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Hamburger Architektur Sommer 2015


Bildende Kunst

Thomas Gainsborough – die moderne Landschaft

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Freitag, den 06. April 2018 um 08:37 Uhr
Thomas Gainsborough – die moderne Landschaft 4.1 out of 5 based on 88 votes.
Thomas Gainsborough – die moderne Landschaft

Die Hamburger Kunsthalle zeigt die erste Ausstellung des englischen Malers Thomas Gainsborough (1727-1788) in Deutschland – nicht etwa seine berühmten Porträts, sondern Landschaften.
„Thomas Gainsborough gilt als einer der wichtigsten Porträtmaler des 18. Jahrhunderts. Als Landschaftsmaler ist er außerhalb Großbritanniens weit weniger bekannt“, schreibt Direktor Christoph Martin Vogtherr über „Thomas Gainsborough – die moderne Landschaft“, der ersten großen, von ihm selbst kuratierten Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle.

Warum das so ist, führt diese opulent inszenierte Schau im Sockelgeschoss der Galerie der Gegenwart anschaulich vor Augen. So essenziell die Natur für den englischen „Meister der Empfindsamkeit“ auch sein mochte, so innovativ er in seinen Experimenten mit neuen Malmitteln und von Kerzenlicht illuminierten, transparenten Darstellungen auch war – im Vergleich mit niederländischen, italienischen oder französischen Zeitgenossen kann man die Landschaften des in Großbritannien so populären Malers kaum als „spektakuläre Entdeckung“ bezeichnen. Gainsborough war wohl der erste englische Künstler, der die harte soziale Realität und den gesellschaftlichen Umbruch im England des 18. Jahrhunderts spiegelte. Er mag auch durchaus als Webbereiter der modernen Landschaftsmalerei um 1800 gelten. Das aber liegt vor allem am provinziellen Niveau der englischen Malerei ab Mitte des 17. Jahrhunderts.

Mit Thomas Gainsborough gelang ihr ein Neuanfang und damit endlich der Anschluss an den Stand der bildenden Kunst auf dem europäischen Festland. Vor allem die Niederländer, Künstler wie Jacob van Ruisdael, Jan Wijnants, Nicolaes Molenaer oder Meindert Hobbema, hatten sich schon ein Jahrhundert zuvor von der Landschaft als Träger historischer und mythologischer Motive verabschiedet und feine, stimmungsvolle Naturstücke für das erstarkte Bürgertum geschaffen. Bei aller Hochachtung vor Gainsboroughs Malerei – an die Meisterschaft seiner geschätzten Vorbilder kam der Engländer in der Landschaftsmalerei kaum heran. Seine Gemälde in diesem Genre haben oftmals einen lieblichen, fast süßlichen Zug und eine theatrale Dramatik, die in die Gefälligkeit abgleiten.
Dabei fällt auf, dass Gainsboroughs Landschaften, bis auf wenige Ausnahmen, besiedelt sind. Nicht mit den vornehmen Mitgliedern der feinen englischen Gesellschaft, wie sie der Mitbegründer der Royal Academy of Arts ungezählte Male porträtiert hat und die seinen internationalen Ruhm begründeten. Nein, hier sind es die einfachen Menschen, die er in Szene setzt. Oft so winzig klein inmitten von Wäldern, Hügeln und Tälern, so angepasst im Colorit der Grau-Braun- und Grüntöne, dass man sie auf den ersten Blick kaum ausmachen kann. Ob in „Landschaft mit einem Hirten“ (um 1746), in „Holywells Park“ (um 1748), am „Lagerfeuer“ (um 1778), oder in der „Waldlandschaft mit Hütte am See“ (1782) – seine Bauern, Zigeuner, Jäger und Viehhirten scheinen geradezu mit der Natur zu verschmelzen. Als zentrales Sujet, unterwegs mit Kind und Kegel auf ärmlichen Fuhrwerken werden sie aber auch zum Bedeutungsträger für Landflucht und die prekäre Lage der englischen Bevölkerung zu Beginn der industriellen Revolution. Die Ausstellung in der Kunsthalle rückt diesen Aspekt in den Fokus und lehrt dabei, den Blick hinter die vordergründige Idylle zu lenken.

