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Meinung

Gregor Gysis „Erkenntnisse“



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Montag, den 11. Januar 2016 um 11:07 Uhr
Gregor Gysis „Erkenntnisse“

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Gysi Worte

Wenn die Neugier nicht wäre – schon wieder Gregor Gysi. Er sei ironisch, gewitzt, kokett und gescheit. So charakterisieren ihn die Herausgeber Harnisch und Miemiec in ihrem soeben veröffentlichten Büchlein „Worte des Vorsitzenden Gregor Gysi.“ Die Rezension zu dem Buch „Ausstieg links?“ ist kaum veröffentlicht, da schneit also ein weiteres – diesmal vom Eulenspiegel Verlag auf meinen Schreibtisch: Es ist ein rotes Minibuch, angelehnt an die Minilektüre „Worte des Vorsitzenden Mao Tse-Tung“. Man nannte es auch die „Mao-Bibel“. Ob dieser Vergleich bewusst gewählt wurde?



Das tut gut, so eine handliche Handreiche für Zitatensammler und schnell lesende S-Bahn-Leser. Ein Griff in die Jackentasche – und schon wirst du aus dem Alltag in die hohe Politik eingeführt, nimmt man an. Vorausgesetzt, du kennst dich schon ein wenig aus im Dickicht der Gregorschen Wortwitze. Da geht es munter zu. Mit den hier versammelten Worten aus Reden, Interviews, Dokumenten und Talkrunden wirst du mit einem Mann konfrontiert, der ein reines Vergnügen daran hat, zu polemisieren. Oft verbunden mit einem verschmitzten Lächeln. Mal was ganz Persönliches, Privates, mal Neckisches, mal Angreifendes, mal andere Politiker Charakterisierendes, mal nur Spaßiges, mal Orientierendes, mal weniger Konstruktives oder Zweifelhaftes. Für jedermann etwas? Amüsanteres als in anderen Bibeln? 


Worte des Vorsitzenden GysiIm Vorwort kündigen die beiden Herausgeber und einstigen DDR-Bürger an, der Werdegang und die Aussagen des Gregor Gysi mögen die „Massen ergreifen“. Denn schließlich sei das Buch aus einem Scherz heraus entstanden und werde nun zur „materiellen Gewalt“. Und tatsächlich. Ergriffen ist so mancher bei der Verkündung, Die Linke sei eine pluralistische Partei und jeder dürfe, wie er wolle und je nach Belieben seine Meinung sagen. Eine Einheitstheorie gebe es nicht mehr. Gregor Gysi macht es vor. Pickt man sich aus seinen Zitaten die Rosinen heraus, dann triffst du als gewiefter Politikkenner auf so manche bekannte Aussagen. Denen bist du bereit, auf dem holprigen Weg in eine Zukunft ohne weiteres zu folgen. Wer wollte zum Beispiel bestreiten, dass der Wert jedes Einzelnen und seine freie Entwicklung seinen Wert habe. Oder dass das Ende der Geschichte noch nicht erreicht ist. Dass es um eine bessere Welt gehe. Dass der Krieg nach 1989 nach Europa zurückgekehrt ist. Dass es keine Versöhnung mit dem Kapitalismus gebe. Dass man sozialistische Politik neu durchdenken müsse. Dass er persönlich stolz sei auf solche Köpfe wie Karl Marx, August Bebel, Wilhelm und Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Clara Zetkin – „fantastische Namen der Geschichte der Linken und Deutschlands“. (Seite 136) Herzlich zustimmen möge man dem Autor auch für die Aussage, er sei Sozialist, weil „der Kapitalismus Kriege verursacht, von Kriegen lebt, und schon so lange so viel an Kriegen verdient wird“. Als historische Leistungen des Sozialismus bezeichnet Gregor Gysi die „Abschaffung des Kolonialsystems, die Niederschlagung des deutschen Faschismus“ und eine in der Geschichte einmalige Reduzierung sozialer Unterschiede.

Hallo! Stutzt da nicht mancher Leser? Woher kam die „Reduzierung“? War das nur so ein Einfall einer endlich nichtkapitalistischen Regierung in der DDR? Hatte sie nur den Antifaschismus im Auge? Oder hatte sie nicht grundlegend aufgeräumt mit einer Macht, die den Völkern erneut haarscharf weltweit zu schaffen macht? Daran sei doch zuerst zu erinnern. Gysi räumt auf Seite 144 ehrlicherweise ein, „vieles an diesem Gesellschaftssystem ist noch unzureichend aufgeklärt...“. Desto mehr verwundern Begrifflichkeiten des Gregor Gysi, die die DDR-Geschichte auf Kürzel reduzieren und den gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang subjektivistisch verschleiern sollen: Staatssozialismus, Politik der Repressalien, Kommunismus sowjetischer Prägung, administrativ-zentralistischer Sozialismus. 

