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Film

„El Clan” – Eine mörderische Idylle

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Donnerstag, den 03. März 2016 um 11:25 Uhr
„El Clan” – Eine mörderische Idylle 5.0 out of 5 based on 250 votes.
El Clan Film Trailer

Raffinierter, beklemmender Thriller über das gefährliche Erbe der argentinischen Militärjunta.
Regisseur Pablo Trapero war dreizehn Jahre alt, als die Verhaftung Arquímedes Puccios Schlagzeilen machte. Es ging um Entführung, Erpressung, Mord. Der Fall fasziniert den Filmemacher heute noch genau wie damals. „El Clan” ist weniger Crime-Drama als die Chronik einer bizarren Vater-Sohn-Beziehung. Der sympathischen Familie in dem gutbürgerlichen Vorort von Buenos Aires traute angeblich niemand solch unfassbare Verbrechen zu. Obwohl, genau damit hatte es der ehemalige Angehörige des Geheimdienstes während der Diktatur zu hohem Ansehen gebracht. Entscheidender Unterschied gegenüber früher: Nun arbeitet er als selbstständiger Unternehmer auf eigene Rechnung. Seine Opfer sind nicht mehr Regimekritiker sondern wohlhabende Nachbarn.

Das neue Geschäftsmodel ändert wenig an der täglichen Routine dieser schrecklich netten Familie. Arquímedes Puccio (Guillermo Francella) fegt den Bürgersteig vor dem Haus, hilft der Tochter bei den Matheaufgaben, Bruchrechnung, alles muss auf den gleichen Nenner gebracht werden. Es sind brave Kinder, meist ohne zu maulen decken sie den Tisch oder waschen das Geschirr ab, versichern Mama (Lili Popovich), wie lecker das Essen war und schwören Papa ihre Loyalität. Bei den Entführungen muss jeder mit anpacken. Nur einer hat gekniffen, der erstgeborene Sohn Magulla (Gastón Cocciarale), er lebt in Neuseeland. Der selbstgerechte Patriarch zürnt wegen so viel Verrat und Treulosigkeit. Noch vor der gemeinsamen Abendmahlzeit bringt Arquímedes einen Teller mit einem extra Stück Fleisch ins obere Geschoss, wo im Gästebad angekettet das verzweifelte Entführungsopfer vor sich hin klagt. Die intensiven langen Kamerafahrten (Julián Apezteguía) durch das grauenvoll spießige wie düstere Ambiente der Puccios werden zum Psychogramm der argentinischen Gesellschaft. Die Atmosphäre ist bedrückend, unheilvoll. Am Ende fragt sich der Zuschauer, ob er nur Zeuge war oder doch vielleicht schon Komplize.

„El Clan” beginnt mit historischen Aufnahmen der Vereidigung des neuen Präsidenten Raúl Alfonsín. Nie wieder sollen Hass und Gewalt die Gesellschaft zerstören, erklärt der Politiker. Nach sieben Jahren grausamer Diktatur kehrt Argentinien zur Demokratie zurück. Bilanz der Militärjunta: 30.000 Menschen wurden verfolgt, entführt, verschleppt, getötet. Das wahre Ausmaß der Schreckensherrschaft erfährt die Öffentlichkeit erst nach und nach, die Mütter der desaparecidos (Verschwundenen) fordern, dass die Mörder zur Rechenschaft gezogen werden. Die aber leben unerkannt zwischen ihren Mitbürgern, fürchten nichts, sondern sind überzeugt, dass die Demokratie nur ein vorübergehendes Übel ist. Puccio profitiert derweil von den alten Seilschaften bei Justiz und Polizei, die Einflussreichen drücken ein Auge zu wegen seiner neuen lukrativen Unternehmungen. „Verbrechen ist Familiensache”, so lautet der deutsche Untertitel des klaustrophobischen amüsanten Thrillers. Irgendwann soll Sohn Alex (Peter Lanzani) sein Nachfolger werden, hat Puccio Senior beschlossen. Der attraktive Junge hat eigentlich ganz andere Pläne, er ist der populäre Star des heimischen Rugby-Teams, möchte bald seine Freundin Mónica heiraten. Den Wunsch tut der Vater als reinen Wahnsinn ab.

