Anzeige

Wer ist online?

Wir haben 812 Gäste online

Neue Kommentare

Hans-Joachim Schneider zu Meine 18. Lange Nacht der Museen in Hamburg: Herrrlisch, würde der Rheinländer in mir sagen....
Wajda Art zu „A Beautiful Day”. Joaquin Phoenix- Racheengel oder Erlöser?: Wir suchen nach Enthusiasten der Kinematographie ...
Manfred Köck zu Im Wunderland der Wünsche. Laila Biali: schade, dass sie nicht mit ihren stammmusikern un...
Helmuth Barth zu Thomas Gainsborough – die moderne Landschaft: Vorausschicken möchte ich, dass ich neben Bilder...
Anna Grillet zu „Call Me by Your Name”. Die Sinnlichkeit des Luca Guadagnino: Leider nein, kann die bitterböse ästhetisch bri...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2015


Theater - Tanz

Alain Platel: „Tauberbach“

Drucken
(122 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Dienstag, den 02. Dezember 2014 um 10:57 Uhr
Alain Platel: „Tauberbach“ 4.5 out of 5 based on 122 votes.
Alain Platel: „Tauberbach“

Was heißt normal, was heißt behindert?
In Alain Platels Stück „Tauberbach“ sind wir alle beschädigt – und Teil einer Wahnsinnswelt, die der belgische Choreograph und seine Compagnie „Les ballets C de la B“ als einzige große Müllhalde zeigen. Mit Platels furiosem apokalyptischem Abgesang auf Humanismus und Zivilisation endete am Wochenende auf Kampnagel das Hamburger Theaterfestival.

Ein Meer aus Lumpen. Der ganze Boden ist überhäuft mit Altkleidern, selbst die beiden Lichtbrücken, die sich anfangs langsam in Bewegung setzen, sind voll davon. Dass in dem Textilmüll auch noch menschliche Wesen stecken, fällt erst auf, als sich ein, zwei Körper mit in die Höhe ziehen, wieder abspringen, um wie gefallene Engel mit verrenkten Gliedern selbstverloren durch das Meer zu schwimmen. Ungerührt vom Getümmel um sie herum steht eine Frau, die auf Englisch und Fantasiesprachen vor sich hin brabbelt, in die von der Decke hängenden Mikrofone schreit und immer wieder mit den Stimmen in ihrem Kopf hadert. Gott erklingt als sonorer Bariton aus dem Off, ruft „Fahr zur Hölle“ und „Ich habe Euch geliebt, aber ihr seid unfähig wie Schweine“. Dann ertönt Bach, gesungen von einem Gehörlosen-Chor, roh und verstümmelt, aber nicht abstoßend, sondern anrührend in seiner unartikulierten Kreatürlichkeit. So anrührend und merkwürdig schön, wie die verquält-verstörten Bewegungsmuster der fünf hervorragenden Tänzer, die um diese Frau kreisen. Zu zweit, in Gruppen oder allein, erscheint jeder als Autist, gefangen in seinen Wahnvorstellungen und einem Körper, dessen Kontrolle ihm versagt bleibt. Verkrampft, verrenkt und verrückt brechen sich immer wieder Obsessionen bahn, münden in Aggressivität und Geilheit, archaischen und animalischen Ritualen, aber auch in überraschender Komik.

„Tauberbach“ ist zum einen inspiriert von „Tauber Bach“, dem Projekt des polnischen Künstlers Artur Zmijewski, der Bachs Chorgesang mit Gehörlosen in der Leipziger Thomaskirche einstudierte. Zum anderen von Marcos Prados Dokumentation über eine 63-jährige schizophrene Brasilianerin, die ihr bürgerliches Mittelstandsleben gegen eine Müllhalde bei Rio de Janeiro eintauschte. Weder ihre Kinder noch die Psychiatrie konnten „Estamira“ davon abhalten, immer wieder dorthin zurückzukehren. Elsie de Brauw spielt diese Frau mit Würde, Witz und Wut. Auf ihrer Müllhalde, so schleudert sie der Überflussgesellschaft entgegen, gäbe es alles, Milch, Honig, selbst Spaghetti. Ihre Stärke und Überlegenheit scheint in dem Maße zu wachsen, in dem die fünf Ausgestoßenen ihr zusetzen, sie angreifen, entkleiden, herumschleppen, überfallen.

