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Bildende Kunst

Balthus – eine Ausstellung des umstrittenen Malers in Basel

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Montag, den 08. Oktober 2018 um 07:10 Uhr
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Balthus – Riehen

Die Augen sind geschlossen, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, das linke Bein auf die Stuhlkante gestellt. Der rote Rock ist nach oben gerutscht und gibt den Blick frei auf die weiße Unterhose. In dieser Pose hat Balthus 1938 die vierzehnjährige Théresè Blanchard portraitiert. Ein Skandal, der seinen Ruf als Maler erotischer Mädchenbilder festigte.
Die Ausstellung in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel präsentiert bis zum 1. Januar 2019 rund fünfzig zentrale Gemälde dieses exzentrischen Künstlers aus sämtlichen Schaffensphasen, welche die teilweise provokante Inszenierung seiner Bilder hinterfragen und die Ironie und Abgründigkeit seiner Kunst beleuchten.

War er wirklich der malende Pädophile kleiner Mädchen wie es in der Kunstgeschichte und der Presse häufig behauptet wird? Oder war er einer der großen Maler des 20. Jahrhunderts?

Balthus, der eigentlich Balthasar Klossowski de Rola hieß, spaltete seine Anhänger. Als er im Alter von 93 Jahren 2001 in seinem Chalet in Rossinière im Schweizer Kanton Waadt starb, hinterließ er neben seinem malerischen Œuvre von über dreihundert Gemälden, auch Zeichnungen und anzügliche Polaroids von jungen Mädchen. Der Grund: Er konnte aufgrund seines Alters nicht mehr malen, und griff deshalb zur Kamera.

In seinen vielschichtigen und facettenreichen Bildwerken verbindet er Traum und Wirklichkeit, mit Erotik, Sachlichkeit und Mysterium sowie Unschuld und Perversität zu einem einzigartigen Malstil. Doch das ist nicht der ganze Balthus gewesen: Er malte Stadtansichten und Landschaften sowie großartige Portraits. Nicht abstrakt, sondern gegenständlich. Er war kein Abstrakter. Er war kein Surrealist. Im Paris der zwanziger Jahre schwamm er gegen den Strom, widersetzte sich der modernen Avantgarde mit ihren arrivierten Malstilen, und malte in der Tradition der Alten Meister, welche er während seiner Aufenthalte in Italien, Spanien und im Pariser Louvre kopiert und studiert hatte. Mit akribischer Genauigkeit recherchierte er die Maler des Cinquecento, wie Piero della Francesca, die er adaptierte und in einem modernen Kontext anklingen ließ.

„In Balthus‘ Atelier wird man gewahr, daß sich seine äußere Erscheinung als lebenswürdiger Dandy und kosmopolitischer Mann von Geist einen starken Willen verbirgt und einen zutiefst originellen Geist“, schrieb 1952 der englische Kritiker und Journalist Cyril Connolly. Dieser Dandy und Kosmopolit wurde 1908 als Sohn eines deutsch-polnischen Kunsthistorikers und einer deutsch-jüdischen Künstlerin geboren und wuchs von klein an in einem von Kunst und Kultur geprägten Umfeld auf. In seinem Selbstportrait „Balthus, Le Rois de Chats“ von 1935 sieht sich der Künstler als exzentrischer und versnobter Dandy. Elegant gekleidet im modischen outfit, ein süffisantes Lächeln auf dem Gesicht, portraitiert er sich mit einer Katze, die sich an sein überlanges Bein schmiegt. Sind doch Katzen ein Lieblingsmotiv des Malers gewesen und galten als sein alter ego. Die liegende Peitsche auf dem Hocker erinnert an eine Raubtierdressur. Wer wird hier dressiert?

Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs übersiedelten Balthus, seine Mutter und der Bruder von Paris in die Schweiz, wo die Mutter, die sich jetzt Baladine nannte, den Schriftsteller Rainer-Maria Rilke traf und dessen Geliebte wurde. Rilke war es auch, der das Talent des Jungen erkannte und förderte. Er schrieb das Vorwort, zu dem 1921 als Buch erschienenen Bildband über das Leben vom Kater Mitsou.

