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Es heißt „Die Pest“, und der Roman handelt auch wirklich von der Pest und spricht von nichts anderen. Und doch ist dieser Roman ein Buch über ein ganz anderes Thema. Sogar in der Wikipedia kann man lesen, dass „Die Pest“ eigentlich die Besetzung Frankreichs durch die Deutschen bedeutet.

Und mit dem Kampf gegen die Krankheit ist die Résistance gemeint. Die Schilderungen der Seuche und der ihr geschuldeten Situation in der Stadt sind aber so akkurat, nüchtern und dabei so lebenswahr, dass man dem Roman gerade in dieser Zeit besondere Aufmerksamkeit schenken muss.

 

Eigentlich braucht man „Die Pest“ ja gar nicht mehr vorzustellen – in Frankreich ist das Buch ein Klassiker und sogar Pflichtlektüre in der Schule, und auch in Deutschland wurde es ein Riesenerfolg und wird seit Jahrzehnten gelesen. Mir liegt die 82. Auflage vor!

Die Handlung spielt in der hierzulande eher unbekannten westalgerischen Hafen- und Industriestadt Oran. Es sind die vierziger Jahre, und so ist Nordafrika noch französische Kolonie. Anders als in Camus‘ Vorgängerbuch „Der Fremde“ kommt die arabische Bevölkerung kaum vor, sondern die Stadt gehört dem Christentum. Beispielsweise wird eine Kathedrale erwähnt und ein Gottesdienst geschildert, aber eine Moschee findet sich nicht. Heute sieht es dort etwas anders aus!

 

Die Pest Camus COVERDer Erzähler nennt Oran durchweg „unsere“ Stadt, so wie es auch der Erzähler in Dostojevskijs „Dämonen“ mit seiner ungenannten Provinzstadt tut. Camus liebte diesen gewaltigen Roman sehr und bearbeitete ihn wenig später unter dem Titel „Die Besessenen“ für die Bühne (oder vielleicht besser: nahm ihn als Inspiration für ein Drama über den Terror). In seinem Großessay „Der Mensch in der Revolte“ sagt er von dem Roman, in ihm würden die „totalitären Theokratien des 20. Jahrhunderts“ angekündigt. Zweifellos war dieses Buch eines von mehreren Vorbildern für „Die Pest“, so verschieden beide Bücher auf den ersten Blick auch zu sein scheinen.

 

Auffällig ist vor allem die ähnliche Konzeption der Erzähler. Beide sprechen über ihre Provinzstadt und deren Bewohner in der 1. Person Plural. Unsere Stadt, unsere Mitbürger… Allerdings, Dostojevskijs Erzähler tritt an keiner Stelle hervor, wogegen sich Camus‘ zunächst gesichtsloser Berichterstatter am Ende als der Held des Romans entpuppt, der Arzt Rieux. Eine andere Gemeinsamkeit ist die Thematisierung von Selbstmord und Terror – aber anders als bei Dostojevskij in einer einzelnen Figur, in Cottard, der sich zunächst aufzuhängen versucht und später aus einem Fenster heraus die Straße mit Schüssen bestreicht, als die Seuche bereits überwunden ist.

 

In „Die Pest“ wird das Drama der Epidemie in einer betont schmucklosen Prosa erzählt – auch noch in fünf Kapiteln (Akten), in denen Rieux versucht, „den Ton des objektiven Zeugen anzuschlagen.“ Ihm hält ein Journalist vor: „Sie sprechen die Sprache der Vernunft, Sie sind in der Abstraktion.“ Eben diese Abstraktion ist ein wichtiges Element des Buches. Erst zum Ende hin wird die Darstellung etwas rhetorischer, ja, wäre da nicht das Stilgefühl eines großen Schriftstellers, dann wäre sie im großen, im sehr großen Finale sogar ins Pathetische abgeglitten.

 

Neben Rieux gibt es noch eine zweite Figur, die eine Chronik erstellt – also einen emotionslosen Bericht, den Rieux in den seinen einarbeitet. In diesem zweiten Bericht, so heißt es, kann man „Gefühlskälte vermuten“. Diese Kühle wird in einem Gespräch mit Rieux auch von dem in Oran gestrandeten Journalisten beklagt. Er würde gern die Stadt verlassen, darf aber nicht, denn es herrscht allerstrengste Quarantäne, und so muss er schreckliche Monate in Oran verbringen. Dieser Journalist vermisst Gefühl und Anteilnahme, wenn der Arzt spricht, wogegen der Leser, der die Probleme Rieux‘ kennt, dessen Emotionslosigkeit als Tarnung einzuschätzen weiß und sein Pflichtgefühl bewundert.

