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Theater - Tanz

Privattheatertage 2019: „Die Schulz-Story“. Oder wie „verzwerge“ ich mich selbst

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Mittwoch, den 12. Juni 2019 um 14:04 Uhr
Privattheatertage 2019: „Die Schulz-Story“. Oder wie „verzwerge“ ich mich selbst 4.4 out of 5 based on 65 votes.
Privattheatertage 2019 Die Schulz-Story Oder wie verzwerge ich mich selbst

Keine andere Partei zelebriert die Selbstzerfleischung so exzessiv wie die SPD! Nun hat ein Kapitel Leidensgeschichte jüngster Zeit sogar Bühnenreife erlangt: „Die Schulz-Story – ein Jahr zwischen Höhenflug und Absturz“, inszeniert von Christof Küster nach dem Spiegel-Beststeller von Markus Feldenkirchen eröffnete die Privattheatertage 2019 in Altona. Starker, emphatischer Beifall für das Gastspiel vom Studio Theater Stuttgart.

Ein paar Stellwände, Tische und Stühle, zwei Frauen, vier Männer. Mehr braucht es nicht, um in die Welt des SPD-Wahlkampfes 2017 einzutauchen, mal in Parteibüros, TV-Studios oder Gemeindesälen zu sitzen. Die Gäste aus Stuttgart, das gleich vorweg, sind großartig. Sebastian Schäfer ist ein überragender Martin Schulz. So authentisch in Mimik, Gestik, Sprachfärbung und –Fehler, dass man innerhalb kürzester Zeit vergisst, hier einen Schauspieler vor sich zu haben. Moritz Brendel gibt souverän den Journalisten Markus Feldenkirchen, der, wie man weiß, Martin Schulz fünf Monate lang begleiten durfte und hier die von Maria Martinez Pena ausgestatteten Szenen kommentiert. Schirin Brendel, Gundi-Anna Schick, Axel Krauße und Boris Rosenberger schlüpfen in die unterschiedlichsten (Polit)-Rollen, u.a. als Andrea Nahles, Sigmar Gabriel oder Torsten Albig - zum Teil nur, indem sie Gesichtsausdruck und Habitus ändern. Brendels Merkel-Parodie ist der komödiantische Höhepunkt des Abends. Als Komödie kann man theatrale Fassung dieses Stücks Zeitgeschichte jedoch nicht bezeichnen. Eher als Sitten-Gemälde im Sinne der Comèdie humaine, die leider viel zu langatmig und brav inszeniert wurde.

„Oh, Gott, bin ich müde!“ Begleitet von Karnevalsmusik und rosa Luftschlagen torkelt Martin Schulz auf die Bühne. Schwarzer Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte. Es folgen zweidreiviertel Stunden unaufhaltsamer Sinkflug. Zweidreiviertel Stunden vom Heilsbringer mit hundert Prozent Zustimmung in der eigenen Partei bis zur völligen Demontage und bodenlosen Niederlage. Man fragt sich, ob Christof Küster SPD-Mitglied ist. Zumindest scheint der Regisseur das SPD-eigene Masochisten-Gen zu tragen. Warum sonst sollten seine Zuschauer die Passion des ehemaligen Kanzler-Kandidaten noch einmal so chronologisch exakt und detailliert durchleiden, wie Feldenkirchen es in seiner Reportage beschrieben hat? Insbesondere für die Urgesteine der SPD muss es doch eine Tortur sein, das Martyrium des Martin Schulz – mit eingeblendeten Stichtagen, Merkel-O-Tönen und Original-Interviews – Revue passieren zu lassen. Sie müssen sich gefühlt haben, wie der böse Bube Alex in Stanley Kubricks „Clockwork Orange“, der mit aufgerissenen Augen seine eigenen Schandtaten noch einmal auf der Großleinwand durchleben musste. Wahrscheinlich waren deshalb nach der Pause im Rang auch schon einige Plätze gelichtet. Etliche konnten das Trauerspiel einfach nicht mehr ertragen. Dieses absolut unfähige Beraterteam, das nur nach Umfragen und Prognosen schielte und den einstigen Hoffnungsträger der Sozialdemokratie gnadenlos in die „Selbstverzwergung“ trieb, wie Feldenkirchen alias Brendel trocken bemerkte.

Aber die Gegangenen haben etwas verpasst: Die Vorbereitungen auf das TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz in der zweiten Halbzeit war einfach hinreißend. Hier wurde endlich der Mensch hinter dem Politiker in Gänze sichtbar, sein Charakter mit Stärken und Schwächen, außerordentlich sympathisch und gar nicht politisch korrekt. Lauter Eigenschaften, die ihm die Strategen austreiben wollten, um einen windelweichen Mainstream-Politiker aus ihm zu machen. Ganz nebenbei öffnet dieses Probe-Duell auch allen Merkel-Fans die Augen: Erst die Übertreibung macht die Belanglosigkeit ihrer Aussagen lachhaft deutlich. (Zischende Bemerkung meines Nachbarn: „Das ist nicht witzig!)

Fazit des Abends: Zu lang, dramaturgisch etwas schwächelnd, aber ein Lehrstück. Wer Feldenkirchens Reportage nicht schon gelesen hat, der kann Martin Schulz hier besser kennenlernen. Als mutigen, aufrechten, offenherzigen Nordrhein -Westfalen, der gern Gedichte rezitiert, französische Chansons singt und die Handynummern aller europäischen Regierung-Chefs in der Tasche hat. Als (ehemaligen) Vollblutpolitiker mit Herz und Verstand, der sich für die „Vereinigten Staaten von Europa“ starkmachen wollte, im Zuge der Kampagne jedoch hinnahm, von seinem Beraterteam als Provinzler und Ex-Bürgermeister von Würselen verkauft zu werden. Als einen leidenschaftlichen Sozialdemokraten, der sich zur eierlegenden Wollmilchsau degradieren ließ, um alle vermeintlichen Wünsche und Anforderungen der Wählerschaft zu erfüllen. Als Mann, der dabei zusehends an Kontur und vor allem sich selbst verlor.

Letztlich ist dieses Stück eine unverhohlene Liebeserklärung an die Titelfigur. Wenn die Fernseh-Nation Deutschland dieses Stück vor der Wahl gesehen hätte, wäre sie zweifellos anders ausgefallen. Andererseits: Wer sich innerhalb kürzester Zeit derartig verbiegen lässt, hat sich für das Kanzleramt auch schon disqualifiziert.

Privattheatertage 2019

Bis 23. Juni in Hamburg
Weitere Informationen

Die Schulz-Story – ein Jahr zwischen Höhenflug und Absturz
Studio Theater Stuttgart
nach dem SPIEGEL-Bestseller von Markus Feldenkirchen
Regie: Christof Küster
Ausstattung: Maria Martinez Peña
Mit: Moritz Brendel, Schirin Brendel, Axel Krauße, Boris Rosenberger, Sebastian Schäfer, Gundi-Anna Schick
Rechte bei: Verlagsgruppe Random House GmbH


Abbildungsnachweis:
Header: Foto Daniela Aldinger

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