Architektur

Wie die individuelle Arbeitsbiografie eines Architekten Stadtgeschichte spiegeln kann, zeigt der Publizist und Architekturhistoriker Gert Kähler in seinem neuen Buch „Grauganseffekte. Hamburg und der Architekt Volkwin Marg“.

Wobei das Wort „Grauganseffekte“ als Synonym für so etwas wie frühkindliche Prägung gedacht ist, denn Volkwin Marg kam in der Ostsee – in Danzig – zur Welt und die Liebe zum Leben am und auf dem Wasser hat ihn ein Leben lang begleitet, ihn schließlich nach Hamburg geführt. Zusammen mit Meinhard von Gerkan führt er hier seit ca. 50 Jahren das Architekturbüro gmp, das weltweit über 500 Mitarbeiter beschäftigt.

 

Sportstadien und andere Großprojekte in Südafrika, Brasilien, Russland, Vietnam und vor allem China haben die Architekturmarke gmp international berühmt gemacht. In Deutschland gehören der Berliner Hauptbahnhof und der Flughafen Tegel zu den bekanntesten Projekten. Aber das interessiert Gert Kähler nur am Rande. Im September 2021 erhielt Volkwin Marg mit 85 Jahren die Bürgermeister-Stolten-Medaille für bleibende Verdienste um Hamburg. Welche damit gemeint sind, hat Kähler detailliert und anschaulich auf über 300 Seiten untersucht.

 

Der Autor beschreibt eine üppige Auswahl der ca. 50 Hamburger Bauten von Volkwin Marg, die er als stadtbildprägend und identitätsstiftend bewertet. Sie stehen in der Innenstadt, in Hafennähe und an der Elbe, also dort, wo Hamburgs Geschichte begann. Margs wichtige städtebauliche Gutachten und sein bürgerschaftliches Engagement ergänzen das Bild. Um das Buch zu schreiben, hat Kähler den Architekten viele Stunden interviewt. Längere Auszüge dieser Interviews begleiten Kählers Erzähltext, der schwarz auf weiß gedruckt ist. Margs wörtliche Zitate haben eine grüne Typographie, die Unterschriften der zahlreichen Abbildungen eine blaue. Das ergibt ein angenehmes, lebendiges Layout und fördert das Leseverständnis.

 

Nach dem Studium in Berlin, Delft und Braunschweig konnte sich Volkwin Marg nur Hamburg als Lebens- und Arbeitsort vorstellen. Weil die Stadt an Elbe, Bille, Alster liegt und einen Hafen hat. Und vielleicht auch, weil sie seit Jahrzehnten überwiegend sozialdemokratisch regiert wird. Noch als Student ist der ehemalige Pastorensohn 1964 in die SPD eingetreten. Er ist ein unbequemes Mitglied wie nicht zuletzt sein Einsatz für den Erhalt der umstrittenen City-Höfe gegenüber vom Hamburg Hauptbahnhof beweist. 2014 gewann gmp bei eine Bieterverfahren 2014 den ersten Preis mit einem Entwurf, der den Erhalt des Bau-Denkmals vorsah. D.h. die vier grauen Hochhausscheiben sollten in ihre ursprünglich weiße Gestalt zurück verwandelt werden und überwiegend Wohnzwecken dienen, um die ewig beklagte Ödnis der Innenstadt nach Büroschluss zu beleben. Doch die Hamburger Behörden kippten diese Vision mit trickreichen, fadenscheinigen Auflagen aus dem Verfahren. Heute sind die Hochhausscheiben verschwunden, ihre graue Energie ist verloren. Stattdessen entsteht dort ein neuer massiger Büroriegel mit Backsteinfassaden.

 

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1973 erhielt Volkwin Marg von der Stadt den Auftrag für eine umfassende Standortuntersuchung für das Bauen am Wasser. Damit begann zögerlich eine neue Planung, die bereit war, die rigide Funktionstrennung von Arbeit, Wohnen, Freizeit aufzugeben. Für Volkwin Marg war es das erste Mal, dass er sich eingehend mit dem besonderen „amphibischen“ Charakter Hamburgs auseinandersetzte. Vom Primat der Stadtplanung war er schon immer überzeugt. D. h. er denkt jede Architekturaufgabe unter dem Aspekt ihrer Bedeutung und Einbettung in das Gesamtgefüge Stadt. Dazu gehört nicht nur die topographische Situation, sondern auch die Geschichte, eben alles das, was den genius loci ausmacht.