Auf dem Spielfeld demonstriert Alex Kraft und Durchsetzungsvermögen, im Beisein von Teamkollegen und Freundin wirkt er entspannt, selbstsicher. Daheim aber erstarrt er, es ist, als hätte der Zwanzigjährige keinen eigenen Willen mehr, sein Selbstbewusstsein löst sich in Nichts auf. Er fürchtet den Vater und scheint zugleich fasziniert von ihm. Die gespenstische Abhängigkeit, sein Gehorsam grenzt an Unterwürfigkeit. Doch nichts davon ist übertrieben, Einschüchterung war schon vor der Militärdiktatur in Argentinien Teil des politischen Systems. Mit Ausnahme der skrupellosen Machthaber und ihren Schergen, hat sich die Furcht tief im Bewusstsein der Menschen eingenistet. Alex als Star des Rugbyteams der Pumas ist das perfekte Cover für das blutige Familiengeschäft. Er wird vom Senior als Köder eingesetzt, um einen Teamkollegen aus reicher Familie zu entführen. So sitzt der Sohn denn nun bei Tisch mit zum Gebet gefalteten Händen im Kreis seiner Lieben, gleich werden sie einander die dampfenden Schüsseln reichen, während oben der Freund mit einer Kapuze über dem Kopf vor sich hin wimmert. Zum Sympathieträger taugt keiner der Puccios. Was Alex nicht ahnt, trotz Zahlung des geforderten Lösegeldes von 500.000 Dollar, wird sein Vater das Entführungsopfer kaltblütig töten. Er will keine Zeugen.

Pablo Trapero („Carancho”, „Elephant White”) spielt nicht mit der Lust an der Gewalt. Wenn sie im Film auftaucht, dann immer nur für Momente, oft unerwartet, ob auf dem Rugby-Platz, beim Sex oder während der Folter-Sequenzen. Verbrechen ist in diesem vielschichtigen Film höchst unglamourös, schmierig, schmutzig, es wird nicht zelebriert eher seziert. Puccio und seine Handlanger gebärden sich weniger wie smarte Hollywood-Gangster, sondern ähneln hasserfüllten geldgierigen Spießbürgern, sie schwelgen in ihrer Scheinheiligkeit. Martin Scorsese trifft auf Luis Buñuel. Die Brutalität des Vaters erinnert an die Triple A (Alianza Anticomunista Argentina), wahrscheinlich hat er dort beim paramilitärischen Todesschwadron der Peronzeit sein Handwerk gelernt. Die Entführungscoups selbst sind dagegen linkisch, primitiv, funktionieren nur weil der alte Herr von oben protegiert wird. Das abstruse ironische Familienporträt beeindruckt vor allem als rasante ästhetisch grandiose Komposition: Extreme Zeitsprünge und krasse Gegenschnitte entwickeln sich zum furiosen künstlerischen Feuerwerk der Doppellmoral. Trapero ist hier nicht nur Regisseur, Autor, Produzent sondern auch Cutter, und zwar ein meisterhafter. In Venedig wurde er mit dem silbernen Löwen für die beste Regie ausgezeichnet. Eine halbe Million Besucher in den ersten vier Tagen nach Kinostart war für Argentinien der absolute Boxoffice-Rekord.

