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Film

„Stan & Ollie”. Oder die schmerzliche Seite der Komik

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Dienstag, den 07. Mai 2019 um 08:39 Uhr
„Stan & Ollie”. Oder die schmerzliche Seite der Komik 4.2 out of 5 based on 254 votes.
Stan und Ollie Film

Sie waren das erfolgreichste Comedy-Duo der Filmgeschichte: Stan Laurel und Oliver Hardy. Millionen lachten über ihre hinreißenden Sketche, den skurrilen Wortwitz. Als „zwei, die der Himmel geschickt hat“, bezeichnete sie der Schriftsteller J.D. Salinger und Samuel Beckett sah in ihnen die Idealbesetzung für „Warten auf Godot“. „The Boys” nannten ihre Fans sie liebevoll.
„Stan & Ollie” ist kein konventionelles Bio-Pic, John S. Bairds charmant melancholisches Leinwand-Epos konzentriert sich auf wenige Wochen im Leben der beiden Künstler, die Zerreißprobe ihrer Freundschaft. Es wechselt zwischen Tragik und Komik, erzählt von der Angst vor dem Alter, der eigenen Bedeutungslosigkeit, von Konkurrenz, Verrat, Abschied und einer Loyalität, die uns zu Tränen rührt.

Hollywood, 1937, die beiden Schauspieler überqueren das Studiogelände, auf dem Drehplan steht jene legendäre Tanzszene in „Way Out West”, die sich im Verlauf der Handlung zum Leitmotiv entwickelt. Zwei Jahrzehnte hatte sich das populäre Duo als Kassenmagnet der amerikanischen Traumindustrie bewährt, aber hinter den Kulissen kriselt es bereits. Während Oliver Hardy (John C. Reilly, „The Sisters Brothers”) auf die Schnelle noch eine Pferdewette setzt, mit den Mädels schäkert, Kusshändchen wirft, versucht Stan Laurel (Steve Coogan, „Philomena”) übers Geschäftliche zu reden. Sein Vertrag läuft aus, er will den Freund überzeugen, gemeinsam von Studioboss Hal Roach (Danny Huston) mehr Geld zu fordern. Charlie Chaplin, Buster Keaton und Harold Lloyd verdienen ein Vielfaches von ihnen, klagt er verbittert -Die besitzen die Rechte an ihren Filmen, wendet der Andere ängstlich ein. Ganz offensichtlich möchte der dicke Ollie es sich mit den Mächtigen der Branche nicht verderben, er schlägt diplomatisch eine winzige Gagenerhöhung vor. Doch Stan insistiert, sein kreativer Beitrag an den Produktionen soll endlich entsprechend gewürdigt werden, er schreibt die Gags und Drehbücher, führt teilweise Regie, sitzt bis spät nachts im Schneideraum, derweil Olli sich auf dem Golfplatz oder einer der vielen Partys vergnügt.

In dieser sechsminütigen Kamerafahrt gelingt es dem Regisseur, seine Protagonisten zu charakterisieren, die Konflikte zu umreißen und dann sind wir auch schon auf dem Set: Die Streithähne verwandeln sich in Schauspieler, Stan rubbelt durch seine Haare, kontrolliert die flachen Schuhsohlen, die beiden Männer greifen zu den schwarzen Bowler Hats, ihre Blicke treffen sich, von diesem Moment an stimmt die Chemie wieder zwischen ihnen. Die Magie jener telepathisch-ähnlichen Verbindung ist für uns fast körperlich spürbar. Wir blicken von hinten auf die beiden Akteure, „Ruhe bitte, Kamera, Szene 12, Take 1”, die Musik setzt ein, der Übergang zwischen Realität und Performance ist frappierend: der clowneske Charme ihrer Körpersprache hat etwas Entwaffnendes, Rührendes und schauspielerisch absolut Geniales, hier wird Gegensätzlichkeit zur scheinbar untrennbaren Einheit. Doch ein Hal Roach lässt sich nicht mit einem Bluff unter Druck setzen: „Sie können Hardy nicht ohne Laurel haben.” Stan weigert sich, den Knebelvertrag zu unterzeichnen, wird gefeuert, bis zuletzt darauf vertrauend, Ollie würde ihn unterstützen und zur Fox folgen. Der aber fürchtet das Risiko, lässt den Freund in Stich, dreht mit Harry Langdon (Richard Cant) als Ersatzmann für Stan „Zenobia, der Jahrmarktelefant”.

