vom Sams, das am Samstag zurückkam und anderen phantastisch guten Figuren. Mit Moderatorin Roswitha Budeus-Budde - was für ein phantastischer Name – spricht Paul Maar zunächst über sein neues Kinderbuch „Snuffi Hartenstein und sein ziemlich dicker Freund“. Wie lange mag er an dem Buch wohl gearbeitet haben? Das fragt sich das Publikum, das fragt die Moderatorin. „Ja, ein Jahr ist es schon gewesen, so alles in allem“, überlegt der Autor.
Außerdem ist gerade der neunte Sams-Band erschienen, rechtzeitig zur Buchmesse, rechtzeitig vor dem Weihnachtsfest. Vier Jahre hat Paul Maar an dem Buch gearbeitet, das da heißt „ Das Sams feiert Weihnachten“. Da werden die Kinderaugen sicher besonders hell leuchten am Weihnachtsabend…

Wieder einmal nehmen wir Platz. Diesmal vor der ARD Bühne. Wieder einmal lauschen wir einem Gespräch, das Moderator Dennis Scheck leitet. Neben ihm nimmt die Erfolgsautorin Dörte Hansen Platz. Eine angenehme Erscheinung, hübsch und in sich ruhend, so scheint es jedenfalls zu sein. Dörte Hansen ist so unaufgeregt wie die plattdeutsche Sprache, scheint so ehrlich zu sein wie das flache Land, aus dem sie stammt. Diese sympathische, trotz ihres riesigen Erfolgs so natürlich gebliebene Autorin, deren Debütroman „Altes Land“ 2015 zum „Lieblingsbuch der unabhängigen Verlage“ gekürt wurde. Kein Wunder also, dass Dörte Hansen auf dem Messegelände ein überall gern gesehener Gast ist. Ob auf der Spiegel-Bühne, der ARD-Bühne, auf dem Blauen Sofa von ZDF und 3Sat, beim Zeit-Stand, beim Brigitte-Talk und dem Stand von Deutschlandfunk Kultur.

Pünktlich zur Buchmesse ist ihr zweites Buch namens „Mittagsstunde“ (Pinguin Verlag) erschienen. Schon jetzt ist das Buch ein Bestseller und auch als Hörbuch zu haben (Random House Audio), eingelesen von Hannelore Hoger. Von Verlust und Abschied, vom Verschwinden einer bäuerlichen Welt erzählt die Erfolgsautorin gewohnt warmherzig und liebenswert in ihrem neuen Roman „Mittagsstunde“. Die Mähdrescher und die Hallen werden immer größer, die Ackerflächen kleiner. So könnte man die Misere auf den Punkt bringen, um die es hier geht, die die Menschen umtreibt, die noch in der alten Welt leben, deren bäuerliches Dorf jedoch unterzugehen droht. Auch die Plätze, an denen sich Marret Feddersen, die schrullige Alte aus dem neuen Roman, so gerne versteckt, werden immer kleiner und verschwinden letztlich ganz. Keine Fluchtmöglichkeit mehr vor der neuen Welt, könnte man meinen.

Landlust ist es nicht gerade, was die Bauern in Nordfriesland oder anderswo den ganzen langen Tag erleben. Die Arbeit ist hart, der Ertrag gering, die Leute sind verschlossen. Seit der Flurbereinigung ist die Gegend auch nicht mehr schön, Windräder lärmen, und die Bienen sterben sowieso. Bleiben also nur der Alkohol und die Fortpflanzung – die manchmal in eine unheilige Verbindung treten. So ist es auch in Brinkebüll, und doch ist plötzlich alles anders: Denn Ingwer Feddersen kommt zurück…

Dörte Hansen wollte das alte Dorf beschreiben, genauso, wie sie es erlebt hat. Sie wollte kein romantisch verklärtes Bild abliefern, sondern die Realität abbilden. „Das Dorf ist heute nur noch ein Tropf der Großstadt“, so die Autorin. In ihrem Roman ist das nicht so. Hier wird die Mittagsstunde im Dorf noch zelebriert. In dieser Zeit kommt das Dorf zur Ruhe. „Das ist die Stunde, in der jeder Dinge tun kann, bei denen er nicht gestört werden möchte“, erklärt Dörte Hansen. Da kann es schon mal sein, dass der Bücherbus als Ruhestörung empfunden wird, wenn sein Kommen mit Geklingel angekündigt wird.

