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Literatur

Wir sind nicht Nische, sondern Juwel!

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Donnerstag, den 03. April 2014 um 09:03 Uhr
Wir sind nicht Nische, sondern Juwel! 4.3 out of 5 based on 191 votes.
Wir sind nicht Nische, sondern Juwel! - 5plus

Die gute Nachricht zuerst: Das Buch hat Zukunft.
Darüber zumindest bestand Einigkeit bei denen, die am Dienstagabend im Literaturhaus Hamburg zur Gesprächsrunde „Bücherzukunft“ gekommen waren. Geladen hatte die fast fünf Jahre alte Buchhändler-Kooperation „5plus“, zu der inzwischen acht individuell geführte Häuser gehören: Felix Jud in Hamburg, Lehmkuhl in München, Schleichers Buchhandlung in Berlin, Klaus Bittner in Köln, die Buchhandlung zum Wetzstein in Freiburg, Dombrowsky in Regensburg, in Wien Leporello und in Baden in der Schweiz Librium.

Die Tonlage gab Wilfried Weber (Buchhandlung Felix Jud) bei seiner Begrüßung vor: „Wir sind nicht kleinmütig, sondern zuversichtlich.“ Danach aber klopfte Moderatorin Annemarie Stoltenberg erst einmal die vielfältigen Bedrohungsszenarien ab. Treiber des Wandels auf dem Buchmarkt und im Geschäft mit dem Lesen? Amazon, na klar. Dann die E-Books, die hohen Mieten in City-Lagen, Books-on-Demand, wegbrechendes Leseinteresse.

Aus den verschiedenen Berufen rund ums Buch saßen Experten in der Runde: Hamburgs ehemaliger Erster Bürgermeister und bekennender Vielleser Klaus von Dohnanyi, der einst das Literaturhaus mitgründete. Die Literaturkritiker Ulrich Greiner und Lothar Müller, Hoffmann-und-Campe-Verleger Daniel Kampa, Dagmar Fohl, Autorin historischer Romane, und Michael Lemling, Buchhändler (Lehmkuhl). So verschieden die Blickwinkel, so verschieden die Diagnosen und Antworten.

Beklagte Klaus von Dohnanyi, dass die elektronischen Medien immer heftiger das Zeitbudget der jungen Generationen anknabbern und dass sich eine Unkultur des Schnipsel-Wissens breitmache, blätterte Daniel Kampa auf, dass die Spielregeln des Büchermarktes in diesen bewegten Zeiten keine Geltung mehr hätten. Es sei längst nicht mehr nur schwierig, mit guten Büchern gutes Geld zu machen, heute sei es sogar schwierig, mit schlechten Büchern Geld zu machen. Er prophezeite, dass E-Reader in wenigen Jahren den Markt für Fach- und Sachbücher revolutioniert haben werden und durchaus geeignet sind, dem Taschenbuch den Garaus zu machen.

Lemling sah einen Buchhandel auf dem Vormarsch (und schon wieder – mit der Schließung großflächiger Buchwarenhäuser wie Hugendubel in München oder Thalia an den Großen Bleichen in Hamburg- auf dem Rückzug), der sich wenig an literarischer Qualität und umso strikter an betriebswirtschaftlichen Koordinaten orientiere. Die Autorin beklagte, dass Verlage immer mehr Aufgaben auf die Autoren verlagerten, bis hin zum Schreiben der Werbetexte fürs eigene Buch, was alles von der kreativen Zeit abgehe.

Den gewaltigen Anstieg der Buchproduktion auf inzwischen 90.000 neue Titel pro Jahr benannten die Kritiker – ein Verdrängungswettbewerb sei da im Gange, sagte Ulrich Greiner. Selbst von den 167 Titel, die für den Deutschen Buchpreis nominiert seien, hätten am Ende nur die eine Chance, sich gut zu verkaufen, die auf die Longlist und schließlich auf die Shortlist schaffen.

Doch beim Jammern und Zagen hielt man sich nicht lange auf. Mehrfach wurde darauf hingewiesen, dass beständiger Wandel in der Natur der Sache liege. Dohnanyi erinnerte an den gewaltigen Umbruch vom prächtig illustrierten handgeschriebenen Buch hin zum gedruckten Buch, der hoch spezialisierte Buchkünstler arbeitslos und überflüssig machte – und doch habe die Idee vom schönen Buch bis heute überlebt.

