Neue Kommentare

Herby Neubacher zu Es läuft und läuft und läuft: 15 Jahre „Heiße Ecke“ im Schmidt's Tivoli: Rund 42000 Kondome, 25 000 Würstchen, 16800 Wasc...
Patrick Dissinger zu „Foxtrot”. Samuel Moaz und das Konzept des Zufalls: Ein exzellenter, sehr kluger Film. Danke für den...
erlenmeier zu Historische Tankstellen – auf Spurensuche in Hamburg : Ich arbeite seit vielen Jahren beim Forum geschic...
Bartholomay zu Berliner Mauer 57. Jahrestag: Gedenkfeier ? Um von ihren Taten gegen die ehemal...
Herby Neubacher zu Eindringlicher Holocaust-Roman von Affinity Konar: „Mischling“ – keine leichte, aber lohnende Lektüre: Das hat uns jetzt eigentlich noch gefehlt - Erinn...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2015


Theater - Tanz

Gilla Cremer auf der Spur der Geheimisse wahrer Freundschaft

Drucken
(139 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Donnerstag, den 08. September 2016 um 11:28 Uhr
Gilla Cremer auf der Spur der Geheimisse wahrer Freundschaft 4.3 out of 5 based on 139 votes.
Gilla Cremer - Freundschaft - Hamburger Kammerspiele

Was ist eigentlich Freundschaft? Wie entsteht sie? Was hält langjährige Freunde zusammen? Was kann sie trennen? Was ist bei Freundschaft anders als bei Liebe? Gilla Cremer geht dem in ihrem neuen Soloabend nach, den Gerd Bellmann musikalisch unterstützt. Premiere für einen Nachdenk-Abend der Extraklasse in den Hamburger Kammerspielen.

Am Ende, da ist es mucksmäuchenstill in den Hamburger Kammerspielen. Am Ende des neuen Stücks von Gilla Cremer, als ihr Ausloten des Begriffs „Freundschaft“ bei den letzten Dingen angekommen ist. Als einer von vier erzählten Lebenswegen zu Ende geht. Und ein grelles Licht fällt auf eine Dritte im Bunde, die aus ihrer Sicht vernünftig handelte und doch das Wesen Freundschaft so völlig missverstanden hat.

Drei Frauen holt Cremers Monolog auf die Bühne – Ruth, die Erzählerin, deren beste Freundin Niwea, und Britta, deren durchgeplantes Leben unerwartete Wendungen nimmt, und Knut, der wenig redet, viele Melodien im Kopf hat, aber immer und verlässlich da ist, wenn man ihn braucht.

In einen von einer Pause unterbrochenen Monolog von zwei Stunden passt viel Text, und doch wirkt der nur am Anfang etwas lang – wenn Gilla Cremer in einem Ritt durch die Jahrhunderte die Entwicklung von Freundschaft ein bisschen zu lexikalisch nachzeichnet. Das ist informativ, aber hinein gezogen in den Abend, bei dem Dominik Günther die Regie führt, wird man erst, wenn sie, im Kleinmädchen-Röckchen, vom erlebten Entstehen von Freundschaft spricht. Von den zarten Wurzeln der Faszination am Anderen, vom Vorbild, vom Bewundern. Wenig am Beginn von Freundschaft ist wirklich rational, und die Menge der Zitate aus Philosophie und Literatur zeigt vor allem, wie groß dieses Rätsel ist und wie sehr es kluge Köpfe zu immer neuen Aphorismen inspiriert hat. Klar wird schnell: Freundschaft ist kein Ponyhof.

Gilla Cremer gibt den Worten Raum zum Nachklingen, zum Gedanken-Anstoßen, zum Kramen in eigenen Erinnerungen. Man kann sich an diesen vier Lebenswegen reiben, man kann befreit lachen, manches hat hohen Wiedererkennungswert, manches ist einfach urkomisch. Es sind oft Einzelne, die im Publikum lachen – denn ein Geheimnis von Freundschaft ist immer das exklusiv gemeinsam Erlebte, das nur wenige Menschen teilen; und das ist – selbst bei gleichen zeittypischen Rahmenbedingungen – bei jedem etwas anderes. Erinnerungen sind Unikate.

Gemeinschaftsfähiger sind da schon die Musikfetzen und Songschnipsel, die Gerd Bellmann spielt und singt, oft zusammen mit Gilla Cremer, manchmal als akustische Beschwörung von Erinnerungen, manchmal als bissiger Kommentar zum gesprochenen Wort. Lieder zum Thema natürlich, Freundschaftslieder.

Starke Bilder mit drei Leitern und einem Seil
Auf der Bühne (Ausstattung: Eva Humburg) gibt es nur vier Requisiten, mit denen Gilla Cremer so scheinbar mühelos wie virtuos spielt: Drei Leitern unterschiedlicher Größe und ein kräftiges Seil machen Beziehungen, Entwicklungen, Ereignisse, Verstrickungen und Machtverhältnisse unmittelbar sichtbar, und es ist faszinierend zu beobachten, wie fein, passgenau und dabei doch fast beiläufig sie eingesetzt werden.

