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Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2015


Film

„Call Me by Your Name”. Die Sinnlichkeit des Luca Guadagnino

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Freitag, den 02. März 2018 um 10:30 Uhr
„Call Me by Your Name”. Die Sinnlichkeit des Luca Guadagnino 4.6 out of 5 based on 344 votes.
Call Me by Your Name

Eine hinreißende subtile Liebesgeschichte, ihr melancholischer Zauber ist überwältigend, unwiderstehlich: Jene unerträgliche Sehnsucht, das schmerzhafte Verlangen zwischen Scham, Stolz, Angst, Sprachlosigkeit und dem ach so fragilen Glück fühlt sich an, als wären es die eigenen, fast vergessenen Erinnerungen.
Wir spüren die wundervoll träge Mattigkeit am Ende heißer Sommertage und eine nie überwundene Wehmut. Strahlte Luca Guadagninos Film „A Bigger Splash” (2016) eher die elegant erotische Kühle eines Hitchcock-Thrillers aus, „Call Me by Your Name”, diese sinnliche behutsame Coming-of-Age-Romanze eines altklugen Siebzehnjährigen ist genau das Gegenteil und wurde für vier Oscars nominiert.

Norditalien,1983. Die idyllische ländliche Villa liegt nicht weit vom Fluss entfernt, flirrende Hitze setzt die Zeit außer Kraft. Der junge Elio (Timothée Chalamet) verkriecht sich in der Bibliothek, transkribiert Schönberg, komponiert auf dem Piano Bach-Variationen, er blättert ein wenig lustlos durch seine Bücher. Widerwillig räumt der schlaksige Teenager sein Zimmer, zieht in die benachbarte kleine Kammer um. Wie jedes Jahr im Sommer wird ein Gast, von seinem Vater ob hervorragender akademischer Verdienste auserwählt, sechs Wochen mit der Familie zu verbringen. Mr. Perlman (Michael Stuhlberg), Mitte Fünfzig, etwas schüchtern, etwas steif, ist Professor für klassische Antike und Archäologie, seine attraktive eloquente Ehefrau Annella (Amira Casar) schwärmt für deutsche Literatur. Die drei sind einander mit großer Zärtlichkeit zugetan, ein kosmopolitischer Haushalt geprägt von Kunst und Kultur, in ihren Gesprächen wechseln die Perlmans mit ironischer Leichtigkeit zwischen Französisch, Englisch und Italienisch.

Und da ist er auch schon der Eindringling: Oliver (Arnie Hammer), ein amerikanischer Doktorand und Heraklit-Experte, 24 Jahre alt, verdammt gut aussehend, sein Lächeln ist entwaffnend und der muskulöse durchtrainierte Körper erinnert unwillkürlich an griechische Statuen. Der Sunny-Boy gibt sich überlegen, sorglos, selbstbewusst. Neben ihm wirkt Elio noch zarter, feingliedriger, jünger und mürrischer. „In Call Me by Your Name” verbirgt sich die Sinnlichkeit überall, auch in der Melodie der verschiedenen Sprachen, dem intellektuell rhetorischen Schlagabtausch, wie ihn sich Prof. Perlman und Oliver liefern. Der Vater doziert über die Etymologie, die Herkunft der Aprikose, der Name käme aus dem Arabischen... Irgendwann unterbricht ihn der Amerikaner, es handle sich in Wahrheit nicht um ein arabisches Wort, viele lateinische Worte kommen aus dem Griechischen, im Falle von apricot aber sei es umgekehrt... Das Drehbuch hat der 89jährige James Ivory („Maurice”) geschrieben, Finessen und Dialoge übernahm er aus dem gleichnamigen Roman André Acimans, die Handlung ist stark komprimiert, das Finale abgewandelt, wahrlich eine meisterhafte Adaption.

