Neue Kommentare

Hans Maschek zu 19. Lange Nacht der Museen in Hamburg. Meine Reise durch die Nacht: Wunderbar atmosphärische Beschreibung. Ich habe ...
Matthijs van de Beek zu „Stan & Ollie”. Oder die schmerzliche Seite der Komik : Das klingt wunderbar und wird ganz sicher angesch...
Dr. Frank-Peter Hansen zu Die Wittgenstein-Dekomposition: Frank-Peter Hansens Antwort auf Martin A. Hainz...
NN zu Das Chimei – ein Museum für eine einmalige Privatsammlung in Taiwan: Lasst Euch nicht blenden! Es gibt nichts Gutes, a...
Peter Schmidt zu Verleihung der Goldenen Kamera – mit Bruno Ganz und ohne Friede Springer: Und noch einmal zur Goldenen Kamera
Im Fol...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Grafik & Design

Simplicissimus von 1896 bis 1914: Zwischen Kaiserwetter und Donnergrollen

Drucken
(158 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Freitag, den 08. November 2013 um 11:08 Uhr
Simplicissimus von 1896 bis 1914: Zwischen Kaiserwetter und Donnergrollen 4.4 out of 5 based on 158 votes.
Thomas Theodor Heine, Durchs dunkelste Deutschland

Das hannoversche Museum Wilhelm Busch wirft mit Karikaturen aus dem „Simplicissimus“ und einigen Memorabililien Schlaglichter auf Politik und Gesellschaft des ausgehenden Kaiserreiches.
Die satirische Zeitschrift „Simplicissimus“ ist Synonym für Sprachwitz und blendende Zeichenkunst. Woche für Woche wird ab 1896 der trügerische Friede im kaiserlichen Deutschland durch das Knurren der zähnefletschenden roten Simpl-Bulldogge gestört, die ihre Ketten gesprengt hat. Reaktionär, inhuman, mindestens aber illiberal erscheinen den Blattmachern die Zeiten. Sie sehen eine Kluft zwischen Untertanen und dem Staatsapparat mit Polizei, Justiz, Beamtentum, Militär, dem Klerus. Verbote, Beschlagnahmungen und Anklagen gegen die als verderblich angesehene Zeitschrift sind gang und gäbe.

Die gut 120 aquarellierten Zeichnungen mit Stift, Feder oder Kreide bieten in der Ausstellung ein Kaleidoskop der Zeit des Deutschen Reiches, das mit dreißigtausend Millionären aufwartet, industriellen Fortschritt erlebt und in Wissenschaft und Forschung in die Zukunft blickt, während andererseits absolutistische Zustände herrschen.

In den Blättern geht um die Schönheiten von Paraden, um herrenreiterliche Süffisanz, ums Mensuren schlagen und burschenschaftliches Saufen samt Kater danach, um die stramme militärische Disziplinierung von Hochschullehrern, um Amouren der Herren von Stand mit Halbwelt-Schönen. Emanzipierte Frauen kommen im „Simplicissimus“ nicht gut an. „Die deutsche Frau – was soll das heißen? Lässt sich nicht mehr so häufig beißen“ - und verjagen den grimmig dreinschauenden Storch mit ihren Tennisschlägern. Auf einem anderen Blatt gehen Schreckgespenster des „Bundes zur Bekämpfung der Frauenemanzipation“ mit Besen und Schirmen aufeinander los.

Im Herbst 1898 reist Kaiser Wilhelm in den Orient, besucht auch den Sultan in Konstantinopel, verspricht ihm den Schutz des mächtigen Deutschen Reiches. Auf dem Titelblatt des Simpl nimmt Thomas Theodor Heine mit einer Zeichnung, die Kaiser Barbarossa und Gottfried von Bouillon zeigt, den „Kreuzfahrer“ Wilhelm II. auf Korn, Frank Wedekind steuert die Ballade „Im heiligen Land“ bei, die die Kaisertreuen im Reich aufschreien lässt. Die Anklage lautet auf Majestätsbeleidigung. Zeichner und Dichter kommen in Haft, der Verleger Albert Langen flieht, die Auflagen der nächsten Ausgaben steigen dank des Skandals von 15.000 auf 85.000 Exemplare. Wilhelm II., dem gar einiger Humor nachgesagt wird, äußert sich im Geheimen gegen Prozess und Inhaftierung.

