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Hamburger Architektur Sommer 2015


Grafik & Design

Ulf Harten: „Hamburg Total – Die Ausstellung“

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Montag, den 26. Januar 2015 um 11:19 Uhr
Ulf Harten: „Hamburg Total – Die Ausstellung“ 4.4 out of 5 based on 121 votes.
Ulf Harten: „Hamburg Total – Die Ausstellung“

Wo Ulf Harten Hand anlegt, tanzen die Türme.
Seit mehr als zwanzig Jahren zeichnet der Hamburger Comic-Künstler seine Heimatstadt so beschwingt, dass man schon vom Zusehen schwindelig wird. Die erste große Ausstellung seiner groovenden „Wimmelbilder“ präsentiert derzeit die Hamburger Fabrik der Künste: „Hamburg Total“ – eine liebevolle Hommage voller kleiner Bosheiten.

Ein Patriot ist er nicht, doch als Liebeserklärung an seine Stadt ist „Hamburg Total“ durchaus gemeint. „Ich habe zu Hamburg einfach eine starke Beziehung, weil ich es so gut kenne“, sagt Ulf Harten. Der Zeichner, der sich selbst einmal als „eines der letzten noch freilaufenden Exemplare analoger Comic-Restkultur“ bezeichnete, sieht sich in der Tradition des genialen amerikanischen Comiczeichner Carl Barks, der mit seinen Figuren Walt Disneys Kosmos prägte. Wie in den Zeichentrickfilmen „Schneewittchen“, „Cinderella“, oder „Die Schöne und das Biest“ Kerzenleuchter, Teekannen, Standuhren, Kommoden Persönlichkeit und Eigenleben haben, vermag es auch Harten, Barks hanseatischer „Enkel im Geiste“, die Dinge zu beseelen: Jedem Kirchturm, jeder Brücke, jedem Gebäude verleiht dieser großartige Zeichner ein charakteristisches „Gesicht“ und eine Körpersprache, die im Laufe der Jahre zu seiner unverwechselbaren Handschrift geworden ist. Die Tatsache, dass diese Stadtlandschaften überschäumen wie eine geschüttelte Flasche Sekt, erklärt der Künstler mit seiner musikalischen Ader. „Es soll Popp sein“, sagt er. Der Rhythmus liege ihm einfach im Blut und bei der Arbeit hört er nebenbei permanent Musik.

Als bildender Künstler ist Ulf Harten Autodidakt. Bereits in seiner Schulzeit wollte der Sohn eines Steinbildhauers „etwas mit Kunst machen“. Erblich bedingt, offenbar. Schon die Großmutter zeichnete, die Mutter dichtete. Von ihr habe er seinen Humor, sagt Harten. Die jüngere Schwester Meike entschied sich ebenfalls für eine musische Laufbahn – sie arbeitet heute als Regisseurin und Schauspielerin in Hamburg.

Ulf Harten gehört noch einer Generation an, die man als Ausläufer der Alt-68er-Bewegung bezeichnen kann. In seiner Jugend war „Love and Peace“ angesagt, auf dem Schulhof kreisten die Joints und lange Haare galten als politisches Statement.

Langes Haar hat Harten auch heute noch. Und in seiner unbekümmerten Fröhlichkeit und Jungenhaftigkeit glaubt man kaum, dass er mittlerweile schon 60 Jahre alt ist. Und was seine politischen Statements betrifft, muss man sich nur einmal seine Comics ansehen. So fröhlich und farbenfroh die an Details schier überbordenden Zeichnungen auf den ersten Blick auch wirken, sie strotzen nur so vor Gesellschaftskritik: Ob nun Hamburg als Elbkahn mit Schlagseite oder ohne Bodenkontakt, ob geile Weihnachtsmänner vor der Herbertstraße oder Abrissbirnen auf der (mittlerweile nicht mehr existenten) Kult-Tankstelle auf der Reeperbahn – überall sind „kritische Anmerkungen und kleine Bösartigkeiten“ versteckt. Besonders gelungen (und immer noch hochaktuell) ist der zeichnerische Kommentar zur „Elbvielharmonie“: Ulf Harten zeigt Hamburgs Prestige-Baustelle als Mammon verschlingendes Monstrum mit Tentakel-ähnlichen Baukränen um einen Rohbau, aus dem bereits wieder die Glasscheiben springen. Man muss schon genau hinsehen, was da alles „Hoch Schief“ läuft. Und was die riesigen Saugrohre da schlucken: Geld ohne Ende – während die Musiker mitsamt ihren Instrumenten in der Elbe schwimmen. Die Botschaft ist klar: die Kunst ist längst baden gegangen.

Die Idee, sich auf seine Heimatstadt zu spezialisieren, kam Ulf Harten Anfang der 1990er-Jahre, als das Stadtmagazin „Szene Hamburg“, jeden Comic-Zeichner bat, eine Doppelseite zum Thema Hamburg zu liefern. „Anstelle einer Comic-Bildfolge fand ich es besser, alle Aspekte dieses Themas in einer einzigen großen Zeichnung zu bündeln, die sich in ihren Details und Zusammenhängen wie ein Comic lesen lassen“.