Ob Gainsborough das allerdings beabsichtigte, ist mehr als fraglich. In einem Brief an einen Freund schreibt er über seinen „Ort emotionaler Selbstvergewisserung“ (Vogtherr): „Ich habe Porträts satt und wünsche mir sehr, meine Viola da Gamba zu nehmen und fortzuwandern in liebliche Dörfer, wo ich Landschaften malen und den Rest meines Lebens still und unbeschwert genießen könnte.“ Das war seine Sehnsucht, doch leben konnte der Maler von diesem Genre. Die Landschaft blieb weitgehend seine private Leidenschaft. Zu Ehre und Wohlstand kam der 1727 in Suffolk geborene Sohn eines Textilhändlers vielmehr im Nobelkurort Bath – wo die englische High Society neben den Thermalbädern Zeit hatte, sich malen zu lassen. Dabei waren übrigens die gesellschaftlichen Verbindungen seiner Ehefrau Margaret Burr, einer unehelichen Tochter des Herzogs von Beaufort, außerordentlich nützlich.
So ist wohl auch kein Zufall, dass die Plakatwände nicht etwa ein Landschaftsgemälde mit anonymem Personal aus sozial schwacher Schicht ziert, sondern ein Gemälde, das als „Ikone“ der englischen Malerei gilt: Es zeigt „Robert und Frances Andrews“ (um 1750), ein wohlhabendes Paar der Upperclass, das sich hier inmitten seines Großgrundbesitz in Szene setzt. Die Lady im himmelblau-gebauschtem Kleid auf einer zierlichen Rokokobank; ihr Gatte lässig an die Bank gelehnt, die Flinte unterm Arm und den Hund zu Füßen. Die Natur ist hier Attribut des Wohlstands, eine blühende Nutzlandschaft, bewirtschaftet und ertragreich. Für damalige Zeiten zweifellos eine unerhört „moderne Landschaft“.

Thomas Gainsborough – die moderne Landschaft

Zu sehen bis 27. Mai 2018 in der Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall 5, 2009 Hamburg
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10-18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr
Eintritt 14 Euro, ermäßigt 8 Euro. Bis 18 Jahre frei.
Kontakt: Tel. (040) 4281 31200.
Ausstellungskatalog:
Hardcover, 224 Seiten mit 220 Abbildungen
29,00 € im Museumsshop
45,00 € im Onlineshop

Weitere Informationen: www.hamburger-kunsthalle.de

YouTube-Video:
- Thomas Gainsborough – die moderne Landschaft
-
Thomas Gainsborough
- Thomas Gainsborough: A collection of 500 paintings


Abbildungsnachweis:
Header: Thomas Gainsborough (1727-1788): Robert und Frances Andrews (Mr. und Mrs. Andrews), um 1750, Öl auf Leinwand, 69,8x119,4cm. London, The National Gallery. © The National Gallery, London
Galerie:
01. Holywells Park, um 1748-1750, Öl auf Leinwand, 50,8x66cm. Ipswich Museum and Gallery. © Ipswich Museum and Gallery
02. Waldlandschaft mit Rindern an einem Teich (»Die Tränke«), vor 1777, Öl auf Leinwand, 147,3x180,3cm. London, The National Gallery. © The National Gallery, London
03. Waldlandschaft mit Wagen (»Der Erntewagen«), um 1766, Öl auf Leinwand, 120,7x144,8cm. Birmingham, The Barber Institute of Fine Arts. © The Barber Institute of Fine Arts, Birmingham
04. Küstenlandschaft mit Segelschiffen, um 1783, Öl auf Glas, 27,9x33,7cm. London, Victoria and Albert Museum. © Victoria and Albert Museum, London
05. Landschaft mit Rindern und Pferd, um 1785, Schwarze, braune, rote und weiße Kreide auf Papier, 15,2x24,8cm. Sudbury, Gainsborough’s House. © Gainsborough’s House, Sudbury
06. Landschaft mit Boot, um 1775-1780 , Weichgrundradierung und Aquatinta, Pinsel in weiß, Blattmaß 25,7x32,1cm. Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett. © bpk / Kupferstichkabinett, SMB / Dietmar Katz
07. Waldlandschaft mit Hirten und Rindern, um 1780-1785, Aquatinta, Pinsel in schwarz, weiße und schwarze Kreide, Blattmaß 25,5x32,4cm. Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett. © bpk / Kupferstichkabinett, SMB / Dietmar Katz
08. Amelia Charlotte, Frances, Harriot und Charles Marsham (Die Marsham-Kinder), 1787, Öl auf Leinwand, 242,9x181,9cm. Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie . © bpk / Gemäldegalerie, SMB / Jörg P. Anders

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avatar Helmuth Barth
+5
 
 
Vorausschicken möchte ich, dass ich neben Bildern der Engländer Turner,
Reynolds und Constable die Porträts von Gainsborough besonders schätze und es begrüßt habe, dass dieser Maler nun auch in Hamburg zu sehen ist.
Aber seine Landschaften, die halten den Vergleich mit den Holländern nun
wirklich nicht stand. Und hier wollte ich den Mut von Isabelle Hofmann loben, dies in ihrem Artikel ausgedrückt zu haben. Meines Wissens ist sie die Einzige, die bislang kritische Worte gefunden hat, und dies völlig zu Recht. Wären
nicht die Paradeporträts "Die Marsham-Kinder" sowie "Mr. und Mrs. Andrews" zu sehen, wäre die Ausstellung nur Mittelmaß.

Nichtsdestoweniger ist aber der Gainsborough-Ausstellung ein Besuchererfolg zu wünschen.

Schöne Grüße
Helmuth Barth
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