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Film

„Waves” – Trey Edward Shults’ Opulenz der Emotionen

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Donnerstag, den 26. März 2020 um 08:10 Uhr
Waves

„Waves” ist ein visuell waghalsiger Kraftakt, überwältigend, mitreißend, voller Zärtlichkeit, trügerischer Hoffnungen und zerborstener Träume. US-Regisseur Trey Edward Shults demontiert kühn das Konzept der Heldensagas Hollywoods: Er inszeniert sein vor Energie pulsierendes Melodram über zwei afroamerikanische Teenager als Spirale des Scheiterns und Lovestory des stillen Widerstands.
Metaphysische Sinnsuche zwischen wummernden Pop-Songs unter der flirrenden Sonne Floridas, die Kamera zieht in Höchstgeschwindigkeit ihre Kreise. Manche Filmkritiker fühlen sich an Terrence Malick erinnert, aber „Waves” ist genau das Gegenteil. Zwar hat Shults in dem Team des legendären Regisseurs gearbeitet, doch was er von dem Meister lernte, war eine eigene, unverwechselbare Sprache zu entwickeln.

Wieder steht die Familie im Zentrum von Shults’ Film. Sie ist Konflikt, Tatort, Abgrund und Hoffnung, ob im Arthaus-Epos „Krisha” (2016) oder dem Endzeit-Thriller „It Comes at Night” (2018), unabhängig von Genre und Thema: Pestausbruch oder Thanksgiving Dinner, die Eskalation Richtung Katastrophe scheint vorprogrammiert. Und so verblüfft im ersten Moment die unbändige Lebenslust, das Glücksgefühl, was uns „Waves” vermittelt, wenn auch Gefahr unterschwellig immer präsent ist. Der 18jährige Tyler (Kelvin Harrison Jr.) saust im protzigen SUV die Küstenstraße entlang, ein Bein aus dem Fenster hängend, neben sich Freundin Alexia (Alexa Demie). Er ist der Star des Wrestling Teams an der High-School, sie Cheerleader. Das Lachen jenes Jungen mit dem blondgefärbten kurzen Haar ist unwiderstehlich, signalisiert Rebellion, Selbstverliebtheit, maskulinen Stolz. Doch wenn er auf seinem Vater trifft daheim, verschwindet das Lachen, verwandelt sich in muffige Bockigkeit. Der Patriarch (Sterling K. Brown), mittelständischer Bauunternehmer, dringt auf Disziplin. Erfolg hat für den Afroamerikaner einen besonderen Wert, der eigene wie auch der seines Sohnes. Mittelmäßigkeit sei ein Luxus, den Schwarze sich nicht leisten können, ist seine unumstößliche Überzeugung. Er selbst hat hart für Wohlstand und sozialen Status arbeiten müssen, und so drängt er nun den Jungen unnachgiebig zu höheren Leistungen, es geht um die alles entscheidende Meisterschaft und ein Stipendium an der Uni.

Die scheue jüngere Schwester Emily (phantastisch Taylor Russell) verschwindet völlig im Schatten des Bruders, es ist, als hätte der Vater sie vergessen. Der Regisseur greift nur einzelne Szenen heraus, das Alltägliche fühlt sich bei ihm wie ein Ausnahmezustand an, er zeigt Liebe in ihren verschiedensten Formen, wie sie Menschen auseinandertreibt oder zusammenführt. Das Schuld- und Sühnedrama in grellen Neonfarben kann seinen Touch Telenovela nicht verleugnen, Shults benutzt Kitsch als Verfremdungseffekt. „Waves” ist ein zutiefst persönliches kompromissloses Statement von drastischer Unmittelbarkeit, fast bombastischem Gefühlsüberschwang. Die Jump Cuts von Isaac Hagy heben die festgefügte Welt aus den Angeln, der amerikanische Traum ist längst brüchig. Trent Reznor und Atticus Ross mischen ihre eigenen Kompositionen mit Hits wie „IFHY” von US-Rapper Tyler the Creator oder „True Love Waits” von der britischen Rockband Radiohead. Diese Songs sind kein behutsamer Subtext, sondern drängen uns ihre Message auf. Grandios und unberechenbar die Bilder von Kameramann Drew Daniels, sie entwickeln einen hypnotischen Sog, ob Party Exzess oder Polizei Einsatz, alles ist in Bewegung, die Lust am Inszenieren kennt keine Grenzen genau wie die Überheblichkeit des vollgedröhnten jugendlichen Helden.

Tyler verletzt sich an der Schulter, das Pausieren bedeutet für ihn die Hölle, er kennt nur ein Ziel, die Meisterschaften, sein Selbstverständnis lässt keine Alternative gelten außer dem Sieg. Die toxische Männlichkeit und der frühe Ruhm werden unbemerkt zur Obsession, zerstören ihn, keiner greift ein, hilft. Der Arzt warnt vor den Risiken, empfiehlt eine Operation, doch Tyler trainiert bald wieder, schluckt Schmerzmittel, immer mehr und immer stärkere, am Ende ist er süchtig. Der Youngster kann seine Aggressionen nicht kontrollieren, es kommt zum Streit mit der Freundin, die Katastrophe ist unabwendbar. Nichts hatte Tyler auf den Umgang mit Krisen oder Misserfolg vorbereitet. Shults wechselt Perspektive und Protagonist. Die Idee stammt aus Wong Kar-Wais Klassiker „Chungking Express”, das verschweigt der Regisseur auch nicht, und so tritt Emily aus dem Schatten des Bruders heraus. Ihr Traum ist um vieles bescheidener und doch kaum zu verwirklichen, sie wünscht sich eine intakte Familie. Die Tat von Tyler hat ihr emotionales Universum aufgelöst: Die Schicksale sind miteinander verzahnt auch wenn die Beziehungen selbst drohen sich auflösen, wäre da nicht die geduldige Stiefmutter der Geschwister.