Der Abend spart nichts aus: Wir erleben das geheimnisvolle Aufblühen von Freundschaft, die oft irrational wirkenden Bindungsfäden, das Einrichten in einer nur den Freund/inn/en zugänglichen Symbolwelt. Das Scheitern mancher Freundschaftsversuche, das enge Verspinnen von Lebensfäden, die Bewährungsproben und Katastrophen, die Lebensfehler und Zumutungen, Gemeinsamkeiten, die Albernheiten und – selten – das überschäumende oder stille Glück einer tiefen Freundschaft. Erzählt dicht, mal schnodderig, mal nachdenklich entlang von runden Geburtstagen der Viererbande. Da bekommen die Erlebnisse dann hohen Wiedererkennungswert.
Am Ende ist es tatsächlich erst der Tod, der die Jahrzehnte währende Freundschaft zwischen Niwea und Ruth trennen kann, aber nicht auflösen. Diese letzte Station des Monologs lässt die Zuschauer überklar sehen, wie unterschiedlich Freundschaft verstanden werden kann. Und wie eine andere Freundschaft – die zu Britta – diese Bewährungsprobe nicht übersteht, allen Schwüren und Verbindungen zum Trotz.

„Freundschaft“ ist, wie alle Stücke von Gilla Cremer, kein Abend, den man leicht wegsteckt. Er klingt lange nach, ruft bei jeder und jedem im Publikum andere Erinnerungen wach, und stößt andere, sehr persönliche Gedanken an.

Großer Applaus am Schluss für Gilla Cremer und Gerd Bellmann nach zwei prallen Text- und Spielstunden. Hamburgs Theater-Unikat hat mit „Freundschaft“ ein großes neues Juwel im Repertoire, das es locker verträgt, mehr als einmal erlebt zu werden. Zusammen mit den besten Freund/inn/en, aber sicher auch allein.

# Freundschaft
Mit Gilla Cremer
Hamburger Kammerspiele,
Hartungstraße 9-11, 20146 Hamburg
Weitere Informationen
Nächste Vorstellungen: 12.9., 10.10., 11.12, jeweils 20:00 Uhr. 
Kartentelefon Mo-Sa, 10-19 Uhr: (040) 4133 440.
Theaterkasse Mo-Sa 12-19 Uhr.
Online – jederzeit



Abbildungsnachweis: Alle Fotos Arno Declair

Header und Galerie: Szenen aus # Freundschaft.

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Theater & Tanz > Gilla Cremer auf der Spur der Geheimisse wahr...

Mehr auf KulturPort.De

„Doing the Document“: Die Welt durch die Kameralinse
 „Doing the Document“: Die Welt durch die Kameralinse



Von Diane Arbus über Walker Evans und August Sander bis zu Piet Zwart: Über 200 Werke der bekanntesten Fotograf*innen des 20. Jahrhunderts sind dank einer Sche [ ... ]



„Carte Blache“ in der Galerie Hengevoss-Dürkop
 „Carte Blache“ in der Galerie Hengevoss-Dürkop



Wann bekommt man schon mal eine Carte Blache – zumal von einer Galeristin? Doch Kerstin Hengevoss-Dürkop hatte volles Vertrauen zu dem belgischen Künstler Va [ ... ]



Die Stunde der Matrosen – Kiel und die deutsche Revolution 1918
 Die Stunde der Matrosen – Kiel und die deutsche Revolution 1918



Zehn Tage dauerte der Aufstand. Gemeint ist der Matrosenaufstand in Kiel. Der Aufstand brach Ende Oktober 1918 auf den Schiffen der Hochseeflotte vor Wilhelmshav [ ... ]



Es läuft und läuft und läuft: 15 Jahre „Heiße Ecke“ im Schmidt's Tivoli
 Es läuft und läuft und läuft: 15 Jahre „Heiße Ecke“ im Schmidt's Tivoli



Von solchen Zahlen kann man nicht einmal träumen. Rund 42000 Kondome, 25 000 Würstchen, 16800 Waschmaschinenladungen und 12600 Bierdosen wurden in sage und sch [ ... ]



Ludwig und Benyamin Nuss: Songs & Ballads
 Ludwig und Benyamin Nuss: Songs & Ballads



Zwei Instrumente, zwei Musiker – Vater und Sohn – ein Duo-Debüt-Album mit Liedern und Balladen. Zwei die sich verstehen und sich offensichtlich mit musikali [ ... ]



„Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm”. Dialektik für Genießer
 „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm”. Dialektik für Genießer



In „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm” schildert Regisseur Joachim A. Lang die Querelen um jenes nie gedrehte Leinwand-Epos, während er es zugleich [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.