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Joseph Haydn: Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze

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Mittwoch, den 17. April 2019 um 08:01 Uhr
Joseph Haydn: Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze 4.5 out of 5 based on 18 votes.
Joseph Haydn Die sieben letzten Worte unseres Erloesers am Kreuze Ensemble Resonanz

„Die Aufgabe, sieben Adagios, wovon jedes gegen zehn Minuten dauern sollte, aufeinander folgen zu lassen, ohne den Zuhörer zu ermüden, war keine von den leichtesten“, schrieb der Komponist Joseph Haydn 1801.
Die seltsame Struktur des Werks hatte er sich auch nicht selbst ausgesucht. Es war ein Auftragswerk aus der spanischen Hafenstadt Cádiz, erstmals aufgeführt im Jahr 1787, für das besondere Karfreitagsritual im dortigen Oratorio de la Santa Cueva. Titel: Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze.

Nachdem sie schon vorab in Wien und Bonn erklungen waren, wurden sie in Cádiz am Karfreitag 1787 im unterirdischen Raum der Doppelkirche offiziell uraufgeführt. Ein Raum, der ganz der Meditation über die Passion Jesu gewidmet ist und der optisch von einer großen Kreuzigungsgruppe dominiert wird. Dort werden in einer Passionsandacht zum Karfreitag ab der Mittagsstunde die angeblichen letzten Worte Christi nach dem lateinischen Text jeweils mit ausführlichen meditativen Gedanken des Predigers erläutert. Um dann jedes Mal in einer musikalischen Denkpause die Gefühle der Gläubigen zu bewegen.

Vertonungen der sieben Kreuzes-Worte waren seit 1500 ein gängiges dramatisches Sujet und gar nicht so selten. Es zeugt von Haydns damaligem Weltruf, dass er nun mit dieser Neukomposition für Spanien beauftragt wurde. Er schrieb dafür Musik, die schon bald ein kirchenmusikalischer Welthit wurde. Es folgten noch im selben Jahr Aufführungen in Paris und Berlin. Und ein außergewöhnliches Honorar, das in Form eines Kuchens übergeben wurde, in dem Haydn dann eine Füllung von Goldstücken entdeckte.

Das ursprüngliche Orchesterstück entwickelte rasch seine ganz außerordentliche Strahlkraft weiter. Und Haydn tat alles, um seine Verbreitung zu fördern. Er brachte eine Klavier-Solo-Fassung heraus, eine für Streichquartett und 1795/96 auch noch eine als Oratorium für vier Solisten und Chor. Neben Bachs großen Passionen ist es heute wohl eine der meistaufgeführten Karfreitagsmusiken überhaupt. Was Haydns kompositorischer Kunst geschuldet ist, mit der er diese sieben Worte in einer tiefen, packenden Emotionalität vertont, der sich niemand entziehen kann.

Haydn schrieb mit Ton und Klang ein gewaltiges menschliches Drama – eine brutale Hinrichtungsszene, in vielen Details ausgemalt bis zum qualvollen Tod des Opfers. Eingeleitet mit einer Ouvertüre („Introduzione“). Und abgeschlossen nach den vielen langen Sätzen mit dem Erdbeben nach Jesu Tod, über das im Matthäus-Evangelium berichtet wird - ein Erdbeben, das so gewalttätig und plastisch dreinschlägt, dass es den Zuhörern in Mark und Bein fährt. Und nicht nur auf der Iberischen Halbinsel war die Erinnerung an das große Erdbeben von Lissabon im Jahr 1755 noch sehr lebendig, das zusammen mit dem nachfolgenden Tsunami an die 100.000 Menschen das Leben gekostet hatte.

Joseph Haydn: Die sieben letzten Worte unseres Erloesers am Kreuze Ensemble ResonanzDie dramatischen Qualitäten dieser Musik über die Todesstunden Christi lässt das Ensemble Resonanz in der originalen Fassung für unter der Leitung von Riccardo Minasi gleich in den ersten Akkorden hörbar werden: Sie erinnern düster-feierlich an Ouvertüren von Gluck oder Mozart, spannen aber sogleich die großen Kontraste der unterschiedlichen Gefühlen auf, die in den Jesus-Worten enthalten sind. Haydn nimmt sie als rhythmische Vorlagen, lässt die lateinischen Texte auch in die Noten eintragen, so dass sie als Angabe über die atmosphärische Disposition des jeweiligen Stücks den Musikern ständig präsent sind. Und es ist ein gewaltige Bandbreite, die die Musik abdeckt: vom lyrischen Versprechen des nahen Paradieses (Hodie mecum eris in Paradiso) über die Zärtlichkeit bei den Gedanken an die Mutter (Mulier, ecce filius tuus), von der allerschwärzesten Verzweiflung (Deus meus, ut quid dereliquisti me?) über den endlose, qualvollen Durst des Gekreuzigten (Sitio), sein Aufbäumen, seine stille Resignation. Die fast unwirkliche überirdische Heiterkeit, die kurz vor dem Tod aufscheint (Consummatum ist) und das finale „In manus tuas, Domine, commendo spiritum meum“.

Die Resonanzler spielen das ganz unangestrengt, glasklar, ungemein transparent, kein Vibrato stört – dafür ist es, wenn es mal auftaucht, auch etwas ganz Besonderes. Die Balance von hochexakt und dem manchmal sehr präsenten Hall in der Hauptkirche St. Nikolai gelingt weitgehend, mit einem wunderschönen, in langer Gemeinsamkeit erworbenen Gleichklang, der kein bisschen steif, sondern sehr fein wirkt und ganz organisch atmet. Und mit einer unbedingten Leidenschaft, die sonst nicht oft zu hören ist – zuletzt vielleicht bei Currentzis‘ und seinen MusicAeterna-Sängern und -Instru-mentalisten und ihrem fulminantem Verdi-Requiem kürzlich in der Elbphilharmonie. Dirigent Riccardo Minasi sorgt dafür, dass dieser Resonanz-Klang sofort gefangen nimmt und tief ins Empfinden hinein den Blick öffnet auf das Leiden eines sterbenden Mannes.

Wenn dann am Schluss das Erdbeben lostobt, bei dem man gewaltige Mauern stürzen und Felsen zerbrechen hört, dann spürt man, dass dieser Tod und die folgende, mit Pauken und Trompeten daher donnernde Apokalypse, unwiderruflich verkünden sollen: Nach diesem Sterben wird nichts so bleiben, wie es war. Dafür sorgt Haydns kühne Musik, die an manchen Stellen weit in die Zukunft weist, zuweilen schon an die Tore von Wagners „Parsifal“-Universum klopft. Und dafür sorgt die ebenso kühne und überzeugende Interpretation der Musiker aus dem Bunker an der Feldstraße. Unbedingte Empfehlung für die kommenden Feiertage!

Joseph Haydn: Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze

Ensemble Resonanz, Riccardo Minasi (Dirigent)
1 CD mit Booklet
Harmonia Mundi 902633
Vimeo-Video:
Joseph Haydn: The Seven Last Words // Ensemble Resonanz, Riccardo Minasi


Abbildungsnachweis:
Portrait von Joseph Haydn (Detail) Kupferstich aus dem 19. Jahrhundert. Quelle: Bibliothek der LKA, Riga
CD-Cover

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