Erlösung wie auch Trost aber scheinen unmöglich. „Die Welt kümmert sich weder um Dich. Noch um mich”, schärfte der Vater seinem Sohn ein. Im zweiten Teil von „Waves” tritt Shults den Gegenbeweis an. Emily löst sich aus ihrer Isolation, verliebt sich in ihren Mitschüler Luke (Lucas Hedges). Noch fürchtet sie Nähe, jede Art von Verlust, ist misstrauisch, aber sie leistet der Angst Widerstand, bleibt sich treu. Waren bei Tyler die Emotionen dramatisch explosiv, ohne sich wirklich zu bewähren, gehen Luke und Emily sanfter miteinander um, romantische Ausflüge, märchenhafte Location, die beiden toben ausgelassen mit Seekühen im Wasser, doch ihre Zärtlichkeit hat etwas in sich Ruhendes, ist die von Seelenverwandten. Die Geschwister könnten nicht gegensätzlicher sein, nur vielleicht wurden sie als Kinder schon in ihre Rollen gedrängt. Wenn wir Tyler beobachten beim Klavierspielen, das ist ein ganz anderer Junge, sensibel, künstlerisch begabt. Nur eine Momentaufnahme, aber sie macht uns klar, die frühe Fokussierung auf Sportler-Karriere, Sieg und Ruhm beinhaltete für ihn den Verlust eines erfüllten Lebens. Mittelmäßigkeit ist ein Privileg, das wir oft unterschätzen, es garantiert auch Freiheiten, eröffnet uns ungeahnte Möglichkeiten. „What a Difference a Day Makes”, der Regisseur wiederholt Songs und Schlüsselerlebnisse aus anderer Perspektive. Die Vergangenheit lässt Luke und Emily nicht los. Sie sind mutig, stellen sich ihren Dämonen, nehmen die Verletzungen der Kindheit als Herausforderung. Das mag schrecklich kitschig klingen, ist es aber nicht. Für solche Gedanken bleibt gar keine Zeit, die Opulenz der Emotionen überrollt uns, und man sollte sie genießen, diese Lovestory des stillen Widerstands.

Die Werke von Terrence Malick sind im Gegensatz zu Shults’ Filmen elegische kunstvolle Expeditionen wie „Knight of Cups” (2015), stilistisch die radikale Zuspitzung von „The Tree of Life” (2011) und „To the Wonder” (2012). Schauplatz Los Angeles nach einem Erdbeben, gleitende, taumelnde Bilder, ständig wechselnde Eindrücke, alles zerfällt in Fragmente, schreit nach Erlösung. Die Dialoge des Protagonisten Rick (Christian Bale) bleiben reduziert minimalistisch: Seine Worte entbehren bewusst jeder Verführung. Gedanken, Gefühle, Reflexionen kommen aus dem Off: Der ‚stream of consciousness’, jene radikale Erzähltechnik, die Leo Tolstoi für seinen Roman „Anna Karenina” erfand, beherrscht Terrence Malick mit einer Bravour wie kaum ein anderer. Die Kompositionen von Pärt, Chopin, Debussy, Grieg, Corelli werden unverzichtbarer Teil der spirituellen Sinnsuche. Rick, Drehbuchautor und melancholischer Abenteurer rast mit seinem Cabriolet über den Interstate 405. Den Ansturm der Eindrücke muss der Zuschauer nicht analysieren, er sollte sich unbedenklich treiben lassen genau wie der Protagonist. In seiner Dokumentation „Visions of Light” sagte Regisseur Martin Scorsese über Malicks Drama „In der Glut des Südens” (1979), man könne jedes Einzelbild dieses Films vergrößern und als Gemälde in einem Museum ausstellen. Hier fegt die Kamera hinweg über platzenden Asphalt, erhabene Schönheit entsteht dort, wo am wenigstens vermutet: im Entsetzlichen. Die Erde vertrocknet, bricht auf. Ein Parkhaus bei Nacht erstrahlt in gleißend weißem Licht wie eine überirdische Offenbarung und entlarvt sich noch im selben Moment als Schrein des Konsums. Wo Palmen sind, suggeriert die Stimme im Off, ist alles möglich. Obdachlose auf den Straßen: sie schleppen sich ab mit der Bürde ihrer Habe, die schwer wiegt und doch nur ihnen etwas bedeutet. Das Fragmentarische ist mehr Leitmotiv als Stilelement. Metapher für Schicksal, göttliche Strafe oder Vorbote der Apokalypse.

„Waves” ist nicht manieriert, weniger metaphysisch überfrachtet als Malicks Dramen, wahrlich kein Meisterwerk aber Shults vermittelt jugendlichen Ungestüm und jugendliche Trauer mit verstörender wie berührender Direktheit, Vergebung per SMS. Ein Film ohne jede ironische Distanz zu den Protagonisten, wir tauchen ein in ihr Innerstes ohne Wenn und Aber.


Originaltitel: „Waves”

Regie und Drehbuch: Trey Edward Shults
Darsteller: Kelvin Harrison Jr., Sterling K. Brown, Lucas Hedges, Taylor Russell, Alexa Demie, Renée Elise Goldsberry
Produktionsland: USA, 2019
Filmlänge: 135 Minuten
Kinostart: verschoben, (ursprünglich 19.3.2020)
Verleih: Universal Pictures International Germany GmbH

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright Universal Pictures International Germany GmbH

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