Neue Kommentare

Ada Rompf zu „The Rider”. Die zärtlich-raue Poesie der Chloé Zhao : Besser kann man meinen Lieblingsfilm dieses Früh...
yolo 456 zu Die Juden vom Altrhein: man sollte einen artikel erst einmal lesen bevor ...
yolo123 zu Die Juden vom Altrhein: Das jüdische Leben in Deutschland ist vorbei und...
Achenar Myst zu Nils Landgren with Janis Siegel: some other time: Die CD ist ein absoluter Genuss, tolle Auswahl de...
Achim zu Golnar & Mahan – Derakht: Musik, die glücklich macht - Danke !!!...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2015


Bildende Kunst

Jos Letschert: Double Dutch

Drucken
(116 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Dienstag, den 26. Oktober 2010 um 16:09 Uhr
Jos Letschert: Double Dutch 4.5 out of 5 based on 116 votes.
Jos Letschert: Double Dutch

Der Niederländer Jos Letschert präsentiert in der Galerie des Levantehauses an der Mönckebergstraße in Hamburg eine Auswahl seiner Bilder und Zeichnungen in der Ausstellung „Double Dutch“.
Der Titel umspielt unterschiedliche Assoziationen des doppelten Holländers. Double Dutch meint zum einen ein Kinderspiel mit zwei Springseilen, die von zwei Personen in Gegenrichtung zueinander bewegt werden und einer weiteren Person, die sich tänzerisch und rhythmisch dem vorgegebenen Takt der Seile springend unterordnen muss. Außerdem erklärt Jos Letschert augenzwinkernd, dass der Begriff für all jene verwendet wird, die wenig Sprachbegabung haben.

Primär gemeint sind jedoch seine zwei unterschiedlichen künstlerischen Auffassungen, die in der Ausstellung deutlich zu sehen sind. Da begegnet dem Betrachter einerseits die ungegenständliche Malerei, die sich zwischen abstrakter, architektonischer und amorpher Formgestalt bewegt und in der der Künstler auch die physikalischen Eigenschaften von unterschiedlichen Materialien thematisiert und anderseits einer Auswahl von Zeichnungen, die skurrile Portraits und Figuren darstellen. Die Zeichnungen bewegen sich zwischen Karikatur, Modezeichnung und expressiv-realistischen Charakterstudien.
Wie die berühmten zwei Seiten einer Medaille hat auch der Künstler zwei unterschiedliche und scheinbar eigenständige Haltungen.

Die Malerei lebt von Farbräumen, die Jos Letschert auf unterschiedliche Art und Weise und mit unterschiedlichen Mitteln auf die Leinwand bringt. Er selbst bezeichnet seine Arbeit als „Intuitiven Expressionismus“. Intuitiv deshalb, weil er seine Werke und den Bildaufbau nicht plant, sondern sich während des Arbeitsprozesses schrittweise erschließt. Besonders sichtbar wird das in den Schichtungen und Übermalungen, die Kombination von festen geometrischen Feldern, die man als Reminiszenz an die niederländische konkrete Kunst lesen könnte, gepaart mit amorphen Formen, die an die Werke der abstrakten Expressionisten, eines Mark Rothko oder Clifford Stills erinnern. In vielen Bildern findet man auf der Leinwand weitere Materialien wie Bambuspapier, Karton oder Kunststoff eingearbeitet, die er mit der Acrylfarbe und einem farbdichten Aufstrich regelrecht auf die Leinwand klebt. So wirken die Bilder – je nach Nähe des Auges des Betrachters sehr unterschiedlich in ihrer Konsistenz und ihrem Ausdruck. Der Künstler hat zumeist ein untrügliches intuitives Gespür für Form und Komposition, für Farbwirkung und Materialität. Allerdings darf der Künstler nicht zu routiniert und formalistisch werden, weil dann die Bilder Gefahr laufen ins Dekorative abzurutschen, was ihm durchaus hier und da in der Ausstellung unterläuft.

Besonders beeindruckend sind jene titellosen Bilder, bei denen der Künstler unterschiedliche physikalische Eigenschaften der Farbe aufeinander treffen lässt. Der Auftrag von wasserlöslicher Acrylfarbe auf einem ölhaltigen Untergrund, lässt die Farbe brechen. Es bilden sich Farbinseln, die wie aus der Vogelperspektive gemalt erscheinen – wie Kartographien und entrückte Landschaften. Aus der Entfernung sieht der Besucher eine Landschaft mit Horizontlinie und den Charakteristiken einer solchen, kommt man dichter an das Bild heran, verdreht sich regelrecht die Perspektive und man meint, von oben herab auf eine Landschaft zu blicken. Dieser perspektivische Bruch, diese Doppelwirkung funktioniert wie ein gekonnter Trick, das Gesehene zu hinterfragen und sich nicht darauf zu verlassen, was einmal erster Eindruck war.

