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Hamburger Architektur Sommer 2019


Bildende Kunst

Die jungen Jahre der Alten Meister – Baselitz, Richter, Polke, Kiefer

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Donnerstag, den 07. November 2019 um 08:28 Uhr
Die jungen Jahre der Alten Meister – Baselitz, Richter, Polke, Kiefer

Es war die Zeit, in der die Malerei totgesagt war. Jeder, der sich zur Avantgarde zählte, suchte den Ausstieg aus dem Bild. Jeder? Nein. Vier junge Maler dachten Anfang der 60er Jahre gar nicht daran, den Pinsel aus der Hand zu legen – und machten die deutsche Malerei weltberühmt: Baselitz, Richter, Polke, Kiefer.
Mit diesen vier ‚Großkopferten‘ feiern die Hamburger Deichtorhallen nun ihr 30jähriges Jubiläum: „Die jungen Jahre der Alten Meister“.

Es weht der Hauch des Abschieds durch diese Ausstellung. Abschied von den allmächtigen Malerfürsten Ende des 20. Jahrhunderts, die im Zeitalter digitaler Medien und MeToo-Debatten doch schon selbst Geschichte sind. Abschied von der Illusion nach 30 Jahren Mauerfall auf ein weltoffenes, tolerantes, liberales vereinigtes Deutschland. Und ein Abschied, ganz im Geheimen, vom weltweiten Ausstellungszirkus ist es wohl auch – für den Gastkurator Götz Adriani (78). Über Jahrzehnte hat der international renommierte Ausstellungsmacher das zeitgenössische Kunstgeschehen von Tübingen aus beeinflusst und das Renommee der vier Weltmeister gemehrt. Nun – gleichsam als Krönung seiner Laufbahn – hat er sie erstmals in einer Ausstellung vereint. Besser gesagt, in vier Ausstellungen, die Werkkomplexe sind strikt getrennt. Ursprünglich für Stuttgart konzipiert, musste diese Schau einfach nach Hamburg kommen. Grund war die „welthistorischen Koinzidenz“ (Deichtorhallen-Intendant Dirk Luckow) der Ereignisse: Am 9. November 1989, am Tag der Hallen-Eröffnung (mit Harald Szeemanns unvergessener „Einleuchten“-Schau) fiel die Berliner Mauer. Und Georg Baselitz (*1938), Gerhard Richter (*1932), Sigmar Polke (1941-2010) und Anselm Kiefer (*1945) – bis auf den Letztgenannten alle in der DDR sozialisiert – sind prädestiniert, das Doppelj^ubiläum zu würdigen: Niemand hat sich intensiver und stilistisch vielfältiger mit der deutschen Vergangenheit auseinandergesetzt als diese vier. Sie alle arbeiteten sich bis zur Erschöpfung an Krieg, NS-Verbrechen und den Tätern in der eigenen Familie ab. Baselitz mit expressiver Wucht und Wut, Richter mit subtilem Schrecken, Polke mit überschäumendem Witz und Sarkasmus und Kiefer mit schmerzlicher Selbsterfahrung.

Die meisten Werke sind mittlerweile ebenso berühmt wie ihre Schöpfer: Die „hässlichen“ Bilder („Große Nacht im Eimer“!), mit denen Baselitz der Durchbruch gelang und die nun den Auftakt bilden. Grandios die geballte Kraft der zerschossenen, verkrüppelten „Helden“, deren bloßgelegte „phallische Monstrosität“ Anfang der 60er Jahre „weit geeigneter waren, die Medien und Gerichte auf den Plan zu rufen“ (Adriani) als wieder ins Amt gekommene Nazis. Dann die scheinbar so harmlosen und belanglosen grauen und abgründig grauenhaften Bilder von Richter, der Fotos aus dem Familien-Album oder unbekannter Personen aus Magazinen abmalte. Allesamt bereits Ikonen der Gegenwartskunst.
Ebenso Polkes experimentellen Bilder des „German Pop“. Mit schier unerschöpflicher Fantasie und anarchischem Humor nahm dieser Künstler, dem nichts heilig war, die frühe Medien- und Konsumgesellschaft im Wirtschaftswunder-Deutschland aufs Korn. Schön, wiedermal die frühen Rasterbilder zu sehen, die zu seinem Markenzeichen wurden.
Die einzigen wenig bekannten Bilder dieser opulenten Frühwerke-Schau stammen von Anselm Kiefer (*1945), dem philosophisch-mythologisch tiefgründigen Blut-und Boden-Maler. Seine Studentenaktion „Besetzungen“ zeigt mäßige Malerei, besticht jedoch durch die Idee: Um zu erfahren, wie man sich als Faschist fühlt, fotografierte er sich 1969 in der alten Wehrmachtsuniform seines Vaters an allen Orten, die die Nazis besetzt hatten, mit Hitlergruß und übertrug die Bilder auf die Leinwand. Als sie 1975 veröffentlicht wurden, war der Eklat programmiert und führte zu langwierigen Missverständnissen um die politische Einstellung des Künstlers.

Fazit: Fantastisch viele Meisterwerke an einem Ort, die vor Augen führen, warum diese vier Maler „Kunst Made in Germany“ aus ihrem Schattendasein zogen und zu einem international anerkannten Gütesiegel erhoben. Die einzelnen Bilder sind großartig. Die Ausstellungs-Choreographie hingegen ein wenig langweilig.

„Baselitz – Richter – Polke – Kiefer“

zu sehen bis 5. Januar 2020.
In den Deichtorhallen Hamburg, Deichtorplatz, 20099 Hamburg
Alle Infos unter www.deichtorhallen.de

YouTube-Videos:
- Götz Adriani über die Ausstellung DIE JUNGEN JAHRE DER ALTEN MEISTER
- BASELITZ – RICHTER – POLKE – KIEFER. DIE JUNGEN JAHRE DER ALTEN MEISTER Teaser 2


Abbildungsnachweis:
Header: links: Georg Baselitz, Der Wald auf dem Kopf, 1969, Öl auf Leinwand, 250x190cm. Museum Ludwig, Köln, Schenkung Sammlung Ludwig, 1976. © Georg Baselitz 2019. Rechts: Gerhard Richter, Krankenschwestern, 1965, Öl auf Leinwand, 48x60cm. Kunstmuseen Krefeld. © Gerhard Richter 2019
Galerie:
01. Georg Baselitz, Verschiedene Zeichen, 1965, Öl auf Leinwand, 162x130cm. Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Sammlung Beyeler, Foto: Robert Bayer
© Georg Baselitz 2019
02. Sigmar Polke, Moderne Kunst, 1968, Öl auf Leinwand, 150x125cm. Sammlung Froehlich, Stuttgart. © The Estate of Sigmar Polke, Cologne / VG Bild-Kunst, Bonn 2019
03. Gerhard Richter, Phantom Abfangjäger, 1964, Öl auf Leinwand, 140x190cm. Sammlung Froehlich, Stuttgart. © Gerhard Richter 2019 (06082019)
04. Anselm Kiefer, Heroisches Sinnbild II, 1970, Öl auf Baumwolle, 152x262,5cm. Sammlung Würth. © Atelier Anselm Kiefer
05. Götz Adriani, Kurator der Ausstellung. Foto: Julia Steinigeweg

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