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Film

„The Gentlemen”. Guy Ritchie und die Akribie des Skurrilen

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Donnerstag, den 20. Februar 2020 um 09:38 Uhr
The Gentlemen

Mit „The Gentlemen”, einem raffiniert schrägen Film-im-Film kehrt Guy Ritchie zurück zu seinen Wurzeln: Absurde, herrlich bösartige Gangsterkomödien wie „Snatch” und “Bube, Dame, König, grAs” hatten den rebellischen Tausendsassa einst berühmt gemacht.
Der Regisseur aus Hatfield galt als britischer Tarantino. Mit seinen brillant bizarren, voluminösen Wortgefechten, ob im Cockney Slang oder selbstgefälliger Upper Class Tonart, stellt er nun wieder die Verbrecher-Welt auf den Kopf. Voller Nostalgie schwelgt Ritchie in den Referenzen der eigenen Werke und teilt gehässige Seitenhiebe an die Kollegen aus. Er weiß, seine Kunst der Verfremdung, der lakonisch doppelbödige schwarze Humor, hat sich längst zum unverwechselbaren eigenständigen Gangster-Genre entwickelt.

Mit bewundernswertem Geschick ist es Mickey Pearson (Matthew McConaughey) gelungen, über die Jahre ein wohl florierendes Marihuana-Imperium in London aufzubauen, das feinsten Stoff nach ganz Europa exportiert. Aber der geschäftstüchtige Amerikaner will aussteigen, endlich mehr Zeit seiner Ehefrau Rosalind (Michelle Dockery) widmen. Und er will von nun an höchst legal das Leben in der illustren britischen Oberschicht genießen. Die Hanfplantagen sind versteckt in technisch hochgerüsteten Bunkern auf den Gütern des Landadels, der unter chronischem Geldmangel leidet und zusätzliche Einkünfte zu schätzen weiß. Ein perfekter Käufer für das Unternehmen scheint der exzentrische Milliardär Matthew Berger (Jeremy Strong). Noch zögert er und verlangt Garantien. Doch genau in dem Moment tauchen die Klein- und Großkriminellen der multikulturellen Metropole auf, sie wittern ihre Chance. Der Konkurrenzkampf wird unerbittlich: Erpressung, Täuschung, kein Trick ist den Rabauken zu schmutzig, es fliegen die Fetzen.

Welch seltsam anmutendes Spektakel in Zeiten von #MeToo, ein Film von Männern über Männer, Frauen sind eine fast unsichtbare Minderheit. Wenn auch die einzige Person, die bis zum Schluss cool bleibt, Gattin Rosalind ist, sie betreibt eine eigene edle Autowerkstatt und behält immer den Durchblick. Die kultivierte kühle Lady weiß nicht nur, sich mit besonderer Eleganz auf High Heels zu bewegen, sondern auch unter den Toffs –, jene eher unfreundliche Bezeichnung für die feinere englische Gesellschaft. Mickey kommt aus ärmlichen Verhältnissen in den USA, aber dank des Stipendiums auf einer britischen Elite-Uni bekam er den notwendigen Schliff für eine Gangsterkarriere auf internationalem Niveau. Ästhetisch frappierend seziert Guy Ritchie unsere Demokratien. Was alle verbindet quer durch die Schichten und Nationalitäten hindurch, ist die Gier nach Geld und damit notwendige Skrupellosigkeit. Beneidenswert harmonisch wirkt dagegen die Partnerschaft der Pearsons, ironische Anspielung des Regisseurs auf seine turbulente Ehe mit Madonna? Permanent wird die Fiktion virtuos gegen die Realität ausgespielt.

