Meinung

„Sagen Sie nicht, Sie hätten keine Zeit, denn so etwas wie ‚keine Zeit‘ gibt es bei mir nicht!

Schünda hatte sich eben auf den Operationstisch gelegt und ließ geduldig die in einem samtigen Alt vorgetragenen Ermahnungen der grün maskierten Schwester über sich ergehen. Sie beugte sich über ihn, wie sich eine Leselampe über ein Buch beugt, und beschwor den widerspenstigen Patienten, nein befahl ihm kategorisch, sich nach der Operation wirklich zu schonen und nicht gleich irgendwohin zu hetzen. „Sie kriegen eine schöne Tasse Kaffee und ruhen sich noch ein Stündchen aus, und dann, wenn die Betäubung nachgelassen hat, dann dürfen Sie sich abholen lassen!“

 

Keinen Kaffee, bitte!, dachte Schünda, lieber einen feurigen Schnaps… Es stimmte doch: Einer wie er ruhte sich nie ein Stündchen aus. Mit seinem beruflichen Erfolg war viel Eile in sein Leben gekommen, und er hetzte mehr durch den Tag, als dass er arbeitete. Jetzt sollte er nach einer kleinen Operation an der Hand den ganzen Vormittag auf einer Liege vertrödeln, wo doch Geschäfte auf ihn warteten?

 

Der Arm schmerzte wirklich fast gar nicht. Schünda trat hinaus auf die regenfeuchte Straße, drückte den Hut fest ins Gesicht und ging langsam die Grube zum Hafen hinunter. Er fühlte sich frisch, obwohl er auf die langweilige Liege verzichtet hatte, und allen Widrigkeiten gewachsen. Nur manchmal spürte er ein Ziehen und Drücken, als werde immer noch an seiner Hand gearbeitet. Aber Schmerzen?

 

Und merkwürdig durstig war er auch. Warum auch hatte er seit gestern nichts mehr trinken dürfen? Jetzt war er dehydriert.

 

Lübeck Trave F Marius Steinke

Travehafen, Lübeck, Foto: Marius Steinke

 

Dieser Teil des Lübecker Hafens, alten Segelschiffen gewidmet, die in malerischer Buntheit am Kai lagen, war sonst von Touristen überlaufen; aber nicht heute, da ein feiner Regen niederging. Schünda achtete darauf, dass seine Jacke den Gips bedeckte, und schaute, von dessen Altertümlichkeit angezogen, auf einen alten Lastkahn mit braunen Segeln, der ihm zuvor nie aufgefallen war – ein bauchiges Schiff, dessen lackiertes Holz im diffusen Licht schimmerte und das, von einem leichten Wind bewegt, sich ächzend an den Pollern scheuerte. Nein, es schimmerte gar nicht im Sonnenlicht, sondern von dem Schiff ging ein matter Glanz aus, als sei in ihm eine Lichtquelle verborgen, und es schien Schünda für einen Augenblick, als sei die Zeit stehengeblieben, wie es da lag und sich gegen die Taue stemmte.

 

Wieder zerrte es in seiner Hand. Aber es war kein Schmerz, sondern er fantasierte nur immer noch die Wahrnehmungen der Operation.

Hinter den schwarz-weißen Trossen tauchte ein Mann auf und starrte ihm fragend ins Gesicht. „Wollen Sie zu mir? Ich mache gerne auf.“

 

Schünda trat erschrocken zurück und bemerkte erst jetzt ein Schild, das auf den Verkauf von Antiquitäten an Bord verwies. Warum nicht? Im Augenblick hatte er ja wirklich Zeit. Vorsichtig tapste er, besorgt um sein Gleichgewicht, über das Fallreep und betrat die Planken des Schiffes. Kurz und etwas überheblich nickte er dem kraushaarigen Eigner zu, der ihn schräg von unten belauerte, und folgte ihm eine steile Treppe hinunter in das Innere des Kahns. Sie fanden sich in einem niedrigen, dumpf nach Kräutern und alkoholischen Essenzen riechenden, mit schwarzen Regalen zugestellten Raum wieder. Ah! Dort hinten köchelte ein Punsch – offensichtlich starker Stoff. Um den Messingtopf herum grinsende Masken aus Ebenholz, ausgestopfte Meerestiere und blank geschliffenes Kristall; in einer Flasche schwamm eine scheußliche Missgeburt; und endlich wünschte ein schwerer, mit silbrigen Lettern bedruckter Lederband aufgeschlagen und studiert zu werden.

