Neue Kommentare

Kentin Abalo zu „Assassination Nation” – Leinwandheldinnen in Zeiten von #MeToo : WAS FÜR EIN FOTO!!!
Großartig. Hoffe der...

Sybille zu Das Chinesenviertel auf Hamburg St. Pauli: Danke für den Beitrag. Ich sehe gerade den Film ...
Nikias Geschke zu „The Guilty”. Der beklemmende Minimalismus des Gustav Möller: Das klingt superspannend. Danke für den Tipp. ...
Harry zu „Otto. Die Ausstellung“: OTTO ist großartig. Ich wusste nicht, dass er ei...
Alex zu Film Festival Cologne - Von starken Spielfilmdebüts und schwächelnden Stars: Wer bist du? Halten Sie Ihre Meinung besser, wenn...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2015


Fotografie

Mafia – Das globale Verbrechen

Drucken
(153 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Mittwoch, den 09. Februar 2011 um 18:31 Uhr
Mafia – Das globale Verbrechen 4.7 out of 5 based on 153 votes.
Mafia – Das globale Verbrechen

Letizia Battaglia sieht ein wenig abgekämpft aus. Sie ist weniger erschöpft von der Reise aus Italien nach Deutschland, als von ihrer jahrzehntelangen fotografischen und journalistischen Arbeit.
Dabei fotografiert sie gut und gerne. Davon kann man sich überzeugen, im Übersee-Museum in Bremen. Dort treffe ich sie vor der Eröffnung einer Ausstellung, die sich bis Ende April 2011 mit dem Phänomen „Mafia – Das globale Verbrechen“ beschäftigt.

Sie ist eine von drei Fotografen in der Ausstellung, die sich über Bilder dem Thema angenähert haben, und sie stellt das größte Kontingent an Fotografien, alle schwarz-weiß und fast alle eindrucksvoll und berührend. Patrick Zachmann aus Frankreich und Bruce Gilden aus den USA, beide von der Fotoagentur Magnum, sind die weiteren Ausstellenden.
Battaglias Bilder zeigen ein sizilianisches Leben, das leider nicht nur berühmt, sondern auch berüchtigt ist. Es geht um Armut, Tod, Schmerz, Trauer und Mord, man sieht Blutlachen, leblose Körper, Verhaftete und Scheinheilige und über allem thront so etwas wie Hilflosigkeit und Ohnmacht, weil die Macht perfide ist – es geht um das tägliche Leben mit der Mafia.

Ein klein wenig anachronistisch wirkt die Ausstellung, weil die Sichtbarkeit der Mafia der 1970er bis 90er-Jahre – und das nicht nur in Italien – heute einer Unsichtbarkeit gewichen ist. Keines der Fotos entstand nach der Jahrtausendwende. Die Mafia lässt sich so nicht mehr fotografieren. Das ‚Unternehmen Mafia’ mordet in Italien vielleicht weniger sichtbar, es liegen kaum noch Leichen auf der Straße. Aber aktiv ist sie mehr denn je. Immer mehr Geld wird in globale Wirtschaftszweige investiert, besonders bevorzugt sind Immobilien und die Medienbranche. Schließlich lassen sich da Meinungen, Sehgewohnheiten und Bilder bestimmen.

Auf die Frage, ob sie sich nicht selbst ständig während ihrer fotografischen Arbeit in Gefahr gebracht hätte, antwortet Letizia Battaglia: „Ja, sicherlich, aber man durfte das nicht beachten. Angst, nein, die hatte ich nicht!“. „Ich bin nun 76 Jahre alt“, sagt sie weiter, “und ich bin müde, mich mit dem Thema weiter zu beschäftigen. Wenn ich in diese Ausstellung komme, dann erinnere ich mich sofort an die Geschichten der Fotos. Zwanzig Jahre habe ich mich dieser Welt ausgesetzt und versucht, mit meinen Möglichkeiten die Dinge ein wenig zu verändern, aber die Mafia ist noch da – mehr noch, sie breitet sich immer weiter aus, weltweit, und sie wird immer da sein und das Leben vieler Menschen bestimmen. Die Mafia ist eine Institution geworden, sie ist Teil der Wirtschaft, der Verwaltung und der Regierung. Nach wie vor infiltriert sie. Ich mag nicht mehr über die Mafia sprechen und letztendlich muss ich feststellen, meine Arbeit hat niemanden wirklich etwas gebracht“, sagt sie ernüchtert mit frustrierter Stimme.

