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Film

„Bombshell”- Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo

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Donnerstag, den 13. Februar 2020 um 09:08 Uhr
Bombshell

In „Bombshell - Das Ende des Schweigens” rekonstruiert Regisseur Jay Roach den Missbrauchsskandal beim rechtskonservativen US-Sender Fox News. Ein brisantes Thema, eine hochkarätige Besetzung und doch kann der Film nicht wirklich überzeugen, ihm fehlt es an Schärfe, Konsequenz, er bleibt ein smartes Hollywood-Hybrid aus Biopic und Soap, will seine Heldinnen nicht brüskieren.
Die sexuellen Übergriffe des machtgierigen Medienmanagers, Roger Ailes, sorgten 2016 weltweit für Schlagzeilen. Aber mit ihm plötzlich als Person auf der Leinwand konfrontiert zu werden, lässt den Zuschauer erst das volle Ausmaß von Ohnmacht, Wut, Angst, Ekel und Verzweiflung der Frauen begreifen. Welchen ungeheuren Mut brauchte es, sich gegen den einflussreichsten Medienkonzern des Landes aufzulehnen.

Megyn Kelly (grandios Charlize Theron) ist das Aushängeschild von Fox News: blond, attraktiv, sexy. Schöne Beine sind beim Nachrichtensender gefragter als investigativer Journalismus und unbequeme Fragen. Als sich die Starmoderatorin vor laufenden Kameras mit Präsidentschaftsbewerber Donald Trump anlegt, ihn auf seine frauenfeindlichen Äußerungen anspricht, hat sie keine Rückendeckung von oben zu erwarten: Senderchef Roger Ailes (John Lithogow) ist mit Trump befreundet, außerdem beschert der Krawallkandidat Fox News Topquoten- so auch mit seiner sexistischen Twitter-Kampagne gegen Megyn. Ihre gestandene Kollegin Gretchen Carlson (Nicole Kidman) weigert sich, noch länger die „TV-Barbie“ zu geben. Daraufhin wird ihr Vertrag „wegen enttäuschender Einschaltquoten“ nicht verlängert- während die ehrgeizige junge Redakteurin Kayla Pospisil (Margot Robbie) nach einem Meeting hinter Roger Ailes' verschlossener Bürotür aufsteigt.

Loyalität verlangt der übergewichtige 76jährige Pascha auf dem Sofa von der verschüchterten Kayla. Seine Karriere ist beeindruckend, er war Medienberater der republikanischen Präsidenten Richard Nixon, Ronald Reagan und George H. W. Bush, auch dank ihm hat Rupert Murdochs Unternehmen im letzten Jahr 15 Milliarden Gewinn eingefahren. Was mag einer wie er mit Loyalität meinen? Nach all den Mafia Filmen macht der Begriff unwillkürlich misstrauisch, zu Recht. „Fernsehen ist ein visuelles Medium,” erklärt Ailes der hübschen Blonden, die ihm versichert, sie wäre perfekt für den Sender, könnte Phänomenales leisten. Kayla soll aufstehen, sich drehen, den Rock heben, höher, höher, bis der Slip zu sehen ist. Draußen schützt eine ältere verlässliche Assistentin Ailes vor ungebetenen Eindringlingen. Er hat durchaus Mitwisser, aber in der Redaktion von Fox News werden Frauen notgedrungen zu Komplizinnen, scheinen Männer die Überzeugung zu teilen, ein Blowjob beim Chef gehöre zum Berufsbild einer Journalistin, eben Beweis von Loyalität. Die Atmosphäre und Art der Kommunikation in Büros wie auch Aufnahmestudios ist sexistisch, feindlich gegenüber jeder Minderheit, ob Homosexuelle, Schwarze oder Muslime. Permanente verbale Abgrenzung vom politischen Gegner („Sushi, ein Essen für Liberale”) verstärkt das Gemeinschaftsgefühl. Die verächtlichen Sprüche sorgen im Publikum für gelegentliche unfreiwillige Lacher,

Regisseur Jay Roach und Drehbuchautor Charles Randolph versuchen sich an Komik ähnlich dem erprobten fetzigen Satire-Stil von „The Big Short” oder „Vice- Der Zweite Mann”. In diesem Kontext wirkt das seltsam deplaziert, eigentlich überflüssig, haben der Sender und auch Donald Trump doch schon längst ihren ureigenen boshaften Humor etabliert, der als Zitate weltweit durch die Medien geistert. „Bombshell” will mehr sein als ein Blick hinter die Kulissen von Fox News, es entwickelt sich zum verstörenden Porträt der US-amerikanischen Gesellschaft. Kayla ist im Gegensatz zu Megyn und Gretchen eine fiktive Figur, steht für verschiedene Moderatorinnen, erzkonservativ, streng religiös erzogen. Nach dem cholerischen Ausbruch von Ailes dreht sie fast durch, Fox News verkörpert für die Kleine das ersehnte Paradies. Sie ist noch ein unbedarftes quietschendes Ding, das verschreckt ohne Unterlass plappert: „Oh mein Gott! Ich darf nicht gefeuert werden. Das ist der einzige Job, den ich je haben wollte! Ich will nicht nur beim Fernsehen arbeiten, sondern bei Fox!! Meine Familie sieht jeden Tag, jeden Feiertag- also besonders an Feiertagen- sehen wir Fox News! Wir sind süchtig danach. Fox ist unsere Religion!” „Kayla, du wirst nicht gefeuert,” beruhigt die Kollegin sie. „Er kann seinen Zorn nicht zügeln. Er ist ein Perpetuum Mobile der Empörung. Deswegen lieben ihn die Spinner- nichts gegen deine Familie.” Papiertaschentücher werden gereicht: „Kein Geheule bei Fox.”

