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Hamburger Architektur Sommer 2019

Theater - Tanz
Dramatisierung von Houellebecqs juengsten Roman „Serotonin“ Deutsches Schauspielhaus

Woher kommt nur dieser Run auf Houellebecq-Romane in deutschen Theatern? Kaum eröffnet das Hamburger Deutsche Schauspielhaus seine Spielzeit im September mit der Dramatisierung von Houellebecqs jüngsten Roman „Serotonin“(2019), da folgt auch schon das Deutsche Theater in Berlin mit dessen Erstling „Ausweitung der Kampfzone“ (1994) nach.
Und das Berliner Ensemble steht mit „Die Möglichkeit einer Insel“ (2005) in der Warteschleife zur Premiere am 9. Oktober. Darin wird die Zukunftstauglichkeit jenes sexistischen, rassistischen, gewaltbereiten, vereinsamten und frauenfeindlichen Mannes untersucht, der als Prototyp eines europäischen Versagers – in den Rezensionen eifrig als weiß, heterosexuell und alt definiert – durch Michel Houellebecqs Romane geistert.

Immer am rechten Abgrund schlingert diese Figur in extremer Haltlosigkeit, gespeist vom offensichtlichen Vergnügen ihres Autors, die Grenzen zwischen Ironie und Ideologie ständig zu verwischen. Unverkennbar legt der Schriftsteller es darauf an, die letzten Tabus der politischen Linken und Rechten zu brechen, und dazu, ganz Retro, Esther Vilars dressierten Mann wiederauferstehen zu lassen. Houellebecqs Kritiker betrachten den von ihm erfundenen Mann gerne, von ihm unwidersprochen, als Alter Ego des Autors.

Nimmt man einmal versuchsweise alle Männer in einem deutschen Theater in Generalverdacht, diesem Bild zu entsprechen, dann dürfte sich etwa die Hälfte des Publikums, nämlich die weibliche, fürchterlich langweilen. Und umso verwunderlicher ist es, dass Houellebecq mit seinen redundanten, oft pornographischen und Ekel erzeugenden Schilderungen dieses larmoyanten Loosers so viele Leserinnen und Leser überzeugt, darin tatsächlich den Untergang des Patriarchats und der darauf (immer noch) begründeten Gesellschaften sehen zu wollen. Schön wär’s. Steht dahinter nicht vielmehr das reine Wunschdenken der sich links und aufgeklärt wähnenden Literaturkritik und neuerdings der Dramaturgie, das er trefflich und marktgerecht bedient? Angesichts des Tollhauses, das Trump, Johnson und Co. jeden Tag inszenieren, ist Houellebecq jedenfalls ziemlich brav.

Doch zurück zu „Serotonin“ und dem Beginn der Houellebecq-Morgendämmerung in deutschen Theatern in Hamburg. Unter Regie von Falk Richter begegnen wir erneut dem paradigmatischen Provokateur, dem das Schauspielhaus in einer One-Man-Show unter Karin Beiers Regie vor drei Jahren ein bislang unerreichtes Denkmal gesetzt hat. Keiner hat den Typus des emotional verwahrlosten, handlungsunfähigen weißen Intellektuellen so glaubwürdig und trostlos auf die Bühne gebracht wie Edgar Selge in „Unterwerfung“, einem islamophoben Monolog aus dem Jahr 2022. Das mag Falk Richter bewogen haben, den Helden aus „Serotonin“, den depressiven Agrarökonomen Florent-Claude Labrouste, gleich auf vier Schauspieler zu verteilen.

Als erster tritt Jan-Peter Kampwirth in weißen Frottee-Schlappen und schwarzem Bademantel an die Rampe, rauchend und voller Selbstmitleid, dann kommen im gleichen Outfit Samuel Weiss, Tilman Strauß und Carlo Ljubek hinzu. Kann man es besser ausdrücken, dass hier ein Stereotyp die Hauptrolle spielt? Und zwar ein betont armseliges und jämmerliches? „Ich war nie irgendetwas anderes gewesen als ein substanzloses Weichei, und nun bin ich schon 46 Jahre alt.“ Die vier wechseln sich erzählend ab, bald ist die erste Strecke dieser Lebensbeichte abgehakt, die von der Einnahme eines Antidepressivums mit dem sogenannten Glückshormon Serotonin und seiner unerwünschten Nebenwirkung handelt, der Impotenz. Dazu im Hintergrund Videos der chemischen Formeln, die den Auftakt zu einer ganz eigenen Performance des Videokünstlers Sébastien Dupouey liefern. Bilder von Strings und Spitzenhöschen begleiten die übersexualisierten und narzisstischen Schilderungen von gescheiterten Begegnungen mit Frauen. Oder sie erschaffen einen eigenen Kommentar: Blitzschnell entsteht die Tristesse eines Hotelzimmers mit auf die leeren Wände projizierten Möbelstücken. Die Projektionsfläche (Bühne von Katrin Hoffmann) besteht aus einer faltbaren Stellwand, die sich wie ein Ziehharmonika mal hierhin, mal dorthin öffnet. Damit wird der Raum der Erzählung – und der Erinnerung endgültig zu einer Fiktion.