Provokante Choreographien ist man von Alain Platel gewohnt. Seine Vergangenheit als Psychologe und Heilpädagoge beeinflussten schon frühere Stücke, doch so exzessiv triebgesteuert in ihren schamlosen Paarungsversuchen und Zurschaustellung deformierter Persönlichkeit sah man die Tänzer seiner Compagnie wohl noch nie. Großartig alle fünf, insbesondere Romeu Runa. Sein hocherotisches Solo im bodenlangen Abendkleid (Platels Verbeugung vor Pina Bausch), sowie das ekstatische Liebesspiel mit seiner Partnerin Lisi Estaras wird man nicht so schnell vergessen.

„Ich bin immer überrascht, dass es nicht mehr Wahnsinn gibt auf der Welt“, sagte Alain Platel einmal. „Dass die Menschen nicht noch mehr töten oder einfach verrückt werden“. Dieses Stück ist seine Bestandsaufnahme. Und die ist so gnadenlos hart und hellsichtig, dass es weh tut.


Alain Platel: "Tauberbach"
Von und mit: Bérengère Bodin, Elsie de Brauw, Lisi Estaras, Ross McCormack, Elie Tass, Romeu Runa
Regie: Alain Platel
Bühne: Alain Platel, Les Ballets C de la B
Kostüme: Teresa Vergho
Musikalische Konzeption: Steven Prengels
Sounddesign: Bart Uyttersprot
Dramaturgie: Koen Tachelet, Hildegard de Vuyst

Trailer zu Tauberbach aus den Münchner Kammerspielen

Abbildungsnachweis:
Headerfoto: Szene aus Alain Platel: "Tauberbach". © Julian Röder

Eigenen Kommentar verfassen (Gasteintrag möglich - Bitte achten Sie auf unsere Email ggf. in Ihrem Spam-Order und klicken den Bestätigungslink)

Ihr Name (erscheint mit dem Kommentar) *
E-Mail (Nur für Bestätigungslink & Antworten)
Code   
Kommentar abschicken
 

Home > Blog > Theater & Tanz > Alain Platel: „Tauberbach“

Mehr auf KulturPort.De

Die Kunst Schmuckstücke zu fertigen – Babette von Dohnanyi
 Die Kunst Schmuckstücke zu fertigen – Babette von Dohnanyi



Der Vater ein bekannter Politiker, der Onkel ein international renommierter Dirigent. Man sollte meinen, auf Babette von Dohnanyi (52) würde ein enormer Erfolgs [ ... ]



Aspekte Festival 2018 – frozen gesture
 Aspekte Festival 2018 – frozen gesture



Welche kulturellen Spartenschubladen haben wir im Kopf? Wo ist der urbane, kulturelle Humus zu finden? Wieviel Bereitschaft zeigt Publikum für Entwicklungsphase [ ... ]



Meine 18. Lange Nacht der Museen in Hamburg
 Meine 18. Lange Nacht der Museen in Hamburg



...beginne ich, indem ich mit meinem Navi streite. Das tut so, als wüsste es nicht von der traurigen Tatsache, dass es in dieser Stadt mehr Baustellen als Kultu [ ... ]



Yvonne von Schweinitz: Syrien – Fragmente einer Reise. Fragmente einer Zeit
 Yvonne von Schweinitz: Syrien – Fragmente einer Reise. Fragmente einer Zeit



Wie nähert man sich in einer Fotoausstellung einem Land, deren Menschen tagtäglich durch Gewalt sterben, auf der Flucht, im Exil, traumatisiert sind, deren mat [ ... ]



„A Beautiful Day”. Joaquin Phoenix- Racheengel oder Erlöser?
 „A Beautiful Day”. Joaquin Phoenix- Racheengel oder Erlöser?



Lynne Ramsay inszeniert ihre virtuosen Thriller-Impressionen als Exkursion in die Abgründe der Seele.
Ein Auftragskiller ist Joe (Joaquin Phoenix) nicht, er t [ ... ]



Günter Grass-Haus Lübeck: George Bernard Shaw und die Fotografie
 Günter Grass-Haus Lübeck: George Bernard Shaw und die Fotografie



George Bernard Shaw (1856-1950) ist vor allem bekannt für sein dramatisches Werk, das über 50 Theaterstücke umfasst. Doch der Künstler hat sich zeitlebens in [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Anzeige


Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.