 

Man könnte auch sagen, der Stil des Buches sei analytisch: „Es gab damals keine individuellen Schicksale mehr, sondern eine kollektive Geschichte, nämlich die Pest und von allen geteilte Gefühle“, und der Erzähler hält es in seinen eigenen Worten deshalb „für angebracht, die allgemeine Situation zu beschreiben“. So beginnt im Stil eines Essays der dritte Akt, die Peripetie des Dramas, die keine Dialoge mehr kennt wie die anderen Kapitel, sondern relativ kurz ist und den Höhepunkt der Geschehnisse zusammenfassend berichtet.

 

Neben Rieux sind noch andere Figuren wichtig. Eine ist Grand, ein armer städtischer Angestellter, der einen Roman begonnen hat, aber derart an dessen einzelnen Worten feilt, dass er nicht über den ersten Satz hinauskommt. Seine bemüht poetische, mit Schönheit und Bedeutung bis zum Platzen aufgeladene Prosa ist das Gegenbild zum kargen Stil des Romans. Erst ganz am Ende verrät er, dass er nun doch sämtliche Adjektive gestrichen hat. Eine andere, mit Camus verwandte Figur ist der erwähnte Journalist, zunächst ein über Flucht nachdenkender Außenseiter, später ein wertvoller Helfer des Arztes.

 

Außer auf das große Werk Dostojevskijs spielt Camus noch auf andere Romane und Erzählungen an. Zunächst einmal auf seinen eigenen ersten großen Erfolg, den kleinen Roman „Der Fremde“, ein anderes Mal vielleicht auf Kafka. Fasst der folgende Satz nicht den Plot von dessen „Prozess“ zusammen? „Da geht es um einen Unglücklichen, der eines Morgens auf einmal verhaftet wird. Man beschäftigte sich mit ihm, und er hatte keine Ahnung davon.“ Es ist die vollkommene Willkür der Justiz, deren Beamte Josef K. herausgepickt haben, um ihn mit einer Anklage zu konfrontieren, dessen Inhalt sie ihm verschweigen, und ihn zum Schluss „für ein unbekanntes Verbrechen zu einer unvorstellbaren Gefangenschaft verurteilt“, wie es endlich an späterer Stelle heißt. Diese Willkür ist auch die Willkür der Krankheit, die mal alte und schwache, mal junge und kräftige Menschen befällt und damit zu ihren Gefangenen macht, ohne dass man irgendeinen Grund dafür finden könnte. „Vor hundert Jahren“, weiß jemand zu berichten, „hat eine Pestepidemie in Persien alle Bewohner einer Stadt getötet und ausgerechnet den Totengräber nicht“. Diese Willkür und Irrationalität ist ein wichtiges Thema.

 

Von der Corona-Pandemie weiß man, aber erleben tun sie nur die wenigsten von uns. Die Pest dagegen ist für die Einwohner Orans unübersehbar und in einer furchtbaren Weise anschaulich – nicht allein in den Leiden der Kranken, ihren aufbrechenden Geschwüren und Beulen, sondern auch in dem Gestank, den diese verbreiten, oder in den Kadavern der Ratten, mit denen sich die Epidemie auf den ersten Seiten ankündigt. Aber es ist wie in jedem anständigen Katastrophenfilm: Die Behörden wiegeln ab, sind „immer unvorbereitet“ und finden die Situation „ohne Zweifel nicht ernst“. So kann sich die Pest zunächst ungehindert ausbreiten, bis endlich einige hilflose Maßnahmen getroffen werden. Von da an sind die Bewohner „unserer“ Stadt „die Gefangenen der Pest“, wie es leitmotivisch heißt. Sie müssen sich ins Exil begeben, wenn es auch „das Exil bei sich zu Hause“ ist. Es breitet sich eine „allgemeine Verlassenheit“ aus, und allmählich erscheint „die Pest als ihre Lebensform schlechthin“ – ungefähr so, wie man uns heute ankündigt, dass wir auch in Zukunft mit Corona leben müssen.

 

Dabei ist die im Roman geschilderte Epidemie, die Pest, nicht allein viel schlimmer als Corona, sondern sie provoziert auch Gegenmaßnahmen von einer für uns unvorstellbaren Härte. Die ganze Stadt wird für Monate unter eine totale Quarantäne gestellt, so dass niemand ein- oder ausreisen darf, ja, selbst Briefe dürfen nicht mehr verschickt werden. Jene, die Kontakt zu Kranken hatten, müssen in einem Stadion in Zelten hausen, und man fragt sich, ob Camus damit auf Konzentrationslager anspielen wollte. Und selbstverständlich veröden die Straßen, denn den Geschäften gehen die Waren aus.