Manche der Akteure verkörpern für sie höchst untypische Charaktere, was dem Gerangel um Macht, Moral und Vergeltung eine besondere Komik gibt. Die Aversion von Hugh Grant („About a Boy”, „Notting Hill”) gegen die britische Boulevardpresse ist allgemein bekannt, wie andere Prominente war er Opfer geworden der Abhörpraktiken und illegalen Recherchemethoden des Tabloids „News of the World”, ein Blatt des Murdoch Konzerns. Vor Gericht setzte sich Grant vehement für verschärfte Kontrolle der Medien ein. Hier in „The Gentlemen” spielt er den zwielichtigen Privatermittler und Möchte-Gern-Drehbuchautor Fletcher. Er ist der Erzähler und kreative Kopf des actionreichen Gaunerstücks. Sein Besuch bei Mickys rechter Hand, Ray (Charlie Hunnam), könnte kaum weniger willkommen sein. Ray soll dem Boss den gröbsten Ärger vom Hals halten, doch der schmierige korrupte Schnüffler droht charmant und unverhohlen frech. Er ist im Auftrag eines rachsüchtigen Verlegers unterwegs auf der Suche nach den schmutzigen Machenschaften von Mickey Pearson, der Drogenbaron hatte es gewagt beim festlichen Dinner jenen Herren von der Presse, den Handschlag zu verweigern. Und so fabuliert Fletcher fröhlich unverschämt vor sich hin über die unterirdischen Hanffelder und seine künstlerischen Ziele, er blufft, lockt mit falschen Fährten, überrumpelt seine Gegenüber. Der pointenreiche hinterlistige Schlagabtausch zwischen den beiden gegensätzlichen Männern zieht sich wie ein roter Faden durch das Leinwand-Epos.

Ritchie hatte die Idee für den Film bereits vor zehn Jahren, ihn fasziniert es, die widersprüchlichen Elemente im englischen wie amerikanischen Klassensystem zu erkunden. Seine Protagonisten haben ein Alter erreicht, wo sie von der Finesse der Oberschicht geradezu magnetisch angezogen werden, obwohl sie sich immer noch in kriminellen Untiefen bewegen. Abgebrühte Gangster, die nun zwischen zwei Welten gefangen sind, ihre Sehnsüchte lassen sich nicht in Einklang bringen mit dem Geschäft. Der Titel „The Gentlemen” bezieht sich auf die Ambitionen der Anti-Helden, aber der Regisseur gibt zu, dass „sich nicht viele echte Gentlemen in dieser Gleichung befinden.” Die Marihuana-Industrie nennt er den neuen Goldrausch: „Das Produkt wird als relativ harmlos eingestuft und als nicht zu anstößig.” Doch ein Deal über 400 Millionen Pfund, der verwandelt alle in gierige Raubtiere, ob russischen Oligarchen-Nachwuchs, Triaden Boss Lord George oder den durchgeknallten Dry Eye. „Es gibt nur eine Regel in diesem Dschungel, wenn der Löwe Hunger hat, dann frisst er.”

Guy Ritchie selber präsentiert sich nach „Aladdin” und „König Arthur” moderater, seine Action Choreographie ist weniger rüde ruppig, er verzichtet auf die üblichen Kamera Kapriolen von früher, karikiert dagegen bewusst Rassismus, politische Unkorrektheit und den giftigen männlichen Größenwahn. Nicht jeden mag das überzeugen, die Kritiker werden misstrauischer, eine rassistische Bemerkung bleibt rassistisch für sie. Die verschachtelte Story strotzt vor Twists, seltsamen Anekdoten, verschrobenen Typen, am Ende mutiert das Schurken-Epos zur beinah ernsten Gesellschaftsparabel. Die Skurrilität liegt bei Guy Ritchie im Inszenierungsstil aber auch in jedem Detail, das drohende Klirren der Eiswürfel im Whiskyglas lässt uns erschauern, ein Solei wird Auftakt zum vermeintlich tödlichen Schuss, die menschliche Unzulänglichkeit ist nirgendwo so stylish und bizarr wie bei dem Mastermind von „Snatch- Schweine und Diamanten”.


Originaltitel: The Gentlemen

Regie & Drehbuch: Guy Ritchie
Darsteller: Matthew McConaughey, Charlie Hunnam, Hugh Grant, Colin Farrell, Michelle Dockery
Länge: 107 Minuten
Produktionsland: USA, 2020
Kinostart: 27. Februar 2020
Verleih: LEONINE

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright LEONINE

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