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Hamburger Architektur Sommer 2019


Bildende Kunst

Till Nowak – On Other Planets

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Sonntag, den 28. Oktober 2018 um 12:32 Uhr
Till Nowak – On Other Planets 4.4 out of 5 based on 125 votes.
Till Nowak – On Other Planets

Der in Los Angeles lebende Medienkünstler Till Nowak zeigt in einer Ausstellung mit dem Titel „On Other Planets” im Kunstverein Grafschaft Bentheim bis Ende Dezember neueste Werke.
Nowak, der seit Jahren für US-amerikanische Hollywood-Filmfirmen arbeitet und für verschiedene Studios phantasievolle Film- und Science-Fiction-Welten entstehen lässt (z.B. „Black Panther“), zeigt in der Schau woher seine vielen außergewöhnlichen Inspirationen kommen: aus der Kunst.

Bei „On Other Planets“ geht es nicht um tatsächliche Orte, sondern um psychologische, metaphorische und ironische Orte mit Bezügen zu unserer bekannten Welt, unserem Leben und unserer Zivilisation. Der Ausstellungsraum wird zum „Welten-Raum“.
Nowak lotet in seinem Werk die Bedingungen von Zivilisationen aus, er integriert sehr geschickt in scheinbar gewöhnliche Situationen seine eigenen neuen „Augmented Realities“, die den Betrachter zunächst stutzen und dann auf persönliche Art und Weise reagieren lassen.
Der Künstler hat darüber hinaus ein intensives Interesse an Manipulation – teilweise subtil übertrieben. Damit verdeutlicht er präzise inhaltlich-kommunikative Fokussierungen, die immer für das Publikum nachvollziehbar bleiben, aber auch in übersteigerter Form phantasievoll sichtbar gemacht werden.
Oft liegen den Arbeiten konkrete Anlässe, Bilder und Situationen zugrunde, die neue Geschichten hervorbringen. Diese vollziehen sich auch jenseits dessen, was das jeweilige Bild oder Video zeigt und außerhalb des Sichtbaren und Gezeigten liegt. Wie ein roter Faden verbindet die Geschichte hinter der Geschichte die künstlerischen Aussagen – visuell und narrativ.

Den Hauptfokus der Ausstellung bildet die Premiere der neuen Werkreihe „Planets”, an denen Till Nowak in den eineinhalb Jahren vor der Ausstellung erarbeitet hat. Die „Planets” sind aufwändige, computergenerierte Darstellungen deren Fern- und Nahwirkung überaus unterschiedliche Inhalte zum Vorschein bringen. Nowak spielt dabei mit der extremen Detailauflösung digital erstellter Bilder, die ihre Bildinformation erst bei sehr naher Betrachtung vollständig preisgeben.

Die Einzelarbeit aus der Serie „Different Sides Of The Same Story“ beispielsweise zeigt aus der Ferne betrachtet einen gekippten, mystischen, vor dunklem Grund schwebender Tetraeder, wie einen kantigen Planet im Weltraum – bei naher Betrachtung zeigt sich jedoch, dass das Objekt aus unzähligen einzelnen Podesten besteht, auf denen sich jeweils eine einzelne Person befindet. Im Detail spielen sich in der „Bevölkerung“ unterschiedliche soziale Situationen ab: Während die entfärbten männlichen und weiblichen Figuren jeweils alleine auf ihrem eigenen Podest stehen schauen manche in die Ferne, während andere miteinander zu kommunizieren scheinen. Die scharfe und präzise Lichtsituation der Serie – mit von einer Einzellichtquelle zugewandter und abgekehrter Seite – fördert den Eindruck des Planten-haften.