 

„Sie haben alles selbst eingekauft?“ Erst jetzt schaute Schünda dem Ladenbesitzer offen ins Gesicht, das bleich war und eckig; schwere Lider beschatteten die Augen, als sei der Mann müde und erschöpft. Seine Haare standen merkwürdig nach oben, als koche in seinem Kopf eine Energie – vielleicht alkoholischer Art wie in dem goldenen Topf mit dem Punsch. „Manchmal kaufe ich ein und verkaufe, manchmal tausche ich!«, erläuterte der Antiquitätenhändler ausweichend. »Wenn Sie sich für etwas interessieren, müssen Sie mir ein Angebot machen. Übrigens nehme oder gebe ich niemals etwas zurück. Nie.“

 

Schünda fand das alles seltsam und unverständlich und eigentlich wenig sympathisch. Wahrscheinlich ein Weltenbummler, der sich irgendwie sein ungebundenes Leben auf den Meeren verdient!, legte er sich eine Erklärung zurecht und schob sich mühsam, den schweren Gipsarm an den Leib drückend, zwischen den Regalen hindurch, betrachtete ein Ölbild, das ein Segelschiff in weiß bemützter See zeigte, und noch dazu den altertümlichen Stich einer ihm unbekannten Stadt.

 

„Ich fotografiere gern Segelschiffe“, wandte er sich dem Eigner zu, denn ihm war sein eigenes Schweigen ebenso peinlich, wie ihm das quecksilbrige Hinterherwieseln des kleinen Mannes lästig wurde. „Seitdem ich das erste Mal in einem schwedischen Hafen einen hölzernen Fischkutter im Abendlicht fotografierte, hinter ihm der Granit und das dunkle Meer, suche ich überall alte Schiffe auf und fotografiere sie; sie stecken in dieser Zeit wie …“ Ihm fiel kein richtiger Vergleich ein. „So ein Bild, so künstlerisch wertlos es auch sein mag, hält für mich einen besonderen Augenblick fest. Manchmal laure ich halbstundenlang auf die richtige Beleuchtung und umschleiche den Gegenstand; oder ich kehre am Abend wieder, wenn ich etwas am Morgen besonders schön fand. Man darf nie sagen, dass man keine Zeit hat«, rief er sich das Gespräch mit der maskierten Schwester in Grün ins Gedächtnis zurück, »sondern man muss den Augenblick ehren.“

 

Schünda unterbrach sich, als er, der ein passionierter Spieler war, vor ein altes Schachbrett mit roten und weißen Figuren trat, für das er aber in seiner Wohnung keinen Platz gefunden hätte. Aber dann fiel sein Auge auf einen Totenkopf aus Silber, etwa so groß wie ein Tischtennisball. In den leeren Augenhöhlen saßen zwei Zifferblätter, in denen winzige Blättchen baumelten. Der Totenkopf, so klein er auch war, schien eine richtige Schachuhr zu sein, und Schünda, der sich von der Uhr geradezu magisch angezogen fühlte, schaute den Eigner fragend an.

 

„Der ist fast umsonst!“, sagte der gleichgültig. „Sie geht nicht mehr richtig. Fast scheint es, als sei die Zeit stehengeblieben… Mir hat ein Schachspieler einmal gesagt, sie sei sein Amulett gewesen. Man trage diese Uhr immer in der Hosentasche, wenn man spiele, und sie habe ihm immer die Zeit geschenkt, lange über einer schwierigen Stellung zu grübeln. Mit ihrer Hilfe verliere man nicht mehr nach Zeit.“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung, um ihre Wertlosigkeit noch einmal zu betonen, und nickte einverstanden, als ihm Schünda einen Preis vorschlug. „Na, noch das schöne Bild von dem Segelboot«, setzte der Händler hinzu, »mit dem Sie die rechte Stunde ehren, und hinten signieren Sie, damit ich eine persönliche Erinnerung an Sie habe…“

 

„Ich bin ja ein Grübler, wissen Sie, einer, der über dem Spiel die Zeit vergisst“, plapperte Schünda, der Schachuhren hasste und sich vielleicht eben deshalb von dieser, die ihm das Teuflische aller Uhren so bildhaft vor Augen stellte, besonders angezogen fühlte. Dankbar nahm er das kleine Schnapsglas an, mit dem der dämonische Händler mit ihm anstoßen wollte. „Es ist angezündeter Arrak, in den ich einigen Zucker geworfen! Nehmen Sie nur den Flachmann, denn er wird niemals leer sein, wenn Sie ihn brauchen,“ fügte er schalkhaft hinzu.

