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Film

„Emma.” Autumn de Wilde und die pastellfarbene Einsamkeit

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Donnerstag, den 05. März 2020 um 10:16 Uhr
Emma

Mit „Emma.” kreiert Regisseurin Autumn de Wilde, bekannt durch Musikvideos für Künstler wie Florence + the Machine, einen wundervollen visuellen Kosmos, der in seiner ironischen bizarren Eindringlichkeit an Wes Anderson erinnert.
Die US-amerikanische Filmemacherin und ihre neuseeländische Drehbuchautorin Eleanor Catton behalten die altmodisch geschliffenen Dialoge des Romans von Jane Austen bei, aber sie eröffnen völlig neue Perspektiven auf die umschwärmte Anti-Heldin. Irgendwo steckt in uns allen etwas von Emmas boshafter Arroganz, -davon ist de Wilde überzeugt. Die romantische Komödie mutiert zum schillernden Psychogramm der Widersprüche. Ein exquisit choreographierter Satire-Mix aus Slapstick, Leidenschaft, Pathos und Tragik.

England, Anfang des 19. Jahrhunderts: Die junge verwöhnte Emma Woodhouse (hinreißend Anya Taylor-Joy) ist eine vielversprechende Partie, schön, gebildet, reich und der Mittelpunkt von Hilburys besserer Gesellschaft. Niemand in der kleinen verschlafenen Ortschaft hat eine höhere Meinung von ihrem Charme, Stil, Witz und Klavierspiel als sie selbst. Seit der Hochzeit ihrer Gouvernante fühlt sich Emma ein wenig verloren auf dem prächtigen Landsitz. Der verwitwete Vater (exzellent Bill Nighy) lebt in ständiger Angst vor Zugluft und Kälte, natürlich verspricht die Tochter, ihn nie zu verlassen, begegnet eh jedem Kavalier abweisend,

Die eigenwillige Protagonistin fühlt sich stattdessen zur Ehestifterin berufen. Harriet Smith (Mia Goth) wird als Schützling auserkoren, Waise, sanftmütig und unendlich dankbar für so viel Aufmerksamkeit. Das unbedarfte Mädchen folgt verwirrt und brav jedem Ratschlag der kapriziösen Freundin, lehnt traurig den Antrag des Mannes ab, den sie liebt, weil Emma sich für den Vikar der Gemeinde als Harriets Gatten entschieden hat. Nur dessen Interesse gilt allein der verführerischen Heiratsvermittlerin. Im Laufe eines Jahres gelingt es Emma mit ihrer Selbstherrlichkeit, fast alle zu brüskieren. Der Einzige, der wagt, sie mit der Wahrheit zu konfrontieren, ist der Nachbarssohn und Freund seit Kindertagen, jener bezaubernde Mr. George Knightley (Johnny Flynn). Er ist 37 Jahre alt, sehr wohlhabend und erobert nicht nur unsere Herzen im Sturm.

Veröffentlicht Ende Dezember 1815, war „Emma” der vierte Roman von Jane Austen und der letzte, der zu ihren Lebzeiten erscheinen sollte. Die Schriftstellerin konnte sich nicht vorstellen, dass außer ihr selbst jemand diese Protagonistin mögen würde. In dem Punkt irrte sie. Generationen von Lesern bis zum heutigen Tag verfallen jener unberechenbaren jungen Dame. Mitte der Neunziger verfilmte Regisseurin Amy Heckerling sie in „Clueless” als Minirock tragende Highschool Queen Cher Horowitz (Alicia Silverstone), Douglas MacGrath inszenierte mit Gwyneth Paltrow in der Hauptrolle 1996 eine etwas süßliche traditionelle Version. Süßlich, das sind bei Autumn de Wilde nur die kunstvoll arrangierten Patisserien, welche eine wohl erzogene Lady nicht anrührt. Als Harriet in ihrer Unwissenheit herzhaft hineinbeißen will, reagiert die Freundin mit Entsetzen.

„Eine der größten Liebesgeschichten in diesem Film findet zwischen Emma und Harriet statt, die zu besten Freundinnen werden,” sagt Regisseurin de Wilde. „Freundschaften zwischen Frauen stehen viel zu selten im Fokus, die Art von Obsession und leidenschaftlicher Liebe, die sie für ihre erste wirklich beste Freundin empfinden können.” Was ist intimer, existenzieller und prägender als jene Lovestory, der wir uns als solcher gar nicht bewusst werden. Die gemeinsamen Erlebnisse entscheiden über das Vertrauen in die Zukunft, über unser Selbstbild. Für Emma war ihre Gouvernante bis dahin Mutter, Schwester, Lehrerin und Freundin in einer Person. Die nun frisch vermählte Mrs. Weston kannte die Eigenheiten ihrer Schutzbefohlenen, ließ ihr alle Freiheiten, aber nahm sie an der Hand, wenn nötig. Plötzlich ist da eine Leere, Langweile wird zur bedrohlichen Sinnkrise im Überfluss. Die innere Unsicherheit bleibt verborgen hinter steifer Etikette und entzückenden Roben.