In den neuen Werken sind kunsthistorische Bezugspunkte zu finden, die sich der Idee der Einzelskulptur, der ganz auf sich selbst zurückgeworfenen Figur widmen. Zwar nicht dreidimensional, doch als Vorstellung kommen einem die solitären Holzgestalten von Tilmann Riemenschneider bis Stefan Balkenhol in den Sinn. In der Gesamtheit des Bildes ergeben sich aber auch scheinbare kommunikative Zusammenhänge und so werden auch die Gruppenskulpturen von Auguste Rodin und vor allen die solitär interagierenden von Alberto Giacometti mitgedacht. Der Raum ist bei Till Nowak eine Frage der Dimensionserwartung. Wirken die schwebenden geometrischen Objekte riesig und im Weltenraum existierend, relativiert sich die Größe bei näherer Betrachtung durch die menschliche Proportionierung der einzelnen, im Bild befindlichen Figuren auf ein geringes Maß. Makro- und mikrokosmisch zugleich. Es sei ebenfalls erwähnt, dass die Bildsysteme Nowaks an die optischen Raumtäuschungen von M.C. Escher und HR Giger erinnern, und sich die Frage aufdrängt, ob es einen Anfang und ein Ende der planetarischen Knäuel gibt.

„Habitat“ ist die älteste Arbeit in dieser Ausstellung aus dem Jahr 2012. Sie ist auch deshalb in dieser Schau vertreten, weil sie zeigt, wie treu sich Till Nowak in seinen Bildthemen bleibt. Der Stadtplanet zeigt Architektur aus verschiedenen Jahrhunderten, eine steinerne Urbanität, die für den Künstler auch in der Aneinanderreihung und dem Nebeneinander wie selbstverständlich funktioniert. Das Motiv diente später in seinem preisgekrönten Kurzfilm „Dissonance“ als phantastische Erscheinung im Kopf des musikalischen Hauptdarstellers. „Habitat“ ist allerdings auch als Zivilisationskritik zu sehen, das suggeriert bereits u.a. die gebrochene Farbigkeit, das Grau-ocker des Planeten, die Aufteilung in eine Ober- und Unterstadt, die kühle Sterilität und fehlende Natur.

„Daedalus“ – das neueste und Format-größte Werk des Künstlers in dieser Ausstellung – zieht mit der Figur des fliegenden Vaters Daedalus, der seinen Sohn Ikarus verliert, weil der mit seinen Wachs-angeklebten Flügeln der Sonne zu nahe kommt und diese schmelzen, nicht nur einen roten Faden in die griechische Mythologie, sondern stellt auch eine Verbindung zum berühmten Bild aus dem Jahr 1555 von Pieter Breughel d.Ä. her „Landschaft mit dem Sturz des Ikarus“. Bei Nowak ist die Landschaft Lichtraum, es gibt kein Oben und Unten mehr, da das Bild variabel in der Hängung ist und sein gefallener, übermütiger Ikarus weicht – zumindest im Titel – der Erfahrung und Besonnenheit des Daedalus. Daedalus ist überdies keine Einzelfigur mehr – er ist vervielfältig, potenziert und in der Masse der Menschheit aufgegangen, der Sturz ist wie im Bild Breughels Nebensache, kaum wahrnehmbar. Das Leben geht ungeachtet weiter.

Die großen Drucke werden von Videowerken begleitet. Dazu gehört eine Arbeit aus dem Jahr 2017 die „Presence” heißt. In ihr vermengen sich Orte collageartig. Der Betrachter verliert fast die Orientierung, muss sich mehrfach mit jenen räumlichen Situationen auseinandersetzen, die für Nowak in seiner künstlerischen Laufbahn von Wichtigkeit waren: Hamburg, Los Angeles, Salzburg, Riga, Mainz etc.

„SUS“ ist ein mit Musik unterlegtes Video zum gleichnamigen Stück der norwegischen Ambient-Elektronik-Band „Pjusk”. Im Mittelpunkt steht die schneebedeckte Berg- und Fjordwelt Norwegens in einer manipulierten, traumartigen Version. Wir Betrachter werden Augenzeugen von etwas Mystischem, Unerklärlichen, aber von etwas Vorstellbarem, dass derlei Veränderungsprozesse in der Natur vorkommen können.
Die Oberfläche der Landschaft verflüssigt sich nämlich als ob sie einem chemisch-physikalischen Prozess unterzogen würde. Zudem wird bewusst mit der Verzerrung von Größenverhältnissen gespielt. Riesige schwarze Partikel, die an Asche erinnern, erscheinen plötzlich mikro- und makroskopisch, wodurch der Mensch als winziges Wesen in Bezug auf unsere Umwelt thematisiert wird – einer Idee der sich die norwegische Nationalromantik schon bediente. Die klare, fast klinische Bildsprache bedient sich Auffassungen aus Musik-Clip, Werbung und Tourismus.

