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Film

„I, Tonya” – Zwischen dreifachem Axel und häuslicher Gewalt

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Freitag, den 23. März 2018 um 10:21 Uhr
„I, Tonya” – Zwischen dreifachem Axel und häuslicher Gewalt 4.3 out of 5 based on 260 votes.
I, Tonya

„Jeder hat seine eigene Wahrheit,“ erklärt trotzig die Protagonistin, genau deshalb schildert Regisseur Craig Gillespie Aufstieg und Scheitern der amerikanischen Eiskunstläuferin Tonya Harding (Margot Robbie) aus den verschiedenen Perspektiven der Beteiligten.
Entstanden ist eine irrwitzige Mockumentary: Biopic-Mix aus bizarren Interviews, Trash-Drama, skrupelloser Comedy und brutaler Familien-Agonie. Hochintelligent, absurd, amüsant, aber eigentlich unendlich verstörend, zeigt es doch wie tief verwurzelt, oft unüberwindlich Klassenschranken sein können in unserer Gesellschaft. Rotzig, flapsig, extrem aggressiv und schauspielerisch brillant Allison Janney als Inbegriff mütterlicher Kälte.

Der als Enfant Terrible verschrienen Sportlerin gelang als erster Amerikanerin innerhalb eines Wettbewerbs zwei sogenannte Dreifach-Axel, der wohl anspruchsvollste Sprung im Eiskunstlauf. Ihr Name jedoch wird für alle Zeiten der Öffentlichkeit in Erinnerungen bleiben durch das Attentat auf ihre Konkurrentin Nancy Kerrigan am 6. Januar 1994. Es war das Ende von Tonya Hardings Karriere. Geplant hatte den glücklicherweise nur stümperhaft ausgeführten Angriff mit einer Eisenstange Ehemann Jeff Gillooly (Sebastian Stan), um seiner Frau den Sieg bei den nationalen Meisterschaften zu sichern. Sie selbst leugnete lange hartnäckig, davon gewusst zu haben. Aber von nun an bezeichneten die Journalisten sie nur noch als „Eishexe”, die Rivalin dagegen gewann bei den Olympischen Spielen im norwegischen Lillehammer eine Silbermedaille. Der australische Regisseur Craig Gillespie und Drehbuchautor Steven Rogers rekonstruieren in zahlreichen Flashbacks jene ungewöhnliche Vorgeschichte voller abstruser Widersprüche. Wo die Trennlinie zwischen Parodie und Realität, bewusster Lüge oder verzweifelter Selbsttäuschung verläuft, kann der Zuschauer nur erahnen.

Die kleine Tonya vergöttert ihren Dad, sie gingen gemeinsam auf die Jagd, schossen Kaninchen, später wird sie sich aus den Fellen eine Jacke schneidern. Sie gebärdete sich wie ein echter Tomboy, Holzhacken, Trucks reparieren, Männerkram war ihr Ding, hier ist jemand, mit dem sie sich identifizieren kann. Aber die Mutter, LaVona Golden (Allison Janney), hat früh das außerordentliche Talent ihrer Tochter entdeckt, schon mit drei Jahren beginnt der Drill. Willkommen sind die beiden nicht in jener verschworenen Gemeinschaft, wo allein Anmut und Pirouetten zählen, wo Mädchen jeden Alters sich als fragile Märchenprinzessinnen präsentieren, weibliches Selbstverständnis und Geschlechterrolle dementsprechend definiert sind. Für das amerikanische Medien-Image ist die eigene Familie als Inbegriff von moralischer Integrität und Harmonie angeblich unerlässliche Voraussetzung. Da passt LaVona nicht ins Bild, die beim Training ihre Kleine ankeift: „Nennst Du das Eiskunstlaufen, verdammte Scheiße?” – „Fluchen Sie nicht vor den Kindern!”, entrüstet sich eine andere Mutter. „Ich habe nicht geflucht, Du Fotze,” lautet die lakonische Antwort. Dieses Vokabular wird von nun an Gespräche und Auseinandersetzungen bestimmen. Obszönität als einzige Möglichkeit aufzubegehren, Gefühle zu zeigen oder zu verbergen, hier in den Trailer-Parks der Rednecks, dem weißen Prekaritat, kann jede Form der Schwäche gefährlich sein, Sprache dient als Waffe, ob zur Selbstverteidigung oder beim Angriff.

Der Vater verlässt die Familie, für Tonya ein Verhängnis. Wenn die Kleine zaghaft den Versuch unternimmt, Freundschaft zu schließen mit einer anderen Eiskunstläuferin, pfeift die Mutter sie zurück, weil jeder dort unten auf dem Eis ihr Gegner oder Konkurrent ist. Wohlgemerkt die Mädchen sind höchstens sieben Jahre alt. Wann immer sich eine Gelegenheit bietet, schlägt LaVona zu, sie tritt so hart gegen Tonyas Stuhl, dass die hinfliegt, erniedrigt das Kind immer wieder. Die scheinbare Komik der Situationen verstärkt den Horror noch, lässt uns erschaudern. Brutalität und Ohnmacht bestimmen den Alltag, das ändert sich auch später nicht. Gewalt von Müttern ist noch immer ein Tabuthema, als würden Frauen nur zu Opfern taugen. Später wird es der Ehemann sein, der Tonja verprügelt, das Blut rinnt aus der Nase, er greift zum Gewehr, legt an, droht sie zu erschießen. Der Film ist wie seine Protagonistin, energiegeladen, hyperaggressiv, zornig, exzentrisch, unterhaltsam, schwadroniert zynisch drauf los, ohne Rücksicht auf politische Korrektheit oder Widersprüche. Auch Tonya greift zum Gewehr, während sie im gleichen Moment auf der Leinwand verkündet, es nie getan zu haben. Fast glaubt der Zuschauer, die Wahrheit wäre längst zur Farce verkommen, doch Craig Gillespie („The Finest Hours”) seziert die gesellschaftlichen Mechanismen mit ungeheurer Präzision, der ständige Stakkato-hafte Wechsel zwischen den verschiedenen Ebenen, zwischen Gegenwart und Vergangenheit, ist fast wie ein Ablenkungsmanöver, um so ungestört über Umwege tiefer in die Realität vorzudringen.

