Neue Kommentare

Herby Neubacher zu Es läuft und läuft und läuft: 15 Jahre „Heiße Ecke“ im Schmidt's Tivoli: Rund 42000 Kondome, 25 000 Würstchen, 16800 Wasc...
Patrick Dissinger zu „Foxtrot”. Samuel Moaz und das Konzept des Zufalls: Ein exzellenter, sehr kluger Film. Danke für den...
erlenmeier zu Historische Tankstellen – auf Spurensuche in Hamburg : Ich arbeite seit vielen Jahren beim Forum geschic...
Bartholomay zu Berliner Mauer 57. Jahrestag: Gedenkfeier ? Um von ihren Taten gegen die ehemal...
Herby Neubacher zu Eindringlicher Holocaust-Roman von Affinity Konar: „Mischling“ – keine leichte, aber lohnende Lektüre: Das hat uns jetzt eigentlich noch gefehlt - Erinn...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2015


Grafik & Design

Simplicissimus von 1896 bis 1914: Zwischen Kaiserwetter und Donnergrollen

Drucken
(153 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Freitag, den 08. November 2013 um 11:08 Uhr
Simplicissimus von 1896 bis 1914: Zwischen Kaiserwetter und Donnergrollen 4.6 out of 5 based on 153 votes.
Thomas Theodor Heine, Durchs dunkelste Deutschland

Das hannoversche Museum Wilhelm Busch wirft mit Karikaturen aus dem „Simplicissimus“ und einigen Memorabililien Schlaglichter auf Politik und Gesellschaft des ausgehenden Kaiserreiches.
Die satirische Zeitschrift „Simplicissimus“ ist Synonym für Sprachwitz und blendende Zeichenkunst. Woche für Woche wird ab 1896 der trügerische Friede im kaiserlichen Deutschland durch das Knurren der zähnefletschenden roten Simpl-Bulldogge gestört, die ihre Ketten gesprengt hat. Reaktionär, inhuman, mindestens aber illiberal erscheinen den Blattmachern die Zeiten. Sie sehen eine Kluft zwischen Untertanen und dem Staatsapparat mit Polizei, Justiz, Beamtentum, Militär, dem Klerus. Verbote, Beschlagnahmungen und Anklagen gegen die als verderblich angesehene Zeitschrift sind gang und gäbe.

Die gut 120 aquarellierten Zeichnungen mit Stift, Feder oder Kreide bieten in der Ausstellung ein Kaleidoskop der Zeit des Deutschen Reiches, das mit dreißigtausend Millionären aufwartet, industriellen Fortschritt erlebt und in Wissenschaft und Forschung in die Zukunft blickt, während andererseits absolutistische Zustände herrschen.

In den Blättern geht um die Schönheiten von Paraden, um herrenreiterliche Süffisanz, ums Mensuren schlagen und burschenschaftliches Saufen samt Kater danach, um die stramme militärische Disziplinierung von Hochschullehrern, um Amouren der Herren von Stand mit Halbwelt-Schönen. Emanzipierte Frauen kommen im „Simplicissimus“ nicht gut an. „Die deutsche Frau – was soll das heißen? Lässt sich nicht mehr so häufig beißen“ - und verjagen den grimmig dreinschauenden Storch mit ihren Tennisschlägern. Auf einem anderen Blatt gehen Schreckgespenster des „Bundes zur Bekämpfung der Frauenemanzipation“ mit Besen und Schirmen aufeinander los.

Im Herbst 1898 reist Kaiser Wilhelm in den Orient, besucht auch den Sultan in Konstantinopel, verspricht ihm den Schutz des mächtigen Deutschen Reiches. Auf dem Titelblatt des Simpl nimmt Thomas Theodor Heine mit einer Zeichnung, die Kaiser Barbarossa und Gottfried von Bouillon zeigt, den „Kreuzfahrer“ Wilhelm II. auf Korn, Frank Wedekind steuert die Ballade „Im heiligen Land“ bei, die die Kaisertreuen im Reich aufschreien lässt. Die Anklage lautet auf Majestätsbeleidigung. Zeichner und Dichter kommen in Haft, der Verleger Albert Langen flieht, die Auflagen der nächsten Ausgaben steigen dank des Skandals von 15.000 auf 85.000 Exemplare. Wilhelm II., dem gar einiger Humor nachgesagt wird, äußert sich im Geheimen gegen Prozess und Inhaftierung.

