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Film

„I Am Mother” Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo

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Donnerstag, den 15. August 2019 um 20:22 Uhr
„I Am Mother” Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo 4.5 out of 5 based on 254 votes.
I Am Mother

Grant Sputores post-apokalyptischer Science-Fiction Thriller „I Am Mother” beginnt als intimes Kammerspiel in einem, hermetisch von der Welt abgeschlossenen unteririschem Bunker. Doch die Sicherheit ist trügerisch, Gewalt lauert überall.
Wem können wir mehr trauen, einem Roboter oder dem Menschen? Mit der Antwort macht es sich der australische Regisseur nicht einfach, er kreiert eine der vielleicht berührendsten Mutter-Tochter-Beziehungen der Kino-Geschichte. Die gesellschaftskritische Parabel entwickelt sich zur feministisch religiösen Erlöser-Chronik. Ein ästhetisches Wunderwerk, unaufdringlich in seiner futuristischen High-Tech-Schönheit.

Kriege haben die Menschheit ausgelöscht, die Erdoberfläche kontaminiert. In dem Forschungslabor einer Wiederbesiedlungseinrichtung lagern gut geschützt 63.000 tief gekühlte Embryonen. Von nun an liegt die Zukunft in den Händen eines Androiden, er oder besser sie wählt eins der winzigen Embryos aus, wartet geduldig und innerhalb von 24 Stunden entwickelt es sich vor unseren Augen zu einem schreienden Baby. Vielleicht schwer vorstellbar, aber diese Menschwerdung außerhalb des Mutterleibs hat bei Regisseur Sputore etwas Erhabenes, emotional Bewegendes. Unwillkürlich empfinden wir den monströsen Roboter als Frau und fürsorgliche Mutter (Originalstimme: Rose Byrne), wenn sie behutsam das kleine weinende Wesen in ihre metallenen Arme nimmt, mit sanfter Stimme (Rose Byrne) beruhigend auf das Neugeborene einspricht. Sie probiert auf ihrem eingebauten Stereo-System verschiedene Soundtracks aus, sucht nach dem wirkungsvollsten Lullaby. „Breakfast at Tiffany’s” kommt nicht gut an, aber bei „Baby mine” aus Disneys „Dumbo” hört das Weinen auf.

In dem abgeschotteten Bunkerlabyrinth macht Tochter an der Hand von Mutter ihre ersten tapsigen Schritte. Sie wächst zu einem glücklichen selbstbewusstem Teenager (Clara Rugaard) heran. Der Film greift nur einzelne kurze Szenen heraus: Wir sehen das Mädchen, vielleicht acht Jahre alt, (Tahila Sturzaker) ernsthaft Ballett üben, fröhlich beklebt sie den Androiden mit Stickern, an den Wänden hängen ihre bunten Kinderzeichnungen, mit Begeisterung schaut sie alte Videos der Late Night Show. Mutter lehrt das Kind Origami, Disziplin, Schreiben, Physik, Anatomie, medizinische und ethische Probleme lösen und warnt es vor den Gefahren draußen: „Alles, was ich tue, ist zu Deinem Schutz, die Welt da draußen gibt es nicht mehr. Ich wurde als Sicherungssystem konzipiert, um der Menschheit eine zweite Chance zu geben, und die beginnt mit Dir. Es wird nicht leicht werden. Aber das ist Überleben selten.” Tochter will wissen, warum es nicht mehr Kinder gibt, sie wünscht sich eine richtigen Familie, Der Android reagiert etwas enttäuscht, sie wären doch eine richtige Familie. Was das Mädchen meint, sind Geschwister und blickt voller Sehnsucht auf die vielen Embryonen, wie gern hätte sie einen Bruder oder eine Schwester. Mutter erzieht ganz bewusst nur ein Kind, will Erfahrungen sammeln. Sagt sie.