Popmusik ist in „El Clan” mehr Protagonist als Soundtrack, sie übertönt nicht nur die grauenvollen Schreie eines neuen Entführungsopfers (dieses Mal im Keller weggesperrt), sondern kommentiert auch zynisch jene durch Korruption, Angst und wirtschaftlichen Niedergang geprägte Ära. Songs wie „Creedence”, „Virus”, „Serú Giran”, „Wadu Wadu” oder „Encuentro con el diablo” erinnern Trapero an die Zeit als 13jähriger Teenager. Musik war für ihn wichtiger Bestandteil seiner Jugend. „Plötzlich in einer Demokratie zu leben, fühlte sich unwirklich an”, sagt der Regisseur. Manche Titel wie „I’m just a gigolo” (1985) von David Lee Roth, stammen genau aus dem Jahr, in dem die Szene spielt. Doch die Musik dient nicht nur als zeitliche Einordnung, der Regisseur will auch einen bewussten starken Kontrast setzen, zu dem was auf der Leinwand grade passiert. Er benutzt gern Melodien, die durch ihre Bekanntheit bestimmte Assoziationen im Zuschauer wecken und die dann im Kontext des Films wieder gebrochen werden wie „Sunny Afternoon”, dem Hit der Rockgruppe Kinks aus dem Jahr 1966. Gebrochen wird auch mit konventioneller Dramaturgie und herkömmlichem Spannungsverlauf. Der Regisseur setzt die ersten Momente des spektakulären Polizeieinsatzes bei der Verhaftung des Puccio-Clans an den Anfang des Films, als wolle er den Thriller zum Anti-Thriller umstrukturieren.

Der charismatische Guillermo Francella („The Secret in Their Eyes, 2009) verwandelt sich als Arquímedes Puccio in einen eiskalten Psychopathen, er glaubt über dem Gesetz zu stehen. Äußerlich ist er ein weißhaariger eher unscheinbarer Herr, doch er strahlt eine diabolische Kraft aus. Die eiskalten Augen zeigen keine Emotion. Jener starre unbewegliche Blick erinnert an ein Reptil und ist hart erarbeitet, erzählt Trapero. Der heuchlerisch fürsorgliche Patriarch versteht es, Alex moralisch unter Druck zu setzen. Beim gemeinsamen Foto wirken die Hände auf der Schulter des Sohnes wie eine versteckte Drohung. Mehr oder weniger geschickt versucht der Senior seine Taten zu legitimieren. Diese Schreckensherrschaft in Eigenregie funktioniert vorzüglich, doch dann will Alex nicht mehr mitspielen. Zwar kehrt der älteste Sohn wieder zurück in den Schoß der Familie, der jüngste aber flieht. Man warnt Puccio vor weiteren Unternehmungen, das Risiko sei zu groß. Der will nicht hören, glaubt es genügt, dass die Entführungen sich nicht mit dem Rugby-Training oder den Lehrerkonferenzen der Ehefrau überschneiden.

Zum Background: „El Clan” ist eine universelle Geschichte. Diktaturen verschwinden nicht von einem Moment zum anderen. Ihr gefährliches Erbe lebt in den Menschen weiter. Der Film könnte nicht aktueller sein. Wir begreifen plötzlich, wie unendlich viel Mut die Aufständischen besaßen, sich dem Regime von Jorge Rafael Videla zu widersetzen. Acht Wochen nach dem Putsch, im Mai 1976, hatte der Gouverneur der Provinz Buenos Aires, General Ibérico Saint-Jean, auf einer Pressekonferenz verkündet: „Zuerst werden wir alle Subversiven töten, dann ihre Kollaborateure, danach ihre Sympathisanten, dann die Unentschlossenen, und am Schluss töten wir die Ängstlichen.” Nach der Verhaftung legt man Arquímedes Puccio nahe, die Schuld für die Verbrechen allein auf sich zunehmen, um seine Kinder dadurch zu entlasten. Doch er beharrt auf seiner Unschuld. So wird auch Alex zu lebenslanger Haft verurteilt. Er versucht mehrmals vergeblich sich das Leben zu nehmen und stirbt im Alter von 49 Jahren. Der alte Puccio studiert im Gefängnis Jura. 2008 wird er auf Grund einer Amnesie entlassen und praktizierte als Anwalt. Bis zu seinem Tod mit 84 Jahren leugnet er jede Beteiligung an den Entführungen und Morden.


Originaltitel: El Clan
Regie / Drehbuch: Pablo Trapero
Darsteller: Guillermo Francella, Peter Lanzani, Lili Popovich
Produktionsland: Argentinien, Spanien, 2015
Länge: 109 Minuten
Verleih: Prokino
Kinostart: 3. März 2016

Fotos & Trailer: Prokino Filmverleih

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