Neue Kommentare

Maggie zu Walter-Kempowski-Literaturpreis 2019: Guten Abend,
Gibt es denn schon irgendeine...

Lothar Segeler zu Filmtonschaffende erstmals als Urheber*innen an Kinoerlösen beteiligt: Großartig - wie lange haben wir darauf gewartet!...
Alf Dobbertin zu Henri Bergson: Die beiden Quellen der Moral und der Religion: Ein großes Lob dem Rezensenten Stefan Diebitz, d...
Maximilian Buchmann zu „Apocalypse Now - Final Cut”. Der Höllentrip des Francis Ford Coppola: Uff! Nur heute im Kino? Hoffentlich bekomme ich n...
Klaus Schöll zu Am 12. Juli 2019 wird die James-Simon-Galerie eröffnet – in Anwesenheit von Bundeskanzlerin Angela Merkel: Ich finde das die Treppe zur James-Simon-Galerie ...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Fotografie

Johanna Diehl - "Borgo/Romanità“

Drucken
(159 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Montag, den 14. Mai 2012 um 10:36 Uhr
Johanna Diehl - "Borgo/Romanità“ 4.6 out of 5 based on 159 votes.
Johanna Diehl - "Borgo/Romanità“

Die Fotoausstellung „Johanna Diehl – Borgo/Romanità“ in der Overbeck Gesellschaft in Lübeck dokumentiert Spuren, die Mussolinis faschistisches Regime in Italien hinterlassen hat.
Fast 70 Jahre nach dem Tod des Diktators und dem Untergang des Faschismus sind sie heute noch in den Innenräumen römischer Behörden und den Borghi, den Idealsiedlungen auf Sizilien präsent.

Für ihre zwölfteilige Bildserie „Romanità“ hat Diehl in den Räumen von öffentlichen, einem breiten Publikum zugänglichen Institutionen monumentale Wandbilder, Statuen, Reliefs und Symbole fotografiert. Sie visualisieren die faschistische Ideologie und dienten der Diktatur auch als Legitimation und Propaganda. Allein der Titel der Bildreihe „Romanità“ weist auf die historische Genese des Faschismus hin, sah sich Mussolini doch in der Tradition antiker römischer Imperatoren. Der Mythos der Antike fand seinen Niederschlag nicht nur in der faschistischen Architektursprache, sondern auch in der politischen Ikonographie und der Rezeption militärischer und politischer Embleme. Dazu gehören Standarten und Feldzeichen sowie Faszes – von der sich der Name Faschismus ableitet. Letztere sind Rutenbündel mit Beil, die das Machtsymbol der Liktoren, der römischen Staatsbeamten waren. Als stilisierte Ornamente sind sie an Fassaden, Stelen und Reliefs angebracht.

In der Casa Madre dei Mutilati - von Kriegsinvaliden des 1. Weltkrieges Ende der 1920-er Jahre errichtet und 1936 von Benito Mussolini erweitert – sind die Räume mit Krieg verherrlichenden Reliefs und Wandmalereien dekoriert. Von Mario Sironi stammt das Fresko “Il Duce” aus dem Jahr 1938. Als Personifikation des neuen Regimes sitzt Mussolini (im Bild leider nicht erkennbar) auf einem schreitenden Pferd. Links unter ihm steht eine, ein Gewehr tragende Frau. Ihr gegenüber hält ein Soldat mit nacktem Oberkörper seinem Führer die Standarte, das ranghöchste Feldzeichen der römischen Legionen, entgegen. Hinter ihm ist ein stilisiertes Faszienbündel zu erkennen. Die im Zentrum stehende grün changierende Vase soll an die gefallenen Soldaten erinnern.

Ein weiteres Wandbild befindet sich im Palazzo dei Congressi, ein von Mussolini um 1938 errichtetes Bankett- und Kongresszentrum. Über einem Eingang erhebt sich das Monumental-Fresko „Alle Wege führen nach Rom“ von Achille Funi. Es symbolisiert die Entstehung des antiken Roms. Rechts im Bild stehen vor einer idealisierten Stadtmauer drei römische Kaiser. Im Hintergrund sind antike Bauten wie das Pantheon oder die Trajansäule zu sehen.

Ein anderes Foto beinhaltet eine paradoxe Information. Im ehemaligen privaten Turnsaal des Duce im Foro Italico, einer von Mussolini errichteten riesigen Sportanlage, steht heute noch die antikisierende Statue eines überlebensgroßen, athletisch gebauten Sportlers.

Als Kontrast zu den Innenräumen versteht die Künstlerin ihre Architekturfotos der „Borghi“ im Hinterland Siziliens. „Borgo“ - italienisch: Dorf - heißt Diehls Fotoserie, die in den unteren Ausstellungsräumen zu sehen ist. Im Zuge der Agrarreformen von Mussolini entstanden rund zwanzig Idealdörfer. Neben den Wohnhäusern gab es eine komplette technische und soziale Infrastruktur, die der Landbevölkerung das Leben und Arbeiten erleichtern sollte. Aber, wie so oft bei indoktrinierten Anordnungen, gingen die Planungen schief. Die am Reißbrett entstandenen Orte sind, bis auf wenige Ausnahmen, von der Bevölkerung nicht akzeptiert worden. Sie wurden nie bezogen oder nach kurzer Zeit wieder verlassen.