16 Jahre sind vergangen, Laurel und Hardy treffen sich in Newcastle für eine Tournee kreuz und quer durch Großbritannien, quasi als Einstimmung für das geplante Film-Projekt einer Robin-Hood-Satire. Die beiden einst so populären Stars sind deutlich gealtert, man spürt die Entfremdung, eine Kluft, die Enttäuschung hat auf beiden Seiten ihre Spuren hinterlassen, die Vertrautheit fehlt, und doch sind die Zwei zu sehr Profi, um nicht wieder sofort, wenn auch manchmal mit ostentativ verhaltenem Enthusiasmus, dort weiterzumachen, wo sie aufgehört hatten. Es ist phantastisch zu beobachten, wie die Gags und Szenen entstehen, die zwei Schauspieler haben akribisch Stück für Stück, ihren eigenen Kosmos kreiert, sind so zu Grenzgängern zwischen Realität und Fiktion geworden. Stan schreibt unentwegt am Robin-Hood-Drehbuch. Jeder neue Einfall wird gleich an Ollie erprobt: überzeugend, witzig oder nicht? Schon beim Frühstück im Zug feilschen sie um ihre Lieblingsgesten: „Darf Dir dann dafür ins Auge stechen ?”- „Nein.” Die anderen Fahrgäste drehen sich beunruhigt um. Regisseur John S. Baird („Filth”) und Drehbuchautor Jeff Pope („Philomena”) haben bewusst nur drei, vier der berühmten Sketche in die Handlung eingebaut, sie tauchen aber immer wieder auf, leicht abgewandelt. Der eigentliche Humor des Films aber liegt in den Gesprächen der beiden Protagonisten, dem täglichen Miteinander.

Mühsam zerren die beiden Männer einen riesigen Schrankkoffer die Treppen zum Bahnsteig hinauf. Außer Atem oben angekommen, genügt eine falsche Bewegung und schon poltert das Ungetüm die Treppen wieder hinunter. Es erinnert an ihre Oscar-prämierte Kurzfilmkomödie „Der zermürbende Klaviertransport” aus dem Jahr 1932. Die Schauspieler starren auf den unliebsamen Ballast, Ollies Frage an Stan, ob sie den Koffer brauchen, ist eher eine rhetorische, sie drehen sich um und gehen weiter. Es ist eine erste Geste der Annäherung. Am Telefon verschweigen sie den Ehefrauen die halbleeren Sitzreihen in den zweitklassigen Theatern, die eher einfachen kleinen Pensionen, beteuern, sie kämen großartig miteinander aus. Unverdrossen erscheint das Duo Abend für Abend auf der Bühne, Ollie, den alle nur Babe nennen, schmerzen die Knie, sein Herz macht Probleme. Stan sorgt sich um die Finanzierung des Films, der Geldgeber lässt sich verleugnen. Es ist ein regnerisch melancholisches England der Nachkriegszeit, der atmosphärisch wundervoll inszenierte Film wirkt auf uns wie in jenen Jahren entstanden. Der Veranstalter der Tour deutet an, persönliche Presseauftritte würden natürlich das Interesse an den Vorstellungen ankurbeln, aber so etwas könnte er ihnen nicht zumuten. Im Gegenteil, Stan und Ollie sind begeistert. Ihr Slapstick Repertoire ist unerschöpflich, Journalisten und Fotografen lieben das seltsame Paar, the odd couple. Die Zuschauerräume füllen sich, der Beifall wächst, die beiden Männer leben auf. John C. Reilly und Steve Coogan verkörpernd das Komiker Duo mit ungeheuer Sensibilität, ihre Fragilität, die widerstreitenden Emotionen, die fließenden Übergänge zwischen Realität und Bühne, sie mussten nicht nur die einzelnen Tanzschritte einstudieren, sondern die Art und Weise der Ausführung. Vieles wirkte bei Stan und Ollie fast zufällig und hatte einen beinah amateurhaften Charme. Sie machten Fehler und Reilly und Coogan mussten auch die Fehler mitlernen.