Tochter legt ihren Kopf auf die Schulter des Androiden, eine Geste des Vertrauens und der Zärtlichkeit. Der Satz, der im Film vielleicht am meisten berührt, als die Kleine unvermittelt erklärt: „Ich will kein Mensch sein”. „Warum nicht?”, fragt Mutter leicht irritiert. „Sie zerstören alles”. Geduldig versucht der Android, ihr klar zu machen, dass auch Menschen wunderbare Wesen sein können, aber irgendwie beschleicht den Zuschauer das ungute Gefühl, es würde immer schwieriger, Heranwachsende davon zu überzeugen. In manchen Szenen wechseln die beiden Protagonisten kaum ein Wort miteinander, doch die intensive emotionale Bindung ist in jedem Moment spürbar. Das Mädchen wird gezielt zu einem intellektuell kritischen Erwachsenen erzogen: Für wen sich entscheiden bei der Organspende, einen Menschen opfern, um mehrere zu retten? Oder umgekehrt. Das Trolley Problem ist philosophischer Kern von Sputores Leinwand Epos. Vorige Woche hätte Tochter noch anders entschieden, als sie Kant las. Diese Woche fragt sie sich, sind die Kranken überhaupt wert, dass man sie rettet, vielleicht sind es Verbrecher. Je älter das Mädchen wird, desto stärker entwickelt sich ihr Widerspruchsgeist. Eines Tages entdeckt sie nahe der Luftschleuse eine Maus, die ganz offensichtlich von der Außenwelt eingedrungen ist. Tochter ist entzückt über den neuen Spielgefährten, Mutter befördert das putzige Kerlchen wegen der Kontaminierungsgefahr sofort ins Feuer und schickt den Teenager unter die Dusche.

Mit dem Nagetier erwachen die Zweifel bei Tochter und auch uns Zuschauern. Wir haben der digitalen Zahlentafel blind vertraut: Menschen: 0001, Embryonen: 63.000. Das Drehbuch schrieben Grant Sputore und Michael Lloyd Green zusammen, der eine im westaustralischen Perth und der andere in Los Angeles. Alles lief über Skype, die beiden sind langjährige Freunde, das überbrückt jede Distanz, Der unterirdische Bunker-Komplex ist klaustrophobisch und zugleich weitläufig wie eine Landschaft, die Bühne von 1000 Quadratmetern gab Schauspielern und der Steadycam (Steve Annis) einen flexiblen Spielraum und eine besondere Art der Wahrhaftigkeit, wo sich die Beziehungen zwischen den Akteure frei entfalten konnten. Sputore hatte in seiner Jugend am liebsten Filme gesehen, die ohne viele Spezialeffekte auskommen wie „Terminator”, „Predator”, „Roboccop” oder das Original von „Jurassic Park”. „Wenn das Unmögliche mit der Kamera aufgenommen wird, dann erzeugt das ein nicht zu leugnendes magisches Gefühl. Und das verfliegt auch nicht so schnell wie Computereffekte,“ so der Regisseur. Die verschiedenen Stimmungen entstehenden durch eingebaute LED Lampen, das diffuse sanfte Licht signalisiert Tag oder Nacht, Glück, Geborgenheit, Gefahr oder Zerstörung.

Es ist der 15. Geburtstag von Tochter, ihre Augen leuchten erwartungsvoll, Mutter reicht ihr ein Präsent. Das Mädchen reißt das Papier ungeduldig auf, sie kontrolliert sich, zeigt nicht ihre Enttäuschung: ein Pyjama, nützlich, doch wer Kant liest und Origami beherrscht, hofft auf etwas Phantasievolleres. Zudem ist es nur ein kläglicher Ersatz für ihren Lieblingspyjama, den Mutter verbrannt hat aus Sorge vor Kontamination. Der Teenager stochert lustlos im Essen herum, wir spüren, da zerbricht etwas, von dem wir dachten, es würde jeder Belastung standhalten. Hier unten im Bunker ist kein Platz für Neugier, aber wenn Mutter sich auflädt für zwei Stunden, dann ist das Mädchen unbeaufsichtigt. Die Luftschleuse, jene Grenze zur verseuchten Außenwelt zieht sie unwiderstehlich an, wie es eben nur strikt Verbotenes tun kann. Tochter hört ein Pochen an den Sicherheitstüren, Schmerzensschreie. Sie schlüpft in den Schutzanzug, draußen ist eine blutüberströmte, verletzte Frau (Hilary Swank). Heimlich schleust der Teeanger sie in den Bunker, versteckt sie. Begierig zu erfahren, gibt es draußen noch andere Menschen. Kontaminierung? Was für ein Unsinn. Der Eindringling erzählt von Überlebenden, die sich in den Minen verstecken, warnt die Jüngere vor den Androiden, beschuldigt sie schwerster Verbrechen. „Nicht Mutter”, beharrt Tochter, „Sie hat immer gut für mich gesorgt.” Aber wir spüren die Zweifel, und jene heimliche Sehnsucht nach ihresgleichen. Nichts ist fragiler als Vertrauen, auch wir laufen über. Warum eigentlich? Da taucht eine Fremde auf, voller Hass, mit schmerzverzerrtem Gesicht und schon ist all die Güte und Fürsorge vergessen. Was taugen wir eigentlich als Freunde, Tochter, Sohn oder Partner? Wie leicht sind wir zu manipulieren mit unserer grauenvollen Gier nach Beschuldigungen und Schuldigen.

