Neue Kommentare

Klaus Schenkelberg zu Nachruf auf Kammersänger Theo Adam: Ich bin der uneheliche Sohn von Theo Adam, geb. 1...
Peter Schmidt zu Verleihung der Goldenen Kamera – mit Bruno Ganz und ohne Friede Springer: Und heute trifft mich die Nachricht vom Tod diese...
Stephan Thieken zu Symposium in Weimar: „Wie stabil ist unsere liberale Grundordnung? Internationale Perspektiven zur Zukunft demokratischer Verfassungen“: Dieses Symposium war das furchtbarste welches ic...
Hermann Funk zu Goethe-Institut begrüßt neues „Zentrum für digitale Lexikographie der deutschen Sprache“: Mehr Geld und Infrastruktur für die digitale Lex...
dominique zu Ennio Morricone: Farewell-Tour 2019: hallo, frau reichhardt.
vielen herzlichen d...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2015


Theater - Tanz

Der Kontrabass

Drucken
(217 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Montag, den 08. Oktober 2012 um 12:04 Uhr
Der Kontrabass 4.8 out of 5 based on 217 votes.
Der Kontrabass - Stephan Schad, Henning Kiehn

Er ist kein bloßes konzertantes Instrument, das steht fest.
In Patrick Süskinds Novelle „Der Kontrabass“, seinem einzigen Theaterstück, aber auf deutschen Bühnen meistgespielt, wechseln tragisch-komische und tiefsinnig-heitere Momente im Minutentakt. Auf dem Spielfeld des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg eröffnete das Stück ganz neue Horizonte.

Max Claessen lieferte ein Regie-Meisterstück ab, dass durch das Spiel von Stephan Schad, Solofigur und Kontrabassist, und der die und seine Welt erklärt, zu einem grandiosen Premierenabend wurde.
Henning Kiehn am Bass, als Alterego und einfühlsamer Musiker an einem Instrument, das niemals solo sein möchte und auch im Duett Komposition sucht. Seine Stimme ist wunderbar und sein Spiel erdig, sein Gestus zurückhaltend. Er kennt die Begrenzungen seines Kontrabasses. Das Outfit, weiße Hose mit Glitzerfigürchen ging schon in den 80er-Jahren haarscharf vorbei.

Der Mann ist 49 Jahre alt, etwas spießig, Beamter, Mitarbeiter in einem Unternehmen namens Staatsorchester, Kontrabassist am dritten Pult. Er liebt Bach und hasst Wagner, unterschlägt hier und da im Spiel gerne Noten, teilweise viele Noten, am liebsten bei Gastdirigenten und erklärt die Welt der Musik, die ohne den Kontrabass sich nicht drehen würde. Er oszilliert in Monologen zwischen Liebe und Hass zu seinem Instrument und der Orchesterwelt. Er stillt seinen Feuchtigkeitsverlust mit Bier und hat sich verliebt – in die Sopranistin, nein, Mezzosopranistin Sarah, 23, doch sie geht nicht mit ihm aus zum Fischessen, sondern mit jemand anderen. Schuld für das Scheitern – wie könnte es anders sein – ist der Kontrabass.

Stephan Schad ist die Rolle wie auf den Leib geschnitten und er hat sich über ein Jahr darauf vorbereitet. Das merkt man vom ersten Augenblick an. Er fliegt über den Text, der längst keiner mehr ist, sondern Erklärung, Lamento, Lehre und Witz. Die Präzision in der Einfühlsamkeit, im Humor, in den Zäsuren, Brüchen und Stimmungsschwankungen und dem feinen Rhythmus, verrät ein sensationelles Timing. Die Worte sitzen, die Sprache besticht, die Geschwindigkeit glaubwürdig, die Stimmlage gewechselt, der Schrei durchdringt. Kafkaeske Augenblicke werfen den Musiker auf sich selbst zurück. Der Bass ist kein Instrument, er ist Welt und Leben, Partner und Voyeur, Last und gnadenlos gut, weil er alle anderen an die Wand spielen kann.
Seine Wohnung scheint in ihrer musikalischen Schallisolation ebenso neurotisch wie der Protagonist, der sich in ihr aufhält. Das Instrument ist selbst im Ruhezustand Bedrohung und reisen mit ihm macht auch keinen Spaß. Das Ding macht ihn fertig, da hilft auch keine Arroganz oder Überheblichkeit.
Der innige Augenblick als Schad mit angedeuteter Falsettstimme Dorabellas Arienschmerz aus Mozarts ‚Così fan tutte’ singt, kennt nicht nur plötzlich Obertöne, sondern gebärdet sich als Erkenntnis- und Wendepunkt.
Schließlich kommt er auf den Trichter: Es geht letztlich um Freiheit, sich lösen, der orchestralen Masse entgleiten zu können. Ferne Sehnsucht, unerreichbar für einen beamteten Nörgler. Stephan Schad steht am Ende im braunen Frack da, fein gekleidet und gut duftend – zumindest unter einer Achsel – und kämpft mit dem Innenleben eines einsamen Menschen.

