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Film

„Intrige”. Roman Polański und das Recht auf Genie

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Freitag, den 07. Februar 2020 um 09:11 Uhr
Intrige Roman Polanski Film

Roman Polański inszeniert „Intrige” als Spurensuche nach der verlorenen Wahrheit. Ästhetisch virtuos und akribisch rekonstruiert. Die Dreyfus-Affäre wird zum fesselnden historischen Politthriller, beobachtet aus kühl distanzierter Perspektive. Die Gesellschaft der Belle Epoque droht im Sumpf des Antisemitismus zu versinken, selbst unser heldenhafter Kämpfer um die Gerechtigkeit ist infiziert davon. Der 86jährige Regisseur zeigt die Welt mit ihren Widersprüchen und Abgründen.
Der Film wurde mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet und für zwölf Césars nominiert. Die Aktivistinnen der MeToo Bewegung aber riefen in Frankreich wegen der sexuellen Missbrauchsvorwürfe zum Boykott auf, sie vertreten vehement die Überzeugung, Kunst lässt sich nicht von der Person des Künstlers trennen.

Paris, 5. Januar 1895. Ein regnerischer grauer Tag. Auf dem Hof vor der Militärschule am Marsfeld stehen die Soldaten stramm. Ein Trupp Offiziere marschiert im Stechschritt auf. Es ist der Moment, in dem Alfred Dreyfus (Louis Garrel) degradiert werden soll. Als Hauptmann der französischen Armee, 14. Artillerieregiment, war er bis wenigen Wochen Anwärter für den Generalstab. Nun aber steht er hier, verurteilt als Landesverräter zu lebenslanger Haft auf der Teufelsinsel vor der Küste von Französisch-Guayana. Ihm wird vorgeworfen, geheimes Material an die Deutschen verkauft haben. Wahr davon ist nichts. Ein Offizier reißt Dreyfus’ Rangabzeichen und Tressen ab. Man spürt die Häme, die Verachtung der Umstehenden, die naiv bösartige Freude an dem demütigenden Ritual. Für sie war er immer schon nur der unliebsame jüdische Emporkömmling, nie wirklich einer von ihnen. Der Offizier zerbricht den Säbel des Verfemten. Dreyfus versucht Haltung zu bewahren, steif, blass, das Elend verzweifelt herausschreien, würde ein Soldat wie er nie, auch wenn alles verloren scheint, Rang, Aufgabe, Familie, Heimat. Seine Unschuldsbeteuerung klingt linkisch, so gar nicht überzeugend. Das Grüppchen bärtiger ranghoher Uniformierter fixiert amüsiert den Mann in der zerrissenen Uniformjacke, einer hat sein Fernglas auf ihn gerichtet, Oberst Marie-Georges Picquart (Jean Dujardin): „Wie ein jüdischer Schneider, der den Wert seiner Goldtressen abschätzt.”

Das Drehbuch schrieb Polański zusammen Robert Harris, auf dessen gleichnamigen Roman der Film basiert. Sie machen nicht Dreyfus sondern Picquart zur Hauptfigur des Dramas, der ist überzeugt von der Rechtmäßigkeit der Verurteilung. Dreifus war einst sein Schüler gewesen und ohne zögern, gab er ihm zu verstehen, er könne Juden nicht leiden, aber würde ihn professionell trotzdem nie benachteiligen. Picquart übernimmt die Leitung des Nachrichtendienstes. Die Geheimdienst-Dependence ist ein seltsam muffig düsteres Bürogebäude, der Wachmann schläft am Eingang, die Fenster lassen sich nicht öffnen. An der Wand eingerahmt hängt jener kompromittierende Brief, mit dem Dreyfus überführt wurde. Der Graphologe hatte vor Gericht die Authentizität bestätig, dem Angeklagten half kein Leugnen. Doch bald muss Picquart erkennen, der Spion ist noch immer am Werk. Konspirative Treffen werden vereinbart, eifrig Briefe über Dampf geöffnet, ohne Spuren zu hinterlassen, andere Privatkorrespondenzen sorgfältig aus Fetzen zusammengesetzt. Und da taucht unerwartet die vertraute Schrift auf einem Briefbogen auf. Und so muss der Oberstleutnant den General informieren. Niemand hat Interesse an der Wahrheit, der Jude ist ein perfekter Schuldiger. Schritt für Schritt deckt der Protagonist das Komplott auf. Doch vor Gericht wird der Schuldige freigesprochen. Er als Offizier kann nicht an die Öffentlichkeit treten, also wird Picquart zum ersten Whistleblower, wendet sich an den Schriftsteller Émile Zola. In der Pariser Tageszeitung Aurore erscheint jener legendären offene Brief unter dem Titel „J'Accuse ...!" (Ich klage an). Der Autor weiß, ihm droht eine Klage wegen Verleumdung und Gefängnis, er setzt sich in Ausland ab. Der Fall wird wieder aufgerollt, Dreyfus begnadigt und später rehabilitiert. Doch der Sieg besitzt bei Polański nie die Qualität eines Triumphs. Picquart und Dreifus werden nie Freunde. Das Land ist gespalten. Die Rechtstaatlichkeit endet als bigottes Gespenst

