Film

Die britische Schauspielerin Emerald Fennell („The Crown“) entrümpelt bei ihrem Regiedebüt gründlich das Rape & Revenge Genre: Entstanden ist ein spektakuläres Hybrid aus Comedy, Drama und Neo-Noir mit tragischem Finale.

Schwärzester Humor trifft auf feministischen Anspruch inmitten betörender Bonbonfarben, kitschiger Engel Ästhetik, griechischer Mythologie und Paris Hiltons Song Philosophie. Fennells provokante Satire wurde mit dem Academy Award für das Beste Originaldrehbuch ausgezeichnet.

 

Woche für Woche inszeniert sich Cassandra (Carey Mulligan) in den Nachtklubs der Stadt als sturzbetrunkene einsame Schöne, Lippenstift und Mascara verschmiert, der Rock hochgerutscht. Und immer taucht ein harmloser netter Kerl auf (wie in diesem Fall Adam Brody), der sich der hilflosen Unbekannten als Beschützer anbietet für den Heimweg. Nur endet der in seiner Wohnung, und grade als er sich nach hastig geflüstertem Kompliment über sie hermacht, fragt ihn die eben noch lallende Blondine mit erschreckend klarer, nüchterner Stimme: „Was tust Du da?” Die Kamera blendet aus. Vor dem Schlafengehen holt Cassandra ihr Notizbuch hervor, fügt zu den vielen Strichen noch einen weiteren hinzu, was es damit auf sich hat, ihre Beweggründe, ihre Gefühle begreifen wir erst später nach und nach. Nie wird die Protagonistin ganz das Ausmaß ihrer Verzweiflung enthüllen, zu grauenvoll, mit Worten nicht fassbar. Und warum sollte sie auch? Sie sorgt bereits für ausgleichende Gerechtigkeit.

 

Nach dem Selbstmord ihrer besten Freundin Nina vor sieben Jahren schmiss Cassie das Medizinstudium, jobbt nun lustlos als Barista. Trauer, Zorn und Schuldgefühle kollidieren in ihrem Inneren, nach außen verbirgt die Protagonistin den Schmerz hinter ostentativer Schroffheit. Ihr akribisch inszenierter Rachefeldzug richtet sich gegen die monströse toxische Männlichkeit. Überragend Carey Mulligan („Der Große Gatsby”, „An Education”) als verwandlungsfähige diabolische Erinnye, geschickt überlistet sie ihre Gegner aber auch den Zuschauer, man tappt ungewollt in die Falle eigener Erwartungen, wird rüde mit unliebsamen Wahrheiten konfrontiert. „Promising Young Woman” ist kein blutrünstiges Exploitationkino. Im Gegenteil, Cassandra imitiert nicht die allgegenwärtige maskuline Gewalt. Zwischen beißender Ironie und tödlichem Ernst lehrt sie auf perfid brillante Weise Männer wie Frauen das Fürchten, doch dann verliebt sie sich, eigentlich gegen ihren Willen, in einen früheren Kommilitonen.

 

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Bis zu diesem Tag lebte sie völlig abgeschottet wie ein Undercover Agent in geheimer Mission. Die ehemalige Studentin ist wieder bei den Eltern untergekrochen, die betrachten mit Unbehagen die ihnen fremd geworden Tochter, wissen im Gegensatz zu uns genau, warum sie sich verändert hat, aber helfen, helfen kann ihr eigentlich keiner, jeder Versuch scheitert kläglich. Und wenn der Verleih das vielschichtige Leinwandepos vermarktet mit dem Slogan „Rache war nie so süß”, tut er dem Publikum keinen Gefallen. Dass es um eine schwere Form sexuellen Missbrauchs geht, weiß oder ahnt der Zuschauer, nicht die Einzelheiten. Wo beginnt ein Übergriff, wer sind die Komplizen oder besser die Komplizinnen? Emerald Fennell rekonstruiert parallel zum Rachetrip indirekt jenes totgeschwiegene Verbrechen und seine Folgen. Die 35jährige Filmemachern entlässt beim Thema Missbrauch niemanden aus der Verantwortung, weder Justiz noch Universität, schon gar nicht ihre Geschlechtsgenossinnen, die sich schon früh bewusst zum Objekt männlicher Begierde stilisieren und nur zu oft den Täter schützen.

 

Grandios Fennels Cameo Auftritt in einem Internet Tutorial mit Schminkstipps für Blow Job Lippen. Verblüffung, Erschrecken, Angst, Wut, Verunsicherung, „Promising Young Woman” ist ein Wechselbad der Gefühle, das Lachen bleibt im Halse stecken, die Regisseurin versteht sich auf menschliche Abgründe und Fluchtmechanismen, der entkommt so leicht niemand, Cassandra scheint ihr Alter Ego. In diesem Kriminalfall gibt es kaum Unbeteiligte, weder Anwälte noch Universitätsdekan, Kommilitonen, Bekannte, die eigentliche Hexenjagd begann für die Freundin nach der Vergewaltigung. Guten Geschmack hält die Protagonistin für überflüssig, wo Moral längst versagt hat, in grellen Bonbonfarben schreit das Unrecht gen Himmel, aber alle schweigen, wer will schon einem dieser vielsprechenden jungen Männer die Karriere verbauen wegen einer sogenannten Unbedachtsamkeit, für den finden alle Worte des Verständnisses im Gegensatz zum Opfer, nice guys, die netten Jungs erhalten einen wahrlich unverdienten Vertrauensbonus. Es sind weniger die hinter ihr her pfeifenden Bauarbeiter, die Cassendra erbosen. als die Vertreter jener gebildeten Oberschicht in ihrer feministisch getarnten Verlogenheit, sie simulieren Verständnis. Doch dann kommt einer, der scheint anders, Kinderarzt ist er geworden, kein geldgieriger eitler Fatzke, halt Idealist. Ryan (Comedian Bo Burnham) war schon damals verknallt in sie.