Elio fühlt sich der sexuellen Anziehungskraft des Gastes hilflos ausgeliefert. Ängstlich ist er darauf bedacht, seine Empfindungen zu verbergen. Die beiden teilen sich ein Bad, einen Balkon und doch trennen sie Welten. Der Siebzehnjährige zeigt dem Älteren die Stadt, per Rad durchqueren sie die Umgebung, machen Bergtouren, gehen schwimmen, liegen in der Sonne, nehmen einen Drink in der Bar, spielen Volleyball und Abends geht es in die Disko. Distanz und Nähe wechseln ständig, der Teenager ist oft der Verzweiflung nahe. „Später, wir sehen uns”, damit bricht der Amerikaner oft abrupt das Beisammensein ab, die Eltern sind eher amüsiert über die ungewohnte etwas rüde Formulierung. Wohin er geht, Oliver verrät es meist nicht, in der Kneipe spielt er Poker mit den Einheimischen, als würde er hier schon seit Jahren leben. Dem dankbaren Prof. Perlman hilft er bei dessen wissenschaftlicher Arbeit, ob Annella oder die Haushälterin, sie alle erliegen dem Charme des Amerikaners. Ein wenig erinnert Arnie Hammer an Matt Damon in „Der talentierte Mr. Ripley”. Die Mädchen aus der Nachbarschaft aber reißen sich um ihn, er flirtet mit vielen, Chiara gewinnt seine Gunst. Elio versucht es ihm gleichzutun, hofft vielleicht so auf etwas mehr Aufmerksamkeit oder gar Eifersucht. Alles was der Siebzehnjährige erreicht, ist, dass er Marzia (Esther Garrel), die Freundin, enttäuscht, und enttäuscht ist er auch er von sich selbst.

Oliver trägt am Kettchen um den Hals einen goldenen Davidsstern. Den Glauben so offen zu zeigen, ist ungewohnt für Elio. Seine Familie haben sich für ein „diskretes Judentum” entschieden. Alles an dem Amerikaner scheint so lässig, so angstfrei, aber langsam erkennt der Teenager ein unsicheres Flackern in den Augen des Mannes, um den sich alle seine Gedanke drehen. Überlegen ist er ihm am Piano, da kann er seine Schlagfertigkeit, seine Kreativität unter Beweis stellen. Wissen wird seine Waffe, fast ist es, als würde er so die Niederlage des Vaters rächen. „Gibt es auch etwas, das Du nicht weißt”, fragt Oliver leicht enerviert irgendwann, vielleicht ging es um Shellys Herz, das ein Freund ergriff, bevor die Flammen es verschlingen konnten . „Wenn Du wüsstest, wie wenig ich über die Dinge weiß, auf die es ankommt.” – „Von welchen Dingen sprichst Du?” – „Du weißt genau von welchen Dingen ich spreche”. Phantastisch die schauspielerische Leistung von Timothée Chalamet. Hilfloser Zorn auf sich selbst, spiegelt sich auf dem Gesicht des Jungen. Luca Guadagnino spürt akribisch winzigen Regungen nach, am Ende zeigt sich, Elio ist der Mutigere, wenn es um Liebe geht. Eine scheinbare unbewusste Berührung, der Teenager schreckt zurück, wie oft wird er diesen Reflex bereuen. Er schämt sich seines Verlangen, wird erwischt, ein Pfirsich ist belastendes Indiz seiner Lust, er möchte vergehen vor Scham. Ein Kuss, er verflucht ihn, leidet Höllenqualen, ahnt nicht, dass der Andere sich genauso nach ihm sehnt.