Die soziale Not der Arbeiter und der am Rande Stehenden – „diese Kerle versauen einem die ganze Stimmung“ - so ein in pelzverbrämten Mänteln flanierendes Ehepaar, das an der Laterne hockende Bettler passiert - wird ebenso kommentiert wie koloniales Machtstreben. Da spielen die Kinder des Majors mit Säbel und Lanze China-Krieg, spießen Hühnerköpfe auf, jagen und massakrieren einander. Und zwei alte Diplomaten in Uniformen ahnen: „In fünfzig Jahren werden es unsere Kollegen noch schwerer haben. Wenn es da einmal zum Krieg kommen sollte, wird man ihnen wegen fahrlässigen Massenmordes den Prozess machen.“

Und dann wird das Strohgelb des serbischen Sommers mit Rot gemischt, weil die Browningkugeln eines Primaners getroffen haben. Ein Mord wird zum hinterhältigen Motiv und die Totenscheine können sich als Gestellungsbefehle maskieren.


Die Ausstellung „Zwischen Kaiserwetter und Donnergrollen. Die wilhelminische Epoche im Spiegel des Simplicissimus von 1896 bis 1914“ ist noch bis zum 19. Januar 2014 im Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst in Hannover, Georgengarten zu sehen.
Der Katalog, erschienen im Selbstverlag, kostet im Museum 24,90 Euro

Abbildungsnachweis: © Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst
Header: Detail aus Thomas Theodor Heine, Durchs dunkelste Deutschland - Doppel-Justitia, 1903
Galerie:
01. Ausstellungsplakat. Motiv: Eduard Thöny, Zuchtwahl, 1902
02. Thomas Theodor Heine, 1. Werbeplakat für Simplicissimus
03. Bruno Paul, Im Frühling, 13.04.1898
04. Thomas Theodor Heine, Durchs dunkelste Deutschland - Doppel Justitia, 1903
05. Wilhelm Schulz, Gegen die Reichen piept er nicht
06. Eduard Thöny, Gedankenaustausch
07. Olaf Gulbransson, Deutsche Wacht in Kiautschau, 1914
08. Carl Röchling, The Germans to the Front, 1902, Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum.

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Grafik & Design > Simplicissimus von 1896 bis 1914: Zwischen Ka...

Mehr auf KulturPort.De

Philipp Maintz: Thérèse
 Philipp Maintz: Thérèse



Was, wenn „Liebe“ nur ein freundliches Wort wäre für ihre eigene Unmöglichkeit? Nur ein Sammelbegriff für Sehnsüchte, die unerreichbar sind in einer Ge [ ... ]



19. Lange Nacht der Museen in Hamburg. Meine Reise durch die Nacht
 19. Lange Nacht der Museen in Hamburg. Meine Reise durch die Nacht



28.000 Besucher amüsierten sich in der Museumsnacht der Hansestadt, trotz Eurovisions-Contest. Überall in der City tobte das Leben. Ich war natürlich auch wie [ ... ]



Meine 19. Lange Nacht der Museen in Hamburg
 Meine 19. Lange Nacht der Museen in Hamburg



Die Terminänderung, die Lange Nacht der Museen in Hamburg in den Mai, anstatt in den April zu legen war eine gute Idee. Denn der Tag war schön, nicht kalt! – [ ... ]



Hamburger Theater Festival: „Heilig Abend“ – ein als Krimi getarntes philosophisches Werk
 Hamburger Theater Festival: „Heilig Abend“ – ein als Krimi getarntes philosophisches Werk



Packendes Kammerspiel mit zwei exzellenten Schauspielern, die nach dem Schlussapplaus strahlten wie nach einem gelungenen Coup: Sophie von Kessel und Michele Cuc [ ... ]



Daniel Garcia Trio: Travesuras
 Daniel Garcia Trio: Travesuras



Ob tosende Akkord-Sturzbäche, Staccato-Piano oder ausufernde Tastenläufe: Zurückhaltung gehört nicht unbedingt zu den musikalischen Qualitäten des spanische [ ... ]



KP Brehmer – „Korrektur der Nationalfarben“
 KP Brehmer – „Korrektur der Nationalfarben“



So berühmt wie seine Kollegen Sigmar Polke und Gerhard Richter ist er nie geworden. Vielleicht war er nicht ehrgeizig genug, vielleicht war er zu…. – ach, m [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.