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Film

„Zwischen den Zeilen”. Olivier Assayas und die Tücken des digitalen Zeitalters

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Freitag, den 31. Mai 2019 um 07:17 Uhr
„Zwischen den Zeilen”. Olivier Assayas und die Tücken des digitalen Zeitalters 4.5 out of 5 based on 346 votes.
Zwischen den Zeilen Film

„Zwischen den Zeilen” ist Dialektik für Genießer, ein ironisch scharfsinniges Sittengemälde mit philosophischem Touch: Elegant, überbordend, voller Pointen, Anspielungen, Anekdoten, mit hinreißenden Dialogen, amüsant und manchmal spannend wie ein Spionagethriller.
Während der französische Regisseur Olivier Assayas seine Protagonisten über den kulturellen und digitalen Wandel im Literaturbetrieb diskutieren lässt, geht es eigentlich um Liebe, Ehe, heimliche Beziehungen, die Angst vor Veränderung, sie alle führen ein Doppelleben, so lautet auch der französische Originaltitel: „Doubles Vies”.

Seit Jahren leitet Alain (Guillaume Canet) den renommierten Pariser Verlag von Marc-Antoine, der sich an einem Wendepunkt befindet. E-Books, Blogs und soziale Medien haben die Branche aufgemischt, die Verkaufszahlen drohen einzubrechen. Alain bleibt notgedrungen optimistisch, setzt auf die These, dass die Menschen dank Internet viel mehr schreiben und auch lesen. Diesen Impuls gilt es zu steuern, sich den Gegebenheiten anzupassen. Léonard (Vincent Macaigne) widerspricht ihm vehement. Der Schriftsteller verachtet, ignoriert die technisch Neuerungen, sieht sich selbst als literarische Ikone der Wahrheit, obwohl er diese bedenkenlos verfälscht, wenn er, ohne auch nur den Anflug von Gewissensbissen, seine gescheiterten Liebschaften eine nach der anderen als Roman verarbeitet und recycelt. Alain hat endgültig genug von dem Narzissmus des kauzigen, chronisch unglücklich verwirrt dreinschauenden Autors und verkündet, er würde dessen neues Manuskript nicht verlegen, schon das letzte sei ein Worstseller gewesen.

Ob im Bistro oder Office, auf der Dinner-Party oder beim Interview im Radio-Sender, daheim in der Küche oder dem Garten eines imposanten Landhauses, ob zwischen Drehpausen oder im Hotelbett beim Ehebruch, das an diesem Mittag begonnene Gespräch reißt eigentlich nie ab, die Diskussionsteilnehmer wechseln, kehren wieder, gruppieren sich neu, unabhängig der Paar-Konstellationen. Olivier Assayas („Clouds of Sils Maria”, „Personal Shopper”) katapultiert den Zuschauer mitten hinein in die Wortduelle, die oft nur Scheingefechte sind, denn an die Wahrheit traut sich keiner wirklich heran, Sehnsüchte und seelischen Verletzungen bleiben wohl gehütetes Geheimnis. Die Beziehungen überschneiden sich, so pflegt der stoffelige Schriftsteller schon seit sechs Jahren eine Liaison mit Alains Frau Selena (grandios Juliette Binoche). Die Theaterschauspielerin und Mutter eines Neunjährigen nervt ihre Rolle als Polizistin in einer höchst erfolgreichen Krimi-Serie, peinlich berührt weist sie jeden daraufhin, sie würde eine Spezialistin für Krisenmanagement darstellen, aber noch eine Staffel? Alain dagegen hat eine Affäre angefangen mit der jungen Laure (Christa Theret), der grade für den Verlag angeworbene Expertin für Digitalisierung. Eine gesellschaftliche Streberin, attraktiv wie arrogant, sie soll alte Strukturen aufbrechen und neue Konzepte entwickeln, am beste beherrscht sie die Vermarktung von sich selbst.

Derweil klagt Léonard der Lebensgefährtin Valérie (beeindruckend Stand-up Comedian Nora Hamzawi) sein Leid mit dem abgelehnten Manuskript, die zuckt nur mit den Schultern. Dann muss er sich halt einen anderen Verlag suchen. Im Gegensatz zu dem Mann an ihrer Seite ist Valérie als Beraterin und rechte Hand eines engagierten sozialistischen Lokalpolitikers digital perfekt ausgerüstet, eine Wonne ihr beim morgendlichen Packen der Tasche zu zuschauen und dann schwups ist sie auch schon aus der Tür auf Wahlkampftour. Der etwas schlampige selbstgefällige Autor predigt Ideale, hehre Werte, sie kämpft für deren Realisierung. Ganz bewusst inszeniert Assayas „Zwischen den Zeilen” optisch als analoge Hochburg, fast überall prägen endlose Bücherreihen und luxuriöse riesige Altbauwohnungen die Kameraeinstellungen und Protagonisten, auch wenn das Handy immer griffbereit ist und im Mittelpunkt der hitzigen Streits. Der französische Filmemacher provoziert uns geschickt, man fühlt sich versucht, den Akteuren ins Wort zu fallen, gleichgültig ob es um Romane im Smartphone-Format geht, Verschwörungstheorien, Selbstvermarktung, Demokratie-Anspruch oder Google, die uns als Geisel nimmt. Wir ergreifen Partei, und Sekunden später paktieren wir mit dem Gegner, enden als hilflose Doppelspione.

