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Fotografie

Martin Parr. We love Britain!

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Montag, den 01. Dezember 2014 um 11:42 Uhr
Martin Parr. We love Britain! 4.5 out of 5 based on 162 votes.
Martin Parr. We love Britain!

Eine Unterhose von Feldmarschall Montgomery, Queen Elisabeth als Pappfigur am Buffet, Funkenmariechen in den Farben des Union Jack, ein Tattoo „English and Proud" auf dem Nacken eines Soldaten...
Seit vier Jahrzehnten hält der britische Fotograf Martin Parr absurde Alltagssituationen, skurrile Eigenheiten und Traditionen seiner Landsleute mit der Kamera fest. Auf Einladung des Sprengel Museums fahndet Parr nach Spuren einer möglichen „Britishness" in Niedersachsen. Er wird fündig. Unter dem Titel „We love Britain!" entlarven seine Fotografien das Banale und Absonderliche der britischen Lebensart und Kultur in der niedersächsischen Provinz.

Auf Einladung des Sprengel Museums begibt sich Martin Parr auf die Spurensuche britisch-deutscher Geschichte, denn 2014 ist für die Niedersachsen ein Festjahr: Georg Ludwig, Kurfürst von Hannover aus dem Geschlecht der Welfen, ist am 20. Oktober 1714 als Georg I. zum König von Großbritannien gekrönt worden. Hinzu kommt, dass die britische Militärregierung 1949, also vor 65 Jahren, das Bundesland Niedersachsen gegründet hat. Seit Kriegsende sind britische Militäreinheiten im Land stationiert, Soldaten mit ihren Familienangehörigen und Zivilangestellte.

Wie aber sieht der Nationalstolz der Briten fern der Heimat aus? Über 16 Monate hat Parr zwischen Bergen-Hohne, Bad Fallingbostel, Hameln, Hannover und Paderborn recherchiert. Mehr als 70 ironische aber auch humorvolle Fotoarbeiten sind entstanden, welche das „Britishness" im nördlichen Bundesland sowie deutsche Brit-Fans und das britisch-deutsche Zusammenleben dokumentieren: Very British ist der Soldat Richie Parson mit seinem privat geführten Militärmuseum im Bergen-Hohne Camp, der sich mit seinen Kindern Libby und Will ablichten lässt. Bei einer Feier zum Geburtstag der Königin auf Schloss Bredebeck bei Bergen-Hohne ist Parr zu Gast. In Hameln trifft er Evelyn Seidel, die einen Lady Di-Club leitet. Die Mitglieder treffen sich regelmäßig, um in Erinnerung an die „Königin der Herzen" selbstverfasste Gedichte vorzutragen. Auf Schloss Neuhaus in Paderborn feiern Deutsche und Briten gemeinsam das „Britfest“. Ein Volksfest mit pakistanisch-indischem Catering, Chören und Feuerwerk. Queen Elisabeth ist natürlich anwesend, allerdings nur als Pappfigur. Parr besucht private Militärmuseen in der Lüneburger Heide sowie Garnisonen und beobachtet die Soldaten beim Exerzieren. Im Militärmuseum Bad Fallingbostel hängt eine riesige Unterhose, die laut Etikett einem Feldmarschall Motgommery gehört hat. Ist vielleicht Feldmarschall Montgomery gemeint? Nicht zu vergessen das Schützenfest in Hannover, das ein Treffpunkt britisch-deutscher Verbundenheit ist. Die blau-rot-weiße Uniform der Funkenmariechen ist allerdings kein Verweis auf die gegenseitige Freundschaft. Bei der Gründung des Karnevalsvereins waren die meisten Farben bereits vergeben, bis auf blau-rot-weiß.

Neben „We love Britain!" präsentiert das Sprengel Museum Hannover eine umfassende Werkschau des Zweiundsechzigjährigen, der von sich sagt: „Das Leben ist weder gut noch schlecht. Meine Fotos zeigen das Widersprüchliche, das Doppeldeutige, was einem überall über den Weg läuft. Das zu zeigen ist mein Job."

„Common Sense" empfängt den Besucher der Ausstellung. Das riesige Tableau aus 180 grell-bunten Einzelfotografien zeigt Produkte des täglichen Lebens wie Trash, Nippes, Tiere, Kuchen und Gemüse, Kleidung und Schuhe. Aufgenommen in Großbritannien, Europa, Amerika und Asien, wirken die Bilder wie eine farbenfrohe Fotoserie. Sie haben jedoch sozialkritischen Charakter, denn Parr verweist mit der Serie auf den globalen Massenkonsum unserer Gesellschaft. Eine kritische Analyse beinhaltet auch die Fotoreihe „The Last Resort". In New Brighton, einem Seebad in der Nähe von Liverpool, fotografiert er den sozialen und ökonomischen Abstieg der Arbeiterklasse unter der Thatcher-Regierung. Auf Betonböden liegen Menschen auf einem Handtuch und brutzeln in der Sonne. Sie stehen Schlange an einem Eisladen oder einer Hot-Dog-Bude. Kinder spielen zwischen Müll. „Autoportrait", 40 auf Parrs Reisen in örtlichen Fotostudios entstandene Portraits sind herrlich kitschige Fotomontagen: Der Brite als Scheich, Großwildjäger, als Astronaut, im Maul eines Haifisches oder als muskelbepackter Bodybuilder. In „Postboxes" stehen rote Briefkästen einsam in der menschenleeren schottischen Landschaft. Zu seinen frühen Zyklen gehört die Schwarz-Weiß-Fotoserie „Bad Weather" aus dem Jahr 1982. Bei Regen und Sturm fotografiert Parr Dörfer und Häuser in Großbritannien. Sehenswert ist „Liberation". Eine neue Dokumentation britisch-deutscher Geschichte, die erstmals in Deutschland gezeigt wird. Jährlich am 9. Mai feiern Kriegsveteranen auf den Inseln Jersey und Guernsey den Liberation Day, die Befreiung von der deutschen Besatzung und damit das Ende des Zweiten Weltkrieges.

