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Film

„Der Leuchtturm” – Robert Eggers und die Metaphorik des Wahnsinns

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Montag, den 25. November 2019 um 09:07 Uhr
Der Leuchtturm

Der US-amerikanische Regisseur Robert Eggers inszeniert seinen Film „Der Leuchtturm” ästhetisch virtuos als expressionistische finstere Horror-Mär zwischen brodelndem Hass und tosendem Meer in der Tradition von Herman Melville und alter Seefahrermythen.
Das animalisch klaustrophobische Schwarz-Weiß-Epos spielt gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf einer winzigen felsigen Insel vor Maine. Es ist ein Psychogramm der Unterjochung und Rebellion, die Begegnung zweier Männer, die sich unerbittlich bekämpfen werden, verfolgt von den Dämonen ihrer Vergangenheit. Das Grauen, kreiert mit verblüffend historischer Akkuratesse, fühlt sich trotz aller Ironie erschreckend real an, fast körperlich spürbar,- eine Herausforderung für den Zuschauer.

Der betagte knurrige Leuchtturmwärter Thomas Wake (Willem Dafoe) und sein schweigsamer neuer Gehilfe Ephraim Winslow (Robert Pattinson) treten ihre vierwöchige Schicht auf einem entlegenen einsamen Eiland vor der Küste Neuenglands an. Entgegen den Vorschriften, dass sich die beiden bei den Schichten abwechseln, lässt der mürrische ehemalige Seemann den Jüngeren nie in die Nähe des Leuchtsignals oben im Turm. Er zwingt ihn zu den niedrigen schmutzigen Arbeiten, nur widerwillig gehorcht Winslow, wissend, dass er von dem hässlichen hinkenden Alten und dessen Wohlwollen abhängig ist. Und so schrubbt er voller Groll die dreckigen Fußböden. Es ist ein verlottertes abstoßendes Quartier, das Wasser aus dem Hahn eine braune jaucheartige Brühe, die Zisterne muss gereinigt werden, die Nachtöpfe geleert, der Kerosinvorrat aufgefüllt, die Hauswände geweißt und das Dach repariert werden. Der ungeliebte Untertan schuftet zornig vor sich hin, wirkt zwischen den gigantischen Rotationsblättern der Maschinen wie ein Teil des Getriebes.

In vielen Sequenzen wird kein Wort gewechselt, wir hören nur das Schreien der Möwen, das unheilvolle Nebelhorn. Mark Korvens sublime Kompositionen verstärken das Gefühl permanenter Bedrohung, gehen auf in dem Rauschen des Meeres, dem Heulen des Windes. Sie sind vom O-Ton manchmal kaum zu trennen, man glaubt sich in einem Stummfilm von Peter Strohheim, F.W.Murnau oder Fritz Lang. Aber dann bei Tisch schwadroniert Wake laut drauf los, spinnt sein Seemannsgarn, versucht dem Gegenüber seine Geheimnisse zu entlocken und die eigenen geschickt zu verbergen. Das Zubereiten der Mahlzeiten bleibt Privileg des Alten, auch während des Essens regiert er mit unnachgiebiger Autorität. Er verlangt, dass Winslow mit ihm anstößt, doch der verweigert sich Alkohol und Aberglauben, schon kommt die Wut des Leuchtturmwärters wieder hoch. Es genügt wenig, ihn zu erzürnen. Dies ist eine Welt ohne Frauen und doch sind sie omnipräsent in Erinnerung und Fantasie, beherrschen und quälen die Männer. Dreizehn Weihnachtsfeste verbrachte er nicht bei Gattin und Kindern, erzählt der kauzige Tyrann, sie haben es ihm nie verziehen und so ist er nun allein. Ihn amüsiert, Winslow zu necken mit vulgären Tiraden und genüsslichen Furzen. Sein voriger Assistent starb, von grauenvollen Visionen heimgesucht, er war dem Wahnsinn verfallen, berichtet Wake selbstzufrieden und mit Stolz.