Natürlich plaudern Dennis Scheck und Dörte Hansen nicht nur über das Buch und somit über das vom Verschwinden bedrohte dörfliche Leben. Es gibt außerdem noch eine Kurzlesung der Autorin. „Der erste Sommer ohne Störche war ein Zeichen, und als im Herbst die Stichlinge mit weißen Bäuchen in der Mergelkuhle trieben, war auch das ein Zeichen. "De Welt geiht ünner", sagte Marret Feddersen und sah die Zeichen überall“, heißt es an einer Stelle es Buches. Plattdeutsch sei eine Sprache, die nicht mehr sein will, als sie ist, befand Dennis Scheck im Gespräch mit der Autorin. Diese Sprache sei so „unaufgeregt und direkt“. Ob Plattdeutsch vielleicht auch deshalb besonders gut geeignet sei, Kitsch, Klieschee und Pathos zu vermeiden, fragt der Moderator. Dörte Hansen bestätigt diese Annahme. Deshalb sprechen die Personen in ihren Romanen auch häufig Plattdeutsch. Literaturkritiker Dennis Scheck lobt das neue Buch in höchsten Tönen: „Es ist ein sensationeller Roman. Ein Buch voller Wehmut, schmucklos schön, das überraschend und klug in die Zukunft weist. Ein literarisches Ereignis!“

Frankfurter Buchmesse – Tag 3
Wer ist Täter, wer ist Opfer? Das ist die große Frage in Julie Zehs neuem Roman „Neujahr“. Eine Frage, die die Leser offensichtlich interessiert. Diesen Schluss erlauben die vielen Menschen, die vor der Bühne sitzen oder stehen. Klar, es ist Samstag. Buchmesse-Hochzeit. Geöffnet für Jedermann. Doch der Andrang hat noch andere Gründe: Julie Zeh muss nicht mehr vorgestellt werden. Julie Zeh kennt man. Und man hört ihr gerne zu. Warum? Weil sie viel zu sagen hat.

Beherzt und behost nahm die zierliche Frau, die so gar nicht zart wirkt, sondern eher wie eine, die weiß, was sie will und wie das zu erreichen ist, mit Moderator Ruthard Stäblein auf der ARD-Bühne Platz. Zu ihren Füßen viel Publikum, Männer und Frauen. Die einen haben es geschafft, sich einen der weichen Würfelhocker zu ergattern. Die anderen leider nicht. Dennoch entspannt, aber auch gespannt, erwarten wir Zuhörer, gleich mehr von der Autorin und deren Buch „Neujahr“ zu erfahren. In diesem Roman gibt es einen Helden, der keiner ist. Denn Protagonist Henning ist kein Tätertyp, wie die Autorin den Zuhörern erklärt, sondern „ein moderner Mann, der beides in sich vereint, Täter und Opfer ist“.

Worum geht es in dem Buch? Inhaltlich um Folgendes, erfahren wir: Henning und seine Familie befinden sich auf Lanzarote. Es ist Neujahrsmorgen: Henning sitzt auf dem Fahrrad und will den Steilaufstieg nach Femés bezwingen. Seine Ausrüstung ist miserabel, das Rad zu schwer, Proviant ist nicht vorhanden. Während er gegen Wind und Steigung kämpft, lässt er seine Lebenssituation Revue passieren. Eigentlich ist alles in bester Ordnung. Er hat zwei gesunde Kinder und einen passablen Job. Mit seiner Frau Theresa praktiziert er ein modernes, aufgeklärtes Familienmodell, bei dem sich die Eheleute in gleichem Maße um die Familie kümmern. Aber Henning geht es schlecht. Er lebt in einem Zustand permanenter Überforderung. Familienernährer, Ehemann, Vater – in keiner Rolle findet er sich wirklich wieder. Seit Geburt der Tochter leidet er unter Angstzuständen und Panikattacken. Als Henning endlich erschöpft den Pass erreicht, trifft ihn eine schlagartige Erkenntnis: Er war als Kind schon einmal hier. Damals hatte sich etwas Schreckliches zugetragen, das er verdrängt und weggesperrt hat in den Tiefen seines Wesens. Jetzt aber stürzen die Erinnerungen auf ihn ein, und er begreift: Was seinerzeit geschah, verfolgt ihn bis heute.