 

Unter diesem Blickwinkel beschreibt Kähler das Hanseviertel von 1980 in der Hamburger Innenstadt, das seit kurzem unter Denkmalschutz steht. Die bisherige rigide Abrisspolitik fand hier ein Ende, Marg spricht an dieser Stelle von Blockrandsanierung. Die Blockmitte füllte er mit einer Passage. Dabei nutzte er für alle Neubauten roten Klinker. Vorbild dafür war Fritz Högers expressionistische Broschekhaus von 1925/6, das an einer Ecke des Hanseviertels steht und das Marg in Anlehnung an Högers Entwürfen erweiterte. Die Erlaubnis dafür holte er sich bei dessen Witwe. Ausführlich erklärt Kähler, wie sich Margs Architektur auf die Umgebung bezieht. Obwohl aus dem Traditionsmaterial Klinker gebaut wirkt das Hanse-Viertel neu und modern, aber das Neue zeigt Anklänge des Alten, wenn z.B. auf die Fassade eines Parkhauses gemauerte Rundbögen den Fensterbögen des benachbarten historischen Kontorhauses entsprechen. Das passte in die postmoderne Ära jener Zeit, ohne dass Marg hier übertrieben viel historisierende Formen zitiert hat.

 

Das Hanseviertel war ein Stück Stadtreparatur und verkörpert dadurch einen wichtigen Aspekt von Margs Selbstverständnis. Denn zeitgleich „reparierte“ er auch die damals gerade niedergebrannte Fabrik, 1972 Hamburg erstes Kultur- und Kommunikationszentrum in Altona. Um die raue, besondere Atmosphäre des Industriebaus wiederherzustellen, verbaute Marg Abbruchmaterial aus dem Broschekhaus in der Fabrik: alte Dielen, Sprossenfenster, Fahrstuhltüren und sogar eine Wendeltreppe. Obwohl ein Stockwerk höher und mit neuem Brandschutz versehen, hatten alle das Gefühl, wieder ihre „alte“ Fabrik zu betreten. Der Wiederaufbau der Fabrik war kein lukrativer Auftrag, sondern eine Herzensangelegenheit.

 

Eine Herzensangelegenheit war auch die Durchsetzung des Museumshafen in Övelgönne, wo das Segelboot von Volkwin Marg lag, selbstverständlich ein selbst repariertes Holzboot. Das Buch ist voll von Anekdoten, die Margs liebevolles und zugleich pragmatisches Verhältnis zur Tradition belegen. Kähler widmet Margs Einsatz für Denkmäler wie z.B. die Fischauktionshalle oder Schiffe wie die Cap San Diego und Peking ein ganzes Kapitel unter der Überschrift „Rettet die…“. Nicht akribisch originalgetreuer Erhalt ist Margs vorrangiges Ziel, sondern vielmehr das Weiterbenutzen von Bauten und Dingen, ein eher pragmatischer Ansatz.

 

Pragmatismus kennzeichnet auch seine Rolle bei der Entwicklung des Elbufers, der sogenannten „Perlenkette“. Auf dem vom damaligen Oberbaudirektor Egbert Kossak 1985 initiierten Bauforum zeichneten internationale Architekten kühne Visionen. Volkwin Marg lieferte Entwürfe, mit denen man Investoren fand und bauen konnte. Ähnlich pragmatisch verhielt er sich beim Thema Hafencity, Europas größtes Stadterweiterungsprojekt. Die Hafencity hat viele Väter, jedenfalls wird ihre Geschichte immer so erzählt. Gert Kähler hat sie bereits 2016 gründlich aufgearbeitet. Für sein dokumentarisches Porträt von Volkwin Marg fasst er sie noch einmal kurz zusammen.

