Werbung

Neue Kommentare

Martin Zopick zu „Nocturnal Animals” – Rachethriller als bittere Selbsterkenntnis : Der zweite Film von Tom Ford und der ist gar nich...
Michaela zu „Midsommar”. Die sonnendurchfluteten Abgründe des Ari Aster: Einer der magnetisierendsten Filme, die ich seit ...
Hampus Jeppsson zu „Der Distelfink“. Kühle Eleganz als Metapher für Schmerz: Interessant. Ein sehr guter Roman, dessen Verfilm...
Elvana Indergand zu Snøhetta: Architektur – Landschaft – Interieur: Ich bin begeistert von der Biblioteca Alexandrina...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Theater - Tanz

45. Hamburger Ballett-Tage: Shakespeare – Sonette

Drucken
(92 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Dienstag, den 02. Juli 2019 um 08:27 Uhr
45. Hamburger Ballett-Tage: Shakespeare – Sonette 4.2 out of 5 based on 92 votes.
45 Hamburger Ballett-Tage Shakespeare Sonette

Die Eröffnung der Hamburger Ballett-Tage ohne eine Neumeier-Choreografie? Bislang undenkbar!
Mit der Uraufführung der „Shakespeare-Sonette“ von Marc Jubete, Aleix Martinez und Edwin Revazov ist das Undenkbare nun eingetreten: Die drei Neumeier-Zöglinge eröffneten mit ihrer Choreografie-Assemblage zu den Meisterwerken der englischen Renaissance-Dichtung die 45. Hamburger Ballett-Tage.

John Neumeier muss wirklich großes Vertrauen in die drei jungen Choreografen setzen. Aus drei ganz unterschiedlichen Interpretationsansätzen des shakespeareschen Gedichtzyklus‘ und noch viel unterschiedlicheren Musikstücken von 13 Komponisten quer durch die Jahrhunderte (vom Minnesang bis zum zeitgenössischen Pop) ein abendfüllendes Stück mit einer einigermaßen schlüssigen dramaturgischen Abfolge auf die Bühne zu stellen, ist fraglos ein Kunststück. Marc Jubete, Aleix Martinez und Edwin Revazov haben es geschafft - auch wenn ihr Bilderbogen eher einer Traumlogik als einem rational nachvollziehbaren Handlungsstrang folgt, die Übergänge mitunter hapern und das Ende viel zu sehr in die Länge gezogen wird – wahrscheinlich, weil alle drei „ihr“ Ende verwirklicht sehen wollten.

Aus dem Programmheft erfährt man die unterschiedlichen Ansätze der drei, die übrigens als Solisten des Hamburg Balletts den Zuschauern wohlbekannt sind: Während sich Marc Jubete mit der Liebe an sich befasst, mit ihren Herzschmerzen, Enttäuschungen, Verletzungen und Eifersüchteleien, widmet sich Edwin Revazov dem elisabethanischen Zeitalter mit ihren Pestepidemien und Klassenschranken.
Aleix Martinez wiederum hinterfragt Schönheitsideale. Das äußere Erscheinungsbild, die oberflächliche Perfektion, die William Shakespeare in seinem großartigen Gedicht-Zyklus von 1609 wortreich beschreibt. Seine Sonette richten sich nicht etwa an eine engelsgleich-schöne Frau, sondern sind einem jungen Mann gewidmet. Einem wunderschönen Jüngling als Sinnbild reiner Unschuld, aber auch als Sinnbild unterschwelliger homoerotischer Sehnsüchte. Was für ein Skandal zur damaligen Zeit!

In Hamburg ist der Junge fast noch ein Kind. Meist als Beobachter des Geschehens taucht er im Laufe des Abends immer wieder auf, Ebenso ein weiß gekalktes Paar(großartig Yaiza Coll und Lizhang Wang), animalisch wirkende Kreaturen, gleichermaßen ursprünglich wie künstlich. Es könnten Adam und Eva sein, gerade aus dem Paradies vertrieben. Oder Androide, bzw. Cyborgs, die dabei sind das Menschsein zu lernen, indem sie sich erkunden, regelrecht ineinander hineinkriechen. Vielleicht sind es ja missratene Mischwesen aus der „Fabrik“, die sich im ersten Bild hinter der raumhohen Spiegelwand auftut. Hier werden sie gebaut, die perfekten Körper des Aleix Martinez, dessen Akkordarbeiter*Innen in langen Gummischürzen und Gummistiefeln Körperteile umhertragen und –fahren. Die fertigen Produkte sieht man dann in großen gläsernen Vitrinen. Bewegliche „Puppen“ mit uniform weißen Gesichtsmasken, die als Reminiszenz an Shakespeare die typischen Halskrausen seiner Zeit tragen.

