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Film
The Guilty

Regisseur Gustav Möller inszeniert seinen klaustrophobischen Thriller „The Guilty” als rätselhaftes fesselndes Kammerspiel, ein Meisterwerk der Suspense zwischen Schuld und Sühne, unberechenbar bis zum letzten Moment.
Wo sonst der Zuschauer auf der Kinoleinwand mit Bildern überschwemmt, fast erdrückt wird, erwartet ihn hier nur eine triste Notrufzentrale der Kopenhagener Polizei, bläuliche Computerbildschirme, Fernsprechanlagen mit kleinen flimmernden roten Lichtern. Jasper Spannings Kamera konzentriert sich auf das Gesicht des Protagonisten, der eigentliche Schauplatz aber ist unsere Phantasie.

Gegen den Polizeibeamten Asger Holm (Jakob Cedergren) läuft ein Verfahren, er ist vom Streifendienst suspendiert. Ihn ödet die Nachtschicht in der Notrufzentrale an, nur widerwillig nimmt er die Gespräche entgegen. Es klingelt, Asger greift zum Headset, die Anruferin ist vom Fahrrad gestürzt, ganz offensichtlich das Ergebnis von zu viel Alkoholkonsum. Geschieht ihr Recht, ein aufgeschürftes Knie verdient keine Empathie und höchstens ein „Bleiben Sie dran”. Der nächste Anrufer behauptet, von einer Frau ausgeraubt worden zu sein, die plötzlich in sein Auto sprang. Der Computer lokalisiert als Standort den Rotlichtbezirk. Im Glas auf dem Schreibtisch dreht sich schäumend eine Aspirin-Tablette.

Es klingelt, „Los, geh ran”, ruft ein Kollege. Niemand meldet sich, nur leises angstvolles Schluchzen ist zu hören. Auf dem Bildschirm tauchen Name und Mobilfunk-Nummer auf. „Hören Sie mich Iben?” fragt Ansgar. „Ja, Schatz.” Der Polizist ist verwirrt für einen Moment, begreift dann, dass die junge Frau (Jessica Dinnage) vorgibt, mit ihrem Kind zu sprechen. Eine wütende Stimme im Hintergrund zischt: „Hör endlich auf zu quatschen.” Verschwunden sind Langweile und Desinteresse, der Protagonist ist plötzlich nur noch ambitionierter Ermittler. Seine Fragen kommen eine nach der anderen präzise, ruhig, nicht ohne Mitgefühl, er suggeriert, es gibt einen Ausweg. Ja oder Nein als Antwort genügt, die Tarnung eines privaten Anrufs bleibt geschützt, und er kann nun die Spurensuche aufnehmen. „Ist jemand bei Ihnen?” „Ja.” „Hat die Person sie entführt?” „Ja.” Es gilt in kürzester Zeit an möglichst detaillierte Informationen zu gelangen, bevor der Kidnapper die Verbindung unterbricht.

Über den Namen der Anruferin erhält Asger Adresse und Festnetz Nummer von ihr. Am Telefon meldet sich die sechsjährige verängstigte Tochter von Iben, in der Wohnung ist auch noch ihr jüngerer Bruder. Langsam nimmt das Grauen in unserer Vorstellung Gestalt an, während sich der Polizist, ohne es zu ahnen, immer mehr in ein Netz widersprüchlicher Spuren verstrickt. Er verspricht der Kleinen ein Happy End. Unser Antiheld verstößt mit seinen Nachforschungen gegen jede Vorschrift der Notrufzentrale, er soll die Gespräche lediglich nach Bedarf weiterleiten, fungiert als anonyme Anlaufstelle. Dies ist sein letzter Einsatz in der Abteilung, er riskiert Karriere und Zukunft, aber er will helfen, um jeden Preis. Die Jagd auf den Kidnapper ist zugleich eine Suche nach Vergebung, Schritt für Schritt kristallisieren sich die Beweggründe heraus für diesen, alle Vernunft außer Acht lassenden Entschluss, Iben retten zu wollen, in der absurden Hoffnung, sich selber zu retten. Asger setzt seinen ehemaligen Partner Rashid unter Druck, der soll in das Haus des Verdächtigen einbrechen. Eine Charakterstudie moralischer Ambivalenz, das Drehbuch schrieb Gustav Möller zusammen mit Emil Nygaard Albertsen.