 

Mit dem Aufkommen des Containers wurden überall in der Welt die Hafenanlagen für den bisherigen Stückgutumschlag überflüssig. In allen Hafenstädten wie London, Rotterdam, Barcelona, New York plante man seit den 1980er Jahren auf den alten Industrieflächen neue Viertel zum Wohnen, Arbeiten, Leben. Hamburg war im internationalen Vergleich relativ spät dran. Denn hier herrschte seitens der Hafenwirtschaft und ihren „verbündeten“ Behörden ein überaus starkes Beharrungsvermögen. Es herrschte ein Machtpoker zwischen Bau- und Wirtschaftsbehörde, HHLA (damals Hamburger Hafen- und Lagerhaus-Aktiengesellschaft) und dem Amt Strom- und Hafenbau. Allen diesen Institutionen stand ein Mann vor. Man kannte sich, vertraute oder misstraute sich. Aber manchmal mochte man sich und war sogar befreundet wie Peter Dietrich, der Vorstandsvorsitzende der HHLA, und Volkwin Marg, weil man gemeinsame Ziele hatte – die Zuschüttung von Hafenbecken verhindern – und die Liebe zu Wasser und alten Segelbooten teilte.

 

Mit der deutschen Wiedervereinigung gewann Hamburg sein Hinterland wieder. Damit boten sich dem Hafen neue Optionen – vorausgesetzt ein neuer, großer, moderner Containerhafen würde gebaut. Dafür könnte man ehemalige Hafenflächen für eine neue Hafencity verkaufen – so die ursprüngliche Idee, die Peter Dietrich im Januar 1992 dem Ersten Bürgermeister Henning Voscherau unter vier Augen nahebrachte. Haarscharf an der Linie des Verfassungsbruchs entlang plante Voscherau im Geheimen das Projekt, Dietrich sicherte derweil diskret die späteren Hafencity-Fläche. Erst nach drei Jahren erweiterte sich der Kreis der Eingeweihten um fünf Senatoren.

 

1996 erhielt Volkwin Marg einen konspirativen Auftrag. In sicherer Distanz von Hamburg entwarf er an seinem Lehrstuhl in Aachen zusammen mit Studenten eine Entwicklungsstudie Hafencity, mit der Bürgermeister Henning Voscherau im Mai 1997 vor die Öffentlichkeit trat und das Geheimprojekt bekannt gab. Voscherau erntete Beifall. Marg hätte gerne noch eine Gestaltungssatzung für den zukünftigen Stadtteil durchgesetzt, es gelang ihm aber nur für die benachbarte Speicherstadt, dem heutigen Weltkulturerbe. Denn dafür hatte die Unterstützung von Peter Dietrich. Diese Freundschaft hielt, die zu Egbert Kossak ging nach Margs Planung für die Hafencity endgültig in die Brüche. Kossak hatte immer davon geträumt, eine Hafencity in Hamburg zu entwickeln. Später hat er dann seine Ambitionen nach Rotterdam verlegt.

 

Gert Kähler erzählt Hamburgs Entwicklung der letzten Jahrzehnte aus der Perspektive eines engagierten Architekten, der sich gerne einmischt, der versucht, Politik und Öffentlichkeit zu überzeugen, die Stadt mit Respekt vor ihrer gewachsenen Gestalt weiterzubauen. Der dabei aber seine Grenzen akzeptiert, der verlieren kann, denn seine internationale Karriere macht ihn unabhängig. Geschichte geschieht hier häufig auf einer persönlichen Ebene, wo einige Männer die Geschicke der Stadt unter sich aushandeln. Was Kähler nicht bewertet, sondern in einen fachlichen und historischen Rahmen stellt, er nennt es einmal „Dokutainement“. Stadtentwicklung und Architektur sind in der Regel spröde Fachthemen. Mit seinem gut gestalteten Buch macht Gert Kähler sie anschaulich und nachvollziehbar. Das ist ein großes Verdienst.


Gert Kähler: Grauganseffekte. Hamburg und der Architekt Volkwin Marg

Mit einem Vorwort von Hark Bohm und einem autobiografischen Text von Volkwin Marg.

Verlag Dölling und Galitz Hamburg 2021,

Hardcover mit Fadenheftung, Prägung und Lesebändchen

ca. 300 Seiten, ca. 180 Abb.

ISBN 10: 3-86218-148-0
ISBN 13: 978-3-86218-148-3

 

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