Keine Frage: So werden härteste Klassenkampfbedingungen, unter denen der Aufbau einer Alternative zum kapitalistischen Nachkriegsdeutschland mühevoll herzustellen war, einfach negiert, unter den Tisch gefegt. 

Weder im Buch „Aufstieg links?“ noch in dieser kleinen roten „Bibel“ fragt der Zitatengeber nach dem Grundlegenden, der Überwindung der Macht des Kapitals in der DDR von Anbeginn. Wie auch, wenn die Linke ökonomische Gesetzmäßigkeiten durch Reformen zur friedlichen Überwindung des Kapitalismus außer Kraft setzen will und mit der Illusion einer Ideologie der Transformation versucht, „eine Mehrheit der Menschen in unserem Land von unserem Weg zu überzeugen“. Da knüpft man „anpassungsfähigerweise“ nicht an die größte historische Errungenschaft der DDR an. 

Und wovon sollen „die Massen“ denn überzeugt werden? Wohin soll die Reise gehen? Dazu noch ohne wissenschaftlich begründete Theorie? Ohne Kompass? Was „die Massen“ wollen, ist doch schon heute sonnenklar: Kriege lehnen sie ab. Und eine andere Wirtschaftsordnung können sie sich – laut Umfragen – ebenso vorstellen. Muss man da auf die Zustimmung derjenigen warten, die im globalen Maßstab nur an Profit interessiert sind, die an Kriegen verdienen, wie Gregor Gysi feststellt? Im Gegenteil: Die husten dir eins. Mit illusionären frommen Wünschen ist also kein ewiger Frieden herzustellen. 

Alles im Allen: Das rote Minibuch spielt dem Neoliberalismus, der Ideologie des Kapitals, in die Hände. Die Zitatensammlung nährt - trotz geäußerter wünschenswerter humaner Ziele - die Illusionen einer friedlichen Wandelbarkeit des Kapitalismus. Transformation des Sozialismus in die verkommene und krisenhafte alte Gesellschaftsordnung – diese stark rosarot eingefärbte Wunschvorstellung spricht jeglichen wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Entwicklungsgesetze der menschlichen Gesellschaft Hohn. Ein Verwirrspiel für jedermann? Ganz im Sinne des Pluralismus? Jeder hat seine Sicht, aber nicht jeder sieht etwas? (Polnischer Aphorismus) Ist das rote Eulenspiegelbüchlein nun doch nur eine Bibel für Gläubige und wenig Wissende? Oder mehr ein Scherz der Herausgeber, wie im Vorwort angekündigt? Ein Buch nur der Witzigkeit und der Polemik wegen, das letztendlich in die nicht aufklärerische Sackgasse führt? Bleiben somit kluge Erkenntnisse im Ungefähren stecken, versinken sie nicht im mentalen und Gleichgültigkeit erzeugenden Sumpf pluralistisch gewollter Beliebigkeiten? 

Der Rezensent hält sich da besser an Patrik Köbele, Vorsitzender der DKP. Der schreibt in der jungen Welt vom 02. Oktober 2015 unter der Überschrift „Besser als der beste Kapitalismus“ u.a.: „Mangelhafte Analyse ist auch mit Blick auf das kapitalistische Deutschland in seiner politischen Form der bürgerlichen Demokratie festzustellen. Da wird nicht mehr nach seinem Wesen als Herrschaft des Kapitals bzw. des Monopolkapitals gefragt, und über die Fragen der Macht zu reden, gilt als unfein. Das entwaffnet die Linkskräfte, lässt sie durch ihre bloße Parlamentsfixierung verkümmern.“


Danke den Herausgebern für erneute Offenbarungen: 

Hanno Harnisch, geb. 1952, studierte Philosophie in Rostow am Don und in Berlin; arbeitete als Journalist (DT 64 und Neues Deutschland) und als Pressesprecher der PDS, aktuell bei der Linksfraktion im Bundestag; lebt in der Prignitz. 

Olaf Miemiec, geb. 1968, studierte Philosophie und Logik in Leipzig und promovierte dort; arbeitet für die Linksfraktion im Bundestag und lebt in Berlin.



Hanno Harnisch und Olaf Miemiec (Hrsg.): „Worte des Vorsitzenden Gregor Gysi“
Eulenspiegel-Verlag, 160 Seiten, 7,5 x 10,5 cm, broschiert, sofort lieferbar, ISBN 978-3-359-02490-3, Preis: 10,00 €




Hinweis: Die Inhalte der Kolumne geben die Meinung der jeweiligen Autoren wieder. Diese muss nicht im Einklang mit der Meinung der Redaktion stehen. Erstveröffentlichung dieser Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung.


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