Die soziale Not der Arbeiter und der am Rande Stehenden – „diese Kerle versauen einem die ganze Stimmung“ - so ein in pelzverbrämten Mänteln flanierendes Ehepaar, das an der Laterne hockende Bettler passiert - wird ebenso kommentiert wie koloniales Machtstreben. Da spielen die Kinder des Majors mit Säbel und Lanze China-Krieg, spießen Hühnerköpfe auf, jagen und massakrieren einander. Und zwei alte Diplomaten in Uniformen ahnen: „In fünfzig Jahren werden es unsere Kollegen noch schwerer haben. Wenn es da einmal zum Krieg kommen sollte, wird man ihnen wegen fahrlässigen Massenmordes den Prozess machen.“

Und dann wird das Strohgelb des serbischen Sommers mit Rot gemischt, weil die Browningkugeln eines Primaners getroffen haben. Ein Mord wird zum hinterhältigen Motiv und die Totenscheine können sich als Gestellungsbefehle maskieren.


Die Ausstellung „Zwischen Kaiserwetter und Donnergrollen. Die wilhelminische Epoche im Spiegel des Simplicissimus von 1896 bis 1914“ ist noch bis zum 19. Januar 2014 im Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst in Hannover, Georgengarten zu sehen.
Der Katalog, erschienen im Selbstverlag, kostet im Museum 24,90 Euro

Abbildungsnachweis: © Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst
Header: Detail aus Thomas Theodor Heine, Durchs dunkelste Deutschland - Doppel-Justitia, 1903
Galerie:
01. Ausstellungsplakat. Motiv: Eduard Thöny, Zuchtwahl, 1902
02. Thomas Theodor Heine, 1. Werbeplakat für Simplicissimus
03. Bruno Paul, Im Frühling, 13.04.1898
04. Thomas Theodor Heine, Durchs dunkelste Deutschland - Doppel Justitia, 1903
05. Wilhelm Schulz, Gegen die Reichen piept er nicht
06. Eduard Thöny, Gedankenaustausch
07. Olaf Gulbransson, Deutsche Wacht in Kiautschau, 1914
08. Carl Röchling, The Germans to the Front, 1902, Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum.

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Grafik & Design > Simplicissimus von 1896 bis 1914: Zwischen Ka...

Mehr auf KulturPort.De

NordArt 2018 – Zum 20. Geburtstag eine spektakuläre Kunstausstellung
 NordArt 2018 – Zum 20. Geburtstag eine spektakuläre Kunstausstellung



Wer die „NordArt 2018“ – die Internationale Kunstausstellung im schleswig-holsteinischen Büdelsdorf – noch nicht gesehen hat, sollte sich beeilen. Nur n [ ... ]



„Doing the Document“: Die Welt durch die Kameralinse
 „Doing the Document“: Die Welt durch die Kameralinse



Von Diane Arbus über Walker Evans und August Sander bis zu Piet Zwart: Über 200 Werke der bekanntesten Fotograf*innen des 20. Jahrhunderts sind dank einer Sche [ ... ]



„Carte Blache“ in der Galerie Hengevoss-Dürkop
 „Carte Blache“ in der Galerie Hengevoss-Dürkop



Wann bekommt man schon mal eine Carte Blache – zumal von einer Galeristin? Doch Kerstin Hengevoss-Dürkop hatte volles Vertrauen zu dem belgischen Künstler Va [ ... ]



Die Stunde der Matrosen – Kiel und die deutsche Revolution 1918
 Die Stunde der Matrosen – Kiel und die deutsche Revolution 1918



Zehn Tage dauerte der Aufstand. Gemeint ist der Matrosenaufstand in Kiel. Der Aufstand brach Ende Oktober 1918 auf den Schiffen der Hochseeflotte vor Wilhelmshav [ ... ]



Es läuft und läuft und läuft: 15 Jahre „Heiße Ecke“ im Schmidt's Tivoli
 Es läuft und läuft und läuft: 15 Jahre „Heiße Ecke“ im Schmidt's Tivoli



Von solchen Zahlen kann man nicht einmal träumen. Rund 42000 Kondome, 25 000 Würstchen, 16800 Waschmaschinenladungen und 12600 Bierdosen wurden in sage und sch [ ... ]



Ludwig und Benyamin Nuss: Songs & Ballads
 Ludwig und Benyamin Nuss: Songs & Ballads



Zwei Instrumente, zwei Musiker – Vater und Sohn – ein Duo-Debüt-Album mit Liedern und Balladen. Zwei die sich verstehen und sich offensichtlich mit musikali [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.