In hartem Kontrast zu lieblichen Renaissanceklängen bilden die avantgardistischen anmutenden Fabrikszenen zweifellos die stärksten und visionärsten Momente des Abends. Kompliment für Bühne und Kostüme an dieser Stelle, die das Choreographen-Team ebenfalls gemeinsam kreiert hat.
Die Menschen-Klone produzierende Fabrik bildet gleichsam das Gerüst des Abends. Und mit ihr ein sanfter, anfangs fast unscheinbarer Mann (Lloyd Riggins), der – neben dem Jungen - das einzige menschliche Wesen in dieser merkwürdigen Welt zu sein scheint. Einer Welt, die außerhalb der Fabrik apokalyptische Züge annimmt. Einmal formiert sich vor rotgefärbtem Himmel eine martialische Truppe (Das Bewegungsrepertoire des Ensembles ähnelt hier am stärksten dem Vorbild Neumeiers). Dann wieder kriechen Nebelschwaden über den Boden, während Menschen mit Vogelmasken auf halbhohen Stelzen zwischen völlig verhüllten Gestalten umherstaksen. Unschwer ist die Autorenschaft von Edwin Revazov zu erkennen, der sensible, wenn auch ein wenig kitschige Bilder für die Pest gefunden hat.

Fazit: Auch wenn noch nicht alles „aus einem Guss“ wirkt, fasziniert dieses Ballettstück. Das liegt zum einen an dem wunderbaren Ensemble und überragenden Solisten, wie Anna Laudere oder Lloyd Riggins, der in „A Fancy I“ (mit Madoka Sugai und Christopher Evans) und „Solitude“ (mit Yaiza Coll und Lizhong Wang) die schönsten, innigsten Momente des Abends liefert.
Das liegt aber auch an der Fülle intensiver, verstörender Momente, die das Choreografen-Team geschaffen hat. Die drei haben sich dabei nicht nur von Shakespeare, sondern in erstaunlichem Maße auch von Neumeiers Bewegungsrepertoire gelöst. Das könnte zukunftsweisend sein.

45. Hamburger Ballett-Tage

16. Juni bis zum 30. Juni 2019
Staatsoper Hamburg, Großes Haus

Shakespeare – Sonette
Mit seinen einzigartigen Dichtungen hat William Shakespeare über Jahrhunderte Künstler verschiedenster Genres zu immer neuen Schöpfungen angeregt. Inspiriert von den Sonetten des englischen Dichters, gestalten Marc Jubete, Aleix Martínez und Edvin Revazov die Premiere der 45. Hamburger Ballett-Tage. Alle drei Choreografen sind erfahrene Tänzer des Hamburg Ballett, bei deren bisherigen Kreationen John Neumeier eine vielversprechende Entwicklung ausgemacht hat: "Mich interessiert Kreativität. In unserer vernetzten Welt tendieren die Werke junger Choreografen dazu, einander zu ähneln. Ich suche nach Balletten mit einer persönlichen Vision."

Musik: David Lang, Claudio Monteverdi, Henry Purcell, Jordi Savall
Choreografie, Bühnenbild und Kostüme: Marc Jubete, Aleix Martínez und Edvin Revazov
Musik vom Tonträger
2 Stunden 45 Minuten | 1 Pause

Nächste Vorführung:
Freitag 20.09.2019, 19.30 - 22.15 Uhr | Großes Haus
Weitere Informationen


Abbildungsnachweis:
Alle Szenenfotos: © Kiran West

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Theater & Tanz > 45. Hamburger Ballett-Tage: Shakespeare – S...

Mehr auf KulturPort.De

„Halloween“-Opern-Slam im Opernloft Altona
 „Halloween“-Opern-Slam im Opernloft Altona



Ein ungewöhnlich schönes Ambiente, ganz erstaunliche Stimmen und ein Spaßfaktor, wie er in der klassischen Musik wohl einmalig ist: Der „Halloween“-Sänge [ ... ]



Gottes Wort oder Menschenwerk? Zwei Bücher über die Geschichte der Bibel
 Gottes Wort oder Menschenwerk? Zwei Bücher über die Geschichte der Bibel



Die Bibel, sagt Arno Schmidt irgendwo, sei „ein unordentliches Buch mit 50.000 Textvarianten“. Auch wenn diese Zahl groß klingt – damit hat er gewiss noch [ ... ]



Die jungen Jahre der Alten Meister – Baselitz, Richter, Polke, Kiefer
 Die jungen Jahre der Alten Meister – Baselitz, Richter, Polke, Kiefer



Es war die Zeit, in der die Malerei totgesagt war. Jeder, der sich zur Avantgarde zählte, suchte den Ausstieg aus dem Bild. Jeder? Nein. Vier junge Maler dachte [ ... ]



Christian Frentzen: First Encounter
 Christian Frentzen: First Encounter



Hat Modern Jazz noch eine Zukunft? Oder ist seine Wiederbelebung ein Griff in die Mottenkiste? Nein: Der Kölner Pianist Christian Frentzen zeigt auf seinem Deb [ ... ]



„Alles fließt“ – Oliver Mark, Sibylle Springer und Sonja Ofen in der Gallery Lazarus Hamburg
 „Alles fließt“ – Oliver Mark, Sibylle Springer und Sonja Ofen in der Gallery Lazarus Hamburg



Mia Farrow, Ben Kingsley, Anthony Hopkins – Oliver Mark hat sie alle vor der Kamera gehabt. Jetzt stellt der international renommierte Fotograf mit Sibylle Spr [ ... ]



Geoff Berner: Grand Hotel Cosmopolis
 Geoff Berner: Grand Hotel Cosmopolis



Wie bewahren wir jene Musik von Menschen, die millionenfach ermordet wurden? Im Herzen, im Geist, auf der Bühne, als Publikum. Klingt nach Erinnerungskultur pur [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.