 

Die Welt hier gleicht äußerlich eh schon der pastellfarbenen surreal altmodischen Kulisse einer RomCom, welch grausamer Zynismus, wenn Vergewaltigung das Thema ist. Der Racheengel verwandelt sich ohne Vorwarnung in eine normale, lächerlich glücklich junge Frau, die im Supermarkt tanzt und lacht. Doch der Mann an ihrer Seite pflegt noch immer eine enge Freundschaft mit der alten Uni Clique, das Unglück ist vorprogrammiert. Multi-Talent Fennel versteht sich auf die Kunst der Überraschung, die unvorhergesehenen Wendungen. Twists und Spannungsmomente sind wundervoll miteinander verzahnt, automatisch läuft die eigene Fantasie auf Hochtouren. Was das Finale bringt, übertrifft jegliche Erwartungen. Die Rachefantasien der Autorenfilmerin unterscheiden sich grundsätzlich von denen männlicher Regisseure, sie sind zwar ebenso skrupellos, nur subtiler, besitzen mehr Finesse, zelebrieren nicht Gewalt, sondern analysieren sie. Das Dekor genau wie die Songs bilden den Nährboden für das heutige Selbstverständnis der Geschlechter, reflektieren Wünsche, Träume und Ängste wie die Orchesterversion von Britney Spears „Toxic” oder Paris Hiltons „Stars are Blind”, „2 Become 1” der Spice Girls, Carmen DeLeons „He Hit Me (and It Felt Like a Kiss)” und Richard Wagners Prelude and Liebestod.

 

Der #MeToo Kosmos ist unwegsames Terrain für sexistische Macho Schwächlinge, immer verwöhnt und gepäppelt, erst von Mama, dann von den staatlichen Autoritäten. Doch auch für Journalisten kann es höchst unangenehm werden, das bekam ein Filmkritiker von Variety zu spüren, er hatte Carey Mulligan als Fehlbesetzung für die Rolle der Cassandra bezeichnet. Sie wäre keine überzeugende Femme fatale, er wünschte sich jemanden wie Margot Robbie („I, Tonya”, „Suicide Squad”, „Once Upon a Time... In Hollywood”), in diesem Fall Produzentin. Ein Shitstorm entbrannte, die Schauspielerin reagierte extrem ungehalten, beschuldigte ihn der Frauenfeindlichkeit etc. Variety offerierte eine Entschuldigung. Der Verdacht des Sexismus kann das Ende einer Karriere bedeuten. Der Kollege mag die Figur missverstanden haben, Cassandra ist keine typische Femme Fatale, auch stilisiert sie sich nicht als solche. Wenn sie vor dem Spiegel steht, den Lippenstift verschmiert, erinnert sie eher an einen traurigen Clown. Und ihre leicht verdrehten Beine wie sie da auf dem Sofa mehr hängt als sitzt wie eine leblose Marionette, wahrlich keine Verführerin: Sie gibt vor, leichte Beute zu sein: Ein hübsches Mädchen, keine Schönheit, eben eine, die an diesem Abend zu viel getrunken hat, vielleicht ist was schief gelaufen mit der Arbeit oder dem Freund, vielleicht wollte sie sich einfach mal betrinken.

 

Nur im weiteren Sinne ist Cassandra schon eine Verführerin mit dem Talent zur Manipulation. Darf eine Filmkritiker eine Schauspielerin der anderen vorziehen? Immerhin im Englischsprachigen Raum wurde für „Promising Young Woman” geworben mit dem Slogan: „Take her home and take you chance.” Nimm sie mit heim und nütze Deine Chance, riskier was. So einen Spruch halte ich, und nicht nur ich, für bedenklicher. Der Variety Kritiker war tief verletzt und setzte sich in einem Artikel zur Wehr, als 60jähriger Homosexueller fühlte er sich diffamiert durch die Vorwürfe, wohl zu Recht, vielleicht hat er die Rolle missverstanden oder interpretiert sie halt anders, mochte die Frisur nicht, die Freiheit sollten wir haben. Die toxische Männlichkeit vergiftet alles auch die Kommunikation untereinander, in den Medien, überall. Das Gift verbreitet sich unmerklich, isoliert das Opfer. Und genau wie sich die Verachtung verbreitete für Nina, infizierte der Schmerz ihre Freundin. Dieses Gefühl der Ohnmacht zerstört Cassandra und nicht nur sie.

 


Promising Young Woman

Regie + Drehbuch: Emerald Fennell

Darsteller: Carey Mulligan, Laverne Cox, Bo Burnham, Alison Brie

Produktionsland: USA, Großbritannien, 2020

Länge: 113 Minuten

Verleih: Universal Pictures International Germany

Kinostart:19. August 2021

 

Fotos, Pressematerial & Trailer: Copyright Focus Features/Universal Pictures

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