Was als Story vielleicht wenig spektakulär klingt, ist aber so grandios strukturiert, so unberechenbar, dass einem der Atem stockt. Ohne einen Hauch von Selbstzweifel glauben wir auf der richtigen Fährte zu sein, den Schuldigen zu kennen, die Lust an der Verfolgung scheint erwacht, aber die eigene Phantasie wird für Protagonist wie Zuschauer gleichermaßen zur gefährlichen Falle. Möller unterläuft geschickt unsere Sehgewohnheiten und die damit verbundene Auffassung von Schuld. Sein Protagonist verstößt gegen die Vorschriften und im Film bedeutet das normalerweise, er gehört zu den Aufrechten, Tapferen. Ein Polizeibeamter, der sagt: Ich tue nicht, was das System will, ich breche die Regeln, beeindruckt uns, fast automatisch gehen wir davon aus, er handle richtig. So hat es das Kino über Jahrzehnte hinweg gelehrt, unsere Werte geprägt, ohne dass wir je diese etwas sentimental-naive Interpretation von Gut und Böse hinterfragt haben.

„The Guilty” ist nicht das erste Leinwand-Epos, das sich auf eine Figur, eine Location und das Telefon als Zentrum der Kommunikation beschränkt, fast hat sich diese Konstellation schon zum eigenen Genre entwickelt: „Phone Booth” (2002), „Buried” (2011), „The Call” (2013) oder „Locke” (2013). Möllers Thriller aber erweist sich als visuell radikaler, diese Art von Purismus zu inszenieren, braucht schon Genialität. Der Verzicht, Action optisch zu simulieren oder das Außergewöhnliche effektheischend zu stilisieren wie in den eben genannten Filmen, erhöht die Illusion von Realität. Die Konzentration auf die Stimmen der Protagonisten, hebt die räumliche Distanz zwischen ihnen und dem Zuschauer auf, führt zu einer frappierenden Identifikation, grade bei Iben, da wechselt Verzweiflung mit Zuversicht, Verwirrung mit kühlem Kalkül. Jedes Wort zwingt uns das Gehörte in eigene Bilder umzusetzen, aktiviert unerbittlich die Kreativität. Jacob Cedergren („Submarino”, „Sadie”) verkörpert in der Rolle des Asgar einen unendlich einsamen Mann, der grundsätzlich seine Gefühle nicht zeigt, sie hinter männlicher Überlegenheit und schroffer Souveränität gut zu verbergen weiß. Grade die winzigen Nuancen in Mimik oder Tonfall sind es, die seine Erschütterung offenbaren, wenn die Gespräche plötzlich abbrechen oder ins Leere laufen. Dem penetrant tutenden Amtszeichen gibt Soundtechniker Oskar Skriver etwas hoffnungslos Desperates. Die Geräuschkulisse hat ihre eigene besondere Magie, ersetzt in diesem Thriller Farben und Landschaften und bestimmt die beklemmende Atmosphäre.

In einem Interview schildert Möller, wie ihn „Serial”, der US-amerikanische Podcast inspirierte. Es geht dort um die verschiedenen Aspekte ungeklärten Kriminalfälle, wie 2014 der Mord an der Schülerin Hae Min Lee, verdächtigt wird ihr Freund und Mitschüler Adnan Syed. Er endet im Gefängnis und das Produktionsteam recherchiert, ob er die Tat wirklich begangen hat, es bestehen berechtigte Zweifel an dem Urteil. Der Fall wurde übrigens 2016 neu aufgerollt. Im Mittelpunkt der zweiten Staffel steht US-Soldat Bowe Bergdahl, der in Afghanistan 2009 von den Taliban gefangen genommen wird und sich nach seiner Befreiung 2014 vor einem Militärgericht wegen Desertion verantworten muss. Was den in Göteborg geborenen Regisseur faszinierte, war wie im Fall von Syed, dass unabhängig vom Dialog, allein durch den Sound das Ambiente entstand von Highschool, Tatort oder Gefängnis. Jede Episode liefert neue Informationen über den vermeintlichen Killer, und jedes Mal verändert es die imaginären Bilder. Der junge Filmemacher ist vor allem ein großer Bewunderer von Sidney Lumet (1924-2011), der ganz bewusst allein durch das Wetter, Emotionen provoziert wie in „Dog Day Afternoon” (1975) oder „Twelve Angry Men” (1957). Regen ist für Möller einer der besten Sounds, um Gefühle zu erzeugen. Regen kann aggressiv klingen, wenn er auf die Windschutzscheibe prasselt, abgefangen von den Scheibenwischer, aber er kann auch genau die gegenteiligen Gefühle suggerieren.


„The Guilty” Originaltitel: Den skyldige

Regie: Gustav Möller
Drehbuch: Gustav Möller & Emil Nygaard Albertsen
Darsteller: Jakob Cedergren, Jessica Dinnage, Johan Olsen, Omar Shargawi
Produktionsland: Dänemark, 2017
Länge: 85 Minuten
Angelaufen: 18. Oktober 2018
Verleih: NFP marketing & distribution

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright NFP marketing & distribution

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