Auch diese Houellebecq-Figur hält stoisch Sex für Liebe und Frauen für Spielzeug oder Tiere im Zoo, sie treibt ihre Vereinsamung voran mit sinnlosem Protest wie dem Ignorieren der Mülltrennung in einem Hochhaus oder der Reise mit ihrem dieselstinkenden SUV über die französischen Autobahnen zu einem verarmenden Großgrundbesitzer und Waffennarr, einem Hühneraufzuchtbetrieb und schließlich zu bewaffneten Bauernaufständen, immerhin die literarische Vorahnung des Gelbwestenprotestes.

Falk Richters Antwort, und das mag vielleicht auch die Attraktion des öden Stoffes erklären, besteht vor allem darin, sich davon zu distanzieren. Bewährtes Mittel: Er setzt, wie auch in der Berliner Inszenierung, seinen Schauspielern einmal die Houllebecq-Maske in einem Pseudo-Cameo-Auftritt auf. Ausgiebig spielt er mit der vieldeutigen Farbe Rosa, mal als Hinweis auf präfeministische Mädchenphantasien in Rüschen (Kostüme von Terea Vergho), mal auf Homosexualität, mal auf männliche fette Schweine und die industrielle Fleischproduktion. Er nutzt wirklich jede Gelegenheit Houellebecqs vermeintlichen Abgesang auf die Postmoderne der Lächerlichkeit preiszugeben.
Und er stellt ihn auf den Kopf, in dem er eine starke weibliche Gegenwelt in den Text inszeniert und dazu noch hemmungslos die Rollen gendert. Während jämmerliche Fick-Sehnsüchte aus dem Off des Erzählens triefen, lässt er die Männer in Frauenrollen schlüpfen, bevorzugt in rosa Kostüme und Blondhaarperücken.

Die echten Frauen stehen zunächst außerhalb und beurteilen von oben aus der Höhe der Seitenlogen herab, des Bühnengeschehen. Sandra Gerling und Josefine Israel verschaffen mit ihren Stimmen mindestens der Hälfte des Publikums Erleichterung. Erst mit ihrem Auftritt nimmt die depressive Roadmovie-Geschichte richtig Fahrt auf. Sie powern mit Musiknummern und kleinen Stand-ups, Höhepunkte sind der Rap der Berliner SXTN-Frauenband „Jetzt sind die Fotzen wieder da“ oder der bewegend vorgetragenen Eighties-Song „The Power Of Love“.

Richter beherrscht alle Register der Popkultur und der digitalen Medienwelt sowieso, und zieht sie genüsslich als Kommentar zu Houellebecqs oftmals gequält wirkender Komik. Das macht den Mehrwert der Inszenierung aus und den Abend vergnüglich. Wesentlich vergnüglicher als die Vorlage jedenfalls.

Doch die Fragen, die das Theater aufwirft, bleiben: Reicht das? Braucht dieser Schriftsteller noch mehr Bühne? Wozu?

Serotonin

von Michel Houellebecq, in der Übersetzung von Stephan Kleiner, in einer Fassung von Falk Richter
Empfohlen ab 16 Jahren / Repertoire
Es spielen: Sandra Gerling, Josefine Israel, Jan-Peter Kampwirth, Carlo Ljubek, Tilman Strauß, Samuel Weiss
Regie: Falk Richter Bühne: Katrin Hoffmann Kostüme: Teresa Vergho Licht: Annette ter Meulen Video: Sébastien Dupouey Musik: Matthias Grübel Choreografie: Johanna Lemke Dramaturgie: Daniel Richter, Ralf Fiedler Videotechnik: Alexander Grassek, Marcel Didolff Ton: Shorty Gerriets, André Bouchekir, Christian Jahnke
Weitere Informationen


Abbildungdsnachweis:
Header: Foto: Arno Declair

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