Die Fotografin hat die Impressionen dieser Siedlungen in ihren Fotoarbeiten eingefangen. Kulissenartig, von Menschen entleert, sind Straßen und Häuser dem Verfall preisgegeben. Die marode Architektur mit den bröckelnden Fassaden wirkt atmosphärisch irreal, gespenstisch und unheimlich. Dennoch ziehen diese „architektonischen Porträts“ den Betrachter mit ihrer morbiden Ästhetik in den Bann: Es sind historische Dokumente, die den ruinösen Zerfall festhalten und den unausweichlichen Niedergang prophezeien.

Fünfzehn 38 x 48 cm große Einzelbilder sind zu einer typologischen Reihe geordnet. Die perfekt inszenierte Reihung zeigt einen fiktiven Ort mit Plätzen und Gebäuden, die dem Betrachter die Utopie einer Idealsiedlung implizieren soll.

Ihre Fotoserie „Displace“ entstand während eines Studienaufenthaltes auf Zypern. Diehl war nicht an den Schönheiten der Insel interessiert, sondern an den Folgen der ethnischen Säuberungen. Denn seit 35 Jahren ist die Insel geteilt in einen muslimisch-türkischen Norden und einen christlich-orthodoxen griechischen Süden. Sowohl im Nordteil als auch im Südteil finden sich verlassene Ortschaften mit ihren Gotteshäusern und Moscheen. Ihre Arbeit „Syrianochori/yayla“ im oberen Ausstellungsraum zeigt den desolaten Innenraum einer Kirche: Zur Stabilisierung des Raumes ist eine Eisenstange gespannt, die Fensterscheiben sind kaputt, eine behelfsmäßige Mauer verdeckt die Apsis mit ihren verschwundenen Wandmalereien und der von den Wänden gefallene Putz häuft sich auf dem Boden. Ein Bild der Trostlosigkeit und Hoffnungslosigkeit.

Johanna Diehl versteht sich nicht als politische Fotografin, die mit erhobenem Zeigefinger auf die Ungereimtheiten unserer Gesellschaft hinweisen will, sondern als neutrale Beobachterin. Mit der objektiven Neugierde eines Fotografen ist sie an der Ästhetik des Verfalls interessiert und geht dabei der Frage nach: „Was passiert, wenn ….?“

Johanna Diehl (*1977) studierte Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Sie lebt und arbeitet heute in Berlin und Leipzig.


Die Ausstellung „Johanna Diehl – BORGO/ROMANITÀ“ läuft bis zum 24. Juni 2012 in der Overbeck-Gesellschaft, Königstraße 11, 23552 Lübeck
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 – 17 Uhr
www.overbeck-gesellschaft.de

Fotonachweis: Alle Johanna Diehl
Header: Borgo Bassi 4, 2011
Galerie:
01. Borgo Bassi 1, 2011
02. Borgo Bassi 3, Dyptichon, 2011
03. Borgo Bassi 6, 2011
04. Borgi Bonsignore 1, 2011
05. Borgo Fazio 1, 2011
06. Borgo Lupo 2, 2011
07. Borgo Rizza 1, Dyptichon, 2011
08. Borgo Pergusa 2, 2011
09. Palazzo degli Uffici I, 2012, 89x70cm
10. Palazzo Congressi I, 2012, 89x70cm
11. Foro Italico II, 2012, 89x70cm

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Fotografie > Johanna Diehl - "Borgo/Romanità“

Mehr auf KulturPort.De

Vilnius und die Nutzung postindustrieller Gebäude als alternative Zentren für Kultur und Nachtleben
 Vilnius und die Nutzung postindustrieller Gebäude als alternative Zentren für Kultur und Nachtleben



In den letzten Jahren haben viele osteuropäische Städte Projekte gestartet, um ehemalige Industriegebäude und bislang ungenutzte Flächen in Zentren städtisc [ ... ]



Der öffentliche Raum und seine Nutzungen – Plätze in San Fernando del Valle de Catamarca, Argentinien
 Der öffentliche Raum und seine Nutzungen – Plätze in San Fernando del Valle de Catamarca, Argentinien



Wie sieht es in anderen Ländern mit dem öffentlichen Raum aus? Bei uns gibt es ihn kaum noch, denn jeder freie Quadratmeter wird dem Auto gewidmet. Können wir [ ... ]



Theater-Horror vom Feinsten – „Mummy Brown/Mumienbraun“ der norwegischen Gruppe Susie Wang schockte beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel
 Theater-Horror vom Feinsten – „Mummy Brown/Mumienbraun“ der norwegischen Gruppe Susie Wang schockte beim Internationalen Sommerfestival auf Kampnagel



Das Programmheft hat nicht zu viel versprochen: Eine derart blutige, ins Groteske überzogene Horror Picture Show hat man in Hamburg noch nicht geboten bekommen. [ ... ]



Rainer Mausfeld: „Angst und Macht. Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien“
 Rainer Mausfeld: „Angst und Macht. Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien“



Die Zitterpartie der Macht
Welch ein Glück im Unglück. Wie üblich nach einem Zwischenfall auf Leben und Tod so auch diesmal, wie erwartet: Kaum war das Kind  [ ... ]



„I Am Mother” Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo
 „I Am Mother” Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo



Grant Sputores post-apokalyptischer Science-Fiction Thriller „I Am Mother” beginnt als intimes Kammerspiel in einem, hermetisch von der Welt abgeschlossenen  [ ... ]



Letizia Battaglia: Retrospektive in Venedig
 Letizia Battaglia: Retrospektive in Venedig



Sie gilt als bekannteste „Mafia-Fotografin“ und als „eine der wichtigsten Fotografinnen unserer Zeit“, aber auch als politisch, ökologisch, sozial und f [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.