Konträre Überzeugungen prallen aufeinander, man verheddert sich in Widersprüche, jede verbale Auseinandersetzung ist ein kleines Kunstwerk, jeder Akteur hat seine eigene unverwechselbaren Strategie. Giuseppe Tomasi di Lampedusa wird zitiert „Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, dann ist es nötig, dass alles sich verändert.” Damit hatte Tancredi, der Neffe des Fürsten, im Roman „Il Gattpardo” den Anschluss an die Bewegung Garibaldis gerechtfertigt, die linken Pariser Intellektuellen mögen an diesem Abend die Worte falsch interpretieren, und trotzdem taugt die Forderung perfekt als Schlüsselsatz des Films. In seiner Director’s Note schreibt Olivier Assayas: „Unsere Welt verändert sich fortwährend. So ist es schon immer gewesen. Die Herausforderung dabei besteht in unserer Fähigkeit, diesen beständigen Wandel mit all seinen Strömungen im Auge zu behalten, und zu verstehen, was wirklich auf dem Spiel steht, wenn wir uns anpassen- oder das eben nicht tun. Genau darum geht es schließlich in der Politik und Meinungsbildung. Die Digitalisierung unserer Welt und deren Re-Konfiguration in Algorithmen ist der moderne Motor einer Veränderung, die uns verwirrt und komplett überwältigt. In der Digital Economy werden Regeln verletzt und oft auch Gesetze gebrochen. Darüber hinaus stellt dieses Wirtschaftssystem in Frage, was in unserer Gesellschaft stabil und selbstverständlich zu sein schien.”

„Zwischen den Zeilen”, so der Regisseur, versucht nicht zu analysieren, wie dieses neue digitale Wirtschaftssystem funktioniert. Vielmehr beobachtet der Film, wie die hier aufgeworfenen Fragen uns persönlich verunsichern. Google ein literarischer Wohltäter? Léonard gerät mitten in Twitter Gewitter und Shit Storm, auch wenn er erst bei einer Lesung davon erfährt und sich viele unangenehme Fragen gefallen lassen muss. Wer gibt ihm das Recht, Menschen an den Pranger zu stellen, ihre Intimsphäre zu zerstören, sie gnadenlos auszubeuten? Kunst in der Krise ist bei Assayas immer wieder zentrales Thema, ob in „L’heure d’été” oder „Sils Maria”, es geht um die Gralshüter der Kultur, die Gefahren von Kommerzialisierung und Massenkonsum. Mehr oder weniger tapfer wagt der kauzige Autor die Flucht nach vorn, steht im Radio-Sender Rede und Antwort. Die angeblich so kompromisslose Radikalität des Schriftstellers, ist sie vielleicht nur Selbstbetrug, eine andere Form der Kundenwerbung? Die Freiheit, der Anti-Materialismus eines Bohème Lebens, finanziert von der hart arbeitenden bürgerlichen Ehefrau. Léonard kennt keine Skrupel, die sexuelle Gefälligkeit, die Selena ihm einst im Kino erwies, in seinen autofiktiven Roman einzubauen. Doch den richtigen Filmtitel zu nennen, ist ihm unangenehm. Und so tobt die Leidenschaft im Buch eben nicht bei „Star Wars- Das Erwachen der Macht”, sondern bei Michael Hanekes Arthaus Klassiker „Das weiße Band”. Eine Anbiederung an die Intellektuellen, findet Selena, genüsslich spottend.

Phantastisch die schauspielerischen Leistungen zwischen ideologischen Disputen, Verrat, Zärtlichkeit, Träumen und Verpflichtungen, Überheblichkeit und verletztem Selbstbewusstsein, heimlicher Verzweiflung und offener Ironie. Kameramann Yorick Le Saux versteht sich auf die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, spiegelt in den diffusen exquisiten Bildern den permanenten Wechsel des emotionalen und intellektuellen Schlagabtauschs. Am Ende wird es mehr oder weniger Veränderungen geben. Jobs werden gewechselt, Beziehungen beendet oder bewahrt. Laure verschwindet von der Bildfläche, wir vermissen sie nicht, und „Point final” bleibt bestimmt nicht Léonards letzter Roman. Schließlich aber wird es ein neues Leben sein, das tatsächlich für Wandel und Realität steht.


Originaltitel Film: Doubles Vies

Regie + Drehbuch: Olivier Assayas
Darsteller: Guillaume Canet, Juliette Binoche, Vincent Macaigne, Nora Hamzawi, Christa Théret
Produktionsland: Frankreich, 2019
Länge:107 Minuten
Kinostart: 6. Juni 2019
Verleih: Alamode Film

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright Alamode Film

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