Film

Jacques Audiard, der 69jährige Meister des französischen Kinos, erfindet sich neu, vielleicht stellt er auch nur unsere Vorstellungen von Paris, von Architektur und der Liebe auf den Kopf, dechiffriert derweil die widersprüchlichen Gefühle seiner jungen Protagonisten in der bewährten Tradition von Éric Rohmer.
„Wo in Paris die Sonne aufgeht” erzählt von der Suche nach sich selbst zwischen mobilen Dating Apps und Unverbindlichkeit, beruflichen Enttäuschungen, kleinen Erfolgen und großen Träumen. Ein Generationenporträt von berückender, rauer Schönheit. 


Dem Regisseur von Genrefilmen wie „Der wilde Schlag meines Herzens” und „Ein Prophet” stand nicht der Sinn nach den uns so vertrauten Pariser Boulevards, „zu museal, zu vordergründig, nicht genug Perspektiven und Linien“, er entschied sich, im multiethnischen 13. Arrondissement und in wild poetischem Schwarz Weiß zu drehen. Es ist, als würde die europäische Stadt sich in eine asiatische Metropole verwandeln, und genau das bezweckte Audiard nach eigenen Worten. Jene altmodisch anonymen Hochhäuser der Siebziger Jahre strahlen plötzlich etwas Geheimvolles aus, die Kamera gleitet vorbei an den Fenstern, streift die Schicksale nur für Sekunden, konzentriert sich dann auf drei Frauen und einen Mann. Deren Wege kreuzen sich, sind mal weniger, mal mehr miteinander verwoben. 

Junge Menschen um die dreißig, sie stecken in einer Sinnkrise, gleich ob ihre Vorfahren aus Taiwan kommen oder der heimischen Provinz. Da ist Émilie (Lucie Zhang), mit Abstand die Jüngste von den vieren, witzig, eloquent, etwas durchgeknallt und überempfindlich. Trotz Abschluss auf der Elite Uni jobbt sie im Call Center und fliegt selbst dort raus. Der schönen Eigenwilligen gelingt es immer wieder, mit ihrem Sarkasmus Kunden zu verprellen, nicht unbedingt eine Fähigkeit, die weiterhilft auf dem prekären Arbeitsmarkt. Verzweifelt versucht sie ihre eigenen Zukunftswünsche und das Bedürfnis nach Freiheit über die Erwartungen ihrer taiwanesischen Familie zu stellen, umgeht erfindungsreich die andauernden besorgten Anrufe von Mutter und Schwester. Miete zahlen muss sie keine, die Wohnung gehört ihrer Großmutter, die im Pflegeheim ähnlich einsam ist wie Émilie selbst. Als Untermieter zieht Camille (Makita Samba) ein und wird ohne längeres Zögern ihr Liebhaber. Der höchst attraktive schwarze Mittdreißiger und vom Schulsystem desillusionierte ehemalige Lehrer für Literatur weiß um seine Qualitäten als Frauenschwarm. Mit Blick auf die Hochhäuser will er nun an seiner Doktorarbeit schreiben und genießt anfangs den Sex mit der skurrilen etwas anstrengenden Mitbewohnerin, wenn auch seine Bereitschaft sich emotional zu binden, gegen Null tendiert. Émilie gibt sich zwar cool, steht auf Tinder und Quickie in der Mittagspause, eigentlich sehnt sie sich nach Geborgenheit und der großen Liebe. Doch sich auf Beziehungen einlassen, Verletzbarkeit oder Versagen akzeptieren, das schafft sie nicht, läuft vor sich selbst davon. Notgedrungen muss sich Camille nach einer neuen Bleibe umsehen. 

Nora (Noémie Merlant) ist vor einer langjährigen toxischen Beziehung nach Paris geflohen, will mit Anfang dreißig ihr Jurastudium wieder aufnehmen. Hinter ihrem bemüht selbstsicheren Auftreten verbirgt sich eine große Unsicherheit, gern wäre sie offener, begehrenswerter, aufregender, eben so wie die anderen Studentinnen, doch die Provinz klebt irgendwie noch an ihr. Dabei ist es wundervoll zu beobachten, mit welch kindlicher Begeisterung sie sich freuen kann über die neue Wohnung, den Blick über die Stadtlandschaft. Nur seit jener Disconacht, wo alle sie ob einer blonden Perücke für Porno Idol Amber Sweet halten, wird die junge fragile Frau an der Uni und in den sozialen Netzwerken verspottet. Sie bewirbt sich stattdessen in einem kleinen Maklerbüro, das Camille übernommen hat. Gegen dessen Charme und hinreißendes Lächeln scheint Nora immun, beharrt auf Distanz. Sie beweist in ihrem alten Beruf große Souveränität und Kompetenz. Camille ist beeindruckt, beginnt um die kühle ungelenke Schöne zu werben, vorbei die Lust auf ständig wechselnde Partnerinnen. Nora macht sich Abends im Internet auf die Suche nach Cam Girl Amber Sweet (Jehnny Beth, Post-Punk Band Savage ), will sie unbedingt persönlich kennenlernen. 