Martin Parr gehört heute zu den renommiertesten Fotokünstlern der dokumentarisch-künstlerischen Fotografie. Nach dem Fotostudium in Manchester, beginnt er das Alltagsleben seiner Zeitgenossen abzulichten. In Anlehnung an den britischen Fotografen Tony Ray Jones fotografiert er zunächst analog in Schwarz-Weiß. Anfang der Achtzigerjahre wendet er sich – beeindruckt von den amerikanischen Fotografen William Eggleston, Stephen Shore und Joel Meyerowitz – der Farbe sowie später der Digitalfotografie zu. Er ändert seinen fotografischen Stil, portraitiert fortan Menschen aller Gesellschaftsschichten, egal ob Arbeiterklasse oder High Society. Seine Bildsprache wird provozierender, spielt mit Vorurteilen und Klischees, deckt geschmackliche Entgleisungen seiner Landsleute auf, hinterfragt das Extreme und Banale, aber auch das Abgründige im alltäglichen Leben. „Wenn die Leute beim Betrachten meiner Bilder gleichzeitig weinen und lachen, dann ist das genau die Reaktion, die die Bilder auch bei mir hervorrufen. Die Dinge sind weder grundsätzlich gut noch schlecht. Ich bin immer daran interessiert, beide Extreme darzustellen", so Martin Parr.

Seit 1994 ist der Brite Mitglied der berühmten Pariser Fotoagentur Magnum. Seine Fotokunst ist in allen wichtigen Sammlungen und Museen vertreten, unter anderem im New Yorker Museum of Modern Art, der Pariser Bibliothèque Nationale, im Museum Folkwang Essen und im Sprengel Museum Hannover.


Die Ausstellung „Martin Parr. We love Britain!", ist zu sehen bis zum 23. Februar 2015 im Sprengel Museum Hannover, Kurt-Schwitters-Platz, in 30169 Hannover.
Die Öffnungszeiten sind Dienstag von 10 - 20 Uhr, Mittwoch bis Sonntag von 10 - 18 Uhr.
Ein Katalog ist erschienen.
www.sprengel-museum.de


Abbildungsnachweis:
Header: Detail aus Schützenfest Hannover, Schützenausmarsch, 2013; Marksmen’s Funfair Hannover, Grand Parade of the Marksmen, 2013. Aus/From: WE LOVE BRITAIN!, 2013/14, Inkjet print, 101,6x152,4 cm. Besitz des Künstlers. © Martin Parr / Magnum Photos
Galerie:
01. Martin Parr: "English and Proud". Foto: Christel Busch
02. Blick in die Ausstellung. Foto: Christel Busch
03. und 04. Feier anlässlich des Geburtstags der Königin, Schloss Bredebeck, Bergen-Hohne, 2013. Aus/From: WE LOVE BRITAIN!, 2013/14, Pigment Ink Print, 101,6x152,4 cm. Besitz des Künstlers © Martin Parr / Magnum Photos
05. Lady Di Club, Hameln, 2013. Aus/From: WE LOVE BRITAIN!, 2013/14, Inkjet print, 101,6x152,4 cm. Besitz des Künstlers © Martin Parr / Magnum Photo
06. Richie Parson mit seinen Kindern Libby und Will in dem privat geführten Militärmuseum, Roundhouse, Bergen-Hohne Camp, 2013. Aus/From: WE LOVE BRITAIN!, 2013/14, Inkjet print, 101,6x152,4 cm. Besitz des Künstlers © Martin Parr / Magnum Photos
07. Ballsaal im Roundhouse, Bergen-Hohne Camp, 2013. Aus/From: WE LOVE BRITAIN!, 2013/14, Pigment Ink Print, 101,6x152,4 cm. Besitz des Künstlers © Martin Parr / Magnum Photos
08. Martin Parr in einem chinesischen Hochzeitsalbum, Peking, China, 2009. Aus/From: Autoportrait, Pigment Ink Print. Besitz des Künstlers © Martin Parr / Magnum Photo
09. Martin Parr at Geetas Colour Lab, Chandi chowk, Delhi, Indien, 2010. Aus/From: Autoportrait, Pigment Ink Print. Besitz des Künstlers © Martin Parr / Magnum Photos
10. Newport, Wales. Aus/From: The Cost of Living, 1986-1988, Pigment Ink Print 2014, 62,7x50,8 cm. Besitz des Künstlers © Martin Parr / Magnum Photos
11. New Brighton, England. Aus/From: The Last Resort, 1983-1985, Pigment Ink Print 2014, 101,6x152,4 cm. Besitz des Künstlers © Martin Parr / Magnum Photos
12. Blick in die Ausstellung. Foto: Christel Busch
13. England. Manchester. Aus/From: Bad Weather, 1975-1982, 20,2x30,4 cm. Niedersächsische Sparkassenstiftung, Hannover © Martin Parr / Magnum Photos
14. England. Hebden Bridge. Aus/From: Bad Weather, 1975-1982, 20,2x30,4 cm. Niedersächsische Sparkassenstiftung, Hannover © Martin Parr / Magnum Photos
15. Martin Parr: "Die Untershose von Feldmarschall Montgomery". Foto: Christel Busch.

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