Bis zu diesem Zeitpunkt glaubte Henning an Optimierung. Zumal er selbst ein Optimierer ist. Er kann nicht aufhören, sich selbst zu beobachten und zu bewerten. Nichts ist ihm gut genug. Nichts ist so richtig, wie es sein könnte. Dieser ständige Optimierungskampf ist zum Scheitern verurteilt. Henning gerät an einen Scheidepunkt. Er muss sich entscheiden. Diese Entscheidung fällt auf dem Gipfel des Berges. Er hat Angst. Angst zu fallen. „Wir fühlen uns tief drinnen immer in der Gefahr zu fallen, egal wie gut wir jeden Tag sind.“ Das liege am Imperativ unserer Zeit, der da laute, „du musst glücklich sein“. Das kann nicht gut gehen. Das kann nur scheitern. Insofern ist dieses Buch eine Aufforderung an uns alle, auch Melancholie und Traurigkeit zuzulassen. Auch das gehöre zum Leben, „wenn man ein ganzer Mensch sein möchte“, sagt Julie Zeh zu Moderator Ruthard Stäblein. Auch Krisen, wie Henning sie im Buch erlebt, gehören dazu. „Eine Krise ist keine unabänderliche Fahrt in den Abgrund, sondern eine Chance auf Veränderung.“ Vorausgesetzt, wir glauben an die Freiheit der Entscheidung. Julie Zeh tut das. Sie hat einen „tiefen Glauben daran, dass wir die Freiheit haben, wir selbst zu sein“.

Nächster Gast auf der ARD-Bühne ist Frank Schätzing, der mit seinem Wissenschaftsthriller „Der Schwarm“ weltweit Millionen Leser begeisterte. Auch sein neuer Roman über Chancen und Gefahren künstlicher Intelligenz eroberte gleich nach Erscheinen im April 2018 die Bestsellerlisten. Ein Roman, der Thriller- und Science-Fiction-Elemente vereint. Ein über 700 Seiten starkes Werk über die Möglichkeiten, Gefahren und Risiken künstlicher Intelligenz. Mit Moderator Dennis Scheck spricht Frank Schätzing nun über seinen aktuellen Roman „Die Tyrannei des Schmetterlings“ (Kiepenheuer & Wisch). Für Literaturkritiker Scheck liegt das Bedeutungsvollste dieses neuen Schätzing-Roman in Folgendem: „Dieses Buch ist in der Lage, beim Leser überhaupt das Bewusstsein für eine Künstliche Intelligenz zu wecken.“

Wohl weil wir gerade bei der ARD zu Gast sind, Schätzing, Scheck und Co. – also wir, die Zuhörerschar, wird mal eben der „Tatort“ ins Gespräch gebracht. Erhebungen hätten ergeben, so Schätzing, „wenn da nach zehn Minuten keine Leiche auftaucht, dann schalten die Leute ab“. Die Menschen seien halt ziemlich blutrünstig, schmunzelt er und das Publikum schmunzelt mit. Das Chaos beginne beim „Tatort“ immer am Anfang, am Ende müsse wieder alles geordnet sein. Beim Thriller sei das genau umgekehrt, „in die Ordnung bricht das Chaos ein“.

