Neue Kommentare

Stipe Gojun zu „La Vérité” Hirokazu Kore-eda und der Mythos Familie : Ach, wie gern würde ich heute ins Kino gehen. Ob...
Frank-Peter Hansen zu Frank-Peter Hansen: Die Heidegger-Dekomposition: Im Spätherbst letzten Jahres anlässlich einer S...
bbk berlin zu Dortmund geht neue Wege bei der Kunst-Förderung: Die Berliner Künstler*innen freut es sehr, dass ...
Markus Semm zu Frank-Peter Hansen: Die Heidegger-Dekomposition: Sehen Sie: Der Unterschied zw. Heidegger und Cass...
Karin Schneider zu Frank-Peter Hansen: Die Heidegger-Dekomposition: Ein großartiger Artikel! Stefan Diebitz schafft ...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Architektur

Vergessene Moderne. Fotografien von Felix Krebs aus Indien

Drucken
(83 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Donnerstag, den 30. Mai 2019 um 08:08 Uhr
Vergessene Moderne. Fotografien von Felix Krebs aus Indien 4.6 out of 5 based on 83 votes.
Vergessene Moderne Fotografien von Felix Krebs aus Indien

Vergessen und wieder zurück geholt? Wir vergessen vieles, weil es aus dem Blickpunkt entrückt ist, weil sich unser Fokus verschiebt, weil die Zeit und die Entfernung es vergessen machen oder auch, weil wir es vergessen möchten.

Der in Hamburg ansässige Fotograf Felix Krebs ist auf Sach- und Architekturfotografie spezialisiert. Sein Interesse gilt seit den frühen 2000er Jahre der architektonischen Moderne insbesondere in Indien. Anlässlich des Hamburger Architektur Sommers zeigen das Architekturbüro FMA Christoph Fischer, Felix Krebs Fotografie und das MOD Stadtforschungsinstitute Bangalore/Berlin die Ausstellung „Vergessene Moderne“ im AIT ArchitekturSalon Hamburg.

Bevor der Besucher die Ausstellung anschaut bedarf es einiger Vorinformationen, um eine adäquate Kontextualisierung zu erreichen und um nicht auf die Idee zu kommen, die Moderne in Indien sei lediglich Plagiat.
Dass die architektonische Moderne zu einem globalen Phänomen – quasi zu einem Exportschlager – wurde hat mehrere Ursachen: zum einen war es der Kolonialismus der europäischen Mächte, der bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wirkte. So hinterließen Franzosen in Afrika und Indochina diesen Stil, Niederländer in Indonesien, Briten in Afrika und Indien. Zum anderen spielt das Thema Migration eine wirkungsvolle Rolle als sich in Zentraleuropa viele Architekten auf dem Weg in eine neue Heimat machen musste, denken wir nur an die Schließung des Bauhauses in Dessau, an jüdische und kommunistische Immigranten, die die Ideen in die Welt trugen. Schließlich war es aber auch das Interesse von Intellektuellen, in teilweise für unsere Verhältnisse exotischen Ländern, die wissenshungrig waren und auch für ihre Kultur(en) die Auffassungen der Moderne teilten oder zumindest vorstellen wollten.

Letzteres war erstaunlich früh in Indien der Fall. Der Kulturuniversalist Rabindranath Tagore, Dichter, Denker, Philosoph, Musiker u.v.m. ist es zu verdanken, dass bereits 1922 – also bereits drei Jahre nach Gründung – das Bauhaus in Kalkutta in einer großen Ausstellung präsentiert wurde. Diese Bauhausausstellung war im internationalen Kunstbetrieb ein einmaliges Ereignis – ein Aufeinandertreffen künstlerischer wie intellektueller Verwandtschaften. Die westliche Moderne, die nach dem Ersten Weltkrieg auf der Suche nach geistiger und künstlerischer Erneuerung war, traf auf ihr indisches Pendant, das sich von den kolonialen Zwängen kulturell emanzipierte und teilweise bereits hatte.

So vermischen sich individuelle und kulturspezifische Authentizitäten zu transkulturellen Schöpfungen, die neu gedacht werden konnten. Nun ist zwar diese Ausstellung schon annähernd 100 Jahre her, aber die Wirkkraft ist nach wie vor gegeben, auch wenn diese europäisch beeinflusste Moderne in Indien nach wie vor diskutiert wird, ob sie in das offizielle indische Erbe wie selbstverständlich aufgenommen werden soll. Der Abriss von Gebäuden der Moderne zeigt, dass sich die momentane nationalistisch ausgerichtete Regierung Indiens schwer tut mit diesem Erbe. Dabei ist bemerkenswert, dass in den Kommunikationen gegen eine Aufnahme in das indische Selbstverständnis, die Argumente durch den Begriff Kolonialismus verwässert werden, denn die Moderne war eben nicht nur ein Phänomen britischer, französischer oder portugiesischer Machtansprüche auf dem Subkontinent, sondern – wie erwähnt auch ein transkultureller Akt offensichtlich aus einem innerindischen Bedürfnis und Interesse heraus.

Seit ungefähr 1922, verstärkt dann in den 1930er Jahren ist die Moderne in Indiens stadträumlicher Wirklichkeit angekommen.
Es ist auch jenen Intellektuellen zu verdanken wie den Architekten Le Corbusier (1887-1965), Otto Königsberger (1908-1999) und Joseph Allen Stein (1912-2001) sowie dem Dichter und Kritiker Mulk Raj Anand (1905-2004), dass die Moderne kritisch begleitet wurde. Mehrere Generationen von indischen Architekten, unter ihnen Charles Correa (1930-2015) Achyut Kanvinde (1916-2002) und Anant Raje (1929-2009) und Pritzker-Preisträger (2018) Balkrishna Vithaldas Doshi führten und führen diese Tradition erfolgreich fort.

