Film

Wer an Hamburg denkt, denkt an Hafen und St. Pauli, an Pfeffersäcke und Speicherstadt. An Kino eher nicht.

Und doch ist Hamburg auch Filmstadt. Sicher nicht so berühmt wie Berlin oder München, dafür mit unverwechselbarem Charakter: Filme aus Hamburg sind schroff und urban, lebensnah und multikulti. Das Altonaer Museum blättert mit „Close-up“ nun Hamburgs Film- und Kinogeschichte(n) von den Anfängen bis zur Gegenwart auf.

„Nordsee ist Mordsee“ (1976) von Hark Bohm war eine Zäsur. Eine Offenbarung für die Nachkriegsgeneration. Kein süßlicher Heimatfilm, keine harmlose Unterhaltung mehr, vielmehr knallharte Realität, die das Lebensgefühl zweier Halbstarker aus der Unterschicht beschreibt. Die Jungs schippern mit geklauten Jollen elbabwärts, weil sie es zuhause nicht mehr aushalten. Für den 14jährigen Uwe Bohm war es der Anfang seiner Schauspielerkarriere; sein Adoptivvater, der Filmemacher, Schauspieler und Menschenfreund Hark Bohm, schuf damit das Aushängeschild für den Aufbau der „Filmstadt Hamburg“: Das Hamburger Filmbüro, das Hamburger Filmfest, der Filmstudiengang an der Uni Hamburg – alles seiner Initiative zu verdanken. Mit einem Mal hatte der „Junge deutsche Film“ eine ganz eigene, unglaublich starke Stimme im Norden. Politisch, gesellschaftskritisch, authentisch.

 

Für Fatih Akin ist Hark Bohm „mein Leuchtturm für alles“. Ein Mentor, ein Freund, ein Vorbild. Gemeinsam haben sie „Tschick“ (2016) verfilmt, als Co-Autor war Bohm an Akins „Aus dem Nichts“ (2017) beteiligt, im „Goldenen Handschuh“ (2019), Akins blutigem Drama über den Hamburger Serienmörder Fritz Honka (nach dem Roman von Heinz Strunk), sitzt Bohm als abgerissener Stammgast Doornkaat-Max in der Kiez-Kneipe.

 

Die Original-Filmkulisse dieser Kneipe steht nun in ihrer ganzen Hässlichkeit und Trostlosigkeit im Altonaer Museum. Als begehbares Ganzkörpererlebnis, gleichsam zur Einstimmung in den allseits beliebten Drehort Hamburg. Aber auch als Referenz an Fathi Akin, den derzeit wichtigsten und erfolgreichsten Botschafter der Filmstadt Hamburg.

 

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Gleich dahinter geht es tief hinein in die Hamburger Filmgeschichte: Jeder Cineast kennt die legendären Hamburg-Steifen, allen voran „Große Freiheit Nr. 7“ (1944) mit dem unvergessenen Hans Albers. Regisseur Helmut Käutner drehte zwischen den Fliegerangriffen und achtete penibel darauf, dass in dem zerbombten Hamburg weder Hakenkreuze noch zerstörte Häuser ins Bild gerieten. Später schrieben „Das Beil von Wandsbek“(1951), „Der Lord von Barmbek“ (1973) oder „Absolute Giganten“ (1997) Filmgeschichte. Aber wer weiß schon, dass auch „Der Hauptmann von Köpenick“ (1956) mit Heinz Rühmann an der Elbe gedreht wurde. Ebenso etliche Edgar-Wallace-Filme, bei denen es auch amüsante Schnitzer gab: In „Die toten Augen von London“ (1961) schwimmt eine Leiche angeblich in der Themse, doch an der Kaimauer steht groß und deutlich „Schiffsausrüstung Bode“.

 

Im Obergeschoss des Museums folgt eine chronologisch geordnete Zeitreise durch die Hamburger Film- und Kinolandschaft. Fünf legendäre Kinos stehen hier für fünf Epochen: Knopf’s Lichtspielhaus am Spielbudenplatz, 1901 als das vermutlich erste feste Kino Deutschlands eröffnet; der UFA-Palast im Deutschlandhaus am Valentinskamp (1929-1943), das Savoy am Steindamm in St. Georg (ab 1957), das Abaton (ab 1970), das erste deutsche Programmkino, und schließlich die 1993 eröffneten Zeisekinos. Jede Kino-Station ist mit Stuhlreihen bestückt und einer Leinwand, auf der die Filmhits der jeweiligen Epoche in Ausschnitten gezeigt werden. Und so versinkt man in einem Kinosessel nach dem anderen, freut sich über das Wiedersehen mit all den Stars, die einen zum Teil schon in der Kindheit begleiteten – und vergisst dabei glatt, dass man sich ja eigentlich in einer Ausstellung befindet.


Close-up. Hamburger Film- und Kinogeschichten

zu sehen bis 18.7.2022 im Altonaer Museum, Museumsstraße 23, Hamburg

Geöffnet: Mo, Mi, Do, Fr 10-17 Uhr, Sa/So 10-18 Uhr. Di geschlossen.

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