Frank Schätzing scheint sich wohlzufühlen in der Masse, die nach diesem Gespräch wahrscheinlich hochmotiviert ist, das Buch zu lesen. Würde er gerne unsterblich sein, fragt Dennis Scheck den Autor. Der überlegt kurz und schüttelt den Kopf. „Unsterbliche wären die ängstlichsten Menschen auf diesem Planeten. Sie würden wahrscheinlich gar nicht mehr das Haus verlassen.“ Es könnte ja sonst passieren, dass sie vor der eigenen Haustür von einem selbstfahrenden Auto erfasst werden und tödlich verunglück – und dann sind sie doch tot. Obwohl sie unsterblich sind. Nein, unsterblich möchte Schätzing lieber nicht sein, aber hundert Jahre länger leben, das schon. Auch, um noch ganz viele Science-Fiction-Romane schreiben zu können. Das Publikum applaudiert kräftig. Schätzing und Scheck sind tolle Entertainer. Sie unterhalten ihr Publikum bestens.

Wir gehen weiter. Wir treffen Karen Duve, die mit „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ (Galiani Berlin) wieder einmal völlig neues Terrain betritt. Diesmal beschäftigt sie sich auf fast 600 Seiten mit dem Leben einer Künstlerin, die uns allen wohlbekannt ist. Wenn auch nicht so genau, wie das nach der Lektüre dieses Buches der Fall sein wird. Von Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848)haben wir alle schon einmal gehört, zumindest in der Schulzeit. Vielleicht hat es danach aufgehört. Vielleicht musste erst eine Schriftstellerin wie Karen Duve kommen, um uns einen neuen, anderen Blick auf die Dichterin zu ermöglichen. Einen Blick auf diese Frau, die auch Komponistin war, vielleicht auch Malerin hätte werden können oder irgendetwas anderes Künstlerisches.

Moderiert von Cécile Schortmann, gab Karen Duve im Gespräch Einblicke in den Werdegang des Romans, der eigentlich eine Novelle ist, „aber diesen Begriff kennt ja heute kaum noch jemand“, lacht Autorin Duve. Ihre Neugierde auf Annette von Droste-Hülshoff entstand, als sie erfuhr, dass dieses „verstaubte Fräulein“ zwei Liebhaber hatte. „Das passt doch gar nicht zusammen“, wunderte sich die Duve und forschte nach. Aus Neugierde, intensiver Recherche und eigener Phantasie – die sich im Buch aber lediglich auf die Beziehungen zwischen der Droste und deren zwei Liebhabern auswirkt – ist dieses Buch entstanden, das tatsächlich einen neuen Blick auf die Droste ermöglicht. Aus der ursprünglich angedachten Liebesgeschichte ist ein historischer Roman geworden, ein Sittengemälde der damaligen Zeit.

Unsere Zeit ist abgelaufen. Die Buchmesse 2018 ist vorbei. Wir haben dort viel erlebt. Wir haben viel gehört, angelesen, hineingeschnuppert in dies und das. In die georgische Küche beispielsweise. Wir haben Köchen in der Gourmet Gallery beim Kochen zugeschaut und Konditoren beim Backen. Wir haben Weine verkostet und Brotaufstriche probiert. Wir haben manchmal die Bücher verlassen und auf dem Innenhof der Messe die Sonne genossen. Dort haben wir über die besten Comics 2018 geschmunzelt oder laut gelacht. Und wir haben hunderte Harry Potter-Fans gesehen. Sie alle kamen, um den australischen Weltrekord von 997 Harry Potters zu knacken. Pech gehabt: 100 fehlten am Ende. Und dann waren da noch die ganzen Comic-Typen, die ihre Helden imitierten.

Erstaunlich, was die Frankfurter Buchmesse außer Büchern so alles zu bieten hat. Wir haben nur einen kleinen Teil davon kosten können. Vieles haben wir aus Zeitgründen auslassen müssen. Bedauerlich, aber nicht zu ändern. Wir werden wiederkommen und wir werden wieder staunen über die Vielfalt. Das gilt nicht nur für den Büchermarkt, wie gerade bewiesen wurde.

Frankfurter Buchmesse 2018

Weitere Informationen


Abbildungsnachweis:
Alle Fotos: Marion Hinz
Header: Präsentation des Gastlandes Georgien (Detail)
Szenen von der Buchmesse: Film-Awards, TV-Interviews, Gesprächsrunden, Gäste

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