Der thailändische Kameramann Sayombhu Mukdeeprom kreiert betörende Bilder fernab touristischer Italien-Klischees, menschenleere Gassen, einfache Feldwege, Dinner im Garten, die Atmosphäre der Achtziger Jahre, das Begehren hat noch oder wieder einen Hauch von Unschuld. Die Kamera dreht sich weg, die Umarmung bleibt das Geheimnis von Elio und Oliver. Homosexualität ist kein Tabu mehr, muss deshalb nicht ostentativ in Szene gesetzt werden, „Call Me by Your Name” ist auf seine subtile Art genauso erotisch wieAbdellatif Kechiches spektakulärer Film „Blau ist eine warme Farbe”. Und doch gab es Kritiker, die nach mehr bloßem Fleisch verlangten, alles andere als verlogen empfinden, das hieße wirklich, den Menschen zum bloßen Objekt der Begierde reduzieren. Beide Protagonisten verstecken anfangs ihre Gefühle, der Ältere mag geübter darin sein, der Jüngere noch beholfen, es ist seine erste große Liebe, ein gebrochenes Herz, damit zu leben will gelernt sein. Der Kamera entgeht kein Zucken des Mundwinkels, weder die Andeutung eines verlegenen Lächeln noch die Angst vor Ablehnung, es sind Bilder rührender Eindringlichkeit und Intimität, Momente größten Glücks und unfassbarer Traurigkeit. Wie viel Schmerz kann man ertragen? Der Lärm der Zikaden geht unter in Sufjan Stevens „Mystery of Love”: „Oh, to see without my eyes. The first time that you kissed me. Boundless by the time I cried. I built your walls around me.” Der Soundtrack avanciert zum Subtext, reflektiert die innere und äußere Welt Elios: Loredana Bertés „J’adore Venice”, Bandoleros „Paris Latino” in der Originalversion von 1983, Maurice Ravels „Une barque sur l’océan di Miroirs” von André Laplante, The Psychedelic Furs „Love My Way”.

Luca Guadagnino zeigt in seiner Trilogie „I am Love”, „A Bigger Splash” und „Call Me by Your Name” die verschiedenen Facetten der Sinnlichkeit. Seine Adaption des Romans von André Aciman bezeichnete er als Hommage an die Väter, widmet sie dem eigenen und denen, die ihn geprägt haben: Renoir, Rohmer, Rivette, Bertolucci. Unvergesslich bleibt uns das zutiefst ergreifende Gespräch zwischen Vater und Sohn, nach dem Oliver in die USA zurückgekehrt ist. Elio begreift, die Eltern wissen längst um seine Gefühle. Der alte Perlman bewundert seinen Jungen dafür, beneidet ihn, er hatte damals in seiner Jugend nicht diesen Mut: „Die Natur hat ihre verblüffenden Methoden, unsere Schwachstellen aufzuspüren”. Diese Gespräch ist schon heute Kinogeschichte und Luca Guadagninos Traum wäre, eines Tages „Die Buddenbrocks” zu verfilmen.


Originaltitel: Call Me by Your Name
Regie: Luca Guadagnino
Darsteller: Armie Hammer, Timothée Chalamet, Michael Stuhlbarg
Produktionsländer: Frankreich, Italien, USA, Brasilien, 2017
Länge: 131 Minuten
Kinostart: 1. März 2018
Verleih: Sony Pictures Germany

Titel des Romans: Call Me by Your Name Ruf mich bei Deinem Namen
Autor: André Aciman, Übersetzung: Renate Orth-Guttmann
Originalausgabe erschien 2007 bei Farrar, Strauss, Giroux
Verlag: dtv, 285 Seiten
ISBN-10: 3423086564

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright Sony Pictures Germany

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avatar Fabian Drux
+4
 
 
Danke für den Hinweis auf einen wunderschönen Film. Den hätte ich ansonsten wohl verpasst.

Wird es in den nächsten Tagen einen Text zu "Der Hauptmann" von Robert Schwentke geben? Ich bin sehr gespannt darauf, da ich bereits viel Gutes gehört und gelesen habe.
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avatar Anna Grillet
+1
 
 
Leider nein, kann die bitterböse ästhetisch brillante Realsatire aber durchaus empfehlen. Meine nächste Filmkritik: THE FLORIDA PROJECT mit einem Schlenker zu LOVELESS.
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