Alle Videowerke von Nowak stellen die zentrale Frage: In welcher Welt will ich leben, und in welcher lebe ich vielleicht schon? Und: Wie subjektiv ist Realität und wie manipulativ sind unsere Wahrnehmungen?

„MYRINX“ ist ein Werk, dass in direktem Zusammenhang mit der Hamburger Elbphilharmonie steht. Die Auftragsarbeit wurde an der dortigen riesigen Medienwand im vergangenen Jahr erstmals vorgeführt. Nowak ging – entgegen aller damals geführten Diskussion, wie gut und perfekt uns die Konzertsäle mit Klang, Ton und Geräuschen versorgen – in Umkehrung der Frage nach, was würde die Elbphilharmonie von seinen Besuchern, Mitarbeitern und dem Umfeld hören. Er machte Tonaufnahmen von der Rolltreppe, vom knarrenden Bühnenboden, von Schiffschrauben in der Elbe, von der Kaffeemaschine im Aufenthaltsraum, vom pfeifenden Wind um das Gebäude herum etc. Diese Tonsignale setze er in einem sehr aufwendigen Verfahren in Bildsignale um und entstand das Bild einer metallenen Landschaft wie aus der Vogelperspektive zu sehen, die sich permanent verändert. „Myrinx“ ist übrigens der medizinische Terminus für „Trommelfell“.

Wie anfangs erwähnt ist es kein Zufall, dass im Werk von Till Nowak auch musikalische, architektonische und filmische Assoziationen geweckt werden und mit seinen Kurzfilmen „The Centrifuge Brain Project“ und dem bereits erwähnten „Dissonance“ weltweit auf Filmfestivals präsent ist und mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde. Beide Kurzfilme sind zu besonderen Zeiten auf einem Flachbildschirm zu sehen.
Damit ist dafür gesorgt, dass sich nicht nur Kunstliebhaber unter den Fans von Nowak befinden, sondern auch Interessente aus anderen Genres. An jenen Schnittpunkten im Werk des Künstlers treffen und verbinden sich die unterschiedlichen Kulturfelder auffällig und bilden einen ganzheitlichen, teilweise sogar grenzenlosen Denkansatz.

Till Nowak: „On Other Planets”

Zu sehen bis 30. Dezember 201 im Kunstverein Grafschaft Bentheim, Hauptstraße 37, 49828 Neuenhaus
Öffnungszeiten: Mi–Sa: 15–18 Uhr. So: 11–18 Uhr
sowie nach Vereinbarung
Weitere Informationen

Homepage Till Nowak

Links zu KulturPort.De-Beiträgen zu Till Nowak
- MYRINX – ein Kunstwerk von Till Nowak für die Elbphilharmonie
- PASSAGE – Eine Farblichtbeförderungsanlage von Till Nowak


Abbildungsnachweis:
Header: Blick in die Ausstellung; „Planets-Serie“, 2018. Foto: Claus Friede
Galerie:
01. Different Side Of The Same Story, 2018, Digitaldruck auf Alu-Dibond, 145x145cm
02. Different Side Of The Same Story, 2018, Digitaldruck auf Alu-Dibond, 145x145cm (Detail)
03. Irrelative, 2018, Digitaldruck auf Alu-Dibond, 145x145cm
04. Daedalus, 2018, Digitaldruck auf Alu-Dibond, 145x195cm
05. Blick in die Ausstellung: „Habitat“, 2012; im Hintergrund „“, 2018. Foto: Claus Friede
06. All The Way To The Edge, 2018, Digitaldruck auf Alu-Dibond, 145x145cm
07. Habitat, 2012, Digitaldruck auf Kunststoff, 100x100cm
08. Presence (Videostill), 2017
09. SUS (Videostill), 2015
10. Myrinx (Videostill), 2017
11. Blick in die Ausstellung. Foto: Claus Friede

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