Mit 21 Jahren hatte Emma nie wirklich eine Freundin, die keine bezahlte Begleiterin war. Emotional ist sie nach Ansicht von de Wilde noch ein Highschool Teenager: „Sie sucht sich Harriet aus den falschen Gründen als Freundin aus, begreift dann aber, dass sie ohne sie nicht mehr leben kann.” „Unsere werte Dame ist privilegiert, gutaussehend, clever, reich und sie weiß es”, beschreibt Anya Taylor-Joy ihre Figur. „Sie hat noch nie ein Nein gehört und ist sehr verwöhnt. Alles ist ihr Puppenhaus, und indem sie sämtlichen Strippen zieht, zwingt sie die Leute zu tun, was sie will. Doch wehe, jemand stellt sich ihr entgegen. Manchmal realisiert sie nicht einmal, dass sie grausam ist”, so die Schauspielerin. „Andere Male handelt sie aus Eifersucht oder aus ihrem sehr schnell verletzten Stolz heraus, und damit kann sie nicht umgehen.” Emma ist unfähig, ihre Impulse zu kontrollieren. Scham oder Gewissensbissen machen sie aggressiv. Mr. Woodhouse lässt der Tochter alles durchgehen, die beiden tolerieren ihre gegenseitigen Schwächen. Er fürchtet den Tod, sie die Liebe.

Das opulente Dekor ist Spiegel der gesellschaftlichen Zwänge und wird so Teil der Handlung und Gradmesser der Emotionen. Mit Farben demonstrierte man in jener Epoche Reichtum und Status. Inspiration für de Wilde waren die historischen Modeillustrationen wie auch der Esprit georgianischer Karikaturen. Sie überspitzt ästhetisch virtuos die Farbenfülle, ein Regenbogen aus Pastell, hellem Gelb, Orange, Pink und Blau, modisch der letzte Schrei damals. Jeder Raum hat seine eigene Identität, wird zum Tatort verkannter Leidenschaften. Blumenmuster überall, sie helfen den Überblick über die Jahreszeiten zu behalten. Jedes Gewand, jede Frisur, jede Patisserie scheint ein fein ziseliertes Kunstwerk, um uns die Klassenunterschiede nicht vergessen zu lassen. Die Gebräuche und Anstandsregeln des 19. Jahrhunderts studierte ein Coach mit den Schauspielern ein, bis sie vor Drehbeginn in Fleisch und Blut übergegangen waren. „Ich hatte keinerlei Interesse daran, die Bewegungsabläufe zu modernisieren”, erklärt die Regisseurin. „Es hat einen gewissen Sexappeal, wie wenig diese Menschen einander damals anfassen durften. Wenn Emma und Knightley sich das erste Mal mit den Händen berühren, sollte das für Knistern sorgen.” Und so entsteht eine Screwball-Komödie, die trotz aller Verfremdung und Überhöhung in der Realität verankert ist.

Von Anfang an stand für die Regisseurin fest, Isobel Waller-Bridges menuettartiger Soundtrack sollte niemals in den Hintergrund treten, sondern eine Präsenz besitzen, als würde der Dirigent in Echtzeit auf das Geschehen reagieren ähnlich Prokofjews’ sinfonischem Musikmärchen „Peter und der Wolf”. Jede Figur wird von einem Instrument thematisiert, Emma von der Harfe, Mr. Knightley vom Horn, Harriet von der Fidel. De Wilde inszeniert alle ihre Szenengleich einem Tanz, der Film entwickelt so jenen unvergleichlichen Rhythmus. „Emma.” zeigt, wie Menschen wirklich fühlen, trotz der Art und Weise, wie sie sich verhalten in der Öffentlichkeit. Die förmliche klassische Musik steht für Etikette, Bälle und pompöse Dinner, eine Gesellschaft mit streng vorgeschriebenen Verhaltensregeln, doch dann zerbrechen die Melodien in etwas viel Bodenständigeres, vom traditionellen Folk Inspiriertes. Der irische und schottische Folk symbolisiert jene Herzlichkeit, die der Protagonistin anfangs völlig fehlt. Emma ist nicht wirklich boshaft, nur unendlich einsam. Sie möchte aber um jeden Preis gebraucht werden. Emotionen offen äußern war ein Tabu. Die Komik in dem passiv-aggressiven Verhalten, das der Druck der Höflichkeit verursachen kann, schafft „eine nicht enden wollende Inspirationsquelle des Slapsticks”, sagt die Regisseurin. „Jane Austen war eine geniale Satirikerin des Kleinstadtlebens im 19. Jahrhunderts, was auf Grund ihres grandiosen Talents, beispiellose Geschichten von Liebe und Sehnsucht miteinander zu verweben, manchmal übersehen wird.”

Als Rockfotografin hatte Autumn de Wilde gelernt, in einer einzigen Aufnahme das Essenzielle zu porträtieren. Die Prada Werbespots „The Postman Dreams” ließen ahnen, welch Gespür sie in ihrem Spielfilmdebüt für die Schrulligkeit der Regency Ära entwickeln würde. De Wilde genoss dankbar die Freiheit, ihre Protagonistin ausreichend unsympathisch darstellen zu dürfen. Denn genau aus diesem Grund berührt uns die Beziehung zwischen Mr. Knightley und Emma, er durchschaut sie, aber lässt ihr die Herzlosigkeit nicht durchgehen, wir wundern uns über seine Geduld, und über unsere eigene, dass wir dem kapriziösen fragilen Geschöpf nicht widerstehen können. Vielleicht weil es uns ähnelt, zugeben werden wir es nicht. Eine Traumrolle für die argentisch-britische Schauspielerin Anya Taylor-Joy („Vollblüter”), in ihrem Gesicht spiegeln sich die widersprüchlichen Gefühle, Unsicherheit, Überheblichkeit und eine Sehnsucht, die sie sich nicht eingestehen will.


Originaltitel: Emma

Regie: Autumn de Wilde
Drehbuch: Eleanor Catton
Darsteller: Anya Taylor-Joy, Bill Nighy, Johnny Flynn, Mia Goth, Callum Turner, Josh O’Connor, Gemma Whelan
Produktionsland: Großbritannien, 2019
Filmlänge: 122 Minuten
Verleih: Universal Pictures International Germany GmbH

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright Universal Pictures International Germany GmbH

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