Erotik ist Teil des Horrors auf dieser gottverlassenen Insel, mehr Fluch als Lust. Eine Meerjungfrau (Valeriia Karaman) hat sich eingenistet in der Fantasie des frustrierten Youngsters, taucht unerwartet überall auf, lässt ihn nicht mehr los, sie ähnelt dem sinnlichen Fetisch, den er unter der klumpigen Matratze versteckt, wie ein Besessener onaniert er verzweifelt. In seinem Zorn tötet Winslow eine Möwe auf höchst bestialische Weise, Wake hat ihn gewarnt, die Vögel beherbergen die Seelen der toten Seeleute, eine Katastrophe scheint unabwendbar. Das Kräftemessen der Protagonisten steigert sich zur fulminanten symbolträchtigen Charakterstudie, wechselt zwischen stiller Feindseligkeit, unerträglicher Langweile und johlender Kameraderie, Hass und Intimität, wie es sonst nur Vater und Sohn kennen. Der Alkohol löst ihre Zungen, Nähe ist gefährlich, selbstzerstörerisch. Die Spannung wächst, jeder Moment scheinbarer Normalität täuscht, das Grauen lauert im Verborgenen, die beiden haben einander belogen, betrogen, hintergangen. Schon ganz am Anfang fragt sich Winslow, warum er nie nach oben in die Nähe des Lichtsignals darf. Misstrauisch spioniert er seinem Vorgesetzen nach, woher hat er jene mysteriöse Beinverletzung, was treibt er dort oben so allein? Vielleicht wäre es besser, wir hätten es nie erfahren. Die Treppe im Leuchtturm erinnert an Hitchcocks „Vertigo”, doch die Ästhetik von Robert Eggers ist eine andere, deftig, derb und doch unglaublich raffiniert. Aspect ratio, das quadratische Format 1.19:1 signalisiert: Es gibt kein Entkommen.

„Der Leuchtturm” ist weniger ein phantastischer Horrorfilm in der Tradition H.P. Lovecraft (1890-1937), -als solchen preisen ihn manche Kritiker-, sondern mehr Drama oder Psychothriller, inspiriert von Melville, Shakespeare oder Coleridge. Das Drehbuch schrieb Robert Eggers zusammen mit seinem Bruder Max. Unvergleichlich suggestiv wie authentisch der antiquierte Satzbau und Dialekt, die Trinksprüche durchdrungen von dem Geist jener Zeit. Einiges hat sich das Autoren-Duo geborgt bei der einst in Maine ansässigen Schriftstellerin Sarah Orne Jewetts (1849-1909). Ferne Galaxien sind uns durch Blockbuster vertraut auf der Leinwand, diese felsige Insel wirkt um vieles fremder, magischer und unheimlicher, sie verkörpert Einsamkeit und Ohnmacht par exzellence. Atmosphärisch atemberaubend, durchsetzt von bösartig schwarzem Humor. Eigentlich ist „Der Leuchtturm” eine Geistergeschichte, die Dämonen der Vergangenheit fordern Tribut, noch sind die Taten ungesühnt, wäre da nicht das letzte mörderische Duell der Protagonisten. Der schwere weiße Nebel scheint manchmal alles zu verschlingen. Robert Eggers und Cinematographer Jarin Blaschke drehten auf altem 35-mm Schwarz-Weiß-Material und mit Kameralinsen aus den Dreißiger Jahren. Eine wahre Meisterleistung, denn das Material hat nur einen Bruchteil der Empfindlichkeit moderner Digitalkameras, jedes Detail muss exakt kalkuliert und ausgeleuchtet werden, kein Schatten bleibt hier dem Zufall überlassen.

Grandios die schauspielerischen Leistungen: Robert Pattinson suchte nach der „Twilight” Ära bewusst nach Herausforderungen und ungewöhnlichen Stoffen wie „Cosmopolis” (2012) oder „High Life” (2018). In „Der Leuchtturm” ist er kaum wieder zu erkennen, ausgemergelt, erschöpft. Es ist das verschlossene Gesicht eines Mannes, der nie mehr lächelt, mit dem Schicksal hadert, er ist Opfer und Täter in einer Person. Einem Galeerensträfling gleich schuftet er verbissen, wortlos, nähert sich Schritt für Schritt dem Wahnsinn. Albtraumhafte Visionen und Fantasy Horror gehen ineinander über. Die Handlung ist voller unerwarteter Twists, uns stockt der Atem vor Schrecken, die Theatralik des Expressionismus verfremdet, doch die Angst bleibt. Ein Unwetter zieht auf. Vorbei die vier Wochen, kein Schiff in Sicht. Mit der Sturmflut und Hoffnungslosigkeit beginnt ein grotesker torkelnder Totentanz, der Alkohol hat die Begierden freigesetzt, die beiden Protagonisten klammern sich aneinander wie Lover oder Ertrinkende, johlen, brüllen, schlafen im eigenen Dreck. Dann beginnt der Showdown, welche Kraft steckt noch in dem alten hasserfüllten Leuchtturmwärter der sich für sein Unglück an den Schwächeren rächt, doch dieser Gegner ist ihm ebenbürtig, wehrt sich mit aller Macht und Grausamkeit.


Originaltitel: The Lighthouse

Produktionsland: US, 2019
Regie: Robert Eggers
Drehbuch: Max Eggers & Robert Eggers
Darsteller: Willem Dafoe, Robert Pattinson, Valeriia Karaman
Länge: 110 Minuten
Kinostart: 28. November 2019
Verleiher Universal Pictures Germany

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright Universal Pictures Germany

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