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Film

¡NO! - Die Revolution muss sexy sein

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Donnerstag, den 21. Februar 2013 um 11:35 Uhr
¡NO! - Die Revolution muss sexy sein 4.6 out of 5 based on 307 votes.
¡NO! - Die Revolution muss sexy sein

Pablo Larraíns „¡NO!“ ist nicht nur ein bewegender Film über den friedlichen Sturz des chilenischen Diktators Pinochet, sondern auch eine tiefe Verneigung vor der Werbeästhetik der 1980er-Jahre.
Verschleppung, Folter und tausendfache Hinrichtungen in den Reihen der Opposition sind auf immer mit dem grausamen Kapitel der Militärdiktatur Augusto Pinochets verbunden, der Chile nach dem Putsch gegen den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende 17 Jahre lang autokratisch regierte. Die jüngere Geschichte des südamerikanischen Landes, der sich Pablo Larraín schon in seinen letzten beiden Filmen (Tony Manero und Post Mortem) widmete, ist gewiss kein einfacher historischer Stoff. Mit „¡NO!“ gelingt ihm dennoch ein wunderbar leichter Abschluss seiner Trilogie, der die alltägliche Repression der Diktatur bei allem Schmunzeln eindrücklich nachempfinden lässt.

Zur Ausgangspunkt für die Erzählung wird das 1988 abgehaltene Referendum Pinochets, bei dem das chilenische Volk über den weiteren Verbleib des Diktators im Amt oder die Anberaumung von freien Parlaments- und Präsidentschaftswahlen abstimmen konnte. Begleitet wurde die Abstimmung seinerzeit durch eine Werbekampagne im staatlich kontrollierten Fernsehen, bei der die Regierung und das Oppositionsbündnis jeweils 15 Minuten Sendezeit täglich für ihre politischen Inhalte zur freien Verfügbarkeit überantwortet bekamen. Waren Referendum und Werbefenster vom Regime, das Ende der 80er-Jahre nach wie vor auf breiten Rückhalt in der Bevölkerung zählen konnte, ursprünglich als demokratisches Feigenblatt gegenüber dem Ausland gedacht, schaffte es das Oppositionsbündnis dennoch, die politische Stimmung im Land binnen kürzester Zeit zu wenden. Statt auf politische Inhalte und moralische Appelle an die Bevölkerung zu setzen, entschlossen sich die Oppositionsführer kurzerhand, den Chilenen die Segen der Demokratie in der Sprache der Fernsehwerbung vor Augen zu führen – eine Strategie, die allen Unkenrufen zum Trotz und mit überragendem Erfolg aufging.

Im Mittelpunkt des Films steht die fiktive Figur des Werbefachmanns René Saavedra (Gael García Bernal; Amores Perros, Science of Sleep), der sich im Verlauf des Filmes vom schweigenden Nutznießer des neoliberalen Systems Pinochets zu dessen überzeugtem Gegner wandelt. Als Mitarbeiter einer großen Werbeagentur ist Saavedra nämlich keineswegs zum Art Director der Revolution vorbestimmt. Obwohl er um die Verbrechen des Militärführers weiß und wie die meisten Chilenen diese im Stillen verurteilt, akzeptiert er die Alleinherrschaft Pinochets dennoch als Garant von Stabilität und wirtschaftlichem Wohlstand. Seine Gedanken im Alltag drehen sich vielmehr um Vermarktungsstrategien für Diätcola und Mikrowellen als um das Schicksal politisch Gefangener. Als ein Oppositionspolitiker und alter Freund seines Vaters (Tomás Urrutia gespielt von Luis Gnecco) eines Tages in seinem Büro auftaucht und ihn um seine Expertise bei der Kampagne gegen Pinochet bittet, willigt Saavedra zuerst nur widerwillig ein, dem Bündnis beratend zur Seite zu stehen. Im Laufe der Zeit erkennt er jedoch zunehmend das Ausmaß staatlicher Willkür, sodass er schließlich zum überzeugten kreativen Kopf hinter der Kampagne aufsteigt. Eine Entscheidung, die ihn sowohl beruflich wie privat in immer größere Gefahren bringt und welche die vermeintliche Sicherheit des Systems Pinochet letztendlich als Schimäre entlarvt.

Die Wandlung der Figur entwickelt Larraín dabei sorgfältig aus der Handlung heraus, ohne sie dem Publikum in peinlichen Dialogen zu erklären. Der Verzicht des Drehbuchs, die Motive und Regungen des Protagonisten deutlich zu artikulieren, bedeutet dabei für den Kinobesucher zunächst eine Enttäuschung klassischer Erwartungshaltungen an die Erzählung. Dies trägt aber dazu bei, sich umso intensiver selbst mit der ambivalenten Figur des Werbefachmanns Saavedra auseinanderzusetzen. In diesem Sinne kann gerade der Bruch mit den narrativen Konventionen des Erzählkinos als eine Stärke des Films angesehen werden. Nur sporadisch und versteckt gibt das Drehbuch Hinweise auf die Vergangenheit Saavedras, die Erklärungen für sein Verhalten liefern. Etwa die Andeutungen Urrutias, die darauf schließen lassen, dass es sich bei seinem Vater um einen von Pinochet ermordeten Oppositionellen gehandelt haben könnte. Dass die Figur den Film dennoch zu jeder Zeit trägt, ist der beeindruckenden schauspielerischen Leistung Bernals zu verdanken. Bernal wirkt reifer und ernster, als wir ihn bisher gesehen haben. Er verkörpert den brillanten Werbefachmann, der doch selbst so undurchsichtig und geheimnisvoll erscheint, mit Bravour. In seinem Gesicht lesen wir die stille Trauer, die Furcht und schließlich die Wut, die unter der stillen Oberfläche brodeln, wie in einem offenen Buch.

Dennoch bleibt der heimliche Star des Films das originale Kampagnenmaterial, das in mühseliger Recherchearbeit in den Archiven des ehemaligen staatlichen Fernsehsenders für den Film zusammengetragen und großzügig integriert wurde. Da Larraín den Film durchgängig mit Umatic-Kameras aus der Entstehungszeit der Kampagnen drehte, ist ein ästhetischer Bruch zwischen Originalmaterial und neuen Filmszenen nicht zu erkennen. Selten hat ein Film über die 1980er-Jahre so authentisch gewirkt wie „¡NO!“. Indem der Regisseur dem Erzählen des Produktionsprozesses der Werbekampagnen innerhalb seines Filmes einen breiten Raum einräumt, funktioniert „¡NO!“ nicht nur als Aufarbeitungsversuch der Pinochet-Diktatur, sondern auch als Verbeugung vor der Werbeästhetik der 80er-Jahre, die er in ihrer speziellen Funktionslogik genüsslich seziert.



„¡NO!“ läuft in den deutschen Kinos am 07. März 2013 an.
Oscar-Nominierung für den besten fremdsprachigen Film 2013.

Chile 2012, Spielfilm, 118 Minuten

Verleih: Piffl Medien

Mit: Gael Garcia Bernal, Alfredo Castro, Luis Gnecco. Antonia Zegers

Regie: Pablo Larraín, Buch: Pedro Peirano nach dem Theaterstück “Referendum” von Antonio Skarmeta, Kamera: Sergio Armstrong, Schnitt: Andrea Chignoli, Musik: Carlos Cabezas, Produzenten: Juan de Dios Larraín, Daniel Marc Dreifuss

Bildnachweis/Copyright für Header und Galerie: Piffl Medien
 

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