Weta Workshop („Der Herr der Ringe”) entwarf den Design und die Mechanik der Mutter Gestalt. In dem Androiden Anzug steckt Luke Hawker („Krampus”). Unglaublich wie er seine Roboterbewegungen der Stimme von Rose Byrne angleicht. Eben noch fürsorglich, zartfühlend, kann er sich unerwartet in einen martialischen Krieger verwandeln, der leicht federnder Gang bekommt etwas bombastisch Bedrohliches, er scheint der Gefahr entgegen zu drängen mit einer beängstigenden rhythmischen Entschlossenheit. Das Gesicht des Roboters spiegelt jede seiner Empfindung wider. Production Designer Hugh Bateup („Cloud Atlas”) lässt das Setting zur suggestiven gigantischen Lichtinstallation werden, die eigentlich gar nicht so fern ist von unserer minimalistischen modernen High Tech Innenarchitektur. Mutter entdeckt die Fremde, der Konflikt eskaliert. Die verletzte Frau ist bewaffnet und bereit jederzeit, ihre Gegner zu vernichten. Sie lässt den Androiden nicht an sich heran, verweigert jegliche medizinische Hilfe. Tochter springt ein. Sie hat ihre Mutter mit den unliebsamen Wahrheiten konfrontiert, manches leugnet sie, anderes gibt sie zu. Vergeblich jeder Versuch, die Kluft zu überbrücken, das Angebot, den Menschen da draußen zu helfen. Die Fremde beschwört das Mädchen mit ihr zu fliehen. Mutter warnt ihre Tochter, der ungebetene Gast sei nur auf den eigenen Vorteil bedacht nicht auf das Allgemeinwohl. Es kommt zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit tragischem Ausgang.

Das Gesicht der Invasorin gleicht einem emotionalen Schlachtfeld, Hilary Swank als knallharte aber paranoide Einzelkämpferin, die keinem mehr trauen kann, vielleicht weil sie selber jeden belügt, ist die Verkörperung des Hasses. Im Abspann taucht sie lediglich als „Frau” auf, ihr Schicksal, wir werden es nie erfahren. Die Fremde bleibt namenlos. Erst durch die verunsichernde Begegnung mit der eigenen Spezies verstören Angst und Unsicherheit das madonnenhafte sanfte Teenagergesicht von Tochter. Grandios, wie die dänische Schauspielerin Clara Rugaard alle Facetten innerer Zerrissenheit und Enttäuschungen einfängt. Achtung Spoiler: Die Welt draußen ist nichts als eine triste neblige Berglandschaft aus schwarzen Baumskeletten. Bataillone militanter Androide kontrollieren die Einöde. Helikopter kreisen über der verbrannten Erde. Die Fremde entpuppt sich als Scharlatan, es gibt keine anderen Menschen. Wie es ausgeht? Tochter war nicht Mutters erstes Kind, aber das perfekte, andere vor ihr wurden eliminiert. Geplant ist eine schöne neue Welt auf den Gräbern der alten. Die ersten riesigen Felder entstehen bereits. Es war Mutters Entscheidung, dass Tochter selbst die Gewalt draußen erlebt, ihr hätte das Mädchen nie geglaubt, und so kehrt die Fünfzehnjährige am Ende reumütig heim zu den Embryonen. Mutter hatte sie nach ihren Vorstellungen erschaffen. In der Gewissheit, dass ihr Schützling der Aufgaben gewachsen sei, die Welt zu bevölkern, war der Roboter bereit, sich töten zu lassen. Grant Sputore schildert eine Welt, wo auch Schöpfer und Erlöser nicht ohne Schuld sind, und so wird aus der Tochter eine Mutter.


Originaltitel: I Am Mother

Regie: Grant Sputore
Drehbuch: Michael Lloyd Green
Darsteller: Rose Byrne (Originalstimme), Clara Rugaard, Hilary Swank
Produktionsland: Australien, USA, Neuseeland, 2018
Länge: 113 Minuten
Kinostart: 22. August 2019
Verleih: Concorde Filmverleih GmbH

Fotos, Pressematerial & Trailer: Concorde Filmverleih GmbH

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