„Amerika, die wollen jemanden, den sie lieben können, aber sie wollen auch jemanden, den sie hassen können,” sagt Tonya, sie ist eine scharfsichtige Beobachterin, nicht die Willkür des Schicksals entscheidet über Sieg oder Niederlage. Die Außenseiterin ist extrem muskulös, kräftig, klein, zwar sportlich ihren Konkurrentinnen weit überlegen, doch die Erziehung der Mutter hat Spuren hinterlassen, ihr fehlt es nicht an Ehrgeiz oder Talent, sondern an Grazie, Eleganz, Anmut. Präsentation nennen es die Juroren mit Häme, und das Enfant Terrible rastet aus über die ungerechte Bewertung. Zu Recht. Gewünscht wird hier nicht Heavy Metal, sondern etwas Einschmeichelndes, zu dem die Tänzerinnen über das Eis schweben, gleiten, auch wenn ein Sprung mal daneben geht, die Kostüme sind hinreißend, Friseur und Make-up exquisit und dezent. Dezent ist Tonya nie, ihre Kostüme seit frühster Kindheit sind selbstgeschneidert, peinlich, grell, billig, als Rocklady würde Geschmacklosigkeit vielleicht als Stil akzeptiert, nicht auf dem Eis. Anpassung war noch nie Tonyas Strategie, um keinen Preis, sie reißt sich den Arsch auf, wie sie es formuliert, trainiert von fünf Uhr morgens, verdient ihr Geld mit schlecht bezahlen Kellnerjobs, die Schule hat sie mit zwölf geschmissen, mit fünfzehn sich in Jeff verliebt, früh geheiratet, enttäuscht vom Ehemann, enttäuscht von der Mutter, enttäuscht von der Presse, die ihr mit Häme begegnet. Sie hat als Kind daheim nur Gewalt als Lösung von Konflikten kennengelernt, Diplomatie oder Freundlichkeit sind Gillespies Antiheldin fremd, so was funktioniert nicht in ihrem Universum.

Manche Kritiker behaupten, der Film würde Vorurteile über die Unterschicht noch bestärken. Falsch, die Wirklichkeit ist um vieles krasser, grausamer und leider eben auch lächerlich. Tonya weiß es, ihre Blicke sind voller Verachtung, sie spricht uns direkt an, durchbricht die vierte Wand, jeder von uns ist mitschuldig an der Misere, die einer wie ihr keine Chance gibt. Sie will kein Mitleid, kein Verständnis, Rehabilitierung, fuck it. Sie wollte Gerechtigkeit, damals, heute ist es eh zu spät. Der gerade gewonnene Titel wird ihr aberkannt, man hat sie auf Lebzeiten für alle Eiskunstlaufmeisterschaften gesperrt, das FBI konnte ihr nicht nachweisen, dass sie von der geplanten Knüppelattacke auf Nancy wusste, sie wurde lediglich wegen Behinderung der Justiz zu drei Jahren auf Bewährung verurteilt, 500 Stunden gemeinnütziger Arbeit und eine Geldstrafe, Jeff Gillooly und sein Kumpel Shawn Eckhart landen hinter Gittern. Selten gesteht das Kino Frauen diese Art der Bösartigkeit zu, wenn, dann auch nur als atemberaubend schöne Agentinnen wie in „Atomic Blonde” oder „Red Sparrow”, ohne High Heels keine Lizenz zum Töten. Eine der wenigen Ausnahmen ist Petty Jenkins Film „Monster” (2003), ein Psychogramm der Mörderin Aileen Wuornos, Charlize Theron spielt die Hauptrolle, wurde für ihre Leistung mit dem Oscar ausgezeichnet. Eine ähnlich rücksichtslose Intensität entwickelt die australische Schauspielerin Margo Robbie („Suicide Squad”) als Tonya, irgendwo zwischen Überheblichkeit und Verzweiflung, immer haben die anderen über sie geurteilt, dieses Mal hält sie Gericht. Über uns, die Öffentlichkeit. Für Momente erscheint sie uns manchmal attraktiv, dann degradiert sie sich wieder zur clownesken Trash-Lady, hinter ihr stapelt sich das ungewaschene Geschirr. Sie konfrontiert uns mit ihrer Wahrheit, und führt sie zugleich ad absurdum, wenn sie mit dem Gewehr im Anschlag ihren Mann aus dem Haus jagt, es aber verbal abstreitet.

„Als ich ein Kind war, hast Du mich da je geliebt?” fragt sie LaVona. „Ich habe Dich zum Star gemacht, obwohl ich wusste, dass Du mich hassen würdest, so ein Opfer bringt nur eine Mutter.” Außer Tonyas Vater sind die Männer in diesem Film eher klägliche Witzfiguren, gefangen in ihren Allmachtsphantasien.


Originaltitel: I, Tonya

Regie: Craig Gillespie
Darstellerin: Margot Robbie, Allison Janney, Sebastian Stan
Produktionsland: USA, 2017
Länge: 120 Minuten
Kinostart: 22. März 2018
Verleih: DCM Filmdistribution

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright
DCM Filmdistribution

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