Neue Kommentare

Martin Kostinak zu DFG-Schwerpunktprogramm „Das digitale Bild“: Förderzusage für neues Forschungsprojekt des Fachbereichs Kunstwissen­schaft & Medienphilosophie: Welche Förderzusage für das KIT ist hier gemein...
Miriam Fernandez zu Der öffentliche Raum und seine Nutzungen – Plätze in San Fernando del Valle de Catamarca, Argentinien: Agradezco infinitamente al Señor Stefan Diebitz ...
Peter Schmidt zu Jochen Schäfsmeier wird Intendant der Händel-Festspiele Göttingen: Herzlichen Glückwunsch an den einstigen Geschäf...
Ana María Breppe zu Der öffentliche Raum und seine Nutzungen – Plätze in San Fernando del Valle de Catamarca, Argentinien: The difference between the two cultures is very c...

Lange Nacht der Museen Hamburg

Hamburger Architektur Sommer 2019


Bildende Kunst

KP Brehmer – „Korrektur der Nationalfarben“

Drucken
(93 Bewertungen - Wie es Euch gefällt!)
Mittwoch, den 15. Mai 2019 um 08:40 Uhr
KP Brehmer – „Korrektur der Nationalfarben“ 4.2 out of 5 based on 93 votes.
KP Brehmer Korrektur der Nationalfarben

So berühmt wie seine Kollegen Sigmar Polke und Gerhard Richter ist er nie geworden. Vielleicht war er nicht ehrgeizig genug, vielleicht war er zu…. – ach, müßig darüber zu spekulieren. KP Brehmer (1938-1997) hätte es in jedem Fall verdient, das zeigt die Hamburger Kunsthalle in ihrer großartigen, mehr als 200 Werke umfassenden Retrospektive zum 80. Geburtstag des viel zu früh verstorbenen Künstlers und langjährigen Lehrers der Hamburger Hochschule für bildende Künste: „KP Brehmer – Korrektur der Nationalfarben“.

Der Stoff ist fast komplett goldgelb, ein schmaler Streifen Schwarz säumt den Rand, dazwischen ein verschwindend dünner Strich in Rot: Die Farbverteilung der Deutschlandfahne „gemessen an der Vermögensverteilung“ war genial und 1970 zweifellos eine Provokation. Mit ihr stieg KP Brehmer zum documenta-Künstler auf (die Flagge hing 1972 auf der documenta 5 vor dem Fridericianum) und wurde in Folge als Professor nach Hamburg berufen. Kein Künstler hatte jemals so einfach und plakativ die ungleichen Besitzverhältnisse in der Bundesrepublik vor Augen geführt: Den Löwenanteil verschlingt das Großkapital, der Mittelstand ist an den Rand gedrängt, die „Restlichen Haushalte“ sind kaum wahrnehmbar.

„Kunst ist immer eine Reflexion gesellschaftlicher Verhältnisse“, davon war der gebürtige Berliner Klaus Peter Brehmer, der sich ab 1967 nur noch KP Brehmer nannte, überzeugt. Auch wenn er mit der KPD nichts am Hut hatte, Gesellschaftskritik, Kapitalismuskritik war der künstlerische Impetus des gelernten Reproduktionstechnikers und studierten Grafikers. Insofern war das Kürzel durchaus eine bewusste Anlehnung an die damals verbotene Partei: KP Brehmer war - wie fast alle Künstler seiner Zeit – politisch links orientiert. Er war jedoch alles andere als ein verbissener Dogmatiker, vielmehr ein außerordentlich toleranter und humorvoller Mann, der als Professor am Lerchenfeld all jene Student*innen anzog, die als Außenseiter galten, weil sie ihren individuellen Weg gehen wollten. Dieser ganz eigene Humor spiegelt sich auch in seinen Werkgruppen, die heute noch von zum Teil erschreckender Aktualität sind.

