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Film

„Vorhang auf für Cyrano”. Alexis Michaliks Huldigung an chevalereskes Dichtertum

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Dienstag, den 19. März 2019 um 09:01 Uhr
„Vorhang auf für Cyrano”. Alexis Michaliks Huldigung an chevalereskes Dichtertum 4.3 out of 5 based on 245 votes.
Vorhang auf für Cyrano

Die Filme von Steven Spielberg und Robert Zemeckis waren unverzichtbarer Teil seiner Kindheit. Jene Blockbuster setzte sich Alexis Michalik später als Maxime für seine Theaterinszenierungen: Klar, virtuos, populär, intelligent ohne intellektuelle Spitzfindigkeiten aber mit einem unverwechselbarem Rhythmus. „Ich will, dass es swingt,” sagt der 36jährige Regisseur und Autor, sein Publikum in Frankreich ist begeistert von ihm.
Michaliks Kino-Debüt „Vorhang auf für Cyrano” schildert die turbulente Entstehungsgeschichte der romantischen Tragikomödie „Cyrano de Bergerac” über den heroischen Poeten mit der riesigen Nase. Fiktion und Reflexion der Wirklichkeit verschmelzen ähnlich wie in John Maddens „Shakespeare in Love”, werden zu einer hinreißenden Hommage an die Welt der Bühne.

Paris, Dezember 1897. Alle schwärmen in der Stadt von dem neuen Hit des Komödienschreibers Georges Feydeau „Séance de nuit”. Derweil verzweifelt der junge Edmond Rostand (grandios Thomas Solivérès) am Mangel seiner Inspiration. Seit dem Flop des Versdramas „Die ferne Prinzessin” vor zwei Jahren hat er nichts mehr zu Papier gebracht, der 29jährige Familienvater weiß kaum noch, wie die Rechnungen begleichen. Da taucht unerwartet seine Gönnerin, die göttliche Sarah Bernhardt (Clémentine Célarié ), bei ihm auf mit der Nachricht, dass der berühmte Schauspieler Constant Coquelin (Olivier Gourmet) ihn kennenlernen und ein Stück mit einer historischen Rolle für sich selbst in Auftrag geben will. „Kein Problem” blufft Edmond und bringt sich so in Zugzwang.

Auch Coquelin steckt in der Klemme, das korsische Produzenten-Paar, das ihm sein Théâtre de la Porte Saint-Martin finanziert, droht das Haus zum Jahresende zu schließen, sollte er kein Erfolgsstück auf die Bühne zaubern. Es bleiben also noch genau drei Wochen bis zur Premiere. Während Edmond bei einer Tasse Verveine vergeblich auf erlösende Ideen hofft, entpuppt sich der Caféhaus-Betreiber Monsieur Honoré (Jean Michel Martial) als Retter und Lehrmeister der Assoziation. Das lyrische Drama soll sich um den großen Helden Cyrano de Bergerac drehen. Nur mehr hat Edmond an Fakten noch nicht zu bieten, als er sich mit seinem Aufraggeber trifft. Das Leinwand-Epos persifliert wundervoll die Abhängigkeiten des Kulturbetriebs. Der Bühnenautor will es Coquelin um jeden Preis Recht machen. „Ihr Stück?” „Tragödie” bietet er ängstlich an, der Gesichtsausdruck des Schauspielers lässt ihn zusammenzucken: „Komödie”. „Der Titel?” Edmond stammelt, tastet sich behutsam vorwärts, Abgründe tun sich auf. Die Angst wächst. - Wovon das Stück handelt? Der unsichere junge Künstler hangelt sich mühsam von Einfall zu Einfall. „Ein Poet mit einer...” Sein Blick fällt auf eine venezianische Maske. „...riesigen Nase”.