Die Zeichnungen im Kabinettraum der Galerie sind von ganz anderem Kaliber. In großen, zusammenhängenden Blöcken präsentiert, ziehen sich gerahmte, aquarellierte Federzeichnungen an den Wänden entlang. Sie zeigen Portraits und Figuren, fragmentarisch, ironisch bis humorvoll überhöht und mit leichter, routinierter, teilweise unruhiger Feder gezeichnet. Im Weglassen von Elementen und dem gekonnten Setzen von Leerstellen wird die deskriptive, gezeichnete Situation noch stärker, weil der Betrachter sich selbst einbringen kann und die weißen Stellen auf den Blättern füllt. Einige Grafiken oszillieren zwischen Modezeichnungen der 1920er-Jahre, Skizzenblättern des Realisten George Grosz und etwas frechen, aber innovativen Überlegungen, was die Frau von Heute tragen könnte. Da hilft das humorvolle Wesen des Künstlers kräftig mit.


Jos Letschert (*1948) studierte Ende der 1970er Jahre an der Kunstakademie in Amersfoort Bildhauerei und Lehramt. Später arbeitete er als Projektleiter für Bildungsfragen und leitete viele Jahre die Forschungsabteilung des Nationalen Curriculuminstituts der Niederlande in Enschede. Parallel unterrichtete Letschert als Professor an der Universität Twente (Utrecht). Seit Mai 2010 ist er erimitiert und arbeitet ausschließlich als Maler und Zeichner in Bad Salzuflen bei Herford.

Ausstellung: Jos Letschert "Double Dutch", noch bis zum 20. November 2010.
Zu sehen in der Galerie im Levantehaus, Mönckebergstraße 7 (Obergeschoss), 20095 Hamburg.
Öffnungszeiten: Mo.-Fr. 12-19h, Sa. 12-18h

Bildnachweise: © Jos Letschert. Die Zeichnungen stammen aus der Publikation „Peters Diät“, Detmold, 2008.
Fotos: Beate Letschert.

 

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Bildende Kunst > Jos Letschert: Double Dutch

Mehr auf KulturPort.De

Elisabeth Weinek: „Was Sie sah“ – Andalusien, Marokko, Iran
 Elisabeth Weinek: „Was Sie sah“ – Andalusien, Marokko, Iran



Passend zur Festspielzeit werden in der Margarethenkapelle von St. Peter, eine der ältesten Kirchen Salzburgs, Fotografien gezeigt, die sich als „interkulture [ ... ]



Ilse Helbich: Kluge Chronistin des Alters – „Im Gehen“ gefundene Gedichte
 Ilse Helbich: Kluge Chronistin des Alters – „Im Gehen“ gefundene Gedichte



Auch heute noch geschehen beglückende Wunder: Mit 80 Jahren veröffentlichte die 1923 in Wien geborene Ilse Helbich ihren ersten Roman unter dem Titel „Schwal [ ... ]



Thierry van Werveke: Schauspieler, Rockstar, Troublemaker, Thierry National
 Thierry van Werveke: Schauspieler, Rockstar, Troublemaker, Thierry National



Thierry! – allein sein Vorname löst in Luxemburg schon entzücken aus und wird mit der Addition von „National“ zum Kult. In Deutschland und Österreich fr [ ... ]



„Foxtrot”. Samuel Moaz und das Konzept des Zufalls
 „Foxtrot”. Samuel Moaz und das Konzept des Zufalls



Samuel Moaz kreiert mit dem Antikriegsdrama „Foxtrot” einen atemberaubenden ästhetischen Kosmos: zornig, visuell kühn, emotional hochexplosiv, oft grausam, [ ... ]



Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte: „Der Vorname“
 Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte: „Der Vorname“



Das Stück brillant, die Schauspieler große Klasse, die Inszenierung rundum gelungen und der kleine Saal der Komödie Winterhuder Fährhaus restlos ausverkauft. [ ... ]



Vergessen und wiederentdeckt: „Ludwig Meidner – Im Nacken das Sternemeer“
 Vergessen und wiederentdeckt: „Ludwig Meidner – Im Nacken das Sternemeer“



Der Titel der Ausstellung „Im Nacken das Sternemeer“ verweist auf das Buch mit Texten von Ludwig Meidner, das 1918 in Leipzig erschien. Meidner (1884-1966),  [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.