Kunsthandwerk, Grafik & Design

Sicher gibt es nicht wenige Bürger, die sich einfach über ‚beschmierte Wände’ ärgern, bemalte Stadtbahnen, buntbeschriftete Mauern.

Wie schlampig das aussieht und was es kostet, das immer wieder zu entfernen. Handelt es sich hier um Vandalismus – oder um Kunst? Und warum muss das überhaupt sein? Das war schließlich früher nicht so!

 

Oh doch, und wie. Ohne die Höhlenmalerei zu erwähnen, von der einstweilen nicht festgelegt wurde, ob sie religiös, dekorativ oder unterhaltend gemeint war – Graffiti ist uralt. Das wissen wir bloß noch nicht lange, denn die Graffitiforschung ist noch sehr jung, sie existiert erst seit dem Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Seitdem ist bekannt, dass es bereits im alten Ägypten Graffiti gegeben hat. Nein, nicht die wandbedeckenden, offiziellen Tempel- Grab- und Palastmalereien in vorgeschriebenem Stil, Augen nach vorn, Nase seitwärts, Schultern frontal, Fuß im Profil. Sondern gekratzte Inschriften von Privatpersonen, denen es ein Bedürfnis war, ein für alle Mal – beispielsweise am Tor eines Hathortempels - die Tatsache festzuhalten: „Ich bin Markos, der Sohn des Apa Petros, des Priesters des Heiligen Apa Markos.“

 

Wen interessierte das? Auf jeden Fall Markos selbst. Wer schreibt, der bleibt. Wer malt, der bleibt erst recht. Doch es besteht ein Unterschied zwischen den sorgfältigen, bestellten und bezahlten Malereien von Künstlern an Innenwänden von Räumen (anstelle von Bildern zum Auf- und Umhängen oder bebilderten Wandteppichen) und wilder Street-Art an Außenwänden, die sich jeder leistet, der einen rostigen Nagel halten kann.

 

In Pompeji, dieser in Lava gegossenen Geschichtsstunde, fanden sich viele Graffiti, auch solche mit werbendem Text (dann heißen sie Dipinti), so eine Art antiker Plakatwand, erweitert durch skizzierte Figuren: Strichmännchen, Comicvorläufer. Sie machen etwa, in der Nähe des Stadions, aufmerksam auf den viertägigen Gladiatorenkampf in Nola und besondere Stars wie „Hilarius, in 14 Kämpfen 12 Siege, Creunus, in 7 Kämpfen 5 Siege (und begnadigt) und Princeps, 12 Siege in 12 Kämpfen!“

 

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Wenn die Graffiti der alten Römer nicht der Reklame dienten, dann wurden sie gern und oft ziemlich derbe – MIXIMUS IN LECTO FATEOR, PECCAVIMUS. HOSPES SI DICES QUARE, NULLA MATELLA FUIT (in der Nähe eines Gasthofes an die Wand gekratzt) bedeutet: „Wir geben zu, ins Bett gepinkelt zu haben. Wirt, wenn du wissen willst, warum – es gab keinen Nachttopf.“ Oder sie schrieben und skizzierten gleich richtig pornografisch, und das nicht zu knapp. Als Wissenschaftler des 18. Jahrhunderts begannen, die verschütteten Städte Pompeji und Herculaneum auszubuddeln, da konnten sie nicht umhin, häufig zu erröten. Auf die Christen der frühen Neuzeit wirkten die Kritzler der Antike wie ausgemachte Ferkel. Sie selbst kritzelten ebenfalls - an Klosterwände oder so - nur unter Weglassen von Obszönitäten.

 

Tourismus-Graffiti entstand ganz natürlich mit dem Reisen der Menschheit. Da finden sich unter anderem eingeritzte Runen in der Hagia Sophia in Istanbul (damals Konstantinopel), mit denen ein Wikinger meinte, der Nachwelt anzeigen zu müssen: „Halvdan war hier!“

 

Goethe war sich nicht zu fein, in Italien eine Wand anzukratzen, Lord Byron malte seine Signatur auf griechische Tempelmauern und an Schweizer Schlosswände. Da sie schließlich noch kein Handy besaßen, um vor dem entsprechenden Hintergrund ein Foto zu knipsen, bewiesen sie auf diese Art, dort gewesen zu sein.

 

Noch vor dem zweiten Weltkrieg tauchten in New York vermehrt Mitteilungen von Gangs an den Hauswänden und Mauern auf. (Das ist im Film West Side Story von 1961 sehr schön dargestellt in den Graffitis der rivalisierenden Banden Sharks und Jets.) Zwischen den 1970ern und 1990ern blühte die Stadt vor Gang-Graffitis wie ein pubertierender Jüngling vor Pusteln.

 

Mit der Studentenbewegung der 1960er wurden Graffitis betont politisch, 1967 sprühte zum ersten Mal in einer Londoner U-Bahnstation jemand auf die Kacheln: „Clapton is God.“ (Und diese Ansicht verbreitete sich an die Wände von ganz London.) Angeblich wollte der Fan eigentlich nur schreiben Clapton is GOOD…

 

Ab der 70er-Jahre, zusammen mit dem Hip-Hop, ging es richtig los. Das Wort Graffiti bedeutet eigentlich Schrift, aber die ging früh in Malerei über – und kam wieder zurück. Typische Grafikformen wurden geschaffen, vor allem die aufgeblähten, umrandeten Buchstaben, die es inzwischen auch wieder, als Tattoo, auf menschliche Haut geschafft haben. Es entstand schnell nicht nur eine einzige Subkultur, sondern die Sache teilte sich in viele verschiedene Arme. Street-Art, angefangen als Protestparolen oder schriftliche Selfies, wurde zur ernstgenommenen Kunstform. Es existieren Graffiti-Lexika, von A wie Arrows: Bezeichnung für Pfeile in einem Graffiti – bis Z wie Zulu Nation: Die erste Vereinigung innerhalb der Hip-Hop Kultur, (1970). Ziel der Bewegung: keine Gewalt und Nein zu Drogen. Das ist doch wohl lobenswert?