Diese Entstehungsgeschichte von Frankreichs meist gespielten Klassiker ist rein fiktiv, aber fühlt sich frappierend real an trotz der boulevardesk satirischen Attitüde. Alexis Michalik und sein Kameramann Giovanni Fiore Coltellacci kreieren in leicht überhöhten herrlich opulenten Szenen ein schillerndes Gesellschaftsporträt der Belle Epoque. Der Eiffelturm erhebt sich noch keine zehn Jahre über den Dächern der Seine Metropole. Der technische Fortschritt präsentiert sich mit den ersten Automobilen, Flugzeugen und bewegten Bildern aus dem Cinématographen der Brüder Lumière. Paris ein Fest fürs Leben, ob in Bars, Kabaretts oder Bordellen. Der spätere Erfolg des „Cyrano de Bergerac” ist in diesem Moment des Films noch unvorstellbar, zudem weil das Stück in trotzig unzeitgemäßer Versen auftritt, doch vielleicht grade dadurch den geheimen Sehnsüchten der Menschen entgegenkommt. Rostand ignorierte bewusst jenes moderne naturalistische Theater, wie von Henrik Ibsen. Der junge Autor nimmt die Tradition lyrisch epischer Bühnendichtung von Victor Hugo wieder auf. Vor der Fin-de-Siècle-Kulisse schwelgt er in idealistischem Pathos fern der sozialen oder psychologischen Konflikte, im Mittepunkt steht die unbedingte Hingabe an eine hoffnungslose Liebe.

Vom Inhalt seiner romantischen Komödie hat Michaliks Edmond noch keine Ahnung, die Proben beginnen. Was soll’s, auf Mitleid kann er nicht zählen. Molière hat „Tartuffe” in acht Tagen geschrieben, heißt es. Notgedrungen entwickelt unser Stückeschreiber die Handlung Akt für Akt. Die täglichen Turbulenzen nehmen zu, die Besetzung wird zum Albtraum, Coquelin erzwingt eine Rolle für seinen schauspielerisch völlig unfähigen Sohn Jean, und auf Geheiß der Geldgeber soll deren in die Jahre gekommene Ex-Geliebte Maria Lagault (Mathilde Seigner) die weibliche Hauptrolle der Roxane übernehmen. Außerdem muss Edmond ein Stück für hundert Personen schreiben und ein Duell darin platzieren, damit Coquelin mit seinen Fechtkünsten protzen kann. Immerhin kann der Poet seinem Freund, dem gutaussehenden Léo Volny (Tom Leeb) den Part des jugendlichen Liebhabers Christian verschaffen. Das erweist sich als hilfreich, als der gutmütige, aber nicht unbedingt gescheite Léo der literarische Unterstützung Edmonds bedarf, um seine Angebetete, die Theatergarderobiere Jeanne (Lucie Boujenah), zu erobern. Edmond schaut sich sein Stück jetzt einfach vom Leben ab.

Zunächst formuliert er im Schatten eines Balkons – wie später auf der Bühne Cyrano gegenüber Roxane- an Léos Stelle dessen flammende Appelle an Jeanne. Später als die Garderobiere mit der Truppe des Erfolgsautors Feydeau auf Tournee in der Provinz weilt, setzt Edmond den Austausch mit ihr,- nun aber ohne Wissen seines Freundes, doch in dessen Namen- brieflich fort. Jeanne schickt ihre nicht minder poetischen, parfümierten Antwort-Billets an die Adresse des Autors, denn Léo hat keinen festen Wohnsitz. Die Muse befeuert den jungen Poeten derart, dass sich das Stück wie von selbst schreibt. Nur als Jeanne eines Tages ihr Billet direkt ans Theater schickt und Léo in die Provinz auf einen Besuch einlädt, beginnen die Ereignisse sich zu überschlagen. Die Idee zu dem Cyrano-Projekt kam Alexis Michalik vor vielen Jahren, als er John Maddens „Shakespeare in Love” (1999) sah. Die Story des jungen Shakespeare, der hoch verschuldet in einer Schreibkrise steckt, aber dank einer jungen Muse seine Kreativität wieder erlangt und sein größtes Meisterwerk „Romeo und Julia” erschafft, ließ Michalik nicht mehr los. Warum gab es für Frankreich keinen ähnlichen Film, fragte er sich. „Cyrano de Bergerac” war allen ein Begriff, doch wer kannte schon Edmond Rostand? Ähnlich wie er hatte der polnischstämmige französische Regisseur viele Hürden zu überwinden, man fand keinen Geldgeber, der Film wurde als zu kostspielig eingestuft.

