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Hamburger Architektur Sommer 2019

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Theater - Tanz

Max Claessen lieferte ein Regie-Meisterstück ab, dass durch das Spiel von Stephan Schad, Solofigur und Kontrabassist, und der die und seine Welt erklärt, zu einem grandiosen Premierenabend wurde.
Henning Kiehn am Bass, als Alterego und einfühlsamer Musiker an einem Instrument, das niemals solo sein möchte und auch im Duett Komposition sucht. Seine Stimme ist wunderbar und sein Spiel erdig, sein Gestus zurückhaltend. Er kennt die Begrenzungen seines Kontrabasses. Das Outfit, weiße Hose mit Glitzerfigürchen ging schon in den 80er-Jahren haarscharf vorbei.

Der Mann ist 49 Jahre alt, etwas spießig, Beamter, Mitarbeiter in einem Unternehmen namens Staatsorchester, Kontrabassist am dritten Pult. Er liebt Bach und hasst Wagner, unterschlägt hier und da im Spiel gerne Noten, teilweise viele Noten, am liebsten bei Gastdirigenten und erklärt die Welt der Musik, die ohne den Kontrabass sich nicht drehen würde. Er oszilliert in Monologen zwischen Liebe und Hass zu seinem Instrument und der Orchesterwelt. Er stillt seinen Feuchtigkeitsverlust mit Bier und hat sich verliebt – in die Sopranistin, nein, Mezzosopranistin Sarah, 23, doch sie geht nicht mit ihm aus zum Fischessen, sondern mit jemand anderen. Schuld für das Scheitern – wie könnte es anders sein – ist der Kontrabass.

Stephan Schad ist die Rolle wie auf den Leib geschnitten und er hat sich über ein Jahr darauf vorbereitet. Das merkt man vom ersten Augenblick an. Er fliegt über den Text, der längst keiner mehr ist, sondern Erklärung, Lamento, Lehre und Witz. Die Präzision in der Einfühlsamkeit, im Humor, in den Zäsuren, Brüchen und Stimmungsschwankungen und dem feinen Rhythmus, verrät ein sensationelles Timing. Die Worte sitzen, die Sprache besticht, die Geschwindigkeit glaubwürdig, die Stimmlage gewechselt, der Schrei durchdringt. Kafkaeske Augenblicke werfen den Musiker auf sich selbst zurück. Der Bass ist kein Instrument, er ist Welt und Leben, Partner und Voyeur, Last und gnadenlos gut, weil er alle anderen an die Wand spielen kann.
Seine Wohnung scheint in ihrer musikalischen Schallisolation ebenso neurotisch wie der Protagonist, der sich in ihr aufhält. Das Instrument ist selbst im Ruhezustand Bedrohung und reisen mit ihm macht auch keinen Spaß. Das Ding macht ihn fertig, da hilft auch keine Arroganz oder Überheblichkeit.
Der innige Augenblick als Schad mit angedeuteter Falsettstimme Dorabellas Arienschmerz aus Mozarts ‚Così fan tutte’ singt, kennt nicht nur plötzlich Obertöne, sondern gebärdet sich als Erkenntnis- und Wendepunkt.
Schließlich kommt er auf den Trichter: Es geht letztlich um Freiheit, sich lösen, der orchestralen Masse entgleiten zu können. Ferne Sehnsucht, unerreichbar für einen beamteten Nörgler. Stephan Schad steht am Ende im braunen Frack da, fein gekleidet und gut duftend – zumindest unter einer Achsel – und kämpft mit dem Innenleben eines einsamen Menschen.

Geist und Witz ist eine unschlagbar gute und überzeugende Kombination.



"Mitschnitt 1 vom 03.10.12" (Das bin ich) 3:15min


"Mitschnitt 2 vom 03.10.12" (Plumpes Instrument) 4:23min


"Mitschnitt 3 vom 03.10.12" (Drittes Pult) 1:52min


"Mitschnitt 4 vom 03.10.12" (Der letzte Dreck) 0:36min


"Mitschnitt 5 vom 03.10.12" (Goethe sagt...) 1:40min


"Mitschnitt 6 vom 03.10.12" (Gehen Sie oft in die Oper?) 9:44min


"Mitschnitt 7 vom 03.10.12" (Der Schrei des Kontrabasses") 1:49min


Der Kontrabass von Patrick Süskind mit Stephan Schad und Henning Kiehn (Bass)
auf dem Spielfeld des Deutschen Schauspielhauses, Kirchenallee 39, in 20095 Hamburg

Regie: Max Claessen
Bühne und Kostüme: Oliver Helf
Licht: Wolfgang Schünemann
Musikalische Leitung und Musik: Henning Kiehn (Bass)
Es spielt Stephan Schad

„Das Stück Kontrabass schrieb ich im Sommer 1980. Es geht darin um das Dasein eines Mannes in seinem kleinen Zimmer. Ich konnte bei der Abfassung insofern auf eigene Erfahrung zurückgreifen, als auch ich den größten Teil meines Lebens in immer kleiner werdenden Zimmern verbringe, die zu verlassen mir immer schwerer fällt. Ich hoffe aber, eines Tages ein Zimmer zu finden, das so klein ist und mich so eng umschließt, dass es sich beim Verlassen von selbst mitnimmt. In einem so gearteten Zimmer will ich dann versuchen, ein Zwei-Personen-Stück zu schreiben, das in mehreren Zimmern spielt.“ (Patrick Süskind)

Fotonachweis:
Alle Abbildungen: Deutsches Schauspielhaus. Fotos: © Kerstin Schomburg
Header: Stephan Schad (l), Henning Kiehn (r)
Galerie: Henning Kiehn, Stephan Schad
Soundclips: Mitschnitte Deutsches Schauspielhaus.

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