„So weit ich zurückdenken kann, ist in meinem Leben die Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit hoffnungslos verwischt gewesen,“ hat der Regisseur vor vielen Jahren einmal gesagt. In den opulenten Bildern verbirgt sich Kälte, die gefährliche Normalität des Illegalen, der Korruption. Für die die MeToo Aktivistinnen bleibt Polanski ein Vergewaltiger auf der Flucht. An einer differenzierteren Darstellung scheint man nicht interessiert. Der Regisseur hatte sich 1977 in Los Angeles schuldig bekannt, Geschlechtsverkehr mit einer 13-Jährigen gehabt zu haben. Gemäß einer gerichtlichen Einigung sollte mit seiner Untersuchungshaft die Strafe abgegolten sein. Doch als sich abzeichnete, dass der Richter sich nicht an die Vereinbarung halten würde, floh der Filmemacher nach Europa. Die USA drängen offiziell noch immer auf eine Auslieferung, auch wenn das Opfer Samanta Geimer erklärt, sie habe Polański verziehen und ein Ende des Prozesses wünscht. Presse und Gericht habe sie als traumatischer empfunden als den Missbrauch selbst. Auch wer Unrecht begangen hat, verliert nicht den Anspruch auf Wahrheit. Juristen wissen, niemand reagiert aggressiver oder sensibler auf Ungerechtigkeit als der Verdächtigte. Wer die Orientierung verloren hat, braucht klare, verlässliche Richtlinien. Natürlich muss auf Missstände verstärkt aufmerksam gemacht werden, nur die Art und Weise in diesem Fall ist zweifelhaft. Im gesellschaftlichen Miteinander muss sich grundsätzlich etwas ändern. Strafe reicht nicht aus, Kontrolle, Prävention ist notwendig, wie, das gilt es gemeinsam zu entscheiden. Und wenn Strafe, dann ist sie ohne Resozialisierung nicht vorstellbar und gilt für jede Tätergruppe gleich aus welchem Milieu oder Einkommensschicht sie stammt. Das spricht gegen den Boykott eines Films als effiziente Maßnahme, außer der Inhalt als solches wäre gefährdend. Aber Roman Polański ist nicht Veit Harlan oder Leni Riefenstahl.

Manche Kritiker unterstellen dem Regisseur, er würde sich mit Dreyfus als unschuldig verfolgtem Juden vergleichen, den Antisemitismus instrumentalisieren. Solche Formulierungen sind wenig gelungen, wenn es sich um einen Mann handelt, der als Kind im Krakauer Ghetto lebte, nur durch einen Glücksfall der Deportation entgangen ist, dessen Mutter im sechsten Monat schwanger in den Gaskammern von Auschwitz starb. Was Polański meinte, war, er kenne die Mechanismen, von denen der Film erzählt. Seinen Äußerungen wird selten noch Glauben geschenkt, wie der Behauptung im Paris Match, Harvey Weinstein habe die Anklage wegen Vergewaltigung 2003 nur wieder in der Öffentlichkeit als Thema zur Sprache gebracht, um die Chancen auf den Oscar für "Der Pianist" zu sabotieren. Aber genau das waren die erfolgreichen PR Praktiken von Weinstein. Sowie ein Journalist zu ihm kam, weil ein neues Gerücht kursierte über seine sexuellen Attacken, schlug er ein Tauschgeschäft vor. Vergessen der eigene Missbrauch, dafür lieferte er drei schmutzige Geschichten über seine Konkurrenten. Deals mit Weinstein lohnten sich, ein Journalist kommentiert es in der Doku über den Produzenten: „Es war wie auf dem Bazar.” Die Wahrheit selbst ist längst verloren.