Anfang der 1960er Jahre stellte KP Brehmer erstmals mit den Protagonisten des „Kapitalistischen Realismus“ in der Berliner Galerie von René Block aus und gehörte fortan (wie auch Wolf Vostell) wie selbstverständlich zum Umfeld der Gruppe. Noch während des Studiums an der Düsseldorfer Kunstakademie hatten Sigmar Polke, Gerhard Richter und Manfred Kuttner, alle drei DDR-Flüchtlinge, mit Konrad Lueg die neue Kunstrichtung gegründet. Als ironische Replik auf den „Sozialistischen Realismus“, aber auch als Statement gegen die etablierte abstrakte Kunst der Nachkriegszeit. Sie formten eine neue gegenständliche, poppig-provokante Bildsprache, die sich kritisch mit politischen Themen auseinandersetzte, die wenig später eine ganze Generation auf die Straße trieb: Rassismus, Sexismus, Imperialismus, Aufrüstung, Vietnamkrieg.

KP Brehmer nahm in dieser Gruppe eine Sonderstellung ein. Zum einen wollte er „die Dinge möglichst objektiv machen“ und versuchte sich selbst dabei „rauszuhalten“, da ihm das traditionelle Bild vom Originale-schaffenden Künstlergenius höchst suspekt war. Zum anderen wollte er möglichst viele Menschen mit seiner politischen Kunst erreichen und wusste als Grafiker wie das geht: Mit Reproduktion und Massenauflage. Die persönliche Zurücknahme aus der Kunst schaffte er mit der Produktion vermeintlich wissenschaftlicher Schautafeln: Von Analysen, Statistiken, Diagrammen und Landkarten, wie man sie aus Geografie- oder Geschichtsbüchern kennt, die an der Wand in Übergröße jedoch die Wahrnehmung heftig irritieren. Da KP Brehmer auf gedruckte Erzeugnisse (später auch auf musikalische Kompositionen) zurückgriff und mit neuer Bedeutung auflud, bezeichnete er sein Verfahren als „Ideologische Kleptomanie“, machte aber gleichzeitig klar, dass er den einzigen Fortschritt der Kunst darin sah, „die ganze Intensität vom Ich auf das Wir zu verlegen.“ In seinen frühen Arbeiten, den Briefmarkenserien und den „Aufstellern“, bzw. Klischeedrucken, bei denen er Pin-up-Girls und andere Zeitungsmotive collagierte, um damit die Ästhetik von Werbeaufstellern zu konterkarieren, löste er seinen Anspruch auch weitgehend ein. Auch die „Farbengeografien“, wie „Investment Climate“ in Südamerika (1971) oder die „Lokalisierung von Rotwerten“, die kommunistische Länder und von Kommunisten beherrschte Gebiete aufzeigen (1972/73), wirken auf den ersten Blick anonymisiert und bar jeder „subjektiven künstlerischen Handschrift“. Doch im Zusammenspiel von Wort und Bild kommt immer wieder sein verschmitzter, subversiver Witz zum Vorschein, der die Autorenschaft letztlich doch unverkennbar macht. Bestes Beispiel die Schautafel zur Schweineproduktion in der EG, den USA und der UDSSR (um 1976) mit dem Titel: „Der Westen hat die größten Schweine“.

KP Brehmer „Korrektur der Nationalfarben“

zu sehen bis 23. Juni 2019 in der Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall 5, Hamburg
Geöffnet: Di-So 10-18 Uhr.
Symposium „KP Brehmer: Ideologische Kleptomanie“ am 17. und 18 Mai.
Weitere Infos unter www.hamburger-kunsthalle.de
Die Ausstellung ist in Kooperation mit dem Neuen Museum Nürnberg, dem Gemeentemuseum Den Haag und dem Arter, Istanbul.