 

Schünda nahm einen Schluck. Wie Feuer rollte der Punsch die Kehle hinunter, und sobald ihm der Geist des Getränks zu Kopfe stieg, belebten sich die Gegenstände auf dem Schiff in wunderbarer Weise. Fast war es ihm, als nickten ihm die Masken zu. Und das silbrige Gesicht auf dem schwarzen Lederfolianten: es verzog sich im ekelhaften Spiel blauglühender Lichtblicke…

 

fire tongs punch PixabayFeuerzangen-Bowle

 

Der Antiquitätenhändler fuhr ihn in seine Junggesellenwohnung, suchte sich das großformatige, schön gerahmte Foto von den schwarz-weißen Trossen aus, das ihn an die Trossen seines eigenen Kahns erinnere, wie er versicherte, wünschte seinem Kunden gute Besserung und verabschiedete sich. Als Schünda, der am nächsten Tag die Wunde auf seinem Handrücken inspizieren lassen musste, wieder am Hafen vorbeikam – jetzt mit Kamera, um den alten Lastensegler abzulichten –, war das Schiff spurlos verschwunden.

 

Ein geschickter Arzt hatte die Hand operiert, die schnell und glatt verheilte, und schon zwei Wochen später griff sich Schünda auf dem Weg zu einem Blitzturnier den Totenschädel und steckte ihn in die linke Hosentasche, wo er ihn während des Spieles mit seiner operierten Hand umschloss. Manchmal spürte er immer noch ein fernes Zerren und Drücken und phantasierte die Operation. Als Schachspieler war er, der in seinem übrigen Leben so hektisch agierte, langsam und verbrauchte immer zu viel Zeit. Um sein überlegenes schachliches Vermögen zu demonstrieren, verlor er lieber mit besserer Stellung, als dass er sich, von der Uhr gehetzt, zu Fehlern verleiten und ausspielen ließ.

 

Aber an diesem Abend bekam Schünda, obwohl er seinen Stil nicht veränderte, keine Probleme mit der Uhr. Die linke Hand um den kleinen Totenschädel geschlossen, so saß er ganz ruhig, manchmal gar tief in die Partie versunken, rechnete jede Stellung sorgfältig durch, als besitze er alle Zeit der Welt, und kam durch das Turnier, ohne die kleinen oder großen Fehlgriffe seiner Gegner zu übersehen. Nie zuvor hatte er sich auch nur unter den ersten Drei eines Turniers wiedergefunden, aber jetzt gewann er mit Vorsprung und brauchte kein einziges Mal auf seine bessere Stellung zu verweisen.

 

„Du bringst mir wirklich Glück!“, sagte er spätabends zu dem Totenschädel und küsste ihn sachte auf die Stirn. Doch fühlte er sich tief erschöpft, als hätte er eine ganze Nacht, ja mehr noch, einen Tag dazu mit Schachspielen verbracht, und nachdem er einen Schluck Arrak aus dem Flachmann genommen hatte, sank er in einen todesähnlichen Schlummer, durch den sinnlos Schachfiguren irrlichterten.

 