Was fasziniert seit Generationen die Menschen an Laurel und Hardy? „Der tiefe Sinn jeder Komik ist es, die aus den Fugen geratene Welt wieder in Ordnung zu bringen,“ sagte Theo Lingen. „Damit das aber geschehen kann, muss erst einmal Tabula rasa gemacht werden. Alles, was die Harmonie der Welt stört, muss radikal abgeräumt werden, in einem Akt der Befreiung, der erleichtert und erheitert.“ Während der schweren Wirtschaftskrise in den USA, die am 24. Oktober 1929 mit dem Schwarzen Donnerstag begann, verkörperten die beiden Schauspieler den normalen Typ von der Straße ohne Geld, ohne Bildung, ohne große Zukunftsaussichten, aber trotzdem entschlossen, mit den Absurditäten des Alltags fertig zu werden, auch wenn sie ihn total überforderten. Lange bevor die Simpsons signalisierten, dass Dysfunktion nicht automatisch zum Scheitern einer Familie führt, bewiesen Stan und Ollie auf der Leinwand, dass keine Querelen oder Katastrophen ihre Freundschaft wirklich bedrohen konnte. Es war ein Trost zu wissen, was immer geschah, diese Beziehung würde es überstehen. Nur, wie stand es in der Realität? „Zenobia, der Jahrmarktelefant” war wie eine unüberwindliche Mauer zwischen ihnen. Sie können einander nicht verzeihen, als die Ehefrauen aus den USA eintreffen, eskaliert die Situation. Auf einem Empfang, kommt es zum offenen Streit: „Ich konnte Nächte nicht schlafen, als ich erfahren habe, was Du getan hast.” -„Ich habe Nächte nicht geschlafen, als ich es getan habe.” -„Du hast unsere Freundschaft verraten.” -„Ich habe uns geliebt.” -„Du liebst nur Laurel und Hardy, niemals mich.” In diesem Augenblick sieht es fast aus, als würde der Abend enden wie eine ihrer berühmten Slapstick Raufereien.

Am nächsten Tag bricht Ollie bei der Preisverleihung eines Schönheitswettbewerbes zusammen, er hat einen Herzinfarkt erlitten. Wenn Stan an seinem Krankenbett auftaucht, wiederholt sich die von der Bühne her bekannte Krankenhaus-Szene, der Freund hat in der Hotelküche ein hartes Ei aufgetrieben, Ollie grinst über dieses sowohl vertraute Requisit und Symbol jahrzehntelanger Freundschaft und gemeinsamen künstlerischen Schaffens. Da liegt der kleine zierliche Mann neben dem riesigen Koloss, hält seine Hand und wärmt ihn. Die Ärzte haben dem Freund untersagt, weiter aufzutreten. Vergeben ist, was damals in Hollywood geschah. Dieses Mal muss Stan mit einem anderen Partner auf die Bühne. Das Theater ist für die nächsten Woche ausgebucht, das Orchester spielt bereits, aber Stan macht in letzter Minute einen Rückzieher. Die Vorstellungen sollen abgesagt werden, doch da steht der Freund den nächsten Morgen vor seiner Tür, The show must go on, er wird nicht heimfahren, auch seine Ehefrau hat es akzeptieren müssen. Den nächsten Tag stehen das Duo wieder gemeinsam auf der Bühne bis zum Ende der Tournee. Und selbst als Ollie am 7. August 1957 stirbt, schreibt Stan weiter Sketche für sie beide, er wird nie wieder ein Rolle annehmen.


Originaltitel Film: Stan & Ollie

Regie: John S. Baird
Drehbuch: Jeff Pope
Darsteller: John C. Reilly, Steve Coogan, Danny Huston, Nina Arianda
Produktionsland: Großbritannien, Kanada, USA, 2018
Länge: 98 Minuten
Kinostart: 9. Mai 2019
Verleih: SquareOne Entertainment

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright SquareOne Entertainment

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avatar Matthijs van de Beek
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Das klingt wunderbar und wird ganz sicher angeschaut.
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