Felix Krebs reiste mehrmals ins indische Ahmedabad, Neu Dehli, Surat und Mumbai, um diese Gebäude aufzuspüren. Im Ergebnis sind Fotografien entstanden, die zwar durchaus die Architektur in den zentralen Fokus rücken, aber auch Umgebungen und Handlungsräume sichtbar machen. In einem Land mit weit über einer Milliarde Einwohnern kommt bei manchem Foto die Frage auf, wie es der Fotograf geschafft hat, Menschenleere hinzubekommen. Die 43 Werke vermitteln aber auch ein Quantum an Atmosphäre und selbst die Ausstellungsräume beim AIT ArchitekturSalon, vis-à-vis der Speicherstadt, tun dies, durch unterschiedlich farbige Wände, Blumentöpfe in den Raum zueinander gestellt, die ihre Entsprechung auf Fotos haben. Außerdem freie Nachbauten von Möbelstücken, die im Forschungsinstitut ATIRA (Ahmedabad Textile Industry's Research Association) zu finden sind.
Drei große rohe an die Wand gelehnte Holzpanelen geben Auskunft zur Ausstellung, zu den Hintergründen und vermitteln hilfreich eine zeitliche Achse mit Stilen, Namen und Bezügen.

Trotz der globalen architektonischen Sprache finden sich lokale Eigenheiten, Materialien und Anpassungen an Klima, Tradition und Umgebung. Um die Ausstellung und den darin verankerten Themen auf den Grund gehen zu können sollte der Besucher sich Zeit nehmen. Es lohnt sich!

Vergessene Moderne. Fotografien von Felix Krebs aus Indien

Zu sehen bis zum 27. Juni 2019
Bei AIT ArchitekturSalon, Bei den Mühren 70 in 20457 Hamburg
Geöffnet: Di, Mi, Fr, 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr
Eintritt frei
Weitere Informationen zu den Veranstaltungen: www.ait-architektursalon.de



Abbildungsnachweis: alle Fotos © Felix Krebs
Header: ATIRA (Ahmedabad Textile Industry's Research Association), Forschungsinstitut, Achyut Kanvinde, 1952 Ahmedabad
Galerie:
01. Blick in die Ausstellung. Foto: Claus Friede
02. IIC (Indian International Centre), Joseph Allen Stein, 1958, New Dehli
03. Tagore Hall, Balkrishna Doshi, 1966, Ahmedabad
04. Blick in die Ausstellung. Foto: Claus Friede
05. ATIRA, Achyut Kanvinde, 1952 Ahmedabad
06. ATIRA, Achyut Kanvinde, 1952 Ahmedabad; Innenansicht
07. Blick in die Ausstellung. Foto: Claus Friede
08. Möbelnachbau in der Ausstellung. Foto: Claus Friede
09. Kanchanjunga Tower, Wohnhochhaus, Charles Correa, 1970-83, Malabar Hill, Bombay
10. Patel Residence, Privathaus, Nari Gandhi, 1980, Surat
11. AMA (Ahmedabad Management Association), Bimal Patel, 2000, Ahmedabad
12. Blick in die Ausstellung. Foto: Claus Friede

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Architektur > Vergessene Moderne. Fotografien von Felix Kre...

Mehr auf KulturPort.De

The Henry Girls: Shout, Sister Shout
 The Henry Girls: Shout, Sister Shout



Sie sind Irish, sie sind Geschwister, sie sind gut!
In dem Dreihundert-Seelen-Nest Malin (Irish: Málainn), in der Grafschaft Donegal, ganz im äußersten Norde [ ... ]



Meine kleine Schwester im Herzen, Regy Clasen. Ein persönlicher Nachruf von Purple Schulz
 Meine kleine Schwester im Herzen, Regy Clasen. Ein persönlicher Nachruf von Purple Schulz



Meine kleine Schwester im Herzen, Regy Clasen, hat am vergangenen Samstag ihre Flügel ausgebreitet und ist davongeflogen wie das Rotkehlchen vor ihrem Fenster,  [ ... ]



Anime: Psycho Pass – Sinners of the System
 Anime: Psycho Pass – Sinners of the System



Ein spannender Cyperpunk-Thriller, angesiedelt im 21ten Jahrhundert und gepaart mit actiongeladener Science-Fiction erzählt von drei verschiedenen Fällen rund  [ ... ]



Die letzten zehn Tage im Leben einer Ikone: „Ach, Virginia“. Ein Roman über Virginia Woolf
 Die letzten zehn Tage im Leben einer Ikone: „Ach, Virginia“. Ein Roman über Virginia Woolf



Virginia Woolf (1882-1941) ist eine Ikone der literarischen Moderne. Wie kaum eine andere Frau ihrer Zeit steht sie für das Ringen um Eigenständigkeit und Raum [ ... ]



BuchDruckKunst 2020 – Das Magazin
 BuchDruckKunst 2020 – Das Magazin



Menschen, Bücher, Sensationen: An diesem Wochenende, vom 27. bis 29. März 2020, sollte die renommierte BuchDruckKunst im Museum der Arbeit stattfinden. Ein Hig [ ... ]



Eoin Moore und Anika Wangard – eine Begegnung
 Eoin Moore und Anika Wangard – eine Begegnung



Eigentlich bin ich nicht besonders scharf auf Krimis. Wenn sie allerdings sehr gut sind, relativiert sich das. Wahrscheinlich befinde ich mich tief im Mainstream [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.