Geist und Witz ist eine unschlagbar gute und überzeugende Kombination.



"Mitschnitt 1 vom 03.10.12" (Das bin ich) 3:15min


"Mitschnitt 2 vom 03.10.12" (Plumpes Instrument) 4:23min


"Mitschnitt 3 vom 03.10.12" (Drittes Pult) 1:52min


"Mitschnitt 4 vom 03.10.12" (Der letzte Dreck) 0:36min


"Mitschnitt 5 vom 03.10.12" (Goethe sagt...) 1:40min


"Mitschnitt 6 vom 03.10.12" (Gehen Sie oft in die Oper?) 9:44min


"Mitschnitt 7 vom 03.10.12" (Der Schrei des Kontrabasses") 1:49min


Der Kontrabass von Patrick Süskind mit Stephan Schad und Henning Kiehn (Bass)
auf dem Spielfeld des Deutschen Schauspielhauses, Kirchenallee 39, in 20095 Hamburg

Regie: Max Claessen
Bühne und Kostüme: Oliver Helf
Licht: Wolfgang Schünemann
Musikalische Leitung und Musik: Henning Kiehn (Bass)
Es spielt Stephan Schad

„Das Stück Kontrabass schrieb ich im Sommer 1980. Es geht darin um das Dasein eines Mannes in seinem kleinen Zimmer. Ich konnte bei der Abfassung insofern auf eigene Erfahrung zurückgreifen, als auch ich den größten Teil meines Lebens in immer kleiner werdenden Zimmern verbringe, die zu verlassen mir immer schwerer fällt. Ich hoffe aber, eines Tages ein Zimmer zu finden, das so klein ist und mich so eng umschließt, dass es sich beim Verlassen von selbst mitnimmt. In einem so gearteten Zimmer will ich dann versuchen, ein Zwei-Personen-Stück zu schreiben, das in mehreren Zimmern spielt.“ (Patrick Süskind)

Fotonachweis:
Alle Abbildungen: Deutsches Schauspielhaus. Fotos: © Kerstin Schomburg
Header: Stephan Schad (l), Henning Kiehn (r)
Galerie: Henning Kiehn, Stephan Schad
Soundclips: Mitschnitte Deutsches Schauspielhaus.
 

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Theater & Tanz > Der Kontrabass

Mehr auf KulturPort.De

Das Rainer Trio
 Das Rainer Trio



Es geht also auch in einer kleinen Besetzung: Nach dem beachtlichen Erfolg des Quintett-Albums „Gravitational Waves" (Absilone/Socadisc, 2018), hat der franzö [ ... ]



„Der Goldene Handschuh”. Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo
 „Der Goldene Handschuh”. Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo



„Der Goldene Handschuh”, jenes Hybrid aus Charakterstudie und Horrorfilm, polarisiert Kritiker wie Zuschauer: Regisseur Fatih Akin inszeniert wagemutig Heinz [ ... ]



Vladyslav Sendecki & Atom String Quartet: Le Jardin Oublié/My Polish Heart
 Vladyslav Sendecki & Atom String Quartet: Le Jardin Oublié/My Polish Heart



Das Jahr mit ein paar Tüpfelchen aus anderen Musikstilen zu bereichern, das passt gut in unsere Zeit. Vladyslav Sendecki, Pianist der NDR-BigBand, versucht, mit [ ... ]



Heimat, Gefangenschaft, Freiheit. Verdis Freiheitsoper Nabucco in der Neuinszenierung von Kirill Serebrennikov
 Heimat, Gefangenschaft, Freiheit. Verdis Freiheitsoper Nabucco in der Neuinszenierung von Kirill Serebrennikov



Am 22. August 2017 lässt das Ermittlungskomitee der Russischen Föderation den Theater-, Kino-, Opern- und Ballettregisseur Kirill Serebrennikov wegen des „Ve [ ... ]



15 kurze Fragen an Nesrine Belmokh
 15 kurze Fragen an Nesrine Belmokh



Jazz und Chanson, Soul und Pop, World und traditionelle arabische Musik: Die Klänge des Trios NES sind so vielfarbig, dass sich keine Schublade für eine Katego [ ... ]



„Frühes Versprechen”. Romain Gary und die monströse Liebe einer Mutter
 „Frühes Versprechen”. Romain Gary und die monströse Liebe einer Mutter



Er war Schriftsteller, Kampfflieger für die Luftwaffe der France libre, Generalkonsul in Los Angeles, Filmregisseur und Ehemann von Jean Seberg: Romain Gary (19 [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.