In der Hamburger Comic-Szene war der Zeichner damals schon fest verankert. Nach dem Abi und Zivildienst hatte er sich erst einmal als „Lebenskünstler“ wie er selbst sagt, mit einigen Jobs über Wasser gehalten. Besonders schwierig war das nicht. Die beiden Dekaden der 70er- und 80er-Jahre waren eine Zeit des Aufbruchs und der Experimente, gesellschaftspolitisch wie künstlerisch.

Corny Littmann, Michael Batz, Horst Schroth – die freie Theater- und Kabarett-Szene formierte sich und Ulf Harten war mitten drin. Im „Wellingsbüttler Pfeilshof“, einem alten Herrenhaus, in dem einmal Freddy Quinn gewohnt hatte, zog er mit den Begründern von „Aprilfrisch-MäGäDäM“ zusammen, mit Andrea Bongers und Jo Jacobs. Hier lernte er auch Rolf Claussen, Ralf Schwarz und Stefan Gwildis kennen, mit dem ihn bis heute eine herzliche Freundschaft verbindet.

Über den NDR-Moderator Lutz Ackermann bekam Harten 1983 seinen ersten großen Auftrag: es galt eingesandte „Club-Sprüche“ zu illustrieren. Der Erfolg war enorm: „Das Buch hat sich dreihunderttausend Mal verkauft. Ich war auf einmal Zeichner, signierte Bücher und habe die Gelegenheit beim Schopf gepackt und weitergemacht“. Es folgten unter anderen „Das Seegurkenprinzip 1990“, „50 ways to kill your mother“ (1996) und die Illustration des Fußballwörterbuchs „Fußball – Deutsch“ von Gerhard Delling im Langenscheidt Verlag 2005.

Stundenlang, tagelang sitzt Harten, der sich selbst als Satiriker versteht, über seinen an Details schier überquellenden Bildern. Es gibt wohl niemanden, der Fassaden, Türme, Straßenzüge so kleinteilig und liebevoll illustriert wie er: „Mich so lange konzentrieren zu können, wie das Zeichnen es vom mir verlang, das ist meine wertvollste Fähigkeit“, findet Ulf Harten. „Die Karikatur von Architektur ist genauso schwer, wie von einem Menschen. Um ein Gebäude auf Anhieb wiederzuerkennen, müssen die Proportionen genau stimmen“.

Den Computer dabei zur Hilfe zu nehmen, kommt für den sympathischen Comic-Experten nicht in Frage. Computer bedeutet für Ulf Harten „Verlust der sinnlichen Welt“. Deshalb übernimmt seine Lebensgefährtin, die Comic-Zeichnerin und Illustratorin Doris Dörr alias „DM Trocken“, alles was am PC zu erledigen ist.

Wenn man Ulf Harten nach seinem Durchbruch fragt, antwortet er: „Ich hatte viele Durchbrüche. Auch als Ausstellungsmacher“. Stimmt. „Am Anfang war der Strich“, das erste große Comic-Festival auf dem Hamburger Kiez, hat sich fest ins Gedächtnis eingeschrieben. Doch so richtig populär, wie beispielsweise Tomi Ungerer, F.K. Waechter, Loriot oder Marie Marcks ist Ulf Harten bislang nicht. Mit seiner Kunst hat das nichts zu tun, eher mit seiner Bescheidenheit.

Auch in fortgeschrittenem Alter ist Harten in seinem Herzen ein liebenswerter Freak geblieben, dem seine Freiheit und Eigenständigkeit über alles gehen. Aus diesem Grunde macht er auch alles selbst: Seit Jahren entstehen seine Bücher und Kalender im Eigenverlag. Seine großformatigen Drucke (ab 200 Euro) verkauft er im Direktverkauf und Ausstellungen baut er im Alleingang auf. Geld, Ruhm, Karriere, schnelle Autos und schicke Klamotten haben den Hamburger Comic-Künstler nie gereizt.

Vielleicht hätte er nur mal mehr auf sein Copyright achten sollen. Die „Tanzenden Türme“, die neuen Wahrzeichen der Reeperbahn von Star-Architekt Hadi Teherani, sehen doch aus, als wären sie aus Ulf Hartens Comics entsprungen.

Ulf Harten „Hamburg Total – Die Ausstellung“
Zu sehen bis 1.2.2015 in der Fabrik der Künste, Kreuzbrook 12, 20537 Hamburg.
Geöffnet: Di-So, 14-19 Uhr.
Am Sonntag, den 25.1., 16 Uhr lesen Hamburger Autoren aus der Anthologie „Spuk in Hamburg“ (mit Klavierbegleitung). Finissage ist am 1.2. um16 Uhr.
Eintritt: Erwachsene 5 Euro, erm. 3 Euro, Kinder und Jugendliche frei.


Abbildungsnachweis:
Alle (c) Ulf Harten
Header: Ulf Harten vor "Hamburgs Kirchen" Foto: Isabelle Hofmann
Galerie:
01. Titelbild, Hamburg
02. Elbphilharmonie
03. Tanke
04. Herbertstraße
05. Ulf Harten vor Bühnenbild zum MäGäDäM-Musical: Vanessa - Piraten der Liebe.Foto: Isabelle Hofmann.

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