Nach Kriegsende zog die Familie zurück nach Paris. Er war 26 Jahre alt, als 1934 in der Galerie Pierre seine erste Einzelausstellung stattfand, in der unter anderem die Werke „La Rue“, „La Toilette de Cathy“ und „La Leçon de guitare“ präsentiert wurden. Die Gemälde, vor allem die erotischen Darstellungen von Kindern, die Balthus in verführerischen Posen malte, lösten einen Skandal aus, machten den Künstler aber bekannt. Die Bilder selbst provozierten, galten als pornographisch. Der Maler wurde als Pädophiler beschimpft. Vor allen Dingen war „La toilette de Cathy“ der Stein des Anstoßes: Das Gemälde zeigt ein halbnacktes junges Mädchen im offenen Morgenrock und eine ihr das Haar kämmende Zofe; daneben sitzt auf einem Stuhl, mit abgewandtem Gesicht ein junger Mann. Der junge Mann trägt die Züge von Balthus, das Mädchen erinnert an Balthus' erste Ehefrau Antoinette de Watteville Obersten aus Bern und die Dienerin an die Schriftstellerin Ellen Dean, genannt Nelly.
1962 lernte Balthus auf einer Reise nach Japan Setsuko Ideta kennen, die er fünf Jahre später heiraten sollte. Ab 1977 wählte die Familie ihren Wohnsitz in einem Chalet in Rossinière in der Schweiz. Hier malte und arbeitete er bis zu seinem Tod. Er war der Lieblingsmaler der Schickeria, der Reichen und Schönen, die seine Bilder erstanden wie etwa Tony Curtis und Mick Jagger.

Balthus‘ erotisch aufgeladene Bilder irritieren und faszinieren den Betrachter noch heute. Sie bereiten Unbehagen, strahlen eine rätselhafte Sexualität aus, wie sie nur der Phantasie entspringen kann. Bis zum heutigen Tag wird der Künstler mit seinen Darstellungen junger Mädchen assoziiert, die Diskussionen über die künstlerische und darstellerische Nacktheit auslösen. Wo ist die Schamgrenze? So sorgte im November 2017 Balthus’ bedeutendes Gemälde „Thérèse rêvant“ im Metropolitan Museum of Art in New York für einen öffentlichen Skandal. In einer Online-Petition wurde aufgrund der verdeckten sexuellen Anspielungen die Abhängung des Bildes gefordert. Obwohl die Petition erfolgreich war, ließ das Metropolitan Museum das umstrittene Werk hängen. Fazit war: das Bild erlangte Symbolstatus und sorgte für eine wieder entfachte Kulturdebatte. Und das, obwohl Nacktheit in der Kunst schon seit der Antike durch alle Kunstepochen vertreten ist. Man denke an die „Venus von Urbino“ von Tizian oder Eduard Manets „Olympia“. Trotz dieser kontroversen Diskussion ist das Gemälde nun in der Ausstellung im schweizerischen Riehen zu bestaunen.
Es ist gerade die Vielschichtigkeit von Balthus’ künstlerischem Werk, die einen wichtigen Beitrag zur freien Ausdrucksform der Kunst leistet und die Phantasie des Betrachters zum Nachdenken und zu Fragen anregt, aber auch zu bösen Gedanken und seelischen Abgründen.

„Balthus zählt zu den großen Meistern der Kunst des 20. Jahrhunderts“, behaupten die Kuratoren der Fondation Beyeler. Aber ein Pädophiler? Vielleicht waren viele Bildmotive nur Public Relation, um in der Kunstszene für Skandale zu sorgen und Geld zu verdienen. Fragen, die jeder Besucher für sich selbst beantworten sollte. „Die Malerei ist eine Sprache für sich allein. Sie ist diejenige, die ich gebrauche, und sie ist unübersetzbar“, sagt Balthus.

„Balthus“

Die Ausstellung ist bis zum 1. Januar 2019 in der Fondation Beyeler, Baselstrasse 101, CH-4125 Riehen/Basel zu besuchen.
Die Öffnungszeiten sind Montag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr und am Mittwoch von 10 bis 20 Uhr.
Ein Katalog ist erschienen.
Weitere Informationen



Abbildungsnachweis: Alle © Balthus
Header: Balthus, La Partie de cartes, 1948-50, Öl auf Leinwand, 139,7x193,7cm. Museo Nacional Thyssen-Bornemisza, Madrid
Galerie:
01. Balthus, Thérèse, 1938, Öl auf Karton auf Holz, 100,3x81,3cm. The Metropolitan Museum of Art, New York, Vermächtnis Mr. und Mrs. Allan D. Emil, zu Ehren von William S. Lieberman, 1987. Foto: The Metropolitan Museum of Art/Art Resource/Scala, Florenz
02. Balthus, Passage du Commerce-Saint-André, 1952-54, Öl auf Leinwand, 294x330cm. Privatsammlung. Foto: Mark Niedermann
03. Balthus, Les Enfants Blanchard, 1937, Öl auf Leinwand, 125x130cm., Musée national Picasso-Paris, Schenkung der Erben Picassos, 1973/78. Foto: RMN-Grand Palais (Musée national Picasso-Paris) / Mathieu Rabeau
04. Balthus, Le Chat au miroir III, 1989-94, Öl auf Leinwand, 220x195cm. Privatsammlung, Asien
05. Le Cerisier, 1940, Öl auf Holz, 92x72,9cm. Roman Family London
06. Balthus, Kopf eines  jungen Mannes, 1947, Öl auf Leinwand. Fondacion Juan Miro, Barcelona. Schenkung von Pierre Matisse. Foto: Claus Friede
07. Balthus, 1948. Foto: Irving Penn. © The Irving Penn Foundation

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