Auch die neuen Vorwürfe der Fotografin Valentine Monnier stammen aus der dem Jahr 1975, sie war damals 18 Jahre alt. Auslöser ist wohl die MeToo Debatte. Manche sind sich nicht bewusst, welche Abgründe der Mensch neben uns hat, ob Freund, Vater, Kollege, Bruder oder ein umschwärmter Star. Die dunkle Seite ist nicht die Ausnahme, Künstler zu sein kein moralischer Anspruch sondern ein Talent. Ein Talent von dem wir alle profitieren, das unserem Dasein die besondere Qualität gibt. Wenn jemand wie Polański nach seiner Tat, keine Filme mehr hätte drehen dürfen, also weder „Ghostwriter” noch „Der Gott des Gemetzels” oder „Venus im Pelz! und vor allem hätten wir nie „Der Pianist” gesehen. Das Einzige was Katastrophen und Unmenschlichkeit oft überlebte, war die Kunst, davon erzählt dieser Film. Kunst ist ein Privileg für uns, wir sollten uns dessen nicht berauben, vielleicht ist sie auch ein ersten Schritt der Wiedergutmachung, des Trostes, der Annäherung.

Alle warteten mit ungeheuer Spannung im vorigen Jahr auf Quentin Tarantinos Thriller Drama „Once upon a time...in Hollywood”. Der bestialische Mord der Manson-Familie an Roman Polańskis schwangerer Frau Sharon Tate hatte nie an Faszination verloren. Der Regisseur von „Pulp Fiction” unterlief die Erwartungen der Fans geschickt. Er schrieb die Vergangenheit um, daraus wurde sein schönster vielschichtigster Film, eine Huldigung an die Traumfabrik, berührend, nostalgisch und unendlich witzig. Erfolgreich hat er damit demonstriert, dass die wirklich Blutrünstigen und Sensationslüsternen eigentlich wir, die Zuschauer sind. Damals beschuldigten die Journalisten Polański des Mordes an seiner Frau, sahen in dessen Horror Horrorklassiker „Rosemaries Baby” schon Beweis genug. Aber dank Quentin Tarantino werden wir Sharon Tate in Erinnerung behalten, getarnt mit einer riesigen scheußlichen Sonnenbrille, wie sie an einem Nachmittag im fast leeren Kino begeistert sich selbst zuschaut auf der Leinwand. Ein alter unbedeutender Film und Moment unbeschwerten Glücks.

Jeder der länger vor Gericht stand, unabhängig davon, ob schuldig oder unschuldig, fühlt oder fürchtet Willkür und die Ohnmacht eines Dreyfus. Der Rechtsruck in den europäischen Parlamenten, der wachsende Antisemitismus sollte für die MeToo Aktivistinnen Grund genug sein, auf einen Boykott zu verzichten. Wir müssen lernen mit Schuld zu leben, der eigenen und der anderer. Ob man verzeiht, das sei jedem selbst überlassen, vielleicht die Vergangenheit umschreiben wie Tarantino es tat. Demonstrieren gegen Missbrauch und Gewalt ja, aber dann für alle Frauen, auch die, die in diesem Moment als Zwangsprostituierte gedemütigt, vergewaltigt und gequält werden Tag für Tag in Europa. „Intrige" verklärt nicht den skrupellosen Machthunger selbstgefälliger feister Männer, er entlarvt ihn, die Gier, die Ungerechtigkeit, den suspekten Chorgeist, ihre Ränkespiele. Wir können ein Ausnahmetalent wie Polański nicht von dem Leid oder Schmerz befreien, das er erlitten hat, aber bestimmt hat niemand das Recht diesen Film, den wir dringender denn je brauchen, zu verteufeln. Es wäre ein destruktiver Akt puren Egoismus wie die Verbrennung der Bücher von Émile Zola nach Erscheinen seines Textes „J'Accuse ...!" Roman Polański allein hat das Recht auf sein Genie


Originaltitel: J'Accuse

Regie: Roman Polanski
Drehbuch: Robert Harris, Roman Polanski
Darsteller: Jean Dujardin, Louis Garrel, Emmanuelle Seigner, Grégory Gadebois
Produktionsland: Frankreich, Italien 2019
Minuten: Länge 132 min.
Kinostart: 06. Februar 2020
Verleih: Weltkino Filmverleih GmbH

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright Weltkino Filmverleih GmbH / Guy Ferrandis

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avatar Roman Brock
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Ein interessanter Standpunkt zum Thema Polanski über den es sich nachzudenken lohnt. Danke.
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