Abbildungsnachweis:
Header: Detail aus: KP Brehmer; Korrektur der Nationalfarben, gemessen an der Vermögensverteilung (Version I), 1970Fahne: Textilgewebe, Textilband, Metallringe, Stange, 414,5x202,5cm; Tafel: Lack auf Metall, 100x80cm. Hamburger Kunsthalle, Dauerleihgabe. KP Brehmer Sammlung und Nachlass, Berlin. © VG Bild-Kunst, Bonn 2019. Foto: Christoph Irrgang
Galerie:
01. KP Brehmer (1938–1997) Korrektur der Nationalfarben, 1970, Offsetdruck auf Papier, 28×20,7cm. Sammlung Block Berlin. © VG Bild-Kunst, Bonn 2019. Foto: Roman März
02.
Korrektur der Nationalfarben, gemessen an der Vermögensverteilung (Version I), 1970Fahne: Textilgewebe, Textilband, Metallringe, Stange, 414,5x202,5cm; Tafel: Lack auf Metall, 100x80cm. Hamburger Kunsthalle, Dauerleihgabe. KP Brehmer Sammlung und Nachlass, Berlin. © VG Bild-Kunst, Bonn 2019. Foto: Christoph Irrgang
03. Visualisierung politischer Tendenzen 1925/1932/1949/1969, 1970/71, Gouache auf Transparentpapier, bedruckte Folie, Filzstift, Bleistift, collagiert auf Millimeterpapier, 42×59,3cm. KP Brehmer Sammlung und Nachlass, Berlin. © VG Bild-Kunst, Bonn 2019. Foto: Roman März
04. Briefmarkenauswahl Sozialistische Staaten, Billiger, 1967/1991, Klebe-, Klarsichtfolie, Klischeedruck auf Kunstdruckpapier/Kunststoff, 120,5x200,5cm. Neues Museum Nürnberg, Leihgabe Sammlung Block Berlin. © VG Bild-Kunst, Bonn 2019. Foto: Annette Kradisch
05. Aufsteller 25, Das Gefühl zwischen Fingerkuppen, 1967, Siebdruck auf Papier, gefaltet, vier farbige Samentüten, 60×36×10cm. KP Brehmer Sammlung und Nachlass, Berlin. © VG Bild-Kunst, Bonn 2019. Foto: Roman März
06. Aufsteller 20, Eye Cream, 1966, Klischeedruck auf Pappe, gefaltet 123×105,5×37cm. KP Brehmer Sammlung und Nachlass, Berlin. © VG Bild-Kunst, Bonn 2019. Foto: Christoph Irrgang

Kommentar verfassen
(Ich bin damit einverstanden, dass mein Beitrag veröffentlicht wird. Mein Name und Text werden mit Datum/Uhrzeit für jeden lesbar. Mehr Infos: Datenschutz)

Ihr Name (erscheint mit ihrem Kommentar) *
Ihre Email (Nur für unseren Bestätigungslink)
Code (Hier eintragen)   
Meinen Kommentar abschicken
 
Home > Blog > Bildende Kunst > KP Brehmer – „Korrektur der Nationalfarbe...

Mehr auf KulturPort.De

„Midsommar”. Die sonnendurchfluteten Abgründe des Ari Aster
 „Midsommar”. Die sonnendurchfluteten Abgründe des Ari Aster



Mit ästhetischer Akribie inszeniert Ari Aster seinen Film „Midsommar” als makabres heidnisches Bacchanal mitten im digitalen Zeitalter. Der anspruchsvolle b [ ... ]



Das 14. Tallinn Design Festival – Future Materials
 Das 14. Tallinn Design Festival – Future Materials



Das 14. Tallinn Design Festival in der estnischen Hauptstadt widmet sich „Future Materials“ (Zukünftigen Materialien). Die Wahl des Themas – so sagt Festi [ ... ]



61. Nordische Filmtage Lübeck: Agenten, Spione und viel Wasser
 61. Nordische Filmtage Lübeck: Agenten, Spione und viel Wasser



„Für viele von uns sind die Nordischen Filmtage Lübeck immer wieder ein Riesenhighlight“, betonte Lübecks Kultursenatorin Kathrin Weiher beim ersten Press [ ... ]



Schöne Scheusale: Jean-Henri Fabre über Insekten
 Schöne Scheusale: Jean-Henri Fabre über Insekten



Wer liebt Insekten? Schmetterlinge mögen schön sein, Bienen nützlich, aber Mücken oder Wespen? Eigentlich sind wir doch froh, dass wir ihnen überhaupt nicht [ ... ]



International Mendelssohn Festival 2019
 International Mendelssohn Festival 2019



Vergleicht man die vielen musikalischen Festivals in Hamburg mit Blumensträußen, dann ist vor anderen, schon länger existierenden oder in den Anfangszeiten de [ ... ]



Ladies Night – mehr als zielsicheres Improvisieren
 Ladies Night – mehr als zielsicheres Improvisieren



Das Stück ist nicht ganz neu. Wer es noch nie sah, hat vermutlich immerhin schon mal davon gehört: eine Handvoll ziemlich erfolgloser, frustrierter Kerle, die  [ ... ]



Weitere aktuelle Magazin Artikel

Home     Blog     WebTV     Kolumne     NewsPort     Live

Diese Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Wenn Sie auf der Seite weitersurfen stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu. Mehr Infos.