Michalik war drauf und dran aufzugeben, da stieß er in London auf eine Bühnenfassung von „Shakespeare in Love”. So kam die Idee, statt eines Films ein Theaterstück über die Entstehung des „Cyrano de Bergerac” in Angriff zu nehmen. Die Bühnenversion wurde zu einem ungeheuren Erfolg und Garant für die spätere Kino-Produktion. Michalik hatte seine Karriere als Theaterschauspieler begonnen und in jedem Moment spürt der Zuschauer seine Leidenschaft für die Bretter, die, die Welt bedeuten. Sein Film ist eine Liebeserklärung an deren Illusionsmaschinerie, die Handwerkskunst, an all die Menschen, die Teil dieser Welt sind, die Stars und die weniger berühmten, die unscheinbaren wie Rostand, doch der schmächtige Autor beherrscht die Kunst der Improvisation, unverzichtbar für die tägliche Arbeit am Theater, irgendetwas geht immer schief, dann muss schnell reagiert werden, es ist ein lebendiger kreativer Prozess unter starkem Zeitdruck. Michalik wollte mit seinem Film daran erinnern, dass im 19. Jahrhundert neue Theaterstücke so ungeduldig erwartet wurden wie später die gigantischen Hollywood-Produktionen im Stil von „Blade Runner 2049”. Als „Cyrano de Bergerac” 1897 die Bühne eroberte, erzeugte er damals einen Hype ähnlich dem von „Game of Thrones”. Angeblich wurde am Ende der Uraufführung eine voll Stunde lang applaudiert.

Historisch Reales vermischt sich mit rein Fiktiven, Szenen des Theaterstücks mit der Geschichte seiner Entstehung und unzähligen privaten Verwicklungen. Alles geschieht mit wundervoll heiter ironischer Leichtigkeit und sprachlicher Brillanz. Der atemlose Taumel der Gefühle und Worte reißt den Zuschauer mit, es ist als wenn der Cancan das Tempo vorgibt. Cyrano de Bergerac (1619-1655) war Schriftsteller und Vorreiter der französischen Aufklärung, die beiden von ihm verfassten utopischen Science- Fiction Romane über Reisen zu Mond- und Sonnenbewohnern erschienen erst nach seinem Tod. Rostand machte den ritterlichen Edelmann zur Ikone altruistischer Liebe, dem Idealbild chevaleresken Dichtertums. Gelungen bei Michalik die Figur des souveränen schwarzen Caféhaus-Besitzers, er begreift vielleicht als Einziger, was es bedeutet, Außenseiter zu sein, seine wirklichen Talente nie offen zeigen zu können. Das berührende Schauspiel vom Poeten, hinter dessen grotesken Äußeren sich eine sublime Seele verbirgt, verlor nie an Faszination ob als Oper, Musical, Ballett oder Film, herausragend 1990 Jean-Paul Rappenaus Inszenierung mit Gérard Depardieu in der Hauptrolle. Als unverwüstlich bewährte sich die Message selbst in der hintergründigen Teenie-Rap-Komödie „Das schönste Mädchen der Welt” von Regisseur Aaron Lehmann.


Originaltitel: Edmond

Regie + Drehbuch: Alexis Michalik
Darsteller: Thomas Solivérès, Olivier Gourmet, Mathilde Seigner, Tom Leeb, Lucie Boujenah
Produktionsland: Frankreich, Belgien, 2018
Länge: 110 Minuten
Kinostart: 21. März 2019
Verleih: Prokino Filmverleih

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright Prokino Filmverleih

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