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Die Lübecker Dämonen des Thomas Mann – „Das Meer meiner Kindheit“

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Montag, den 07. November 2016 um 09:53 Uhr
Die Lübecker Dämonen des Thomas Mann – „Das Meer meiner Kindheit“ 4.0 out of 5 based on 70 votes.
Die Lübecker Dämonen des Thomas Mann – Das Meer meiner Kindheit

„Dies alte Lübeck ist ein merkwürdiges Nest“
Ist nicht schon alles über Thomas Mann entdeckt, gefragt, gesagt und geschrieben worden? Den Gegenbeweis tritt der Literaturwissenschaftler, Autor und Thomas Mann-Kenner Heinrich Detering mit seinem jüngsten Werk an. „Das Meer meiner Kindheit – Thomas Manns Lübecker Dämonen“ heißt das 280 Seiten starke Buch, das im Boysens Verlag erschienen ist und im Lübecker Buddenbrookhaus vorgestellt wurde.

„Eigentlich war ein ganz anderes Thema mit Detering als Autor geplant“, erzählte Boysens-Verlagsleiter Bernd Rachuth gleich zu Beginn der Veranstaltung, „eine kurze norddeutsche Literaturgeschichte von Hamburg bis Reykjavik“. So habe man es bei der Theodor Storm-Tagung in Husum 2015 vereinbart. Doch es kam anders.
„Wir lassen die norddeutsche Literaturgeschichte erst einmal fallen“, hatte Heinrich Detering während der Tagung plötzlich verkündet und sei vom Kaffeetisch aufgesprungen. Er wolle sich mit dem jungen Thomas Mann befassen, erklärte er. Seine Begeisterung wirkte ansteckend. „Das machen wir“, stimmte Bernd Rachuth sofort zu. Geplant waren zunächst 176 Seiten. Dass hieraus nun ein Buch von 280 Seiten geworden ist, sei die „Reisefrucht einer langen Forschung“. 100 Seiten kamen im letzten Sommer hinzu, im - wie geplant - angetretenen Familienurlaub in Estland. Dieser entwickelte sich allerdings von Tag zu Tag mehr zum reinen Schreibaufenthalt. „Ich geriet in einen gewissen Schaffensrausch“, bekannte Heinrich Detering den Gästen der Buchpräsentation im Gewölbekeller des Buddenbrook-Hauses.

Einen nachhaltigen Eindruck dürfte Deterings Einblick in seine „Reisefrucht“ bei den Zuhörern hinterlassen haben. Lebhaft sprach er vom Spukhaften zwischen den Giebeln, von Schutzgeistern und Dämonen, die Thomas Mann schon sehr früh bei Leseerlebnissen in der Lübecker Jugendzeit heimsuchten. „Dies alte Lübeck ist ein merkwürdiges Nest“, äußerte Thomas Mann gegenüber seinem Bruder Heinrich Jahre später, am 27. März 1931, in einer Festrede anlässlich dessen 60. Geburtstag: „Es hockt in ihren gotischen Winkeln und schleicht durch ihre Giebelgassen etwas Spukhaftes, allzu Altes, Erblasthaftes.“

Anhand zahlreicher Beispiele stellte der Autor dem Publikum den Einfluss von Thomas Manns Lübecker Kindheitsdämonen und Schutzheiligen in dessen literarischem Gesamtwerk dar. So tauche in den „Buddenbrooks“ an zwei Stellen ein buckliges Männlein auf, ein Lehrling, der Thomas Buddenbrook eine Depesche und somit Unheil überbringt. Auch der kleine Hanno sieht im Fieberwahn dieses Männlein. Im „Zauberberg“ gaukelt ein Trugbild Hans Castorp zwei „graue Weiber“, zwei halbnackte Hexen im Schneesturm vor, die ein Kind zerreißen und verschlingen. Im „Tod in Venedig“ wird Gustav von Aschenbach immer wieder von Dämonen heimgesucht.

„Thomas Manns größter Dämon war seine Homosexualität. Dies ist von ihm nirgends direkt geschildert, aber in vielen literarischen Spuren versteckt worden“, so Detering. Thomas Mann habe immer wieder aufs Neue versucht, sich schreibend vom Trauma zu befreien und sich „freizuschreiben vom kaufmännischen Bürgertum“, Aufsätze und Vorträge, die Detering bei verschiedenen Gelegenheiten gehalten hat, wurden umgearbeitet und erweitert, andere Kapitel völlig neu geschrieben, erfuhren die Besucher der Buchvorstellung von Detering. „Thomas Manns Werk hat, von den frühesten Versuchen bis in die letzten Arbeiten hinein nicht aufgehört, die Lübecker Dämonen zu ködern, anzuschauen und schreibend zu bannen“, betonte er.
„Ein Werk muss lange Wurzeln haben in meinem Leben, geheime Verbindungen müssen laufen von ihm zu frühesten Kindheitsträumen, wenn ich […] an die Legitimation meines Tuns glauben soll“, hat Thomas Mann gesagt und somit sein Lebenswerk aus den frühesten Prägungen in Lübeck abgeleitet. In seinen Büchern, schrieb Thomas Mann rückblickend, rausche „Das Meer meiner Kindheit“.

Heinrich Detering nimmt diesen Satz beim Wort und blickt in seinem Buch zurück in jene Jugend, in der aus dem entlaufenen Lübecker Bürgersohn und gescheiterten Gymnasiasten der Schriftsteller Thomas Mann wurde. Wie sehr die ersten Wagner-Erlebnisse im Lübecker Theater, die phantastischen Märchen Andersens und der Grimms, die unheimlichen Erzählungen Poes, aber auch die frühen literarischen Schutzgeister Ibsen und Liliencron, Chamisso und Storm Thomas Manns literarisches Werk beeinflusst haben – dies und vieles andere mehr erfahren die Leser von Heinrich Detering. Auch und vor allem aber lernen sie Thomas Manns Lübecker Dämonen kennen, tauchen ein in das Meer seiner Kindheit. Sie ergründen den Mann`schen Lübecker Kindheitshorror, dessen Beschaffenheit und Ausdrucksformen sich wandeln im Laufe und mit der Zeit bis ins hohe Alter.

Heinrich Detering: „Das Meer meiner Kindheit. Thomas Manns Lübecker Dämonen“
Boysens Buchverlag
280 Seiten, 41 Abbildungen, gebunden.
ISBN 978-3-8042-1445-3

Prof. Dr. Heinrich Detering, geboren 1959 in Neumünster, ist nach Lehrtätigkeiten in München und Kiel Professor für Neuere deutsche Literatur und Vergleichende Literaturwissenschaft in Göttingen. Er hat zahlreiche Studien zur deutschen, skandinavischen und amerikanischen Literatur und mehrere Gedichtbände veröffentlicht. Im Boyens Buchverlag erschienen unter anderem seine Bände „Herkunftsorte: Literarische Verwandlungen im Werk von Theodor Storm, Friedrich Hebbel, Klaus Groth, Thomas und Heinrich Mann“ und „Kindheitsspuren: Theodor Storm und das Ende der Romantik“. Er ist Mitherausgeber der Großen kommentierten Frankfurter Ausgabe der Werke Thomas Manns.


Abbildungsnachweis:
Header: Thomas Mann, Berlin, 1929 im Hotel Adlon. Bundesarchiv, Bild 183-H28795 / CC-BY-SA 3.0
Galerie:
01. Heinrich Detering beim Signieren seines Buches, Lübeck, 2016. Foto: Marion Hinz
02. Buchumschlag, Boysens Buchverlag

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