Gegen den Druck der überhohen City-Mieten machte er einen kühnen Vorschlag: Man solle kulturell bedeutenden Buchhandlungen, solchen also, die Orte der Begegnung und des Austauschs über Bücher und Ideen sind, durch Subventionen für die Miete Luft schaffen. „Das ist vertretbar, dabei geht es um vergleichsweise kleine Beträge.“ Vieles andere in der Kultur werde ja auch subventioniert, zum Beispiel „so viele schreckliche Inszenierungen...“
Lothar Müller diagnostizierte eine Zwischenzeit zwischen Analogem und Digitalem, in der wir leben. Und wollte das als einen Wandel verstanden wissen, der noch nicht in irgendeine Richtung entschieden sei. Man dürfe das nicht ignorieren, es gebe noch Chancen, darin war man sich einig, die digitale Welt viel stärker als bisher zum Nutzen des Büchermach-, Buchhandels- und Lesegewerbes richtig zu nutzen.

Zum Beispiel, in dem man den Online-Handel eben nicht dem Branchenriesen Amazon überlässt, sondern selbst aktiv wird – neben dem, was man sowieso schon gut kann: Inhaltsorientiert, kenntnisreich und leidenschaftlich beraten, vor allem aus dem eigenen Leseerlebnis heraus. Den Lesern Gespräch, Auseinandersetzung und auch mal Reibungspunkte anbieten, Pfadfinder sein in fremden Lesewelten, ihm neue Entdeckungen und Abenteuer zu ermöglichen.

Das können kleine Strukturen viel besser als übergroße globale Player, den sie sind viel flexibler und sind dichter dran an den Bedürfnissen ihrer Kunden. Doch als vom besseren Überleben in der Nische gesprochen wurde, ging Wilfried Weber dazwischen: „Man muss sich als Juwel und nicht als Nische verstehen! Und das auch nach außen tragen!“ Und dann setzt er noch, mit den Worten eines treuen Kunden, einen drauf: Man dürfe sich nicht beleidigt in die Ecke stellen, wenn der Markt sich verändere. Denn die Leute wollen bei Siegern kaufen, nicht bei Verlierern.“ Also müsse man die eigenen Vorzüge ruhig noch selbstbewusster kommunizieren. Was die „5plus“-Buchhandlungen mit ihrem Magazin, das zweimal jährlich erscheint, mit ihrer Vernetzung und ihren kleinen Sondereditionen schon ziemlich gut angepackt haben.

Sieger erspüren Markttendenzen, stellen sich auf Veränderungen ein, nutzen die Chancen des Elektronischen – zum Beispiel bei der Beschaffung antiquarischer Bücher – oder bei der Erschließung neuer Geschäftsfelder etwas im Kunsthandel.
Unerlässlich ist jedoch die Pflege des Lesenachwuchses, der dann die besonderen Bücher in den besonderen Buchhandlungen sucht und der mit bald schon zerfledderten Taschenbüchern oder billigen Books-on-Demand nicht zufrieden wäre, wenn es ums Lesevergnügen geht.

Da nun waren sich alle im Raum einig. Es wäre zum Beispiel viel gewonnen, wenn mehr Erwachsene am Nachmittag, wenn alle zuhause sind, Eltern und Kinder, bei einer Tasse Tee eine gemeinsame, nicht unbedingt lange, aber als festes Ritual bestehende Vorleserunde veranstalteten. Damit das Buch im Raum des Lebens sichtbar bleibt, und damit das Vergnügen des Lesens weitergegeben wird.
 
Wunderbare Lesetipps für mindestens zwei Jahre konnte einheimsen, wer bei den anschließenden Gesprächen im Literaturhaus die Ohren gut aufsperrte. Die passenden Bücher gibt es – na, Sie wissen schon...
Wie formulierte es einmal Karl Lagerfeld so hübsch über seine Lieblingsbuchhandlung Felix Jud: „Sie ist mein intellektuelles Delikatessengeschäft, und ohne sie würde ich verhungern.“

"5plus"

Felix Jud in Hamburg, Lehmkuhl in München, Schleichers Buchhandlung in Berlin, Klaus Bittner in Köln, die Buchhandlung zum Wetzstein in Freiburg, Dombrowsky in Regensburg, in Wien Leporello und in Baden in der Schweiz Librium.


Abbildungsnachweis:
Headerfoto: Tim Brüning
(www.tb-photography.de)
v.l.: Ulrich Greiner (ehem. DIE ZEIT), Dagmar Fohl (Autorin), Daniel Kampa (Hoffmann und Campe), Annemarie Stoltenberg (Moderatorin, NDR), Klaus von Dohnanyi (Leser), Lothar Müller (Süddeutsche Zeitung), Michael Lemling (Buchhandlung Lehmkuhl, München)

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