„Dann lassen Sie uns nicht über die Mafia sprechen“, bitte ich sie, „sondern über die Frauen in den Bildern. Ich sehe so deutliche Verhaltensunterschiede zwischen den Geschlechtern. Die Frauen sind voller Schmerz, sie halten die Fotos ihrer ermordeten Männer hoch, sie schreien ihren Schmerz heraus, wenn vor ihnen der blutüberströmte Körper ihres Sohnes, Mannes oder Bruders liegt, und in ihren Blicken ist neben Schmerz auch Verbitterung. Gibt es eine Machtlosigkeit der Frauen?“
„Ja, es gibt eine Machtlosigkeit der Frauen, auch wenn es verschiedene Organisationen von und für Frauen gibt, in denen ich auch teilweise Mitglied bin.
Seit 120 Jahren gibt es die Mafia im Süden Italiens und etwas später dann ebenfalls in Nordamerika. In den letzten Jahrzehnten schließlich auch in Norditalien, in Frankreich und Deutschland. Sie breitet sich aus. Eine einzelne Frau, eine Fotografin oder eine Abgeordnete kann da nichts alleine machen, es müssen sich alle zusammen tun. Nicht Sizilien alleine, nicht Kalabrien oder das arme Neapel, nicht Italien, sondern alle betroffenen Länder müssen gemeinsam darauf hinwirken eine Gesellschaft hervorzubringen, in der man glücklich werden kann. Nur so kann man Glück schaffen – in einem Land ohne Mafia leben. Und Mafia bedeutet: Korruption, Arroganz, Drogen, Waffenhandel und Handel mit allem anderen. Die Mafia ist nur an Geld interessiert.“

Im Gespräch:

JavaScript ist deaktiviert!
Um diese Inhalte anzuzeigen, benötigen Sie einen JavaScript-fähigen Browser.


Bei einigen Fotowerken in der Ausstellung verlässt Letizia Battaglia das Dokumentarische und wird zur Kommentierenden. In eine kleine Anzahl von Bildern hat sie ihre Tochter oder sich selbst einkopiert, immer nackt: mit Wasser übergossen vor einer Carabinieri-Truppe mit Staatsanwalt Roberto Scarpinato, in einem einsturzgefährdetem Haus oder sie stützt den Kopf einer Frau auf ihrer Brust während einer Trauerfeier. In jenen Bildern verweigert sie den Frauen die Ohnmacht und delegiert ihnen und sich selbst eine andere Rolle zu, denn unbeteiligt ist hier niemand und niemand ist ohne Verantwortung für das was geschieht, auch nicht die Frauen.


 
Home > Blog > Fotografie > Mafia – Das globale Verbrechen

Mehr auf KulturPort.De

100 Jahre Lettland: Handschuh-Daumen hoch
 100 Jahre Lettland: Handschuh-Daumen hoch



Eine Handschuh-Aktion passt wie die Faust aufs Auge, wenn die lettische Hauptstadt Riga, der baltische Staat Lettland und der Rest der Welt heute, am 18. Novembe [ ... ]



Peter de Vries – Hut- und Urnenhüllen-Macher
 Peter de Vries – Hut- und Urnenhüllen-Macher



Wie muss man sich eine Person vorstellen, die Freunde und Kollegen als „Naturereignis“ bezeichnen?
In jedem Fall als einen charismatischen Menschen mit üb [ ... ]



Maria Austria. Eine jüdische Fotografin aus Amsterdam in Berlin
 Maria Austria. Eine jüdische Fotografin aus Amsterdam in Berlin



Das Verborgene Museum in Berlin-Charlottenburg präsentiert bis zum 10. März 2019 Fotoarbeiten und Dokumente der niederländischen Fotografin Maria Austria (191 [ ... ]



„Cold War – Der Breitengrad der Liebe” - Oder die Magie einer schwarzen Leinwand
 „Cold War – Der Breitengrad der Liebe” - Oder die Magie einer schwarzen Leinwand



Paweł Pawlikowski hat das schwermütige, visuell atemberaubende Noir-Drama „Cold War” seinen Eltern gewidmet, deren stürmische On- und Off-Beziehung ihn zu [ ... ]



Madeleine Peyroux: Anthem
 Madeleine Peyroux: Anthem



Jazz oder nicht Jazz? – Was Madeleine Peyroux auf ihrem neuen Album präsentiert, ist relaxt und poetisch, warm und subtil, aber auch modern, überraschend luf [ ... ]



68. Pop und Protest
 68. Pop und Protest



APO, Mini, Flower-Power: Mit der glänzend inszenierten Ausstellung „68. Pop und Protest“ verabschiedet sich Sabine Schulze nach zehn Jahren als Direktorin d [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.