 

Was auch immer Graffiti bewirken will, es gibt dem anonymen Stadtbild Gesicht, ob es nun verschandelt oder schmückt.

Natürlich besitzen manche Stadtteile naturgemäß mehr Farbe in diesem Gesicht als andere. In Hamburg stand St. Pauli mal obenan, wurde jedoch inzwischen von Ottensen abgelöst. Eimsbüttel, Barmbek, Eidelstedt, Bergedorf und Altona-Nord sind besonders bunt – ‚beschmiert‘ oder ‚verschönt‘.

 

Die Polizei fordert die Bürger Deutschlands übrigens dazu auf, die mutwillige Beschädigung öffentlichen und privaten Eigentums zu melden, wenn sie bemerkt wird! Graffiti, argumentiert die Staatsgewalt, verursache jährlich wirtschaftliche Schäden in Millionenhöhe. Eltern sollen darauf achten, ob ihre Kinder etwa Spraydosen besitzen. Leute, die wegen Schlaflosigkeit nachts aus dem Fenster gucken und einen Graffitikünstler erblicken, müssen, ohne zu zögern (umgehend) 110 wählen. Dann wird das nicht etwa von einem gähnenden Beamten zu den Akten gelegt, sondern im aufregendsten Fall erscheint ein Polizeihubschrauber mit einer Wärmebildkamera, um die Ratte mit der Sprühdose aufzustöbern. Das hatte sich der ehemalige Innenminister Otto Schily ausgedacht – Wolfgang Schäuble hat es dann umgesetzt.

 

Seit 2004 brummseln die Hüter des sauberen Stadtbildes vor allem über Bahnanlagen in Köln und München, und Christian Sachs, der Sprecher des Bundesinnenministeriums, meinte zufrieden, diese Einsätze seien ‚erfolgreich und geeignet‘. (Polizeiintern gibt es allerdings Zweifel bezüglich der Lärm- und Lichtbelästigung und der Kosten solch nächtlicher Verbrecherjagd.)

Bestraft werden erwischte Künstler meistens mit ziemlich hohen Geldbußen. Können die nicht bezahlt werden oder zeigt sich ein Sprayer derart unbelehrbar seiner Sucht verfallen, dass man ihn immer wieder erwischt, dann stopft man ihn sogar in den Knast.

 

Immer mal wieder befinden sich, oft mitten unter den Straftätern, ein beauftragter, bezahlter Künstler. Der darf dann.

 

In heimgesuchten Bezirken, in denen es den Graffiti-Jägern nicht gelingt, Täter ausfindig zu machen, müssen sich Hausbesitzer manchmal alle paar Monate selbst die Außenrenovierung leisten, vorausgesetzt, sie legen Wert auf eine seriöse Fassade. Das kann tatsächlich teuer werden.

 

Dann keimt manchmal der Gedanke, sich für ein Mal etwas mehr zu leisten, nämlich professionelle Kunst am Bau. So etwas ist in Hamburg-Ottensen passiert. Die Künstlerin Ute Martens bekam im Sommer 2021 den Anruf eines alten Schulfreundes, der fragte, ob sie Lust hätte, seine Hausfassade im Erdgeschoss mit bunten Abbildungen zu versehen, bevor mal wieder ein ungebetener Sprayer loslegte.

 

Ute, in Hamburg geborene und ausgebildete realistische Malerin, überlegte sich die Sache, machte Skizzen, entwarf einen Kostenvoranschlag und übernahm – im Team mit ihrer Kollegin Löna Richter – gern die Aufgabe. Sie sagt, es hätte ganz besonderen Spaß gemacht, in dieser Gegend an der Wand zu arbeiten, weil die beiden Künstlerinnen von Passanten und Anwohnern jede Menge Bewunderung, Kritik und Zuspruch erfuhren. Ein höchst lebendiger Stadtteil.

Rundherum stammt die meiste der gemalten und gesprayten Street-Art von unbezahlten, unbeauftragten Graffiti-Künstlern. Wenige Wände sind kahl. Und dazwischen befindet sich Ute Martens‘ Straßenszene mit Menschen wie du und ich, in der wie durch abgeblätterten Putz der blaue Himmel scheint oder zwischen vorhangartig aufgezogenem Putz die Elbe fließt. Obendrüber fliegen Möwen, von einem kleinen Hund bestaunt. Es sieht liebevoll und behaglich aus, passt genau in die Gegend – und es wurde bisher vollkommen respektiert. Nicht der kleinste fremde Strich hat sich eingemischt…

 

Übrigens ist die Malerin, die gerade eine wunderbare Ausstellung ihrer realistischen Gemälde am Grindel hatte, durchaus offen für weitere Angebote dieser – oder anderer Art.


Ute Martens-Gabbe

Atelier Bö78, coworking,

Böttcherkamp 78, 22549 Hamburg

Homepage der Künstlerin

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