 

Selbst, wenn wir die liebe Verwandtschaft nicht treffen dürfen sollten, wird niemand dies vom Fest der Liebe des Jahres 2020 sagen: „Weihnachten war in jenem Jahr eher das Fest der Hölle als das des Evangeliums. Leere Geschäfte ohne Beleuchtung, Konfektattrappen oder leere Dosen in den Schaufenstern, Straßenbahnen voll düsterer Gesichter – nichts erinnerte an frühere Weihnachten.“

 

Wie oben angedeutet: Die Pest ist in diesem Roman ein Symbol. Weil für uns Deutsche die Résistance allenfalls von historischem Interesse ist, kann das allein nur ein schwacher Grund sein, Camus‘ Buch zu lesen. Aber es gibt ja noch andere. Interessant, nein: bewegend ist dieser Roman zunächst, weil er zwar nüchtern, sogar kalt, aber immer anschaulich die Krankheit und besonders die Folgen der Epidemie für das soziale Gefüge der Stadt schildert. Camus hat die Problematik offensichtlich genauestens durchdacht und wahrscheinlich auch darüber gelesen, und es finden sich etliche Szenarien, die wir aus den vergangenen Monaten kennen. Die verlassenen Straßen, die leeren Hotels, die Probleme mit der Hygiene…

 

Albert Camus 1945 Wikipedia Über die bekannte Religionsfeindlichkeit Camus‘ braucht man nicht lange zu sprechen. Ein eifernder Prediger namens Paneloux ist zunächst eine besonders unsympathische Gestalt, und an einer Stelle erinnert die Schilderung von Mönchen sogar an Ratten: „Ein Dutzend kleiner schwarzer Gestalten kam aus der Kirche und trippelte der Stadt zu.“ Ganz so antikatholisch ist Camus dann aber doch nicht, denn kurz vor seinem Tod gewinnt Paneloux deutlich an Profil – er erscheint als eine moralische Gestalt, auch wenn Camus seine Überzeugungen ablehnte.

 

Im Anschluss an die Schilderung seiner Predigt hört man erst in einer Kneipe, dann in einem Hotelzimmer das auf einem alten englischen Volkslied basierende „St. James Infirmary“ (in dieser Zeit ein großer Erfolg, gesungen unter anderem von Louis Armstrong, Cab Calloway und Bobby Blue Bland). Der Song schildert, wie ein Mann in ein Krankenhaus geht und dort seine tote Geliebte findet: „Stretched out on a long white table / so cold, so sweet, so fair.“

 

Besonders überzeugt der Roman, wenn er die Veränderung der Gemeinschaft unter dem Druck der Seuche schildert. Beschreibt Dostojevskijs prophetisches Buch den Terror unserer Zeit, seine Hybris, Logik und Grausamkeit, so zieht in Camus‘ Buch die Pest dieselben Konsequenzen nach sich, indem sie den öffentlichen Raum vernichtet. Ausnahmslos jeder steht unter Verdacht, und ein Beamter sagt es auch ganz offen, dass für ihn „alle Welt verdächtig sei“. Über den Staatsterrorismus der französischen Revolution schrieb Hegel: „Verdächtig werden tritt daher an die Stel¬le oder hat die Bedeutung und Wirkung des Schuldigseins“. Im Fall der Pest natürlich nur verdächtig, krank zu sein; und wir heutigen müssen uns nicht mehr als ein allgemeines Fiebermessen gefallen lassen – das ist doch eher harmlos! Aber in jedem Fall handelt es sich um eine Situation, in der die Menschen auf sich selbst zurückgeworfen werden. Manche gewinnen an Stärke, andere verzweifeln. Das ist das eigentliche Thema des Romans – die Frage, wie man sich in einer solchen Situation verhält. Also eine moralische Frage. Rieux findet, dass „die einzige Art, gegen die Pest anzukämpfen, […] der Anstand“ sei; und wahrscheinlich war das auch die Ansicht von Camus und ist überhaupt die Lehre, die man aus der Lektüre dieses Buches ziehen kann.


Albert Camus: Die Pest

Deutsch von Uli Aumüller
Rowohlt Verlag
350 Seiten
ISBN: 978-3499225000

 

 

Abbildungsnachweis:

Buchumschlag,

Portrait Albert Camus 1945. Quelle: Wikipedia. Foto: Studio Harcourt

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