Er vergaß nie, sein Maskottchen zu einem Turnier mitzunehmen, und ward auf den Schachturnieren der Umgebung zu einem Seriensieger. Und danach ein Schluck aus dem Flachmann, der ihm zu schlafen half, auch wenn danach geisterhafte Gestalten durch seine Träume sprangen… Zu wirklicher Meisterschaft reichte es bei einem wie ihm nicht, aber in der Provinz räumte er ab und sammelte Pokale und kleine Geldpreise. Wie eine Sucht kam es über ihn. Lange Partien spielte er überhaupt nicht mehr, sondern ward des Blitzens nicht müde. Dabei machte er zunehmend seltsame Entdeckungen. Manchmal, wenn er sich aus seinen Grübeleien löste und mit einem verlorenen Blick die anderen Spieler musterte, fiel ihm deren starre Unbeweglichkeit auf; wie in Zeitlupe griffen sie nach einem Bauern oder setzten die Figur; und mit lähmender Langsamkeit näherte sich ein Zeigefinger der Schachuhr und drückte den Knopf. Dann nahm Schünda einen Schluck Arrak – der Flachmann steckte immer in seiner Gesäßtasche –, und weil er seinen Talisman für einen Augenblick loslassen musste, bewegten sich die Spieler um ihn herum plötzlich wieder normal. Dafür besaßen die Figuren auf dem Brett plötzlich ein unheimliches Eigenleben, und besonders die unberechenbaren Springer machten ihm Angst.

 

Eines schönen Sonntages wollte er ein Turnier in Warnemünde spielen. In der Ferne zog die Fähre nach Trelleborg vorbei, und er dachte an die schwedischen Häfen und seine so lange vernachlässigte Leidenschaft, Segelschiffe und Fischkutter zu fotografieren. Schwer fiel es ihm auf die Seele, als er von einer Brücke auf die vielen bunten Boote des Alten Stroms blickte, und ihm war, als habe er mit diesem Hobby auch sich selbst vergessen, als sei ihm mit der Geduld, mit der er auf die Sekunde des rechten Lichtes gewartet hatte, die ein unscheinbares Boot aufleuchten ließ und einen schmutzigen alten Hafen in ihr goldenes Licht tauchte, als sei ihm mit dieser Geduld sein ganzes Leben entschwunden. Da hörte er das Ächzen, mit dem sich ein schweres Boot in seine Taue legte, und als er sich umschaute, da sah er, inmitten der vielen bunten Boote sich fremd auf dem schwarzen Wasser wiegend, den braunen Lastensegler, auf dem er sein glücksverheißendes Maskottchen gegen das Foto eingetauscht hatte.

 

Trossen F Stefan DiebitzTrossen. Foto: Steefan Diebitz

 

Der Händler stand hinter den schwarz-weißen Trossen. Er schien ihn wiederzuerkennen und nickte ihm zu. „Du kommst früher, als ich dachte!“, sagte er ruhig. Schünda legte seine Hand um den Totenschädel in der Hosentasche und sah sich um; da erstarb der Wind, alle Menschen um ihn herum erstarrten, selbst das Wasser bewegte sich nicht mehr. Und die Wolken standen am Himmel wie festgenagelt. Nur der Antiquitätenhändler schien nicht betroffen, so wenig wie er selbst. „Du bist der Tod!“, sagte Schünda erbleichend, aber der Mann hinter den Trossen mit den starrenden Augen schüttelte nur den Kopf. „Viel schlimmer!“, sagte er. „Es war der Teufel, der dir einredete, du könntest deine Zeit sparen; aber was du verloren hast, das wirst du niemals wiedergewinnen.“ Er wandte sich ruhig ab und ging in seine Kajüte zurück. „Den Teufel betrügt man nicht um seine Zeit. Sie glauben, Sie seien ein großer Mann, aber Sie sind nur ein riesengroßes Nichts!“, sagte er jetzt etwas deutlicher zum Abschied.

 

„Typisch großer Mann!“, sagte der Chirurg freundlich. „Nichts! Gar nichts! Sie waren nur einen kurzen Moment weg, einen ganz kurzen, verschwindend kurzen Augenblick.“ Schünda schaute verwirrte auf den Tropf, dessen Gummischlauch in den Rücken seiner rechten Hand mündete, und wandte den Blick nach links, wo seine Linke hinter einem grünen Tuch operiert wurde. Manchmal spürte er ein Zerren und Drücken, aber keine Schmerzen. Gern griff er nach dem Glas, das ihm die grünmaskierte Schwester reichte, auch wenn sie ihm nur kaltes Wasser bot, keinen feurigen Trank. Dann sank er müde zurück.


Dieser Beitrag erscheint zum 200. Todestag von E.T.A. Hoffmann zum 25. Juni 2022.

 

Hinweis: Die Inhalte der Kolumne geben die Meinung der jeweiligen Autoren wieder. Diese muss nicht im Einklang mit der Meinung der Redaktion stehen.

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