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Dreißig Jahre nach dem Tod der sizilianischen Singer-Songwriterin Rosa Balistreri (1927-1990) lebt die alternative Folkmusik der Analphabetin und engagierten Streiterin für soziale Gerechtigkeit in etlichen italienischen Remakes, Konzertaufführungen, Neuinterpretationen, Festivalformaten und Fernsehdokus fort. Erst 2018 wurde Balistreris musikalisch geschichtenerzählendes Werk und Wirken in das Register des immateriellen Kulturerbes Siziliens aufgenommen. Nun findet am Sonntag, den 20. September 2020 in ihrer Heimatstadt Licata (Provinz von Agrigent) eine Jubiläumsveranstaltung unter dem Motto “Eine Rose für den Gesang” („Una rosa per cantare“) statt.

Unter der künstlerischen Leitung von Antonio Zarcone sprechen im Rahmen dieser Hommage an die einst vom Dichter Ignazio Buttitta (1899-1997) gekürten „Sängerin des Südens“ im Teatro Re Grillo der Ethnomusikologe Giuseppe Giordano, der Soziologe Francesco Pira, der Journalist und Kulturvermittler Mario Gaziano sowie der sizilianische Schriftsteller und Dichter Piero Carbone über Balistreris Songtexte zu Themen der Armut, Gefangenschaft, Unterdrückung und Mafia. Es folgen künstlerische Darbietungen der Folksängerin Cinzia Caminiti, der Schauspielerin Lia Rocco sowie des Musikers Ezio Noto und Volkssängers Antonio Zarcone.

 

Rosa Balistreri ist bekannt für die ungewöhnliche Tonlage, mit der sie sich kollektive Gefühle der Unfreiheit von der Seele singt und denen, die keine Stimme haben, ihre mal messerscharfe, mal herzerweichende Stimme leiht, um die Träume und Tränen des sizilianischen Volks zum Ausdruck zu bringen und ihre Wut gegen Unterdrückung in die Welt zu tragen. Hinter der rauen Schale verbarg Rosa einen weichen Kern: Mit zwei entschiedenen Saitenschlägen auf der Gitarre explodierte ihr außergewöhnlicher, alles durchdringender Gesang. Er veränderte nicht nur die Musiklandschaft Italiens in den 1960er- und 1970er-Jahren, sondern löste ein bis heute nachhallendes Revival der südländischen Folkmusik im ganzen Land aus. Der kulturgeschichtliche Beitrag der ebenso kämpferischen wie empathischen Singer-Songwriterin gleicht einer „Revolution des Schreis“: Balistreris künstlerisches Vorbild animiert und inspiriert bis heute zahlreiche italienische Musiker, nachdem diese einfache Frau und spätere alleinerziehende Mutter auf der Gründungssitzung des – der Münchner „Gruppe 47“ nachempfundenen – neoavantgardistischen „Gruppo 63“ in Palermo von den damaligen Intellektuellen Italiens entdeckt worden war und schon bald mit dem späteren italienischen Literaturnobelpreisträger und Theatermacher Dario Fo (1926-2016) in den 1960er-Jahren auf der Bühne stand. Neben dem Autor Leonardo Sciascia (1921-1989) und dem Maler Renato Guttuso (1911-1987) zählt Rosa Balistreri heute zu den Kulturikonen Siziliens.


Seit die Sängerin 63-jährig in Palermo frühzeitig an den Folgen eines Schlaganfalls, den sie während eines Auftritts in Kalabrien erlitt, verstarb und in Trespiano, nahe Florenz bestattet wurde, zeigt Rosa Balisteris unnachahmlicher musikalischer Stil nicht nur eine friedlich-eindringliche Art auf, Widerstand zu leisten und sich gegen soziale Missstände unüberhörbar aufzulehnen. Vielmehr trägt ihre lebendige, vitale und bis dato noch nie gehörte, einprägsame Stimme eine zeitüberdauernde, länderübergreifende Aufforderung an ihr Publikum heran, sich stets bereitzuhalten, um ein gesellschaftliches Novum – wie sie es verkörperte – künstlerisch zuzulassen und zunächst fremd wirkende Elemente des „Anderen“ in einen bestehenden Musikkanon aufzunehmen und wirken zu lassen.

 

Die Hommage „Una rosa per cantare“ findet Sonntagabend, 20.9.2020, ab 20:30 Uhr im Teatro Re Grillo, Licata (bei Agrigent), auf Sizilien in Italien statt. Künstlerische Leitung: Antonio Zarcone. Es gelten die örtlichen Anti-Covid-19-Regeln.
Live-Streaming auf der Facebook-Seite des Comune di Licata: https://www.comune.licata.ag.it/news/evento-rosa-balisteri/

Rosa Balistreri singt ein Gedicht von Ignazio Buttitta über die “Piraten in Palermo” (“I pirati a Palermu”) auf YouTube: https://youtu.be/xQDlPEx9Ho4

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