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„Wo in Paris die Sonne aufgeht” basiert auf drei Graphic Novels des New Yorker Comic-Künstlers Adrian Tomine. Das Drehbuch schrieb der Regisseur zusammen mit zwei erfolgreichen jüngeren Kolleginnen Léa Mysius („Ava“) und Céline Sciamma („Porträt einer jungen Frau in Flammen“), so ist die weibliche Sichtweise garantiert, die sonst oft bei älteren weißen Filmemachern vermisst wird. Sensibilität beim Inszenieren der Sex Szenen war entscheidend in diesem Film, so entstand jene zauberhafte Leichtigkeit, die sich längst entfernt hat von der Realität. Auch wenn die Protagonisten bedacht sind auf Selbstbestimmung, Gefühle zulassen, damit tun sich alle schwer, spielen sie doch unbewusst eine Rolle, tragen Masken, hinter denen sie sich verstecken. Ihre Umarmungen sind sinnlich, mal berührend, mal komisch, zeigen, wie sie mit sich und ihrer Vergangenheit ringen. Die Chemie stimmt zwischen den Akteuren, der Zuschauer begreift, wenn sich Nähe entwickelt, oder alte Ängste hochkommen, bedauert, als eine Paarkonstellation nicht aufgeht, aber wer weiß... Wenn Émilie aus der Mittagspause von ihrem Tinder Quickie zurückkehrt, schwebt sie durch das China Restaurant, wo sie nun jobbt. Audiard hat sein Schauspielerteam behutsam auf die Dreharbeiten vorbereitet, die Beteiligten sollten ein Gespür für einander entwickeln, ihre eigene Rolle gestalten, sich wirklich verwandeln in die Person auf der Leinwand. Ihre Körpersprache war genauso wichtig wie die Dialoge. Auf der Bühne eines Theaters wurde das gesamte Drehbuch ohne Pause durchgespielt. Es war eine Gelegenheit für die Schauspieler, sich gegenseitig zu beobachten und so zu sehen, was funktioniert und was nicht, und um Selbstvertrauen zu gewinnen.

Manchmal erschreckt uns Émilie durch ihre extreme Herzlosigkeit, der wöchentliche Besuch im Pflegeheim bei der dementen Großmutter gehört mittlerweile zu den Pflichten der neuen Untermieterin, die sich als Enkelin ausgeben muss. Auch der charmante, in seinem Selbstbild gefestigte Camille kann unausstehlich sein, er behandelt die kleine übergewichtige stotternde Schwester extrem lieblos. Mit Begeisterung berichtet sie von ihrem Plan, Stand-Up Comedian zu werden. Der große Bruder hält ihr daraufhin nur einen intellektuell anspruchsvollen Vortrag, wie nichtssagend solche Darbietungen künstlerisch doch sind. Sein Vater ist erbost, er soll gefälligst seiner Schwester Mut machen nicht ihre Hoffnungen zerstören, grade will der Sohn noch mal auftrumpfen, da bekommt Camille zu hören, wen es überhaupt zum Teufel noch mal auf dieser Welt interessiere, was er denkt. Übrigens, die Performance der Kleinen ist voller Ironie und sehr gelungen. Schicksalhafte Begegnungen, die den Verlauf des Lebens für immer verändern, standen von Beginn an im Mittelpunkt von Audiards Werk. Seine Figuren sind die Protagonisten privater und politischer Umwälzungsprozesse. Verlorene, Einzelgänger und Systemverlierer. Internet und Algorithmen haben die Kommunikation verändert, die Sprache der Freundschaft, des Begehrens und der Liebe. Der Filmemacher spürt den Möglichkeiten dieser neuen, sinnlichen als auch entfremdeten Sprache nach, will sie verstehen lernen. Cam Girl Amber Sweet hat als Einzige der Protagonisten totale Kontrolle über ihre Welt. Aber erst im Gespräch mit Nora öffnet sie ihr Innerstes, den Frauen gelingt es, die Zweidimensionalität, die der Laptopbildschirm ihnen aufzwingt, zu überwinden. Der auf schillernde Wunscherfüllung konditionierte Chatroom wird zum intimen Schauplatz einer echten Begegnung.

„Eine der wichtigsten Referenzen für diesen Film ist „Meine Nacht bei Maud” (1969) von Éric Rohmer”, erklärt Audiard in einem Interview. „In „Meine Nacht bei Maud” sprechen zwei Männer und eine Frau, aber vor allem ein Mann und eine Frau, eine ganze Nacht mit einander. Sie reden über alles: über sich selbst, über Gott, über die Pascalsche Wetter (Blaise Pascals berühmtes Argument für den Glauben an Gott), über den fallenden Schnee, über das Leben in der Provinz, über katholische Mädchen usw. Am Ende, wenn alle Zeichen der gegenseitigen Verführung gezeigt wurden, wenn sie einander umarmen und lieben sollten, werden sie es nicht tun. Warum tun sie das nicht? Alles ist gesagt und Verführung, Erotik und Liebe wurden ausschließlich durch Worte vermittelt. Der Rest wäre überflüssig.” Wie heute der Ablauf ist, schildert  „Wo in Paris die Sonne aufgeht”. Zuerst schläft man miteinander, dann spricht man. Am Ende aber wird es die Magie der Sprache sein, die unsere Protagonisten aus der Isolation erlöst. Auch wenn es für sie einfacher ist, ihre Liebe über die Lautsprechanlage des Türöffners zu gestehen als direkt. Audiard hat ein wundervolles Gespür für die Nuancen der Einsamkeit, für Außenseiter, ihre Sehnsüchte genau wie für die unfreiwillige Komik des Versagens. 

 


Originaltitel: Les Olympiades

Regie: Jacques Audiard
Drehbuch: Jacques Audiard, Léa Mysius, Céline Sciamma 
Darsteller: Lucie Zhang, Makita Samba, Noémie Merlant, Jehnny Beth
Produktionsland: Frankreich, 2021
Länge: 106 Minuten
Kinostart: 7. April 2022

Verleih: Neue Visionen Filmverleih GmbH

 

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright: Neue Visionen Filmverleih GmbH

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