Als Gretchen Carlson gefeuert wird, reicht sie Klage ein, Roger Ailes soll die Moderatorin Jahre hindurch sexuell belästigt haben. Einer seiner Lieblingssprüche: „If you want to get ahead, give a little head“. Besser nicht übersetzen, aber ausgespart wird dergleichen nicht, Ekel ist hier Identifikation mit den Betroffenen. Obwohl, genau mit denen haben manche KritikerInnen Probleme, denn Gretchen und Megyn haben Fox News zu dessen Ruhm verholfen, machten toxische Polemik für Männer attraktiv und für Frauen glaubhaft. Sie perfektionierten einen Modestil, der wahrlich an Barbie Puppen erinnert und nicht an ernsthaften Journalismus. Korruption und Lügen hatten den eh längst zerstört und so garantieren durchsichtige Plexiglastische für den freien Blick auf ihre Beine. Als Objekt der Begierde standen sie Tag für Tag vor den Kameras, prägten Generationen junger Mädchen, waren Teil des Systems, Täter und Opfer zugleich. Sollten sie deshalb weniger Anspruch auf Würde haben oder keine Chance auf Gerechtigkeit? Im Gegenteil, sich aus einer Institution wie dieser zu befreien, kann ähnlich schmerzhaft sein wie bei einer Sekte. Der Film verschweigt nicht, dass die beiden keine unschuldigen Mädchen waren sondern taffe Frauen, die Kindern vor laufenden Kameras erklärten, dass der Weihnachtsmann natürlich weiß sei und dergleichen diffamierendes Gedankengut mehr. Aber es brauchte Schneid, sich aufzulehnen, den ersten Schritt zu wagen. Selbst die Anwälte sind skeptisch.

Niemand kann etwas gewinnen, wenn er Fox News verklagt, erklärt man Gretchen Carlson. „Wir haben die Erfahrung gemacht, wenn sie an die Öffentlichkeit gehen, wird sie niemand mehr einstellen.” Der Ratschlag lautet, noch etwas durchhalten, Beweise sammeln, dann besteht die Möglichkeit gegen Ailes persönlich zu klagen statt gegen den Sender. Vorher muss die Moderatorin andere Frauen als Zeuginnen finden, damit ein Muster nachgewiesen werden kann. Die Anwälte warnen, Männern wie dem Medienmanager sei der Ruf wichtiger als das Geld. Er wird nicht kampflos aufgeben. Verlass ist auf niemanden mehr, auch wer die Moderatorin wirklich bewunderte, wird sie nun in der Öffentlichkeit als hochmütige ehrgeizige Frau darstellen, die nur klagt, weil ihre Karriere am Ende ist. Und wirklich mobilisiert Ailes seine Getreuen, macht allen klar, es geht um ihre Jobs. Am spannendsten ist „Bombshell”, wenn es zeigt, was aus Amerika wurde, alles dreht sich allein ums Vermarkten, ob Sex, Wahrheit, ein Kandidat oder die eigene Person. Keiner versteht sich besser darauf als der fettleibige Pascha, grandios gespielt von John Lithgow. Jene Mischung aus Tyrann, mit einem Hauch weinerlicher Verletzbarkeit, Allmachtsgelüsten, Hass, aber auch Angst, sein eigentliches Bedürfnis ist nicht der klägliche Sex, sondern schöne Frauen systematisch zu erniedrigen, ihre Abhängigkeit genießt er, glaubt sich überlegen, unantastbar.

23 Frauen sagen im Sommer 2016 aus, vom Chef des Senders Fox News bedrängt worden zu sein. Rupert Murdoch feuert ihn, ein Jahr später stirbt Ailes. Manches verschweigen Regisseur und Drehbuchautor dezent, Kellys Rassismus wurde abgeschwächt, Carlsons Abneigung gegen Homosexuelle nicht erwähnt. Äußerlich dagegen sehen Charlize Theron und Nicole Kidman ihren Vorbildern zum Verwechseln ähnlich, für Make up und Hairstyling gab es deshalb einen Oscar. Was aber die Frauen in ihrem Innersten dachten, können wir nur erahnen. Sie haben früh gelernt, ihre Gefühle zu verstecken. Blond, attraktiv, sexy, dieses Image beherrscht auch den Film, gleich wie geschickt und spannend der siegreiche Kampf gegen die toxische Machtstrukturen in Szene gesetzt ist.


Originaltitel: Bombshell

Regisseur: Jay Roach
Drehbuch: Charles Randolph
Darsteller: Charlize Theron, Nicole Kidman, Margot Robbie, John Lithgow, Kate McKinnon, Allison Janney, Rob Delaney
Produktionsland: USA, 2019
Länge: 109 Minuten
Kinostart: 13.02.2020
Verleih: Wild Bunch Germany

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright Wild Bunch Germany

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